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Zuletzt aktualisiert am: 21.08.08 |
Europ Alpen A AL AND B BG BIH BY CH CY CZ D DK E EST F FIN FL GB GR H HR I IRL IS L LT LV M MC MD MK N NL P PL RO RSM RUS S SK SLO TR UKR V YU
W a n d e r b e r i c h t e - A l p e n
Inhaltsverzeichnis: • Homepage mit Berichten über Wanderungen in den Alpen Von Sigrid Mitterer • Zu Fuß von Wien nach Nizza Von Alwin Müller • Eine Alpenüberquerung auf „Via Alpina“ Von Hans Diem • Via Alpina - Blauer Weg Von Hans Diem • Zu Fuß und mit Zelt zwei Mal quer über die Alpen Von Hans Diem • Eine Alpenüberquerung in 38 Tagen zu Fuß und mit dem Von Hans Diem
Private Homepage mit Berichten über Wanderungen und Weitwanderungen in den Alpen von Sigrid Mitterer: http://www.sigisart.de
Zu Fuß von Wien nach Nizza - non stop
Vom Stephansdom in Wien bis zur Kirche Notre Dame in Nizza - alles per pedes, obwohl -ch dutzende Male die Gelegenheit hatte, ein Stück mit dem Auto mitgenommen zu werden. Die Kilometer kann ich nur schätzen: ca 2.000. Die Meter Höhendifferenz habe ich gemessen: fast exakt 100.000. 76 Wandertage waren es, 4 Ruhetage, 1 Zwangsruhetag, weil ein Paß von 2.500 Metern Höhe bei Regen und dichten Wolken zu gefährlich ist. Es war die Tour der Kontraste: Hier einsame Höhen, bei denen mir oft den ganzen Tag kein Mensch begegnet ist, da hektische Städte mit Trubel und Lärm. Herrliche Wanderwege wechselten mit häßlichem Asphalt. Wiesen und Wegesränder voller Blumen wie Arnika, Knabenkraut, Alpenrosen, Türkenbund und tausend anderen wechselten mit kargen, trostlosen Gesteinswüsten. Hier konnte ich die liebliche Fauna, mit Gämsen, Murmeltieren, Insekten und vielen anderen, beobachten und belauschen, da war ich dem gefährlichen Straßenverkehr mit seinen Abgasen ausgesetzt. Hier bequeme, ebene Wege, da gefahrvolle hochalpine Steige. Unwetter wechselten mit herrlichem Sonnenschein. Geschwitzt habe ich bei 37° und im Bivacco auf 2.360 m Höhe gefroren. Die Palette der Übernachtungen reichte vom Biwak im Freien über Hütten, Etappenunterkünfte und Pensionen bis zum 4-Sterne-Hotel. Die spartanisch einfache Übernachtung im Biwak in einsamer Höhe und unglaublicher Stille ist der absolute Kontrast zum komfortablen Hotelbett inmitten der lärmenden Stadt. 4½
Stunden Asphalt vom Stephansdom bis Perchtoldsdorf verursachten gleich zu Beginn
Blasen, die mich lange quälten. Besonders die Blase unter der Hornhaut der
linken Ferse. Aber Dank Compeed-Pflaster konnte ich weitergehen und alles
verheilte. Ich glaubte schon, nun blasenresistent zu sein. Doch bei 30° Hitze
und viel Asphalttreten im Valtellina wiederholte sich dasselbe Drama. Alleine ging ich und - um Gewicht zu sparen - ohne Handy - natürlich ein Risiko. Angst war oft mein Begleiter. Angst vorm Gewitter; 3 Unwetter bzw. deren Folgen habe ich erlebt. Angst vor einem Unfall. Es darf einfach nichts passieren, redete ich mir ein, besonders wenn ich mich verlaufen hatte. Da findet mich lange Zeit kein Mensch, war mir klar. Dennoch bin ich gestolpert, umgeknickt, ausgerutscht, hingefallen, auf Wegen, die manchmal keine waren. Einmal schlug ich mit dem linken Oberschenkelhals auf. Das war die kritischste Situation. Aber, Gott sei Dank, außer einer Prellung war nichts passiert. Trotz Kniebeschwerden aufgrund meiner Arthrose, vor allem in den letzten Wochen, mußte ich weitergehen. Streck- und Lockerungsübungen mit den Beinen standen daher mehrfach täglich auf dem Programm. 2 Zehen des rechten Fußes wurden schon nach wenigen Wochen pelzig - und blieben es noch bis lange nach Ende der Tour. Manchmal brannten mir in der Hitze regelrecht die Fußsohlen. Rückenbeschwerden und Durchblutungsstörungen in den Armen und Händen durchs Rucksacktragen waren mein ständiger Begleiter. Es
war eine Strapaze. Im Schnitt knapp 8 Stunden pro Tag reine Gehzeit und rd.
1.300 Meter Höhendifferenz sagt meine Statistik aus. Aber hinzu kommt, daß ich
schnell gehen mußte, um mein Ziel Nizza zu
erreichen. Die Zeit war knapp. Schon
Ende August beginnt in Piemont der Herbst mit Nebel, bei dem man sich auf den
Hochalmen sehr leicht verirren kann. Da ich oft mit Gewitter am Nachmittag
rechnen mußte, war ich fast ständig in Eile. Das Mittagessen fiel meistens
aus. Oft habe ich nur im Gehen etwas aus dem Rucksack geknabbert. Aber da ich,
besonders in den letzten Wochen, einen unglaublichen Appetit bekam, mußte
abends alles nachgeholt werden. Einmal aß ich allein als Nachtisch 4 Stücke
Torte. Das liegt schwer im Magen. Das Gegenmittel war Rotwein. Der floß,
manchmal bis zu einem Liter. Und am nächsten Morgen weiter.... Auch das muß ich ansprechen: Die „Rotweintherapie“ ist nicht unbedingt nachahmenswert. Mein Alkoholkonsum hatte eine Abhängigkeit erzeugt, von der wieder loszukommen, ich einige Zeit brauchte. Außerdem hat der Alkohol die Kniebeschwerden ja nur verstärkt. Aber ich fand kein besseres Rezept. Nicht zu unterschätzen war die psychische Belastung, auch hier wieder besonders in den letzten Wochen. Da hatte ich nur noch ein Ziel: so schnell wie möglich nach Nizza und damit nach Hause zu kommen. Die Zeit war einfach zu lang geworden. Aber zu meinem fast ständigen Alleinsein beim Wandern kam in Piemont hinzu, daß ich mich bei meinen geringen Italienischkenntnissen auch abends kaum unterhalten konnte, da es nur wenige deutsche Touristen gibt. Anfangs war ich zweimal erkältet. Man muß bedenken, daß meine Kleidung oft den ganzen Tag klitschnaß geschwitzt war und ich vor allem in größeren Höhen in kaltem Wind gefroren habe. Aber diese Erkältungen hatte ich leicht überwunden. Und später - keinerlei Probleme mehr! Oft freute ich mich den ganzen Tag lang auf ein kühles Bier nach Erreichen der Unterkunft. Wenn ich zurückdenke, daß ich manchmal, weil der Durst so groß war, mir als erstes in den nassen Klamotten in der oft recht kühlen Bar ein oder zwei Bier genehmigte ohne eine Spur von Erkältung, dann kann ich nur sagen, wie sehr die tägliche Bewegung in der frischen Bergluft abhärtet. Gewicht
sparen war ein wichtiges Gebot. Daher hatte ich alles abgewogen. Selbst am
Brillenetui hatte ich durch den Kauf eines leichteren Gewicht gespart. Die
Wanderkarten hatte ich ausgeschnitten. So kam mein Rucksack ohne Essen und
Trinken auf knapp 10 kg, wobei allein die Apotheke fast ein halbes Kilogramm
wog. An Ersatzwäsche (Unterwäsche, Oberhemd, Socken) hatte ich nur 2 Paar
dabei. Da mußte ich natürlich auch des öfteren waschen. Auch am Körper habe
ich im Laufe der Zeit an Gewicht gespart. 64 kg wog ich bei meiner Rückkehr -
10 kg leichter als zu Beginn. Auch Kritik muß geübt werden dürfen: Über schlechte und auch völlig fehlende Markierung ärgerte ich mich öfters, besonders auf Wegen, die wenig begangen werden. Hütten, die eigentlich keine sind, sondern Ausflugslokale: Die halbe Nacht Dirndlball in der Hütte auf dem Hohen Lindkogel (Wiener Wald) mit Live-Musik. Kaum ein Platz frei in der Dr.-J.-Mehrl-Hütte (Stangalpe), weil für Busausflügler gedeckt war. Gepfefferte Preise und Übernachtung nur mit Frühstück möglich im Rifugio Passo Valparola. Mittags Rucksack draußen lassen im Rifugio Val di Fumo, sicherlich damit der Restaurantcharakter nicht gestört wird. 4 Euro für eine Dusche im Rifugio Lisson, zwar ohne Zeitbegrenzung, aber dennoch: nein, danke. Usw., usw. Im folgenden möchte ich den Routenverlauf skizzieren und einige Erlebnisse kurz schildern: In Wien regnete es in Strömen. Gleich zu Beginn meiner Wanderung ein Ruhetag? Das wäre ein schlechtes Omen gewesen. Also blieb mir nichts anderes übrig als zu starten. Allein die tägliche Frage, wo ich heute unterkomme, barg ein gewisses Abenteuer. Schon am ersten Tag, als ich im strömenden Regen in Hinterbrühl ankam, mußte ich nach über einem Kilometer Umweg zu einem Gasthof die bittere Erfahrung machen, daß (triefnasse) Wanderer nicht überall willkommen sind. Biwakieren bei diesem Wetter? Dazu hatte ich wirklich keine Lust. Also blieb mir keine andere Alternative, als mit dem 4-Sterne-Hotel Beethoven vorlieb zu nehmen. - Die Seegrotte bei Vorderbrühl, der größte unterirdische See Europas, der durch Wassereinbruch in ein Gipsbergwerk entstand, ist einen Besuch wert. Der Husarentempel in den Föhrenbergen erinnert an die Schlacht bei Aspern (Mai 1809), in der Napoleon seine erste Niederlage erlitt. Die
Hohe Wand in den Wiener Hausbergen lohnt nicht der Mühe. Aber ein herrlicher
Wanderweg führt über die Dürre Wand. Viele Erdrutsche und ein vom Hochwasser
verwüsteter Gasthof erinnerten mich an das kurz vor meinem Tourbeginn wütende
Unwetter. Auf dem Schneeberg hatte ich erstmals die 2.000 m-Grenze überschritten.
Der Abstieg ins Höllental durch die Weichtalklamm war ein landschaftlicher Höhepunkt,
aber Über die Veitschalpe, von der mich der Teufelssteig steil wieder hinunterführte, gelangte ich zu einem weiteren Highlight, dem Hochschwab mit den wild zerklüfteten Aflenzer Staritzen. Viele Gämsen sonnten sich auf den Schneefeldern. Überwältigend der Blick in den riesigen Felsenkessel Oberer Ring. Nur das von Aussteiger-Studenten bewirtschaftete Schiestlhaus läßt leider sehr zu wünschen übrig. Eine interessante Kuriosität ist die ca. 750 m lange stockdunkle Frauenmauerhöhle, durch die man hindurchgehen kann. Dies ist ohne Führer strengstens verboten, aber das habe ich ignoriert. Beim Hinaustreten fällt der Blick auf den imposanten Erzberg bei Eisenerz. Die
Gesäuseberge rechts liegen lassend gelangte ich bei fast zu herrlichem
Sonnenschein ins Paltental. Einreiben mit Sonnenmilch war angesagt. Dummerweise
legte ich hierzu meine Uhr mit Höhenmesser beiseite und vergaß sie. Das war
eine Schrecksekunde, als ich den Verlust bemerkte. Das Tempo, mit dem ich zurückeilte,
kann man sich leicht vorstellen. Sie lag noch da - welch eine Erleichterung.
Solche Vorfälle erhöhten meine Angst, irgendwo irgendwann etwas Wichtiges
liegen zu lassen. Zu einem weiteren landschaftlichen Höhepunkt gelangte ich in den Rottenmanner Tauern: Großer Hengst, Kleiner Bösenstein und weitere Überschreitungen auf dem österreichischen Weitwanderweg 02. Als ich jedoch fast senkrecht ohne jegliche Sicherung ein Stück zum Geierkogel hinaufgeklettert war und hinunterschaute, schauderte es mich bei dem Gedanken, hier in dieser einsamen Gegend abzustürzen. Kein Mensch weit und breit. Melancholie überfiel mich. Ich wollte hier in der Fremde nicht verenden. Ja, so weit gingen meine Gedanken, und wer die Berge kennt, weiß, daß dies realistisch ist. Der Gedanke an Frau, Kinder und Enkel, die ich unbedingt wiedersehen mochte, ließ nur einen Entschluß zu: Wieder abzusteigen. Ein riesiger wegloser Umweg lag vor mir. Aber er führte durch eine Landschaft wie im Paradies. Eine vielleicht 30 Tiere zählende Gamsherde donnerte dichtgedrängt am Berghang an mir vorbei. Ich war so fasziniert, daß ich das Fotografieren vergaß. Waren es wirklich Gämsen? Mein Tierlexikon sagt aus, daß die Weibchen und Jungtiere im Sommer Rudel bilden. Das erklärt die verschieden langen Hörner. Herrliche Almwiesen mit ganzen Berghängen voll blühender Alpenrosen begleiteten mich nach Donnersbachwald. Ein einzigartiger Naturgenuß in den Schladminger Tauern zwischen St. Nikolai und Schimpelscharte: Wasserfälle, Bäche, Seen, Auen, Felsen, Täler, Berge - Natur, soweit das Auge reicht. Hitze! 37° C waren angesagt - und ein Gewitter am späten Nachmittag. Ca. 1.200 Höhenmeter Aufstieg zum Gstoder (2.141 m). Etwa 100 Hm unter dem Gipfel bereits kurz nach Mittag Gewitter. Ich eilte zum Gipfel hinauf und auf der anderen Seite hinunter. Weg und Markierung verfehlt. Plötzlich tauchte ein Mann auf, der mich zu einer Hütte führte, die ich alleine nie gefunden hätte. Kurz vor der Hütte brach die Hölle los: Unwetter, Hagel, Blitzrekord: 3.000 Blitze wurden allein in Kärnten gezählt. Ein
weiteres Naturparadies, die Nockberge. Aber das Wetter war schlecht, und so
wurde es nichts mit Petrus bescherte mir herrliches Wetter für die wildromantische Garnitzenklamm hinauf zu den Karnischen Alpen. Das Naßfeldhaus des Alpenvereins wurde leider verkauft. Daher machte ich zum Übernachten einen Abstecher zur Rudnigalm. Auf dem Höhenweg war das Wetter leider sehr wechselhaft mit vielen Wolken und Regen. Erste Begegnung mit Relikten aus dem 1. Weltkrieg: Schützengräben, verfallene Kavernen, Stacheldraht. Blutgetränkte Erde um den Plöckenpaß, wo ich beim Abstieg einen schönen Blick auf die heißumkämpften Berge Kleiner Pal und Cellon hatte. Der Klettersteig zum Kleinen Pal und der wohl weltweit einzige Tunnelklettersteig am Cellon waren mir als Einzelgeher jedoch zu gefährlich. Der österreichische Heldenfriedhof des 7. Korps inmitten herrlicher Waldlandschaft macht nachdenklich. Als
ich vom Hochweißsteinhaus aufbrechen wollte, war alles in dichten Wolken. Die
Wirtin riet mir ab, den Kammweg zu gehen. Also hinunter auf einen Almenweg und
dann wieder hinauf zur Neue Porze Hütte. Hinunter ging’s auf einem steilen,
glitschigen und derart bis auf Brusthöhe zugewachsenen Weg, daß ich oft meine
Füße und die Stelle, wo ich hintrat, nicht sehen konnte. Da war es kein
Wunder, daß ich ausrutschte, über Wurzeln stolperte, abknickte und hinfiel.
Zum Glück ohne Folgen. Aber der Almenweg war wunderschön; besonders imposant
die mit Arnika bewachsenen Wiesen. Auch hatte das Wenn man in der Nähe der Filmoor Standschützen Hütte vor den senkrechten Felsen der Königswand steht, wird einem der Wahnsinn dieses Gebirgskrieges so recht bewußt: Von Östereichern besetzt, von Italienern erobert, von Österreichern zurückerobert - tobender Krieg in der Senkrechten. Auch das Traumpanorama von der Pfannspitze (2.678 m) wird von Zeugnissen des Krieges begleitet. Bei den Hochgrantenseen in herrlicher, einsamer Naturlandschaft entdeckte ich einen winzig kleinen Friedhof mit 4 Standschützengräbern. Idylle in memoriam eines blutigen Krieges! Zu den Standschützen muß ich folgendes erläutern: Sie sind eine in der Welt einmalige Tiroler Besonderheit. Es gibt sie seit Kaiser Maximilians Landlibell im Jahre 1511. Obwohl sie keine Soldaten sind, genießen sie nach der Genfer Konvention volles Kriegsrecht, d.h. im Falle der Gefangenschaft werden sie wie Soldaten, also nicht als Partisanen, behandelt. Gendarmen und vor allem nicht wehrpflichtige Standschützen, also junge und alte, hielten 1915 die Front beim italienischen Angriff, denn es gab dort außer der Friedensbesatzung keinen einzigen Soldaten. Übrigens waren diese Scharfschützen auch bei Napoleons erster Niederlage 1809 maßgeblich beteiligt. Den
Eintritt nach Südtirol mußte ich mir mit einem in die Knie gehenden Abstieg
nach Moos von 1.340 Hm „erkaufen“. An meinem ersten Ruhetag traf ich meine
Frau und Wanderfreunde. Blauer Himmel in den Sextener Dolomiten, so daß ich
noch einen Umweg ging über einen alten Kriegssteig, den Schartenweg, von der Büllelejochhütte
zur Gamsscharte. Geröllfeld und Galleria hinab zum Paternsattel, vorbei an den
berühmten Drei Zinnen, wo gerade 3 leichtsinnige Kletterer per Hubschrauber
gerettet wurden. Die Klettersteige der Cristallo-Gruppe sind mir ohne Selbstsicherung zu gefährlich. Ich ging daher zwischen dem Bergmassiv und Cortina d’Ampezzo auf viel Asphalt. Herrliche Fernblicke von den Tofanen zur bizarren Croda da Lago. Da das Rifugio Col Gallina geschlossen war und es am Falzarego-Paß keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, mußte ich noch spät abends bis zum Rifugio Passo Valparola auf der Straße weitermarschieren. Schönes Tiererlebnis am nächsten Tag: junge Murmeltiere spielten miteinander, wenige Meter vor meinen Augen. Ein harter Nachmittag stand mir bevor: 1.300 Hm Aufstieg vom Hotel Boè auf den Boègipfel (3.152 m) in brütender Hitze. Zunächst wurde ich auf einer Schotterstraße von Geländewagen eingestaubt. Den Wanderweg gibt es nicht mehr. Dann mußte ich eine frisch geschobene Skipiste mit lockerem Schotter steil hinauf. A propos Skipistenbau: Die Natur hat gegenüber der Geldgier der Menschen keine Chance! Glücklicherweise folgte danach die Belohnung: Phantastische, in ihrer Kargheit mit viel nacktem Fels wunderschöne Natur. Die Bergseen leuchten wie Augen hervor. Abends folgte dann noch ein Eilabstieg durch wildromantische Täler zum Sellajoch. König Laurins Reich, den berühmten Rosengarten, habe ich über den Passo Coronelle überquert. Die Latemar-Gruppe habe ich nördlich umgangen und in Kurtatsch an der Südtiroler Weinstraße meine Frau nebst Wanderfreunden zum zweiten und letzten Mal getroffen und eine dreitägige Pause eingelegt. Eigentlich mindestens ein Tag zuviel, aber am 3. Tag hatte meine Frau Geburtstag, und den wollte ich schon mit ihr feiern. Gut erholt konnte ich dann wieder eine schwere Etappe über den Mendelkamm unter die Füße nehmen. Schwarzer
Tag beim Aufstiegversuch auf die Brenta: Keine Markierung, und für dieses
Teilstück hatte ich keine Karte. Hatte mich verfranzt und mußte wieder
absteigen. Über tausend Steigmeter umsonst gegangen. Das war deprimierend. Ich
hätte heulen können. Selbst mein ohrenbetäubender Schrei konnte mich nicht
befreien. Ins Und wieder mußte ich einen schwarzen Tag überstehen. Ich hatte mich gleich 4 mal verlaufen. Ohne Zweifel, die Markierung war nicht gut, aber dennoch war ich jedesmal selber Schuld. Mein Tourenbuch, das ich täglich führte, verrät an dieser Stelle: „Meine Einstellung, so schnell wie möglich das Ziel zu erreichen, macht mich nervös. Vielleicht macht mir auch die psychische Belastung zu schaffen. Muß die Sache ruhiger angehen.“ Vor allem machte ich wieder einmal den Fehler, im Zweifelsfalle nicht rechtzeitig genug umzukehren. Am
Südende der Adamello-Gruppe erwarteten mich wieder überwältigende
Landschaften, aber auf teils abenteuerlichen Wegen. Doch zunächst Regen und
Sturm, der einen fast umwarf beim Aufstieg zum primitiven Bivacco Dosson. Ich
fror derart, vor allem an den Händen, so daß ich lange Zeit zum Aufwärmen
brauchte. Übernachtung auf harten Brettern, aber Einsamkeit und Stille in der
Natur entschädigten voll. Schwieriger, da sehr steiler Abstieg im Geröll zum
Rif. Lissone; abfahren wegen größerer Gesteinsbrocken nicht möglich. Der
Sentiero Adamello, den ich ein Stück über den Passo di Póia (2.775 m)
gegangen bin, bietet viel Granitgestein, teils Geröfffelder mit riesigen
Brocken, über die man klettern, springen oder turnen muß. Richtig Spaß
gemacht hat das Abfahren über ein größeres Schneefeld. Das sehr laute Hotel an der Durchgangsstraße in Malonno bot, wie zum Ausgleich, einen phantastischen roten Tischwein: dunkel, fruchtig, würzig, einfach ein Gedicht. Der südtiroler Kalterer See ist ein fades Weinchen dagegen. Das Frühstück in diesem Hotel jedoch ist ein Beispiel dafür, wie man abgezockt wird. Da die Kraft nicht von alleine kommt, hatte ich mir zum Frühstück noch Schinken und Käse bestellt. Rechnung: 10 Euro. Als Wanderer hat man oft keine Alternativen. Und wieder erwartete mich ein Abenteuer. Zunächst den richtigen Weg nicht gefunden, was mich schon nervös machte. Dann ging’s ohne Markierung weiter. Nur der Piz Tri (2.308 m) war ab und zu ausgeschildert. Aber den wollte ich umgehen, zumal laut Karte eine Überschreitung nicht möglich ist. Völlig im Ungewissen marschierte ich bergauf. Da, ein erster Donner. Ich war verzweifelt. Genau das, was ich vermeiden wollte, traf jetzt ein: Gewitter, und ich war noch nicht über dem höchsten Punkt. Also alles falsch gemacht. Plötzlich entdeckte ich in der Ferne einen Pfad Richtung Norden. Und auf einmal war alles richtig, abgesehen davon, daß ich mich später nochmals kräftig verlaufen hatte. Und so ergab sich mal wieder eine „Wahnsinnsetappe“: 10 Stunden Gehzeit und fast 2.000 m Höhendifferenz. Es
folgten unschöne Abschnitte auf viel Asphalt in großer Hitze (bis zu 30° C)
durchs Val Tellina. Dieses Tal ganz oder zum Teil zu umgehen, nördlich z.B. auf
dem Sentiero Roma, oder südlich durch die Bergamasker Alpen, hätte viel zu
viel Zeit gekostet. Am Comersee konnte ich der Dolce Vita nicht widerstehen und
quartierte mich in einem Hotel direkt am See ein, um ein erstes Bad zu nehmen.
Auf dem Passo San Jorio betrat ich schweizer Gebiet und genoß außer der
Landschaft auch die gute schweizer Markierung. Durch die fruchtbare Ebene, den
Piano di Magadino, gelangte ich zum Lago Maggiore. Die Tourismus-Orte Locarno
und Ascona durchquerte ich teils auf schönen Uferwegen. Vom Langensee-Höhenwanderweg
genoß ich wunderschöne Blicke auf den See. Doch nun wurde es wieder ernst mit alpinen Etappen. Nach der Übernachtung im relativ bequemen Bivacco Fornà (1.649 m) war es derart schwül, daß jeder Schritt schwer fiel und der Schweiß in Strömen floß. Auf die Besteigung des Pizzo Marona (2.051 m) folgten über 1.800 Hm Abstieg zum Lago di Mergozzo und ein abenteuerlicher Weg am Nordrand des Sees. Ich wurde von Einheimischen gewarnt: „Un camino brutto“. Die Markierung war derart schlecht und der Weg teils zugewachsen, so daß ich einmal im Dornengestrüpp landete und nur schwer wieder herausfand, und das zu allem Unmuß noch im Regen. Spät in Mergozzo angekommen, war ich auf die einzige Übernachtungsmöglichkeit, ein teures Hotel, angewiesen. Welch ein Kontrast: Da steckt man mit zerkratzten Armen und Beinen im Dickicht und wenig später genießt man im 3-Sterne-Hotel ein köstliches Bier vom Faß. Nächste Überraschung: Die Brücke über den Fiume Toce nach Ornavasso ist wegen Baufälligkeit gesperrt. Dennoch drüber! Ein wunderschöner Kammweg über den Monte Massone schied wegen dichter Wolken aus. Trotz zwar neuer, aber chaotischer Markierung über ausgedehnte Hochalmen fand ich mit einigem Glück den richtigen Weg. In
Campello Monti stieß ich auf den piemontesischen Weitwanderweg GTA (Grande
Traversata delle Alpi). Ein sehr schöner, meist hochalpiner Weg mit großen Höhendifferenzen,
mit Pässen bis über 2.500 m, mit meist schlechter Markierung auf alten, oft
mauergestützten Saumpfaden, aber auch auf halsbrecherischen Wegen und mit wenig
Infrastruktur. Die GTA ist zwar eigens geschaffen worden, um den Bergbewohnern
ein Zubrot zu ermöglichen und um damit die Abwanderung in die Städte zu
bremsen. Doch es gibt nur wenig Wanderer auf diesem Weg. Aber genau das macht
den besonderen Reiz aus. Wer auf Bequemlichkeit verzichtet, kann die grandiose
Landschaft in stiller Einsamkeit mit vollen Zügen genießen. Die Zeit scheint
hier stehengeblieben zu sein. Berge, tiefe Täler und Almen mit steilen Hängen,
an denen Almhütten und Dörfer „kleben“, prägen das Bild. Es gibt zwar
zerfallene Almhütten, aber die Almen reichen hoch hinauf bis über 2.000 m. Nur
- einkehren kann Gleich hinter der Bocchetta di Rimella werden die Schwierigkeiten deutlich. Ohne Markierung muß man sich auf den unten sichtbaren Weg durchschlagen. Bei Nebel unmöglich. Das Dorf San Gottardo bietet eine Postkartenidylle par excellence. Phantastisches Essen in vergammeltem Posto Tappa (Etappenunterkunft) in Santa Maria. Nachts schüttete es, und das Wasser tropfte von der Decke in mein Bett. Als einziger Gast hatte ich jedoch genügend Ausweichmöglichkeiten. Es folgte ein Tag, an dem ich mich besonders fit fühlte. 2 Pässe, der Colle del Termo (2.531 m) und der Colle Mud (2.324 m) bescherten mir über 2.200 m Höhendifferenz und fast 10 Stunden Gehzeit. Kurz vor meinem Etappenziel, dem Rifugio in San Antonio, konnte ich den Genuß eines Paulaners vom Faß mit Kunstgenuß kombinieren, denn von der Bar aus hat man den direkten Blick zu der Frontseite der Kirche mit dem riesigen Gemälde „Das Weltgericht“ eines einheimischen Künstlers. Überraschung
am nächsten Abend um 18.00 Uhr: Kam abends müde am Kloster San Giovanni an,
doch der Posto Tappa war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. „Rif.
Galleria Rosazza, 2 hore“, lautete die Auskunft. Ich schaffte es in 1 Std. 10
Min. Ein schwarzer Vormittag folgte: Auf einem Feld von Felsbrocken verlor ich
den Weg. Statt zurückzugehen, kletterte ich mühsam weglos einen steilen
Grashang hinauf, weil ich glaubte, oben einen Weg gesehen zu haben. Zum Glück
existierte dieser tatsächlich, aber ich war viel zu hoch geraten und mußte auf
der anderen Seite ein großes Stück, auch teils weglos, wieder hinunter.
Schinderei für die Katz! Das tat weh. Der Aufstieg zum Rif. Coda (2.280 m) fiel
mir daher sehr schwer, aber oben angekommen, schöpfte ich neue Kraft und
beschloß, noch bis Maletto abzusteigen. „No la cresta“ zum Colle della Lace,
warnte mich der Hüttenwirt. Aber auch der Hangweg ist sehr beschwerlich, teils
zugewachsen, bei Nässe lebensgefährlich. Und dann wieder sehr schlechte
Markierung über ausgedehnte Almwiesen. Ohne die glückliche Fügung, von einem
Einheimischen hinuntergeführt zu werden, hätte ich mich garantiert mehrmals
verlaufen. Das Rifugio Chiaromonte entpuppte sich als primitive Almhütte auf 2.014 m Höhe. Aber die Sennerin, ein gestandenes muskelbepacktes Weibsbild, zauberte mit einfachen Mitteln ein großartiges Essen. Und, wie so oft, der dunkle, fruchtige, vollmundige Rotwein fand regen Zuspruch, zumal ich das Glück hatte, daß 3 Deutsche mir Gesellschaft leisteten. Im malerischen Dorf Fondo verbrachte ich meinen einzigen „Zwangsruhetag“, da die Bocchetta delle Oche mit 2.415 m Höhe bei Regen und dichten Wolken zu gefährlich ist. Aber die Fleischtöpfe der Wirtin halfen mir und den 3 anderen über die Zeit hinweg. Trotz Wetterbesserung am nächsten Tag war der Abstieg vom Paß wegen glatter felsiger Stellen gefährlich. Häßliche Straßenabschnitte wechselten nun mit herrlichen Landschaften. Im Albergo Gran Paradiso in Noasca bekam ich das bisher primitivste Frühstück. Außer Kaffee ein klein wenig Butter und Marmelade, dazu trockener Zwieback, nicht einmal ein Brötchen. Die Italiener tauchen nämlich den mit Marmelade bestrichenen Zwieback in den Kaffee ein. Oh bella Italia, „Frühstücks-Entwicklungsland“! Die GTA ist an einigen parallel zur Straße verlaufenden Stellen nicht mehr begehbar, da die Wanderer in der Regel den Bus nehmen, und der Weg daher nicht mehr unterhalten wird. Aber manchmal bin ich auch, um schneller vorwärts zu kommen, freiwillig die Straße gegangen, so auch kurz vor dem Lago di Ceresole Reale. Und an dem folgenden Beispiel möchte ich die überaus freundlichen Menschen würdigen. Ich schickte mich gerade an, in einen 3,5 km langen Tunnel hineinzugehen, als ein Rennradfahrer mich überholte, scharf abbremste und zu mir zurückkam, um mir den nützlichen Rat zu geben, statt des Tunnels die alte Straße zu gehen. Dadurch wurden mir stinkende Abgase erspart. Diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Fremden gegenüber! Der
Übergang über den Colle della Crocetta (2.641 m) bescherte grandiose
Landschaft, phantastische Blicke Es ging mir schon auf die Nerven, fast täglich auf den Almen den „stillosen Kuhfladriolen“ auszuweichen, was mir auf schmalen Pfaden am Hang oft kaum gelang. Auch brauchte ich an solchen Stellen oft lange, bis ich an einer Kuh vorbeikam. Aber sehr interessant war in Piemont die überreiche Fauna an Grashüpfern auf den Almen. Es „spritzte“ nur so von allen Seiten. Eine derartige Fülle von Tieren, allein die, die ständig in der Luft waren! An diesem Tag fielen mir besonders die Grashüpfer auf, die ein Stück fliegen können und dabei klappern. Die beiden gefährlichsten Bachüberquerungen standen mir bevor. Meiner alten Karte folgend verfehlte ich die Brücke und mußte auf glitschigen Steinen übers rauschende Wasser. Fast wäre ich ausgerutscht und gestürzt. Wieder herrliche Landschaft mit schönen Bergseen beim Überqueren des Passo Paschiet (2.435 m). Der Abstieg vom Colle di Costa Fiorita (2.465 m) erfordert höchste Aufmerksamkeit. Gefährliche nasse Stellen in steilem Fels- und Grasgelände! Vom Lago di Malciaussia ging’s hinauf zum Colle Croce di Ferro (2.558 m), wie immer mit phantastischem Panorama. Weit im Hintergrund lugt der bekannte Mon Viso heraus. Nach ca. 2.000 Höhenmetern Abstieg erreichte ich das Tal der Dora Riparia und damit den Südabschnitt der GTA. Der Schweiß floß in Strömen in sengender Hitze. Es
gibt auch, zum Glück nur wenige, negative Beispiele an Freundlichkeit. In
Salbertrand störte ich im einzigen Albergo den jungen Mann hinter der Theke
beim Fernsehen mit meiner Frage nach einem Zimmer. Entsprechend Die Pässe der südlichen GTA sind teils höher als die der nördlichen, aber dennoch nicht so extrem alpin, da das Gelände vom Militär besser erschlossen wurde. Aufgrund der Jahrhunderte dauernden Feindschaft gegenüber Frankreich wurden mächtige Festungen gebaut, wie Exilles im Tal der Dora Riparia und Fenestrelle im Tal des Chisone-Flusses. Militärstraßen und Wege wurden bis über 2.500 m Höhe errichtet. Leider ist das Befahren dieser alten Naturstraßen erlaubt und zieht somit Motorradfreaks aus halb Europa an. Es ist irgendwie deprimierend, wenn man 1.500 Höhenmeter durch den wunderschönen Naturpark Gran Bosco di Salbertrand aufsteigt und oben auf der Straße von Autos und Motorrädern eingestaubt wird. An der Testa dell’Assietta (2.567 m) zeugt ein Denkmal von der Schlacht am 19. Juli 1747, in der 8.000 Mann, darunter Waldenser-Milizen, 20.000 Franzosen zurückschlugen. Die Franzosen wollten die vorerwähnten Festungen umgehen, aber die Piemonteser hatten diese Taktik geahnt. In Piemont gibt es viele Zeugnisse der wechselvollen waldensischen Vergangenheit. Meist wurden sie verfolgt, aber wenn sie gebraucht wurden, wie z.B. bei vorerwähnter Schlacht, bekamen sie freie Religionsausübung zugesichert. Am
Colle dell’Albergian (2.713 m) erinnerte mich Bätzings Führer an die 80
erfrorenen waldensischen Kinder und Säuglinge, die hier um 1400 vor Verfolgern
versteckt worden waren. In Balziglia gibt es ein kleines Waldenser-Museum, in
dem auch die Ereignisse des Jahres 1689 anschaulich dargestellt sind. Zuvor,
1685, wurde in Frankreich das Edikt von Nantes, das den Hugenotten freie
Religionsausübung zugesichert hatte, aufgehoben. Daher wurden auch in Piemont
die Waldenser nach einem großen Blutbad in die evangelische Schweiz vertrieben.
Mit der sog. Glorieuse Rentrée im Jahr 1689 kehrten etwa 1.000 Waldenser in
ihre Heimattäler zurück und verschanzten sich westlich von Balziglia. Ihre
Lage war hoffnungslos, doch plötzlich erklärte Savoyen-Piemont Frankreich den
Krieg, und die Waldenser waren, diesmal für immer, gerettet. Weiter ging’s mit ständigem Wechsel zwischen Tälern und Pässen. Auffallend ist die Conca del Prà, eine 4 km lange und 1 km breite ebene Alm-Hochfläche in 1.700 m Höhe, die einst ein See war. Das Rifugio Jervis auf dieser Fläche bietet sehr gutes überreichliches Essen. Der gute Eindruck wird allerdings durch Spielgeräte in der Bar, verbunden mit lautem „musikähnlichem“ Lärm, getrübt. Am nächsten Tag schaffte ich mal wieder eine riesige Etappe. Hinauf ging’s zum Colle Seilliere (2.851 m) und auf französischem Gebiet hinunter zum Réfuge Mont-Viso, das wegen Umbauten geschlossen war. Dunkle Wolken zogen auf, so daß ich noch einen Schritt schneller ging, dabei mich verlaufen hatte und, um auf den richtigen Weg zu kommen, ein steiles Stück weglos hinunterklettern mußte. Auf jeden Fall wollte ich noch vor einem möglichen Gewitter über den 2. Paß des Tages, den Passo Vallanta (2.811 m), kommen, um im Rifugio Vallanta zu übernachten. Aber der Rifugio gefiel mir nicht, und so eilte ich noch ins Tal nach Castello. Da es dort keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, ging ich noch die Landstraße bis Casteldelfino. Und ich hatte Glück; die Wolken entluden sich erst in den Abendstunden. Eigentlich wollte ich am nächsten Tag nur eine kurze Etappe zum Rifugio Carmagnola gehen. Aber der Weg dorthin laut Karte existiert nicht, und so wurde es eine noch längere Etappe wie am Tag zuvor von über 9 Stunden Gehzeit und 1.700 m Höhendifferenz bei gesteigertem Tempo. Zunächst 1.500 Hm hinauf in grandioser Landschaft zum Colle di Bellino (2.804 m), hinunter nach Chiappera mit seinem riesigen schief aufragenden Felsklotz, und weiter nach Chialvetta, wo ich im Posto Tappa Halbpension buchte. Die gebratene Forelle war ein Gedicht. Durch
die schluchtartige Engstelle Le Barricate mit der riesigen fast senkrechten
Felswand gelangte ich nach Über den Colle della Lombarda kam ich endgültig nach Frankreich hinein. Hauptwanderwege, wie die GR 5 und GR 52, sind bestens markiert, Nebenwanderwege jedoch schlecht oder gar nicht. Daher mußte ich einige Umwege in Kauf nehmen. Um Isola 2000 ist offenbar alles auf Wintersport eingestellt; eine Markierung war totale Fehlanzeige. Über malerisch auf Anhöhen gelegene Orte, wie Le Brec d’Utelle und Aspremont erreichte ich Nizza. Ein erhabenes Gefühl, als ich Nizza zu meinen Füßen sah. Der „Nizza-Mann“, wie mich eine Wanderin nannte, hatte sein Ziel erreicht. Noch am Morgen war es unwahrscheinlich, daß ich abends den Nachtzug nach Straßburg nehmen konnte. Die ganze Nacht und noch am frühen Morgen wütete ein Unwetter, das viele Schäden und Erdrutsche verursacht hatte. Doch es hörte auf, und ich konnte wider Erwarten losmarschieren. Was
ich mit dieser Tour auf mich geladen hatte, wurde mir eigentlich erst später,
besonders beim Schreiben dieses Berichtes, bewußt. Anfangs war die willkommene
Abwechslung vom Alltag vorherrschend. Später kehrte dann ein gewisser Trott
ein, ja sogar eine gewisse Lethargie. Ich ging einfach weiter und weiter, ohne
nachzudenken. Allerdings, wenn ich mich besonders schinden mußte, abgekämpft
war, gefährliche Wege ging,
Eine Alpenüberquerung auf „Via Alpina“
Von Hans Diem
Auf dem Roten Weg der Via Alpina ging Hans Diem aus Garmisch-Partenkirchen im Sommer 2002 von Monaco am Mittelmeer durch alle acht Alpenstaaten nach Triest am Mittelmeer in 96 Tagen zu Fuß und mit Zeltausrüstung auf 2180 km Wegen mit 121.000 m Aufstieg, 28 Tage in Begleitung von Evelyn Gebhardt.
Die Via Alpina bleibt unter 3000 m Höhe, geht nirgendwo über Gletscher, verläuft auf Fahrwegen, Wegen und Bergwegen mit nur wenigen kurzen und etwas anspruchsvollen Stellen in Steilgelände mit Tiefblick, meist Seil versichert.
Monaco, 19. Juni 2002, 15 Uhr: Eine gigantische Stadt hat sich hier an der Mittelmeerküste breit gemacht, Rucksack und Bergstiefel passen absolut nicht ins Stadtbild. Vom Bahnhof Monte Carlo steigen wir auf zum Place du Palais, dem Platz vor dem Fürstenschloss, dem Ziel der Via Alpina. Doch wir beginnen lieber hier am südlichen Ende, die Bergwege sind eher schneefrei, noch sprudeln Quellbäche, noch blüht und duftet es mehr als sonst wo, ab dem Hochsommer aber wird es hier zunehmend trocken und dürr.
In
den Südalpen auf Via Alpina von Monaco nach Chamonix am Mont Blanc.
Bei hochsommerlicher Hitze steigen wir ab 17 Uhr durch Monte Carlo hinauf Richtung Norden, schauen und staunen über eine dichte Stadt mit vielen Hochhäusern hinweg zur Mittelmeerküste im milden Licht der Abendsonne. Von einer Bergkuppe der grünen Hügelkette leuchtet nachts ein friedliches Lichtermeer herauf. In der Hügellandschaft mit Buschwald und alten Dörfern schlaucht uns die Hitze, zu selten sind Brunnen mit Trinkwasser. Wegen der Hitzewelle und dem Wassermangel lassen wir die Wegschleife durch die Ligurischen Alpen aus und gehen ab Sospel direkt zu den Dreitausendern der Meeralpen. Kalte Quellen mit Trinkwasser und Bergseen für erfrischendes Baden sind an unserem Weg durch die fantastische Berglandschaft am Mont Bego, dem Götterberg, bis hin zum mächtigen Argentera-Massiv. Mal stapfen wir durch Steilschotter mit Schneeresten, Mal bummeln wir durch Buschwald mit blühendem Goldregen und bewundern schönste Blumenwiesen in den Cottischen Alpen. Im Dorf Maljasset sehen wir das erste Plakat von „Via Alpina“, also sind wir hier richtig. In Briancon muß sich Evelyn verabschieden, ihr Urlaub ist zu Ende.
Alleine
gehe ich weiter, in den Dauphiné Alpen
auf Höhenwegen über Bergdörfer mit Blick auf die hohen Gipfel der Pelvoux
Gruppe, am Mont Thabor vorbei nach Modane. Unter den Gletschern der Vanoise führt
mich der Weg von Hütte zu Hütte durch die Grajischen Alpen auf
den Mont Blanc zu. Ich freue mich auf jede der kleinen einfachen Berghütten. Für
die Wirte und die wenigen Gäste bin ich mit meinem großen Rucksack auf großer
Tour und besonders herzlich willkommen. Man weiß von Via Alpina und freut sich
über den ersten Begeher dieser Route. Der moderne Skizirkus bei Lac de Tignes
ist ein heftiger Kontrast zu den alten verfallenden Almdörfern am Rutormassiv,
am Weg ins Aostatal. In den Walliser Alpen
denke ich auf dem gut erhaltenen Saumpfad über den Großen S. Bernhard an den
Betrieb im Mittelalter hier. Die Mont Blanc Gruppe
hüllt sich in Regen und Nebel, habe leider keinen Ausblick von den Höhenwegen
über den Col de Balme nach Planpraz. Also schwebe ich mit der Seilbahn hinab
nach Chamonix, um besseres Wetter
abzuwarten.
16 Bergkarten im M:1:50 000, ca. 758 km Wegstrecke, ca. 558 km gegangen in 29 Tagen, mit 200 Stunden Gehzeit, mit 37 000 Hm Aufstieg, 38 Mal über 2000 m bis 3045 m Höhe am Mont Clapier (Abstecher).
In den Westalpen auf Via Alpina von Chamonix nach Liechtenstein
Nach einer sternenklaren Nacht ist schönstes Wetter, die erste Seilbahnfahrt bringt mich von Chamonix wieder hinauf nach Planpraz. Begeistert stürme ich auf den Gipfel Le Brevent 2524 m und schaue überaus erfreut auf das mächtige Bergmassiv mit dem Mont Blanc. Der höchste Berg der Alpen, seine Hohheit der Monarch ist flankiert von namhaften Trabanten, ist eingehüllt in einen spaltenreich züngelnden Gletscherumhang, thront breitmächtig und alles überragend mir gegenüber im strahlenden Sonnenschein. So ein Glück muß man haben!
Endlich weiter in den Chablais Alpen, schön in Weideland über den Col d’Anterne, in Wäldern und Wiesen hinab nach Samoens. Auf dem Col de Coux erfüllt mich bei schöner Abendstimmung die große Dankbarkeit, ich strecke die Arme zum Himmel: Ich kann und darf meine langen Bergwege gehen Tag für Tag, Jahr für Jahr. Über ein wunderbares Hochtal am Mont Ruan geht es nach Martigny im Rhônetal. Nach dem Aufstieg in die Diablerets Gruppe öffnet sich der Blick auf ein Riesenpanorama mit Viertausendern hoch über dem Rhônetal. Auf Höhenwegen bummle ich in Weideland am Gran Muveran entlang, gehe unter der Felsflucht des Les Diablerets in Almgebiet nach Derborence. Im Aufstieg zum Hochtal Mié ist eine Steilstufe mit Leitern und Drahtseilen zu bewältigen, oberhalb öffnet sich ein wunderschönes Hochtal, anschließend geht es über einen Gletscherschliff zum Col du Sanetsch und hinab nach Gsteig.
Auf
der Nordseite der Berner Alpen laden
bekannte Feriendörfer im schönen Bauernland zur Einkehr ein, dann
Nach Blatten führt mein Weg einige Stunden lang auf einem Höhenrücken mit fantastischem Ausblick auf den Aletschgletscher, den längsten Eisstrom der Alpen. Nach dem Hochtal Goms beginnen die anspruchsvollen Tessiner Alpen und Adula Alpen mit dem Saumpfad über den Griespass ins Val Formazza. Bis Mesocco folge ich dem Weg „Trekking 700“, alpin ist die Route am Gletscherberg Basòdino entlang nach San Carlo, nun geht es teils sehr steil bergauf zu den Scharten, ebenso steil hinab zu den Dörfern. Auf Almwegen ziehe ich in den Albula Alpen erst durch ein zauberhaftes Hochtal, steige dann auf einem historischen Saumpfad zum Splügensee auf, weiter in Weideland vom Walserdorf Juf und über altbekannte Übergänge nach Maloja.
Die
Bernina Alpen beginnen mit Schneeregen
auf dem Murettopass, zum Glück bei Sonnenschein weiter im herrlichen Almland
bis Poschiavo. Von Tirano hinauf in die Livigno Alpen,
hier wird in den Almdörfern gerade das Bergfest gefeiert. Schwierig ist der
Abstieg vom Passo di Vermolera 2732 m mit Steilschotter. Mit einem Almparadies
beginnen die Ortler Alpen, fantastisch
ist die Aussicht von der Dreisprachen-Spitze auf König Ortler und seine
Umgebung. Nach der Sesvenna Gruppe
quere ich das Engadin und komme über den Futschölpass 2768 m in das Gebiet der
Silvretta mit drei großen Hütten. In
Schotter, Fels und Schnee steige ich über die schwierige Getschner Scharte 2839
m und über drei weitere Joche nach Gargellen. In der wunderbaren Südflanke des
Rätikon lacht mir die Sonne, ich
blicke auf das kleine Liechtenstein,
steige über den Felsgipfel
21 Bergkarten im M:1:50 000, ca. 832 km Wegstrecke, ca. 710 km Wegstrecke gegangen in 36 Tagen, mit 247 Stunden Gehzeit, mit 37 000 Hm Aufstieg, 54 Mal über 2000 m bis 3257 m Höhe an Haute Cime in den Dents du Midi (Abstecher).
In den Ostalpen auf Via Alpina vom Bregenzer Wald nach Triest
Vom Bregenzer Wald führt mich die Etappenliste der Via Alpina in das Große Walsertal und über den Schadonapass auf die Allgäuer Alpen zu. Über den Gemstelpass komme ich nach Deutschland und steige mit Blick auf die Mädelegabel hinab nach Oberstdorf. Meine Freude ist groß, bin ich doch am Nordrand der Alpen angekommen an einem Sonntag mit Sonnenschein. Da gönne ich mir eine gemütliche Rast in einem Biergarten. Am Abend muß ich dafür auf dem Weg über das Himmeleck ein teuflisches Gewitter mit Platzregen aushalten. Die Route in den Lechtaler Alpen verläuft meist auf Talwegen, dann aber wird es felsig und schottrig in der Mieminger Kette und im mächtigen Wetterstein Gebirge. Der Aufstieg zur schön gelegenen Meilerhütte wird wieder Mal von einem Gewitter begleitet, dafür kann ich im Karwendel Gebirge auf einer alpinen Variante über die Breitgrießkar Scharte zum Karwendel Haus gehen. Weiter über Almböden mit Ahornbäumen unter senkrechten Felsflanken, dann der Abstieg ins Inntal.
Auf
den Stadtbummel in Schwaz folgt der Weg durch die Tuxer Alpen über
Almen und Grasberge, hier sind die Hütten wieder klein und gemütlich. Die
Talstrecke bis zum Aufstieg in die Zillertaler Alpen
fährt mich ein Bus. Nach dem Steilaufstieg zur Glieder Scharte nehme ich wieder
eine alpine Variante an, den Pfunderer Höhenweg mit dem schwierigen Gaisschartl
2720 m, quere dann unter mächtigen
Die Dolomiten verstecken sich in einer dichten Wolkendecke. Vom Pragser Wildsee steige ich auf zu den drei Zinnen. Wie ich ankomme, heben sich die Wolken und der Blick auf die senkrechten Nordwände wird frei, gewaltig! In der Hütte spricht mich ein französisches Paar an, das seit 81 Tagen auf dem Weg von Nizza nach Wien ist. Und ich bin seit 82 Tagen unterwegs von Monaco, der Jubel ist groß! Der Karnische Hauptkamm wird in voller Länge überschritten, ein Höhenweg mit Hütten, mit Gipfeln bis 2578 m und mit Seen, mit wunderbaren Ausblicken nach Süden und Norden. Vom Dreiländereck schaue ich nach Slowenien hinein und freue mich auf dieses kleine Bergland mit den vielen gastlichen Hütten.
An meinem Weg durch die Julischen Alpen steht imposant der Jalovec, der schönste Berg Sloweniens. In Trenta meldet der Wetterbericht einen Wetterwechsel mit Schnee, also gehe ich ohne den Gipfel des Triglav, mit 2864 m der höchste Berg Sloweniens, weiter durch das bekannte Tal der „Sieben Seen“ mit vielen endemischen Pflanzen zum langen Kamm mit dem Gipfel Rodica 1966 m. Nach dem letzten Felsgrat mit einem ausgesetzten Steig überfällt mich der Wintereinbruch mit Kälte und Regen, Glück gehabt. Der Hüttenwirt auf dem Crna prst 1835 m, dem vorletzten Gipfel des Kammes, macht für mich die letzte Gulaschsuppe der Saison und sperrt dann hinter mir die Hütte ab. Über die folgenden Grasberge und die Buckel im Karst komme ich auch bei Schlechtwetter. Auf dem letzten Berg, dem Plesa 1262 m ist für eine Stunde blauer Himmel, ich sehe das Mittelmeer, die Küste und Triest. Die Arme zum Himmel, ich bin am Ziel, ich bin gut angekommen! Noch 35 km Weg in waldreichem Hügelland und ich bin in der Hafenstadt Triest, dem eigentlichen Beginn der Via Alpina.
16
Bergkarten im M:1:50 000, ca. 624 km Wegstrecke, ca. 459 km Wegstrecke gegangen
in 31 Tagen, mit
Ein Nachtzug bringt mich nach Hause. Für die Organisation von Via Alpina schreibe ich einen Bericht von 20 Seiten und lasse meine schönsten Fotos auf CD kopieren. Das löst dort eine Riesen Begeisterung aus, Text und Fotos gehen an alle acht Alpenländer.
Erschienen in "Wege und Ziele" Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 16 - April 2005
Von Hans Diem
Juni und Juli 2005 von Susa nach Riale im Val Formazzo, 27 Tage, 166 Std. Gehzeit, 380 km Wege, 30 000 m Aufstieg, 1 Mal über 3000 m, 30 Mal über 2000 m Höhe, 8 Zeltnächte.
Von
Susa steige ich über Novalesa auf zum Ricciamelone, 3538 m. Weiter nach der
Etappenliste nach Norden, auf der GTA über Höhezüge und Talorte nach Ceresole
Reale. Quere auf einer alpinen Variante in Südflanke von Gran-Paradiso-Bergen
über Colle Sia, 2274 m, Bocchetta des Ges, 2692 m, Bivacco Ivrea, 2770 m, Colle
dei Becchi, 2990 m, Rifugio Contese nach San Lorenzo zum Blauen Weg auf der GTA.
Auf den Abschnitten der GTA kamen von Norden her nur wenige deutsche Wanderer entgegen. Die Wirte der Quartiere sprachen von einem großen Rückgang. Die Etappenorte der GTA entwickeln sich auffällig zu Ferienorten. Häuser, Straßen und Plätze werden saniert, teils sind Siedlungen und Hotels im Bau. Man sagte uns, den Italienern wird es zu heiß an den Küsten, sie urlauben vermehrt in ihren Bergdörfern. Im Val Formazza wird groß gebaut für die olympischen Winterspiele 2006. Das verkommene alte Walserdorf Riale ist jetzt saniert und kultiviert und ein Schmuckstück geworden mit Gaststätten und Betten – wenn das die Walser sehen könnten!
Nach Ronco Canavese zieht die Via Alpina schön durch das Valle di Campiglia zum Colle d’Arietta, 2939 m, über Mont Avic Gebirge, das Valle d’Aosta und das Val di Gressoney nach Alagna Valsesia. Wieder ziemlich eintönig auf der GTA bis Antronapiana. Da steigt die Via Alpina hinauf zum fantastischen Rifugio Andolla und sehr schön grenzschlängelnd nach Simplon Dorf.
Ich müsste nun in der Schweiz über das Saflischtal zur Alpe Devero gehen. Meine Variante kürzt ab. Ich gehe auf der italienischen Seite wunderbar über hohe Pässe und Hütten zur Alpe Veglia und zur Alpe Devero. Kurz weiter auf dem Blauen Weg. Am Lago Vannino gehe ich wieder ab nach Norden, komme über einen Passo von oben nach Riale im Val Formazzo, dem nördlichen Ende des Blauen Weges mit dem Anschluss an den Roten Weg. Ich gehe talabwärts noch zu Fuß nach Ponte. Von hier gibt es einen Linienbus zum nächsten Bahnhof.
Seit August 2005 werden von der Organisation Via Alpina im Internet unter www.via-alpina.org ausführliche Informationen zu jedem Weg und jeder Etappe in fünf verschiedenen Sprachen angeboten.
Erschienen
in "Wege und Ziele"
Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 20 - August 2006
Zu Fuß und mit Zelt zwei Mal quer über die Alpen
Von Hans Diem
1. Vom Markusplatz in Venedig zum Marienplatz in Garmisch:
Auf L. Grasslers Traumpfad über die Venezianer Alpen, die Dolomiten, die Zillertaler Alpen, die Tuxer Alpen und das Karwendel, vom 15.6. bis 4.7.99, 20 Tage, 131 Stunden, 25 000 m Aufstieg, 377 km Bergwege, 88 km Wegstrecke mit Auto gefahren.
Der Nachtzug brachte mich nach Venedig, am Vormittag bin ich durch die Stadt zum Markusplatz gebummelt, mittags dann mit einem Linienschiff zur Punta Sabbioni hinüber gefahren. Es war heiß und schwül und endlos flach auf den Wegen und Straßen nach San Dona di Piave, da bin ich mit dem Bus gefahren zum Hügelland der Venezianer Alpen. Vom ersten Berg, dem Col Visentin (1763 m) war wunderbare Aussicht auf das Flachland im Süden und auf die Dolomiten im Norden. Und nachts funkelte der Sternenhimmel über dem Lichtermeer der Ebene!
Über Belluno kam ich an die Dolomiten
und bin den Klettersteig Via ferrata Marmol am Monte Schiara aufgestiegen: erst
senkrechter Fels mit Leitern, dann mit den Steigeisen durch eine Schlucht voll
Hartschnee zu
Gemütlich ging ich hinüber ins Pustertal, fuhr mit dem Bus nach Pfunders und stieg auf in die Zillertaler Alpen. Über die Glieder-Scharte (2644 m) ging ich mit den Steigeisen, im Abstieg verlangte die Querung einer Steilflanke auf 2200 m Höhe einen sicheren Tritt. Am Weg vom Pfitscher Joch zum Schlegeis-Speicher war noch schönes Wetter und viele Leute waren unterwegs. Doch die Olperer Hütte stand am nächsten Tag unter Dauerregen, am Nachmittag bin ich wenigstens zum Friesenberg-Haus gegangen. Der Hüttenwirt meinte, die Friesenberg-Scharte (2910 m) geht noch nicht. Das wollte ich genau wissen und habe am Abend noch eine Steigeisen-Spur in den Steilhang mit Lawinen-Schnee getreten. Dadurch bin am nächsten Morgen trotz Nebel und Schneefall gut hinaufgekommen. Die Tuxer Gipfel waren noch schneebedeckt, ich stapfte über Geier-Spitze (2875 m) und Naviser Jöchl (2479 m) nach Tulfes, fuhr mit dem Bus nach Hall im Inntal.
Im Karwendel
hatte ich vom Bettelwurf und der Speckkar-Spitze leider wenig Aussicht.
Brauchte dann die Steigeisen für die Birkkar-Spitze (2749 m), habe schön
gezeltet auf dem Bäralp-Sattel. Bin auf dem luftigen
2. Von Garmisch-Partenkirchen nach Verona:
Über die Lechtaler Alpen, die Ötztaler Alpen, auf der Route E-5 über die Sarntaler Alpen, die Fleimstaler Alpen und die Vizentiner Alpen nach Verona, vom 30.8. bis 19.9.99, 21 Tage, 154 Gehstunden, 31 000 m Aufstieg, 455 km Bergwege, 35 km Wegstrecke mit Auto.
Von
der Haustüre weg ging ich über das Hochtörlenjoch nach Ehrwald, bin über die
Grubig-Alm bis zum Fernpass gekommen und habe schön gezeltet im Kälbertal.
Weiter in den Lechtaler Alpen, über
den Lorea-Kopf (2471 m) und das Hinterberg-Joch (2202 m) zur Anhalter Hütte. Über
den Scharnitz-Sattel (2441 m) zur Muttekopf-Scharte (2615 m), bei düsterer Bewölkung
durch die grimmigen Kübelwände abgestiegen, die östliche Dremel-Scharte (2553
m) dann war noch unheimlicher bei ziehenden Nebelschwaden. Heute besser nicht am
Steinsee zelten, dachte ich mir, ab zur Steinsee-Hütte. Und es schüttete
nachts aus allen Kübeln! Der Morgen war wieder schön für die lange Tour über
die Gufel-Spitze (2617 m), die Rosskar-Scharte und das Gebäud-Joch zum Würtemberger
Haus. Weiter zur Großberg-Spitze (2657 m), über das Großberg-Joch und die
Seescharte zum Oberen Seewi-See (2500 m). Das Zelt blieb stehen für den
Abstecher zur Parseier-Spitze (3036 m) über das Parseier Joch und die
Patrol-Scharte, vom Gipfel war beste Rundumsicht. Nach dem Abstieg habe ich schön
gebadet im Sewi-See und bin über die Seescharte nach Zams abgestiegen.
Per Venet-Seilbahn hinauf geschwebt, dann unter vielen Tagesgästen über die Gipfel des Venetberges nach Wenns gegangen. Weiter auf dem Geigenkamm der Ötztaler Alpen, über den Wildgrat (2971 m) kam ich zur Ludwigsburger Hütte. Über den Fundusfeiler (3079 m) zum Felderjöchl (2797 m), äußerst steil hinab und zum Hauersee mit gutem Zeltplatz. Kein Vergnügen war der Aufstieg zur Luibis-Scharte (2914 m) bei Nebel, Regen und blankem Eis. Weiter übers Rötkarl-Joch (2710 m) zur Chemnitzer Hütte. Sieben Leute gingen am frühen Morgen auf den Mainzer Höhenweg, ein junggebliebener Alter und ich warteten lieber das Tageslicht ab. Wir plauderten zum Weißmaurach-Joch (2953 m) hinauf, stiegen über steile Felsrippen und stapften auf Firnflächen zum Wassertal-Kogel (3252 m). Die Frühaufsteher hatten keine Chance, alle wurden von uns überholt. Weiter mit Tiefblick den Blockgrat entlang zum Polleskogel und runter zum Pitztaler Jöchl. Nach 5:25 Stunden klopften wir uns gegenseitig auf die Schulter, denn andere sollen für diese Tour zwei Tage brauchen!
Ab dem Jöchl nahm ich die Route E5 für den Weiterweg, stieg ab nach Zwieselstein und kam auf alten Wegen übers Timmelsjoch (2509 m) in die Sarntaler Alpen. Hatte abends vom Hirzer (2781 m) gute Sicht auf die Dolomiten im Abendrot, auf den Weiden oberhalb von Meran war heuer nicht ein Haflinger zu sehen. Kein Zimmer frei in Jenesien, habe am Sportplatz gezeltet, fuhr am Morgen mit der ersten Gondel hinab nach Bozen.
Hier bin am Sonntag-Morgen durch die Altstadt an den Gegenhang gebummelt. Die Seilbahn trug mich hinauf nach Kohlern, und schon war ich wieder unterwegs im Hügelland der Fleimstaler Alpen. Kam über Deutschnofen nach Maria Weißenstein, habe in der aufschlussreichen Bletterbach-Schlucht Erdschichten bestaunt. Radein, Truden und Gfrill waren die letzten Dörfer im Südtirol. Dann, im Buschwerk der Steilflanken, roch es plötzlich nach Macchia, bella Italia ich komme. Auf dem Weg zur Lagorai Gruppe die Erd-Pyramiden von Segonzano bestaunt, abends hoch oben am Lago Erdemolo gut gezeltet. Es war eine eiskalte Nacht, dafür hatte ich schönes Herbstwetter auf dem M. Gronlait (2388 m) und dem M. Fravort (2347 m). Eine italienische Mama reichte hier gerade ihrer Familie Köstlichkeiten, aus Gaudi habe auch ich meine Hand aufgehalten. Begeistert lachend bezog die Frau mich mit ein, ich genoss ihre feinen Pfannkuchen, belegte Semmeln, Obst, Kaffee, Wein, molto bene, mille grazie Signora Mama! Hocherfreut stieg ich ab nach Lévico Terme.
Der Gegenanstieg aus dem Tal heraus gefiel mir gar nicht, also ließ ich mich hinauf fahren nach Carbonare. Erleichtert ging ich die Vizentiner Alpen an, hier war kein Gebüsch und das Klima war erträglich. Auf Waldwegen und alten Militärstraßen stiefelte ich über den Monte Maggio (1853 m) in die Pasubio Gruppe, Kriegsrelikte wo ich hinschaute. Über die Carega-Gruppe musste ich leider bei Nebel, im erstaunlich einsamen Lessinia-Hügelland gingen schwere Gewitterregen nieder. Ich stand staunend unter der mächtigen Naturbrücke Ponte di Veja und ging zum Abschluss durch die märchenhafte Schlucht Val Borago nach Verona hinab. Nach einem kurzen Stadtbummel bin ich zum schönen Abschluss mit dem Zug nach Venedig gefahren, leider bei Regenwetter.
Eine Alpenüberquerung in 38 Tagen zu Fuß und mit dem Zelt im Sommer 2006
546 km auf dem Gelben Weg der Via Alpina von Triest nach Oberstdorf
Von Hans Diem
Nach vier Alpen-Längsüberschreitungen und sieben Alpen-Überquerungen hat mich das Projekt Via Alpina interessiert. Also bin ich (als Erster) im Sommer 2002 den Roten Weg von Monaco nach Triest gegangen in 96 Tagen (ohne die 200 km lange Schleife in den Ligurischen Alpen), habe als nächstes den bayrischen Violetten Weg von Berchtesgaden nach Oberstdorf getestet, war dann als Freund der Südalpen auf dem Blauen Weg von Monaco nach Riale im Val Formazza unterwegs, 2006 war der Gelbe Weg von Triest nach Oberstdorf an der Reihe.
Der Internet-Ausdruck www.via-alpina.com für den Gelben Weg hat mich sehr enttäuscht wegen der fehlerhaften Angaben zu den Strecken. Ich reklamierte und habe nach der Tour bei den Wegemachern einen Bericht von 37 Seiten mit 450 Fotos abgeliefert.
Anreise
Hans Diem, 68 Jahre zählend und mit 22 kg Rucksack incl. Zeltausrüstung, fährt wie immer mit der Eisenbahn über Nacht, Ankunft am 20.06., 8.30 Uhr in Triest. Die Hafenstadt am Mittelmeer liegt an der Grenze zu Slowenien, es ist schönes Sommerwetter mit über 30°C. Weiter mit einem Linienbus 12 km nach Muggia, ein romantischer Ferienort mit Yachthafen. Blick über die Bucht hinweg auf Triest und den Höhenzug dahinter mit dem Gelben Weg, das schaut gut aus. Umsonst suche ich im Ort eine Tafel mit einer Via-Alpina-Info, hier ist schließlich der Beginn des Roten Weges nach Monaco, und auch der Beginn des Gelben Weges nach Oberstdorf.
Friaul
Muggia, Val Rosandra, Mont Stena 442 m, Opicina, 9:20 Stunden Gehzeit, 32 km Weg, 2 Tage. 60 km Bahnfahrt nach Cividale. Karte Tabacco 047.
1. Tag, 20. Juni. Muggia. Auf der Piazza G. Marconi beginnt mein Weg in den Sommer 2006. Bedächtig gehe ich die ersten Schritte durch das lebhafte Dorf Richtung S. Barbara hinaus und auf Teerstraße mit rot-weißer Markierung und einer 1 hinauf in das hügelige Hinterland mit Landwirtschaft, Buschwald, kleinen leblosen Dörfern. Nach 1:30 Std. bin ich am Grenzübergang Rabuiese mit Autostraße und einer Bar. An der Theke der Bar stehen nervöse Autofahrer, ich setze mich hinten in den kühlen Gastraum. Am Beginn jeder langen Tour wird aufmerksam registriert und intensiv gefühlt. Da bin ich richtig froh, dass mich die Bedienung bemerkt hat und mir mit einem freundlichen Lächeln eine Fanta und ein Panini mit Schinken serviert. Ich kann die Stiefel ausziehen, die Füße unterm Tisch ausstrecken und mich zurücklehnen. Ah, ich bin wieder unterwegs, am Beginn meines 14. Sommers in Folge, der Diem geht wieder bergauf und bergab über alle Berge, wunderbar ist das, Freude pocht in der Brust.
Nach der Großbaustelle einer Autobahn geht es ab in den einsamen Buschwald. Fahrwege, Fußwege, Muliwege wechseln ab, es geht her und hin, auf und ab, ohne Wanderkarte hätte ich keine Chance. Der erste Bach am Weg sieht nicht gut aus, ich tauche trotzdem kurz ein, das Wasser ist viel zu warm um zu erfrischen. Beim Ort Dolina ist ein schattiger Wanderparkplatz mit einer eingefassten Quelle, der Sorgente Sgurenz. Zwei Frauen füllen gerade eine Menge Plastikflaschen auf, dann bin ich dran mit trinken, waschen, Flaschen füllen. Obwohl ich erst 3 Stunden unterwegs bin, habe ich schon einen großen Bedarf an Wasser und eine Riesenfreude mit der Quelle.
Es geht stramm bergauf zu einem Aussichtpunkt auf 403 m Höhe mit einem ersten Panoramablick auf Triest und die Bucht. In steiler Schotterflanke hinab zum Ort Bagnoli Sup. mit der ersten Hütte am Gelben Weg, dem Rifugio Mario Premuda (81 m). Das kleine Gasthaus hat nur 6 Schlafplätze, leider ist es wegen Ruhetag geschlossen. An der Hauswand ist eine große Via-Alpina-Infotafel montiert mit einer Wegbeschreibung (in fünf Sprachen): 1. zurück nach Muggia, 2. voraus nach Opicina. Ich studiere die Tafel und bin enttäuscht. Im Nachbarhaus frage ich nach Wasser, die Frau zeigt mir den Wasserhahn an der Außenwand des Rifugio, danke. Deutsche Urlauber beobachten mich, sie würden mich ins nächste Hotel fahren, nein danke, ich habe doch mein Zelt dabei. Dafür bietet sich eine Wiese neben dem Gastgarten an, und ein paar Minuten am Bach aufwärts ist die Gumpe für ein erfrischendes Bad.
2. Tag, 21. Juni Am Morgen weckt mich Vogelzwitschern, ich werde wach mit dem schönen Gefühl, dass ich wieder unterwegs bin, auf dem Erdboden liege, die frischeste Luft atme, völlig frei bin und gleich gehen kann, wie und wo ich will. Wegweiser mit einem kleinen Via-Alpina-Logo führen zum Ort hinaus. Überraschend alpin geht es im Val Rosandra auf einem Bergweg aufwärts, das V-Tal hat felsige Steilflanken, hat die Kapelle Santa Maria in Siaris und einen 36 m hohen Wasserfall. Nach dem kleinen versteckten Ort Bottazzo an der Grenze zu Slowenien Aufstieg zu dem Höhenzug mit dem M. Stena (442 m). Die Panoramaschau über das Val Rosandra hinweg auf Triest und die Küste ist sehr schön, ich setze mich und schaue lange auf das ungewöhnliche Motiv.
Weiter auf dem Höhenzug mit Wiese, Wald, leblosen Dörfern, einem Golfplatz ohne Golfspieler, mit gelegentlichen Ausblicken auf die Küste. Beim Queren einer Autostraße kommt von links ein Mann gegangen. Bravo, bravo ruft er schon von weitem. Gehen ist das Beste, sagt er in Deutsch, er macht jeden Tag einen flotten Spaziergang. Ich soll mich vor Zecken hüten, die vermehren sich hier explosiv. An der nächsten Straße ist ein Parkplatz mit einem Grillrestaurant, schon knurrt mein Magen. Leider geschlossen, wenigstens gibt mir ein Wasserhahn frisches Wasser für eine Suppe und einen Kaffee aus meinen Vorräten. Der nächste Aussichtspunkt ist 457 m hoch und bietet wieder ein Super-Panorama mit Triest und der Küste. Nach einer halben Stunde bin ich am Campingplatz Obelisco beim Dorf Opicina. Hier ist die Camping-Bar offen, ich trinke 2 l Fanta mit Wasser gemischt, bekomme einen Insalata mista. Nur fünf Minuten entfernt steht der Obelisco. Der Obelisk steht an einer Straßenkehre, hat einen Parkplatz daneben mit einem Traum-Ausblick auf die Küste. Leider ist es so stark diesig, dass Meer und Dunst eins sind, kein Horizont zeigt die Grenze zwischen Himmel und Wasserfläche an.
Wegen der Hitze und dem Wassermangel auf der folgenden Flachstrecke über das Karst fahre ich mit dem Zug nach Gorizia und übernachte in einer Pension. Noch sind keine Alpen zu sehen, also fahre ich weiter nach Cividale. Damit habe ich 94 km Weg erfahren und nicht begangen.
Julische Alpen
Cividale, Mataiur 1641 m, M. Guarda 1720 m, Resiutta, 50 Std. Gehzeit, 129 km Weg, 8 Tage. 18 km Busfahrt nach Tolmezzo. Karten: Tabacco 041, 027.
3. Tag, 22. Juni. Cividale ist eine historische Kleinstadt, noch im Flachland mit fruchtbarem Bauernland gelegen. Bei 32°C Aufstieg auf Straße in das bewaldete Hügelland und dem Wallfahrtsort Castelmonte (618 m), schön auf einer Bergkuppe gelegen und restauriert. Hier ist das Ziel der 5. Etappe am Gelben Weg mit Albergo und Gasthaus. Der Internetausdruck gibt hier z.B. ab Gorizia 15,5 km an, ich stelle nach Karte 43 km fest. Die Wegweiser ab hier haben ein kleines Logo mit V und A, darauf ist der linke Flügel des V in Gelb für den Gelben Weg. Sehr gespannt bin ich auf die Wegführung und die Infrastruktur in der einsamen und verlassenen Gegend.
Auf verwinkelten Wegen geht es rauf und runter, meist in Laubwald, die waagrechte und kürzere Autostraße meidend. Wehe, wenn hier ein Wegweiser fehlt. Am Weg liegt mal eine freistehende Kapelle, mal ein altes, fast verlassenes kleines Bauerndorf, mal mit Brunnen, mal ohne, d.h. Wassermangel. Außerhalb vom Dorf Grindovizza gibt es einen Brunnen, daneben eine Sitzbank und einen ebenen Grasflecken, ideal für eine Zeltnacht. Es ist 18.35 Uhr, 24°C warm, ich bleibe hier. Also kurz baden im Brunnen, das Zelt aufstellen, Tee machen, gemütlich speisen. Um 20.30 Uhr kommt eine Frau aus dem Ort mit einer Tasche voll Flaschen und füllt diese am Brunnen auf. Sie spricht deutsch, wundert sich über mein Zelt, fragt nach meiner Tour. Sie holt regelmäßig dieses Quellwasser, ihre Vorfahren wurden alt damit. Sie hat das Wasser prüfen lassen, es enthält viel Eisen und Magnesium. Weil der Behörde das Wasser aber nicht aus genügender Tiefe kommt, soll es nicht getrunken werden. Sie gibt zu, wenn es viel regnet, ist es schmutzig. Sie ist hier aufgewachsen, hat dann mit ihrer Familie in Rom gelebt und gearbeitet. Jetzt wohnt sie wieder hier, pflegt ihre alte Mutter. In den Dörfern hier leben nur noch wenige alte Leute. Nur noch einzelne Bauern bewirtschaften Felder, dichter Buschwald breitet sich aus. Hier wird ein slowenischer Dialekt gesprochen, denn das Land war vor 1947 slowenisch. Sie zeigt mir eine geologische Verwerfung in der Nähe, eine Abbildung davon ist in vielen Lehrbüchern zu sehen.
4. Tag, 23. Juni. Auf Bergweg und Fahrweg in Buschwald über das Dorf Tribil auf den bewaldeten Monte Cum (912 m). Abstieg zum Ort Rucchin, eine alte Frau mit Schweizer Dialekt ist gesprächig, sie hat hier her geheiratet. Neben der Kirche S. Volfango ist eine offene Osteria, im Dorf Clabuzzaro ist sogar ein Brunnen und eine Osteria. Um 11 Uhr treffe ich auf das Rifugio Casoni Solaríe (956 m), neu und gut. Die Seniorwirtin spricht auch deutsch und bewirtet mich mütterlich als einzigen Gast. Früher haben sie als Slowenen Deutsch gelernt, jetzt gehören sie zu Italien, sprechen daher Italienisch und Deutsch und ihren slowenischen Dialekt. Für den nächsten Tag hat sich eine Gruppe Bergradfahrer angemeldet zur Einkehr, die bringen etwas Leben ins Land.
Weiter geht es auf einem Höhenrücken mit der Grenze zu Slowenien, in Blumenwiesen mit Blick in die slowenische Bergwelt über mehrere Gipfel um 1100 m hoch, Abstieg zum bewohnten Bergdorf Topoló. Am Weiterweg habe ich plötzlich hohen Puls und schwache Beine. Bin ich krank von faulem Trinkwasser? Kein Platz fürs Zelt ist in der Bergflanke zu sehen, aber eine offene Almhütte liegt passend am Weg, da richte ich mir ein Lager im Heu ein.
5. Tag, 24. Juni. Am nächsten Tag geht es mir einigermaßen gut, möchte dennoch einen Ruhetag einlegen. Nach der Überschreitung der Bocchetta di Topolo (810 m) spricht mich im Ort Polava ein Deutsch sprechender Mann an. Er will mir ein Zimmer vermitteln, geht mit mir in das Nachbardorf Cepletischis (gesprochen Tscheplétiskis), auf dem Weg dahin berichtet er vom Land und den Leuten hier, er hat lange im deutschen Ruhrgebiet gearbeitet. Eine von zwei Ferienwohnungen im Ort ist frei, der Vermieter betreibt 2 km entfernt ein kleines Gasthaus. Er kocht für mich, seine Frau bedient, sie nehmen sich Zeit für eine gute Unterhaltung.
6. Tag, 25. Juni. Aufstieg zum Mataiur, nach Wegweiser auf Bergweg und Fahrweg in Wald und Blumenwiesen bergauf, der Gipfel mit Kapelle ist mit 1641 m Höhe herausragend, heute leider ohne Weitsicht bis zum Meer. 20 Leute mit Kindern tummeln sich hier oben an diesem Sonntag. Unterhalb auf 1325 m liegt das Rifugio Pelizzo, ist gut besucht, allerdings mit einem Parkplatz und vielen Autos vor der Tür. Am Weiterweg fehlt ein Wegweiser mit dem VA-Logo, beschwere mich deshalb bei zwei einheimischen Berggehern. Sie haben denselben Weg und erzählen mir viel Wissenswertes beim Abstieg zum Dorf Stupizza (203 m) am Fluss Natisone. Bei 35°C Hitze baden einige, viele sonnen sich auf den Kiesbänken.
Aufstieg in Wald zum Dorf Montefosca (707 m). Ein einfaches Gasthaus mit Brunnen ist hier, es gibt nur kalte Küche, es hat keine Betten zu vermieten. Ich suche noch den Weiterweg, zelte dann auf einer gemähten Wiese, werde beim Zeltaufstellen von einem Schwarm heftig beißender schwarzer Fliegen attackiert.
7. Tag, 26. Juni. Ohne Wegweiser nach Karte aus dem Dorf, am Abzweig von der Autostraße den winzigen Hinweis auf VA entdeckt, genug geärgert, schon gehen meine Beine wieder auf Hochtouren. Sehr verwinkelt im Laubwald über ein Grenzpostenhaus zu einem ausgetrockneten Bachlauf und bergauf zum Dorf Prossenico (553 m). Völlig verschwitzt freue ich mich riesig über den Brunnen bei der Kirche. Ein alter Mann schaut mir lachend zu und zeigt auf ein Gasthaus. Juhu, die Osteria ist offen, die Wirtin stellt sofort den Schrubber weg und macht ein großes Frühstück für mich. Sie spricht perfekt schwäbisch, denn sie war, wie die meisten hier, auch mal Gastarbeiterin. Fotos von 1946 hängen an der Wand, das blühende Dorf hatte damals 725 Einwohner, jetzt sind es noch 25 alte Menschen. Auf den Wiesen und Äckern ist inzwischen dichter Buschwald gewachsen.
An der Grenze zu Slowenien, freudig am Bach Natisone mit schönen Badeplätzen aufwärts, leidend über einen Geländerücken und durch einen Bacheinschnitt teils weglos und in Gestrüpp bei schweißtreibendem Tropenklima mit großer Lust auf Dusche, Bett und Essen zum Dorf Montemaggiore (795 m) mit Trattoria und Zimmer. Doch das Haus ist geschlossen. Chiuso bis 30.06. steht da an der Tür, das darf nicht wahr sein, es ist der 26. Bitter enttäuscht wasche ich mich notgedrungen am Dorfbrunnen, ein alter Mann verkauft mir drei Dosen Fanta, ungeniert stelle ich mein Zelt in den Schatten eines Hauses. Eine Ziege kommt vorbei, gehütet von einer Frau, auch die spricht gut Deutsch, nützt die Gelegenheit zu einer Unterhaltung und zeigt mir den Weiterweg.
8. Tag, 27. Juni. Schön geht es bergauf im Wald, ein Quellbach hat frisches Wasser, dann in Blumenwiese hinauf zu einem Joch und auf Grasrücken zur Punta di Montemaggiore (1613 m), sehe Rehe und Gämsen, habe vier Zecken am Bein. Rückblick über bewaldete Höhenzüge bis Castelmonte. Keine Wegweiser hier, also zurück zum Joch, langer Abstieg auf Bergweg in Bergwald zum Passo di Tanamea (851 m). Da ist eine Bar, da gibt es sicher was zu Essen. Leider gibt es nur Getränke. Auf bayrisch schimpfe ich zu einem Holzfäller hin, der versteht mich und schenkt mir seine Brotzeit. Der Mann hat zwei Jahre lang in Bayern Bäume gefällt und spricht bayrisch. Das Etappenquartier, ein Albergo in der Nähe ist noch geschlossen. Ich könnte zelten, brauche aber dringend Lebensmittel, sage ich ihm. Da organisiert er die Mitfahrt in einem Kleinbus, 14 km weit unten im Tal kann ich einkaufen und auch in einem Hotel übernachten.
9. Tag, 28. Juni. Der Wirt fährt mich am frühen Morgen gerne wieder hinauf zum Passo di Tanamea. Es wird spannend, die Etappe B 10 steht auf dem Papier mit 13:15 Std., 48 km Weg mit 2133 m Aufstieg und 2673 m Abstieg. Ich behaupte, das ist noch untertrieben. Eine so lange Etappe dürfte es gar nicht geben auf Via Alpina!
Auf gutem Bergweg über die Scharte Bocchetta di Zaiavor (1608 m) zum Almdorf St. Gnivizza (1077 m). Man hat mir gesagt, dass die Baita hier offen hat.
Aber sie hat wochentags zu, Bewirtung nur noch am Wochenende. Weil die Spüle im Freien ist, habe ich Wasser und das genügt mir. Dann wird es Ernst mit der Umrundung des Val Resia. Auf einem langen Kamm 4:15 Std. lang zum Talschluss mit dem M. Guarda (1720 m), mit einem fantastischen Ausblick, der Felsberg M. Canin steht gleich daneben. Kein Wegweiser mit VA-Logo ist hier, steige ich zur Alm Coot ab oder quere ich zum Bivacco Constantini? Ich erkunde das Bivacco, die übliche simple Blechtonne ist offen, hat 10 Lager, aber kein Wasser. Nach 35 Min. Abstieg kommt Wasser aus einem Schneefeld, bei der Alm Berdo di Sopra zelte ich nach gut 8:30 Std. Gehzeit. Ein Juhu Richtung Alm, es juchzt einer zurück! Aha, die Alm Coot ist in Betrieb und hat sicher Wasser.
10. Tag, 29. Juni. Bei der Alm Berdo steht das VA-Logo auf einem Wegweiser zur Coot Alm, also geht VA nicht über das Bivacco, sondern vom M. Guarda über die Alm Coot zur Alm Berdo. Weiter in der Bergflanke nach Wegweiser talaus, nach 45 Min. überrascht mich eine neue Selbstversorger Hütte auf 1440 m, die Casera Canin. Da sind eine Küche mit Holzherd und Essplatz, 2 Zimmer mit 7 Betten (ohne Decken) unterm Dach, Toilette und Dusche, leider läuft kein Wasser aus den Hähnen. Abstieg zum Ort Coritis (641 m), zumindest läuft Wasser im Brunnen. Anschließend soll ich nach Wegweiser mit VA-Logo einen Umweg in der Bergflanke über die Höhe 1112 m nach Stolvizza gehen. Das mache ich nicht mit, ich gehe auf der Autostraße ohne Verkehr 4,5 km zum bewohnten Dorf Stolvizza (573 m). Die Bar hat Ruhetag (wieder das Pech), aber das Alimentari hat zum Glück noch fünf Minuten offen für einen umfangreichen Einkauf. Hier gibt es kein Fremdenbett, Gasthaus und Zimmer wären 5 km entfernt im Dorf Prato, sagt mir der Mann im Laden.
Nach einem Wegweiser zur Stavoli Lom mit VA-Logo steige ich von Stolvizza auf, es war der letzte Wegweiser mit VA-Logo bis Resiutta! Ab einer Weggabel auf 1500 m Höhe Querung nach Karte in der Bergflanke mit schönem Blick in den Talschluss des Val Resia. Auf Forststraßen geht es in Wald endlos rauf, runter, her und hin. Endlich komme ich zur Sella Sagata (840 m) mit Kapelle, großer Wiese und Brunnen an einer Alpini-Hütte. Niemand da, es ist ideal zum Zelten, wieder 8:30 Std. gegangen.
11. Tag, 30. Juni. Wie bisher auf Forststraßen im Wald zum Ort Stavoli Ruschis. Hier geht ein Mann auf mich zu, ich zeige ihm die Karte, den eingetragenen Weg Via Alpina gibt es nicht, ich muss auf einem Traktorweg auf die Kuppe mit einem Funkmasten gehen, dann in Urwald hinunter nach Resiutta (315 m). Das große Dorf hat Hotels, Gasthäuser, Läden, Buslinien. Im Gasthaus rechne ich zusammen und vergleiche mit VA, Etappe B 10: Ich komme auf 20 Std. Gehzeit, 50 km Weg, 2826 m Aufstieg und 3362 m Abstieg, trotz verkürzter Strecke (VA: 13:15 Std., 48 km Weg mit 2133 m Aufstieg und 2673 m Abstieg).
Die nächsten Etappen Nr. 11 und 12 sind sicher sehr schön, aber sehr abgelegen mit zwei vollen Tagen für 18 km Talstrecke. Ich lasse sie aus und fahre mit dem Bus (18 km) zur Kleinstadt Tolmezzo (320 m). Meine Evelyn kommt per Bahn hier her, nun gehen wir zu zweit auf die Via-Alpina-Tour.
Südliche Karnische Alpen
Tolmezzo, M. Arvenis 1960 m, Ovaro, M. Pieltinis 2027 m, Forni di Sopra, Val Montanaia 2333 m, Calalzo di Cadore, 36 Std., 95 km, 6 Tage. Karten: Tabacco 013, 02.
12. Tag, 2. Juli. Tolmezzo, mit Bus 8 km nach Zuglio. Wir besichtigen die Ausgrabungsstätte eines Foro romano an der Via Julia Augusta, steigen dann auf Fahrwegen durch den Waldgürtel hinauf in ein ausgedehntes Almgebiet, gut beschildert mit VA-Logo. Da sind wir flott unterwegs, schauen abends vom M. Arvenis (1960 m) in die Runde, zelten gut bei einer Alm mit Wasser aus einer Quellfassung.
13. Tag, 3. Juli. Abstieg auf Fahrweg und Autostraße zum Dorf Ovaro (503 m), wir können einkehren und einkaufen, bei 33°C ist es schwülwarm. Aufstieg zum Dorf Mione, auf Fahrweg teils sehr steil bergauf zum Passo della Forcella (1824 m). Oben haben wir es angenehm luftig, kurze Gewitter lassen etwas Regen fallen, wir zelten gut an einem Rastplatz.
14. Tag, 4. Juli. Die Route quert lange in einem Höhenzug mit einem sehr schönen Weidegebiet, die Almen am Weiterweg heißen Malga oder Cásera, nicht alle sind in Betrieb. Die Casera Losa bietet Übernachtung und Essen, wir frühstücken hier. Zwei Stunden später verkauft uns die Casera Pieltinis Käse und eine Brotzeit. Die Etappenliste gibt das tief gelegene Dorf Sauris di Sotto (1205 m) als Etappenziel an, wir müssten am Morgen wieder aufsteigen. Wir planen anders, steigen auf den Gipfel des M. Pièltinis (2027 m) zu einer Rundum-Ausschau, gehen auf dem Höhenzug weiter zur Sella Festons (1850 m), steigen ab auf einem Fahrweg zum höher gelegenen Dorf Sauris di Sopra (1394 m). Wir kennen das Albergo Neider, können über Nacht bleiben und einkaufen.
15. Tag, 5. Juli. Der Höhenweg mit der VA von der Sella Festons über den M. Rioda zur Sella di Rioda war am Abzweig nicht beschildert, so gehen wir von Sauris di Sopra direkt auf der Autostraße im Steilhang hinauf zur Sella die Rioda (1800 m) und weiter in Almlandschaft über die Casera Razzo (Laden mit Lebensmittel) und die Forcella Tragonia (1973 m) nach Forni di Sopra (900 m). Der große Ferienort hat viel Betrieb, am Dorfplatz setzen wir uns gemütlich zu einem Espresso auf die Terrasse vor einem Hotel. Der Wirt ist clever, er bietet uns sein schönstes Zimmer verbilligt an. Schon schauen wir vom Balkon im 2. Stock begeistert über das Dorf hinweg ins Gebirge. In der Gaststube läuft die Fußball-WM am Fernseher, ohne uns.
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