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 am:   21.08.08

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W a n d e r b e r i c h t e  -  S p a n i e n

 

 

Inhaltsverzeichnis:      Frühsommer in den Hochpyrenäen - 

                                 Weitwandern im französisch-spanischen

                                 Grenzgebirge

                                 Von Harald Meth

 

                                Weitwandern in Spanien: Die Ruta de la Plata

                                 Von Prof. Dr. Georg Rückriem

 

                              •  Königswege zwischen Drachenbäumen

                                 und Höllenschlünden

                                 Wandern wird auf La Pallma zur Bergtour zwischen

                                 Nebelwald und Lavawüste

                                 Von Dr. Roland H. Knauer

 

                                Die Pyrenäen auf Spanisch

                                 Von Hans Diem

 

 

Frühsommer in den Hochpyrenäen

Weitwandern im französich-spanischen Grenzgebirge

 

Von Harald Meth

 

 

Traumwetter

 

Tag um Tag Sonne und Wärme, eine sagenhafte Fernsicht, azurblauer Himmel über schneegesprenkelten felsigen Hochlagen und Gipfeln, davor das frische Grün der Wälder und Matten und die Farbenpracht der sich entfaltenden Blüten. Der Sommerbeginn des Jahres 2001 in den französischen Zentralpyrenäen war wirklich märchenhaft. Weitwandern „de luxe“ sozusagen.

 

Bis Juli währte dieser Traum aus klarer Luft, Sonne und hohen Temperaturen, bevor, just mit dem Wechsel nach Spanien, ein erheblich instabileres Wetter einsetzte und eindringlich in Erinnerung rief, dass einem Hochgebirge von dreieinhalbtausend Meter Gipfelhöhe und Weitwanderpassagen bis nahe an die Dreitausender-Grenze immer mit der nötigen Vorsicht zu begegnen ist.

 

Unwetter

 

Im zauberhaften spanischen Estós-Tal mit Wiesen voll blühender, vierzig Zentimeter hoher blauer Iris und noch höherem Gelben Enzian wollte ich einmal mein Zelt aufstellen am plätschernden Bach. Der Tag war grau, und ich ging weiter zur frustrierend vollen Berghütte. Nachts kam das Gewitter. Stundenlang donnerten Regen- und Hagelfluten gegen das Blechdach, und vorbei war es für den Rest meiner Wanderung mit der Blumenpracht. Bachquerungen erwiesen sich in den nächsten zwei Tagen als gefährliche Abenteuer. Die Fluten rissen Straßenbrücken hinweg. Und wo ich heute wäre, hätte ich jenen paradiesischen Übernachtungsplatz gewählt, weiß der Himmel.

 

Nicht für Anfänger

 

Aber auch bei Schönwetter erfordern die Pyrenäenpfade beiderseits der Grenze bisweilen eine gewisse Vorsicht. Altschnee an den hohen Pässen - auch auf dem insgesamt weniger anspruchsvollen französischen GR 10 – lassen es angeraten erscheinen, im Frühsommer Grödel mitzuführen. Auf dem spanischen GR 11 gibt es einzelne ausgesetzte Passagen und leichte Kletterstellen, die ängstlichen Naturen Unbehagen bereiten könnten. Wirklich schwierig sind beide Wege nicht, wenn die Kondition stimmt. Wer sich am Zugang zum Ordesa-Nationalpark nach mehr als 1000 Höhenmetern Aufstieg noch konzentrieren kann, wenn eine weitere Steilstufe oder ein exponiertes Wegstück dies erfordern, wird den Weg meistern.

 

Wegführung

 

Zumeist verläuft die etwa dreieinhalbwöchige Runde über aussichtsreiche Bergpfade und Wanderwege in freier Natur oder nutzt Forst- und Almwege. Asphaltstrecken sind die Ausnahme. Besonders in Frankreich wurde im Lauf der Jahre jede Möglichkeit genutzt, zugewachsene Wiesenwege oder eine alte Mulattiere wieder gangbar zu machen, um Teerstraßen zu vermeiden.

 

Ganz so ideal ist die Situation in Spanien nicht, doch sind unschöne Straßen-märsche auch hier selten. Man hat in den Naturparks in den letzten Jahren das Fußwegenetz erweitert und das kommt dem Weitwanderer zugute. Karten und Führer vermerken diese Verbesserungen aber bisher nur zum Teil.

 

Besser markiert ist zweifellos der französische GR 10, doch wird man bei einiger Erfahrung auch auf dem spanischen GR 11 keine ernsteren Orientierungsprobleme haben.

 

Hütten, Herbergen, Hotels - und Zelt

 

Es gibt viele Berghütten in den Hochpyrenäen. Dennoch kann es bereits Ende Juni/Anfang Juli zu Übernachtungs-Engpässen in Gebieten wie Gavarnie oder Ordesa kommen. Auch ist immer, besonders in Spanien, damit zu rechnen, dass große Kinder- und Jugendgruppen ein Refugio füllen. Man melde sich lieber an. An den weniger hoch gelegenen Wegstrecken existieren in Frankreich auf Wanderer spezialisierte sogenannte Gîtes d’Etapes, die Ende Juni allerdings manchmal noch einen ziemlich verlassenen Eindruck machen. Besser also auch hier telefonieren.

 

Wer Lager gerne meidet, hat durchaus Chancen ein Hotel zu finden, das dem Wanderer zumindest zu Beginn der Sommersaison auf Nachfrage seinen günstigen Halbpensionspreis einräumt. Ferienhotels bieten oft mehr für’s Geld als spezielle Wanderherbergen und sind mir auch atmosphärisch eine willkommene Abwechslung zum Vagabundenleben, das man sonst so auf Weitwanderungen, vor allem mit dem Zelt, führt.

 

Natürlich wird nicht jeder seine eigene Behausung mitschleppen wollen. Aber meine Erfahrung ist, dass sich das Erleben der durchwanderten Landschaft intensiviert, baut man am Abend sein Zelt in den Almregionen auf. Erlaubt ist das Biwakieren, beachtet man bestimmte Regeln, zumeist auch in den National- und Naturparks. Ein lauschiges Plätzchen mit Wasser fand sich eigentlich immer - jedes auf seine Weise einzig.

 

Landschaftsbilder

 

Rote Felsgipfel am Col du Somport, die symmetrische Pyramide des Pic du Midi d’Ossau, die gewaltige Nordwand des Vignemale, der riesige Hochgebirgskessel von Gavarnie, die bizarre Canyon-Landschaft des spanischen Ordesa-Nationalpark - die Farb- und Formenvielfalt der Bergformationen, die einen in den Pyrenäen auf engem Raum erwarten, ist enorm. Idyllische Bergseen, wie der Lac d’Ayous (Pic du Midi) oder der Lac d’Aumar (Neouvielle), und stille Wald- und Wiesentäler erweitern das Landschafts-Spektrum zusätzlich. Ein abwechslungsreicheres Weitwandergebiet lässt sich kaum denken.

 

Almleben - Tierleben

 

Ihren Beitrag zum eben Gesagten liefert auch die traditionsreiche Almwirtschaft - nicht nur wegen ihrer wunderbaren Kuh- , Ziegen- und vor allem Schafskäse. Auch die Hirten selbst können die Pyrenäen zu einem besonderen Ort für den Wanderer machen. Man begegnet sonnengebräunten Menschen mit klaren offenen Augen, die aussehen, als wären sie direkt einem touristischen Werbeprospekt entsprungen: Zigarette im Mundwinkel, Baskenmütze schief auf dem Kopf und neben sich ihre drollig aussehenden struppigen Hunde – könnte man nur mehr Französisch und Spanisch.

 

Von besonderem Reiz natürlich auch die Begegnung mit Tieren in freier Natur. Murmeltier, Fuchs, Gämse und Steinbock, dazu Vögel aller Größen bis hin zum mächtigen Bartgeier habe ich gesehen – und einmal, in der Dämmerung, einen Rothirsch mit Gefolge. Unvergesslich, wie sein gewaltiges Geweih sich immer weiter über einen Kamm am Rande der Waldgrenze in den Himmel hob, bevor der Körper sichtbar wurde und das Tier schließlich in seiner ganzen majestätischen Größe den Wiesenhang herabgefedert kam.

 

Wer ein Plätzchen mit seinem Zelt besetzt, das nachts sonst den Tieren allein gehört, kann allerdings auch Unvergessliches anderer Art erleben. So zeltete ich einmal in einem großen Hügelrund, in dem offenbar zwei weiße Pyrenäenhunde, größer als Bernhardiner, des Nachts regelmäßig Streife gehen. Ich hatte kaum das Zelt aufgebaut, da trabte an mir ziemlich betrübt ein Fuchs vorbei. Seinen Gemütszustand so richtig nachvollziehen konnte ich aber erst, als die zwei Riesen nach stundenlanger lautstarker Nachtwanderung bei meinem Zelt angelangt waren und intensiv darüber berieten, was mit mir zu tun sei.

 

Thermalbäder

 

Ebenfalls ein Erlebnis, wenn auch ganz anderer Art, ist die Begegnung mit den Thermal-Kurorten am Weg. Leider gerät deren spezifische Atmosphäre aber zunehmend unter die (Auto-)Räder.

 

Am schlimmsten verwüstet hat der touristische Ungeist das einst so stille aragonesische Balneario de Panticosa. Massenweiser Tagestourismus belebt den Ort so sehr, dass bereits dem letzten Bäcker und dem letzten Lebensmittelgeschäft zugunsten von Touristenramsch der Garaus gemacht ist. Die alten Großhotels wirken zwar immer noch so unfreundlich und unzeitgemäß wie früher, gestalten jedoch zum Ausgleich hierfür neuerdings ihre Preise für den Einzelreisenden überaus ‚modern’.

 

Aber auch die großen französischen Thermalbäder gehen mit der Zeit. Im noblen Cauteret umsäuseln den Gast aus öffentlichen Lautsprechern weichgespülte Klänge, die das Gefühl vermitteln, die heimischen Großstadt-Kaufhäuser erst gar nicht verlassen zu haben. Andererseits sind Cauteret und, mit Abstrichen, Bagnères-de-Luchon wegen ihrer dekorativen Kurhotels und Thermen immer noch recht angenehme und sehenswerte Orte.

 

Frisch geduscht und gesättigt dem touristischen Treiben der Welt bei Bier, Wein, Kaffee oder Pastis von der „terrasse“ zuzuschauen, nach bier-, wein- und kaffeelosen Tagen mit Zelt, ist gar kein so übles Gefühl und bringt eine zusätzliche Farbe in die ohnehin so reiche Palette einer Weitwanderung in den Hochpyrenäen. Wer mag, kann hier außerdem für einen Tag in die Kurgast-Rolle schlüpfen und seine strapazierten Wanderglieder mit Massagen, Fango und Heilwasser verwöhnen lassen, bevor er sich wieder ins Weitwander-Abenteuer stürzt.

 

Dörfer und Städtchen

 

Ebenfalls lohnen würde sich ein Ruhetag in Luz St. Sauveur, Thermal- und Ferienort in einem, mit mittelalterlichem Siedlungskern und berühmter romanischer Wehrkirche. Aber auch die kleinen spanischen Fremdenverkehrsorte Benasque, Bielsa, Torla und Sallént de Gállego besitzen historische Zentren und eine einladende Atmosphäre. Zudem lässt sich hier preisgünstig tafeln. Das für Spanien typische dreigängige Menu del Dia, Wein inklusive, ist schon für unglaubliche 15 bis 20 Mark zu haben. Und wie es schmeckt, wenn man zu Fuß und mit Rucksack in den Bergen unterwegs ist, brauch ich Euch ja nicht zu sagen.

 

Erschienen in "Wege und Ziele" Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 14 - August 2004

 

 

Weitwandern in Spanien: Die Ruta de la Plata

 

Von Prof. Dr. Georg Rückriem

 

I. Die „Wirbelsäule Iberiens“

 

Daß die Urform des Weitwanderns die Pilgerreise ist, gilt nicht nur, aber in besonderem Maße für Spanien. Schließlich sind die verschiedenen jahrhundertealten Jakobswege, die die Fußpilger aus allen europäischen Ländern zum Grab des Apostels Jacobus in Santiago de Compostela führten, die historisch bedeutendsten Wanderrouten Europas und in vielerlei Hinsicht die Vorläufer der heutigen Europäischen Fernwanderwege.

 

Vor allem in Spanien wurde das Pilgerwesen im Laufe der Zeit zu einem Motor der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und die Pilgerwege zum Transmissionsriemen der Zivilisation“(1) . Befestigte Wege und Brücken, Herbergen und Hospitäler entstanden, Handwerk, Handel und ‚touristische’ Dienstleistungen entwickelten sich entlang der Pilgerrouten. Aus unbedeutenden Dörfern wurden bedeutende Städte.

 

Seit etwa der 60er Jahre hat der Jakobuskult und das mit ihm verbundene Pilgerwesen einen neuen Aufschwung genommen. Durch die ungewöhnliche Koalition aus katholischen Institutionen, Wandervereinen, regionalen Tourismusverbänden und internationalen Organisationen (UNESCO, Europarat) erhielt der Jakobuskult eine enorme Dynamik: 1987 erklärte der Europarat die Pilgerwege nach Compostela zur ersten ‚Europäischen Kulturstrasse’ und 1993 nahm die UNESCO den nordspanischen Camino francés – Hauptweg vor allem der europäischen Pilger von Frankreich bis Nord- und Osteuropa – als Ganzes in ihre Liste des Weltkulturerbes auf.(

 

(1) Pablo Nadal, La Ruta de La Plata a Pie y en Bicicleta, Madrid 2/2004, S. 8.

(2) Vgl. Peter Knost, Die 1200jährige Geschichte der Jakobswege. In: Berliner Bergsteiger, 56 (2005) 3, 6-8.

 

Vermöge der damit verbundenen erheblichen Finanzmittel ist seither die Infrastruktur speziell auf diesem Weg erheblich ausgebaut worden, so dass heute auf dem Weg von Roncesvalle bis Santiago ein dichtes Netz von preiswerten bzw. kostenlosen Pilgerherbergen (Refugios) existiert, die das Wandern erheblich vereinfachen. Folgerichtig sind in den letzten Jahren die Zahlen der Wanderer rasant angestiegen. Waren es 1985 noch rund 2.500, so stieg (im Heiligen Jahr!) 2004 die Gesamtzahl der Fußwanderer( auf rund 180.000 Pilger. Sicherlich wird sich dieser Anstieg bereits in diesem Jahr wieder normalisieren und auf ca 80 - 90.000 Pilger zurückgehen, aber selbst das sind noch große Zahlen. So wundert es nicht, dass sich das Wanderinteresse auch anderen Gebieten zuwendet, und da es überwiegend nichtspanische Wanderer sind, die nach Alternativen suchen,( richtet sich die Aufmerksamkeit auf die anderen traditionellen Pilgerwege wie z.B. die ziemlich genau 1.000 km lange Ruta de la Plata vom Süden Spaniens durch Andalusien, Extremadura, Kastilien und Asturien nach Santiago, auf die im folgenden ausführlicher eingegangen werden soll.( Wer mit langen und einsamen Etappen umgehen kann, abwechslungsreiche und gelegentlich rauhe Landschaften liebt, Abenteuer und einfachste Unterkünfte nicht scheut, dem sei vor allem dieser Wanderweg sehr empfohlen.

 

(3) Nicht gerechnet die zahlreichen Touristen aus den z.B. von Kirchengemeinden, Volkshochschulen oder Kulturinstitutionen organisierten Alternativreisen, die ihren Bus gelegentlich für kurze Wanderungen verlassen.

 

(4) Über die zahlreichen und schönen Möglichkeiten, die wegen fehlender Informationen bislang nur spanischen Wanderern zugänglich sind, informiert seit einem Jahr - in spani- scher Sprache - eine eigene Zeitschrift: CAMINAR. Senderismo y naturaleza. Prames, S.A., Zaragoza. ISSN 1697-2112. Wegen ihres unschätzbaren Wertes für alle, die gerne in Spanien wandern wollen, soll diese Zeitschrift in einem eigenen Beitrag rezensiert werden. Vgl. zum Thema „Wandern in Spanien“ vor allem den „Guía de Senderos del Estado Espanol“, 5. Auflage 2005, hrsg. vom Comité Estatal de Senderismo de la Federación Espanola de Deportes de Montana y Escalada (F.E.D.M.E.). (C/Floridablanca, 84. 08015 Barcelona. E-mail: fedme@fedme.es. Website: www.fedme.es.) Vgl. aber auch den von der FEDME herausgegebenen und jährlich aktualisierten „Registro General de Senderos“, letzte Auflage 2002-2003. Er enthält sämtliche - existierende, im Bau begriffene und geplante - Spanien durchquerende Europawege, GR (Gran Recorrido), PR (Pequeno Recorrido), SL (Senderos Locales) sowie deren Varianten, sämtliche Adressen der regio nalen FEDME-Organisationen, eine Bibliografie der verfügbaren Wanderführer, eine Karte der GR in ganz Spanien sowie eine Karte der Europawege durch Spanien.

 

(5) Auf den Camino francés (vgl. M. Kasper, Outdoor Handbuch 23, 7. Aufl. 2004) muß nicht mehr gesondert hingewiesen werden. Die einschlägigen Führer und die zahlreichen publizierten Pilgerberichte (von den inzwischen unüberschaubaren Interneteinträgen ganz abgesehen) sind in der Regel bekannt bzw. über den Zentgraf Verlag, einem Spezialverlag für Jakobus-Literatur (siehe www.jacobuspilger-zentgraf.de), leicht zugänglich. Aber auch der Conrad Stein Verlag publiziert zahlreiche Bücher über Jakobswege, vor allem Führer – zumeist von Michael Kasper – für alle Nebenwege und Varianten. Vgl. Outdoor Handbuch Nr 71 „Der Küstenweg“, Nr. 141 „Der Camino Primitivo“, Nr. 149 „Der Tunnelweg von San Adrián“.

 

Bei meiner eigenen Vorbereitung für die Wanderung auf diesem Weg traf ich zufällig in einem der inzwischen zahlreichen spanischen Führer auf eine so ungewöhnliche Einführung, dass ich sofort fasziniert war. Ich gebe sie hier in meiner Übersetzung wieder:(6)

 

Die Handlung versetzt uns an einen unbestimmten Ort zwischen Mérida und Cáceres. Ein Ölhändler hält an einer Service-Station. Während sein Fahrzeug in der Garage überprüft und in Stand gebracht wird, trinkt er im Restaurant ein Glas Wein und reserviert ein Zimmer, um ein wenig zu schlafen. Gestützt auf die Bartheke, beobachtet er durch das Fenster zwei Polizisten, die den starken Verkehr bewachen; neben ihnen markiert ein Kilometerstein die Entfernung bis zum nächsten Ort: 22 Kilometer. Es regnet heftig, aber das gewölbte Profil der Strasse entwässert die Rinnsale in zwei Abwasserkanäle, die parallel zur Strasse verlaufen und so vermeiden, dass sich das Wasser auf dem Fahrweg staut. Während unser Ölhändler seine Rechnung bezahlt, betritt eine Gruppe von Arbeitern unter dem Kommando eines Ingenieurs das Lokal. Sie kommen, um die beschädigte Leitplanke in einer Kurve der Paßstrasse zu reparieren und verlangen nachdrücklich ihr Frühstück, ehe sie wieder an ihre Arbeit zurückkehren.

(6) Nadal, La Ruta de La Plata a Pie, a.a.O., S. 8. Übersetzung G.R.

 

Der Autor rekonstruiert hier zwar eine alltägliche Szene, die jedoch dadurch gänzlich ungewöhnlich wird, dass sie sich etwa im Jahre 60 unserer Zeitrechnung abspielt: Spanien ist eine römische Provinz und die Strasse, auf der sich die Szene abspielt, ist die Ruta de la Plata, damals eine gepflasterte Chaussee von 500 Kilometern Länge, die die römischen Städte Emerita Augusta (Mérida) und Asturica (Astorga) verbindet. Die Service-Station ist einer der Einrichtungen im Verlauf der Straße, die zur Unterstützung der Reisenden vorgesehen und mit Ställen für den Pferdewechsel sowie mit Militärstützpunkten und Gasthäusern für Unterkunft und Verpflegung ausgerüstet waren.

 

Die Strasse repräsentierte damit einen erstaunlichen Grad an Zivilisation, der sich nicht nur mehr als 400 Jahre hindurch erhielt, sondern darüber hinaus die Sprache, die Kultur und vor allem das Strassennetz Spaniens prägte. Es scheint daher durchaus kein Ausdruck von übertriebenem Nationalstolz zu sein, wenn ein Spanier die Ruta de la Plata als „die Wirbelsäule Iberiens“ bzw. „die Achse“ bezeichnet, „die zugleich die Romanisierung Spaniens, die Arabisierung des Nordostens der Halbinsel, die Reconquista der Extremadura und Andalusiens und die Reise der maurischen Christen aus dem Süden zum Grab des Apostels Santiago ermöglichte.“

 

Ich war verblüfft. Es war also eine ehemalige römische Chaussee aus glatten Steinplatten, die heute – 2000 Jahre nach ihrem Bau – einen der grössten spanischen Wanderwege darstellt. Und tatsächlich, trotz der Vernachlässigung und des erlittenen Raubbaus kommt die alte römische Chaussee streckenweise immer noch zum Vorschein und erinnert die modernen Wanderer daran, wie man in den Anfängen unserer Zivilisation reiste.

 

Die Ruta de la Plata von heute aber ist, wie der Camino francés vielleicht vor 25 Jahren war: wild und einsam, überreichlich ausgestattet mit Einsamkeit und weiten Naturräumen, aber arm an Infrastruktur. Der von mir herangezogene spanische Führer warnt daher zu Recht: „Wer den Camino francés kennt, sollte von diesem anderen Jakobsweg aus dem Süden nicht dieselben Bequemlichkeiten erwarten, die im Rahmen der millionenschweren Kampagnen eines jeden Jakobus-Jubiläums über die traditionelle Route ausgegossen werden. Etappen von 30 Kilometern und länger, ohne Ortschaften oder Wasser, sehr einfache Übernachtungen auf dem Fußboden eines Gemeinderaumes, Provinzhauptstädte ohne einen einzigen gelben Pfeil, der beim Durchqueren helfen könnte, sind die Regel auf der Ruta de la Plata des 21. Jahrhunderts.“ Aber er beschreibt diese Eigenheiten keineswegs als Warnung oder gar Abschreckung.

 

Ich kann ihm vielmehr nach meiner abgeschlossenen Wanderung durchaus zustimmen, wenn er meint, sie seien vielmehr „für den wahren Wanderer und authentischen Pilger nicht nur keine Hemmungen, sondern eigentlicher Anreiz.“ Vielleicht mutet der abschließende Satz der Einführung etwas romantisch an; für mich war er jedenfalls ungemein motivierend: „Die Ruta de la Plata, die hartnäckig Überlebende aus Jahrhunderten des Vergessens und der fehlenden Aufmerksamkeit der Verantwortlichen, bewahrt in ihren verwitterten Steinplatten noch den reinen Geist des Abenteuers.“

 

Zur Geschichte.

 

Schon diese kurze Charakterisierung, die mir klarmachte, dass die Ruta de la Plata mehr als 2000 Jahre alt, also erheblich älter als der Camino francés ist, machte mich neugierig. Nun wollte ich genauer wissen, auf welchen Weg ich mich da begeben wollte. Wiederum fand ich in einem spanischen Führer eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der Ruta de la Plata, die ich hier in teils wörtlicher, teils paraphrasierter Form wiedergebe, weil ich keine andere Darstellung gefunden habe, die in vergleichbarer Weise sachliche Kompetenz und verständliche Sprache in so gelungener Form miteinander verbindet und zugleich ein sehr lebendiges Bild vermittelt von den mächtigen Interessen, in die dieser Weg eingebunden und den heftigen geschichtlichen Veränderungen, denen er unterworfen war.(

 

Zunächst galt es, den tatsächlichen Verlauf des Weges zu klären, denn die Ruta de la Plata ist nicht identisch mit der Nationalstrasse 630, obwohl das Ministerium für Entwicklung sie so bezeichnet. Obwohl einige Autoren hartnäckig darauf bestehen, die Reichweite der Ruta de la Plata bis nach Sevilla im Süden und bis Gijón im Norden auszuweiten, sind die römischen Dokumente unbezweifelbar: Die Chaussee Nr. 24, die wir heute als Vía de la Plata kennen, hieß ursprünglich Iter ab Emerita ad Asturicam (Weg zwischen Mérida und Astorga) und begann bei jener extremenischen Stadt, der Hauptstadt der römischen Provinz Lusitanien, die im Jahr 25 vor Christus durch Augustus gegründet wurde, um die ausgedienten („emeritierten“) Legionäre vor den Cantabrern und Asturern zu schützen. Von dieser bedeutenden Enklave, bekannt als das spanische Rom, gingen viele andere Chausseen aus, unter anderem nach Hispalis (Sevilla), nach Corduba (Córdoba), nach Toletum (Toledo) oder nach Olisipo (Lisboa). Die Ruta de la Plata führte durch Cáceres, Salamanca und Zamora und endete ohne jeden Zweifel in Asturica Augusta (Astorga), dem römischen Lager, das mit der Bewachung der kriegerischen Cantabrer und Asturer beauftragt war, die zwar der Herrschaft Roms unterworfen worden, aber immer noch von dem Wunsch beseelt waren, das Joch der Invasoren abzuschütteln.

 

Allerdings ist der Name nicht unumstritten. Jedenfalls tauchen in den verschiedenen Wanderführern unterschiedliche Bezeichnungen auf. Da die variierenden Namen aber auch mit variierenden Routen verbunden wurden, war Klarheit über die korrekte Bezeichnung dringend geboten.

 

(7) Ebd., S. 8 – 19.

 

In keinem der alten Dokumente erscheint die Chaussee als ‘de la Plata‘. Lange Zeit hindurch dachte man zwar, dieser Gattungsname sei von dem kostbaren Metall [Plata = Silber] abgeleitet, das in den asturischen und leonesischen Minen gewonnen und auf diesem Weg nach Mérida und Sevilla transportiert wurde. Heute ist aber klar, dass der Name der Chaussee nichts mit dem silberhaltigen Erz zu tun hat. Vielmehr stammt er aus einer sehr viel späteren Zeit. Als die Mauren in Spanien einfielen, befand sich die Chaussee trotz ihrer jahrhundertelangen Vernachlässigung noch in gutem Zustand. Daher benutzten die Invasoren sie für ihren Einmarsch in den Norden und nannten sie B’lata, was Gepflasterter Weg bedeutet, um sie von anderen zweitrangigen Wegen aus lediglich gestampfter Erde zu unterscheiden. Die Hispanisierung dieses arabischen Namens führte zu der heutigen Bezeichnung.

 

Es ist aber klar, dass die Geschichte des Namens und die Geschichte des Weges nicht identisch sind, vielmehr liegen die Ursprünge sogar noch vor der Römerzeit. Es ist folgerichtig zu vermuten, dass die einheimischen Stämme bei ihren Wanderungen zwischen dem Norden und dem Süden schon einen der Ruta de la Plata vergleichbaren Weg benutzten, längst bevor die Römer Iberien ansteuerten. Der Korridor von Béjar oder der Paß Los Castaños waren natürliche Übergänge, die von Tieren schon genutzt wurden, um im Sommer von den ausgetrockneten extremenischen Steppen zu den saftigen Weiden der Cordillera cantabrica zu wechseln, lange ehe der Mensch auf zwei Füßen ging.

 

Viele dieser als rutas trashumancias,( cañadas oder vias pecuarias bezeichneten Viehtriften wurden und werden z.T. noch heute von der Viehwirtschaft aus demselben Grund genutzt, aus dem sie ursprünglich von den Wildtierherden hervorgebracht wurden. Nachdem sie lange Zeit hindurch völlig vernachlässigt und teilweise auch überbaut worden sind, erinnert man sich ihrer heute als einmalige und unersetzliche Wanderwege, schützt sie durch entsprechende Gesetze und baut sie als willkommene Möglichkeiten der Förderung des Tourismus auf.(

 

(8) Transhumanz, von spanisch „trashumar“ = auf die Weide bringen. Traditionelle saisonbedingte Fern- oder Wanderviehwirtschaft. Vgl. www.euronatur.org/ transhumanz01.htm.

 

(9) Vgl. dazu Carlos Ferris Gil, Las vías pecuarias y los caminos tradicionales. CAMINAR, 2004, no 4, p. 108-109. Siehe auch Manuel Rodríguez Pascual: “La Trashumancia. Cultura, cañadas y viajes”. Edilesa 2001. Inzwischen erscheinen aber auch Wanderfüh- rer für diese Wege, so z.B. Teresa Casquel, Vías pecuarias. La Serrania del Turia. GR 37. Centro Excursionista de Valencia. 2003. Siehe auch: GR 9. Cañada Real de los Toros. Navarra – Guipuzkoa. Prames. 2003

 

Gelegentlich kommt es dabei jedoch zu harten Konflikten. Als vor wenigen Jahren die Schafzüchter mit Unterstützung durch die Fundación Global Nature(10) um ihre historisch verbrieften Rechte kämpften, trieben sie ihre riesigen Herden vier Jahre lang über zwei der wichtigsten Strecken, die Ruta de la Plata und die Cañada Leonesa, durchquerten dabei diejenigen Stadtteile von Madrid, die auf dem Territorium einer ruta trashumancia liegen und blockierten so den Verkehr über mehr als einen Tag.

 

(10) Vgl. www.fundacionglobalnature.org

 

Auch die Ruta de la Plata folgt an zahlreichen Stellen direkt solchen Transhumanz-Korridoren, die ich nach dieser Vorinformation unschwer an ihrer Breite – 20 bis 50 Meter – erkannte. Gelegentlich traf ich an den uralten Rastplätzen des Viehtriebs sogar auf die – heute meist jedoch verfallenen – Rasthäuser der Viehhirten, machte hier ebenfalls meine Pause und sah mich träumend, wie sie damals von Abertausenden von Rindern und Schafen umgeben waren. Nachdem aber die Menschen die Herden einmal domestiziert hatten, brauchten sie nur ihren Routen zu folgen, um Wanderwege anzulegen. Seit dem dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nutzten vetonische, asturische, vacceanische und lusitanische Volksstämme diese natürlichen Pässe für ihre wirtschaftlichen oder kriegerischen Wanderungen vom Norden in den Süden. Über den Grad der Ausgestaltung, den die Route in jenen entfernten Epochen annahm, weiß man nur wenig. Sicher ist nur, dass die Ruta de la Plata bereits im 1. Jahrhundert vor Christus konsolidiert war und eine intensive wirtschaftliche Aktivität zwischen dem Tal des Guadalquivir und den asturischen Bergen ermöglichte.

 

Aber erst die Ankunft der römischen Legionen, die sich die von den unterworfenen Stämmen erworbenen Geländekenntnisse aneigneten, gab den Startschuß für das gewaltige Vorhaben, Spanien mit einem ganzen Netz von festen Strassen zu überziehen. Die erste dauerhaft gepflasterte Strasse in der Extremadura erscheint um das Jahr 139 vor Christus, als Quintus Servilius Cepión den lusitanischen Häuptling Viriato besiegte und ein Militärlager in der Nähe des gegenwärtigen Casar de Cáceres begründete, das er Castra Servilia nannte. Dieses Lager verteidigte die Nordgrenze gegen die lusitanischen Angriffe, weswegen es mit der römischen Etappe durch eine Strasse verbunden wurde, die den Transport der Truppen, den Rückzug der Verwundeten und die Proviant- bzw. Waffenlieferungen erleichtern sollte. Dies war die Keimzelle der Vía de la Plata.

 

Aber die römische Chaussee, die wir heute kennen, ist erst das Werk des Römischen Reiches. Nachdem die cantabrischen und asturischen Stämme endlich unterworfen worden waren, wurde ganz Spanien zu einer römischen Provinz. Mit dem Frieden kam die Romanisierung und die Verwaltung des neuen Staates. Augustus, seit 25 vor Christus Kaiser von Rom, gründete Mérida mit den ausgedienten Soldaten zahlreicher Legionen und baute in Astorga ein wichtiges vorgeschobenes Militärlager aus, um die immer noch gefährlichen Bergstämme zu kontrollieren. Gleichzeitig entwarf er einen Straßenplan, der bis in die Gegenwart der ehrgeizigste aller Planungen in Spanien ist. Seine Chausseen verbanden Cartago Nova (Cartagena) und Gades (Cadíz) an der Küste sowie Caesar Augusta (Zaragoza), Legio (León) und Asturica (Astorga) im Tal des Ebro. Von Cartago Nova aus führte eine andere wichtige Strasse nach Corduba (Córdoba) und Hispalis (Sevilla). Andere kleinere Strassen durchquerten das Landesinnere über Toletum (Toledo).

 

Um den Kreis durch den Osten der Halbinsel zu schließen, begann Augustus den Bau der anderen imperialen Chaussee, die die cantabrische Front von Astorga mit der Etappe in Mérida verband. Man begann den Strassenbau mit der Konstruktion der ersten Brücke über den Albarregas in Mérida. Die Pflasterung reichte zunächst nur bis zum Tajo, wo die Chaussee in eine Strasse aus gestampfter Erde überging. Die Nachfolger des Augustus, Tiberius, Vespasian und Nero, verlängerten die Pflasterung bis Salamanca. Aber es waren erst die beiden Herrscher spanischer Herkunft, Trajan und Adrian, die sie vollendeten, ihr die Form gaben, die wir heute kennen, und die einige der grossartigen Brücken schufen, wie z.B. die von Alconetar über den Tajo und die von Salamanca über den Tormes. Bis zum 3. Jahrhundert war die Chaussee vollendet und verband nun die cantabrischen Pässe mit den Häfen des Mittelmeers und des Atlantik.

 

Die herrliche Brücke über den Albarregas in Mérida und die beeindruckende über den Tormes in Salamanca existieren in ihrer anscheinend unerschütterbaren Statik bis heute, während die berühmte Brücke über den Tajo bedauerlicherweise in dem See untergegangen ist, zu dem der Tajo in unseren Zeiten aufgestaut wurde. Aber ich traf unterwegs an vielen unerwarteten Stellen immer wieder auf die Spuren der römischen Strasse: auf kleinere, immer noch intakte Brücken über Bäche, aber auch auf größere, die zwar einen Fluß überqueren, aber abseits der modernen Strasse scheinbar völlig nutzlos in der Landschaft stehen; aber auch auf Straßenstücke, die man auszugraben begonnen hatte, so daß man ihren Aufbau nachvollziehen konnte; auf Meilensteine mit unbekannten Entfernungsangaben und solche, die offenbar unvollendet an Ort und Stelle ihrer Herstellung liegen gelassen wurden; auf die erste aller je gebauten Talsperren, deren Wasser auf dem schon teilweise verfallenen, jetzt aber wenigstens am Rande der Stadt wieder rekonstruierten Aquädukt nach Mérida geführt wurde und deren erstaunliche Ingenieurkunst ich nicht hoch genug bewundern konnte.

 

Woher aber hatte man diese Detailinformationen? Aus welcher Quelle konnte man schöpfen? Und was weiß man an Einzelheiten? Die reichlichen Informationen über dieses Wunder der öffentlichen Ingenieurkunst, die bis auf unsere Tage gekommen sind, lassen sich zurückführen auf eine römische Strassenkarte, die im 3. Jahrhundert angefertigt wurde und unter dem Namen Itinerario de Antonino bekannt ist. Von diesem Dokument haben sich Kopien aus dem 7. und dem 12. Jahrhundert erhalten, die es trotz großer Unterschiede zwischen ihnen doch erlauben, die Trasse der imperialen Chaussee fast auf den Meter genau zu rekonstruieren. Sie begann in Mérida an der Brücke über den Albarregas neben dem Aquädukt de los Milagros, verlief über eine Länge von 465 Kilometer bis Astorga und verfügte über Aufenthaltsorte und Service-Stationen nach jeweils 20 bis 25 römischen Meilen (1 Meile = 1.480 m), deren Meilensteine (millionarios), große Granitsäulen, zum Teil heute noch auf ihrem Platz stehen. Diese Tankstellen der klassischen Zeit - ein weiterer grosser Beitrag der römischen Zivilisation zur Erhaltung, Sicherheit und Verbesserung der Strassen - besaßen Gebäude mit Lagerhallen für Pferde und Futter, an denen die Reisenden ihre Reittiere zum Tränken abgaben oder die ermüdeten durch frische Tiere ersetzten. Sie verfügten sogar über einen Service de jumentarii et carrucarri, d. h. man konnte Pferde und Kutschen mieten. Es gab Hotels und Restaurants und, natürlich, Militärstationen zu ihrem Schutz. Der Itinerario nennt 13 solcher Hauptstationen zwischen Mérida und Astorga; aber wir dürfen annehmen, dass im Laufe der Zeit weitere kleinere Stationen entstanden. Viele von ihnen sind inzwischen vollständig identifiziert worden; sie bildeten die Keimzellen grosser Städte wie Salamanca, Cáceres oder Zamora. Die genauen Koordinaten der anderen Stationen zu lokalisieren, war bisher nicht möglich, zum Teil auch weil ihre Reste unter heute unbewohnten Orten wie z.B. Cáparra oder Caelionicco begraben liegen. Auf jeden Fall reichte die mit glatten Steinplatten gepflasterte Chaussee nur bis Salamanca, wo sie auf die Provinzgrenze zwischen Lusitanien und Tarragonien traf. Von dort bis Astorga bestand sie aus einer Strasse aus gestampfter Erde, von der kaum Spuren geblieben sein können, zumal das Gebiet weniger stark bewohnt und romanisiert war als der Süden, und die imperialen Einrichtungen lediglich für das Militär oder die Bergwerke interessant waren.

 

Cáparra ist heute fast völlig ausgegraben. Ein am Rande dieser alten versunkenen Station errichtetes Museum informiert in vielen Einzelheiten über das Leben zu den Zeiten der Römer. Wenn man, wie ich, Cáparra am Ende einer der beiden 40 km langen Etappen endlich erreicht hat und erschöpft im Schlafsack unter dem erhalten gebliebenen Torbogen über die alte Chaussee in den Schlaf fällt, kann man nur mit Neid und Bewunderung von den Bequemlichkeiten träumen, die die damaligen Wanderer genießen konnten.

 

Der Zerfall des Römischen Imperiums beendete zwar die Versorgung und Erhaltung des Strassennetzes. Aber anders als viele andere Strassen hatte der Iter ab Emerita ad Asturicam noch eine lange Geschichte vor sich. Denn es gab noch mehr als 1.500 Jahre später keinen Ersatz für die alte römische Strasse zur Verbindung des Südens und Nordens mit dem Westen der Halbinsel. Und zahlreiche der alten Brücken müssen noch heute die tägliche Last der schweren Fahrzeuge ertragen. Die nächste Invasorenwelle erreichte die Halbinsel im Jahr 711 von Algeciras aus. Die arabischen Heere des Kalifen überquerten die Meeresenge und drangen mit einer ungewöhnlichen Schnelligkeit in die Halbinsel ein. Sie nutzten dabei die Schwäche der verfeindeten Fraktionen der Westgoten, aber vor allem das von den Römern hinterlassene Straßennetz.

 

In diesem Sinne diente das, was von der Ruta de la Plata mit ihren Brücken und Bergpässen noch existierte, gewissermaßen wie eine vierspurige Autobahn ohne Zoll für ihren Vormarsch in den Norden. Als der arabische General Tarik nach der Schlacht von Guadalete über die Vía de la Plata nach Norden vorrückte, war er äußerst beeindruckt von den Dimensionen der Brücke von Alconétar über den Tajo.( Er blieb nicht der einzige Kriegsmann, der die Vía de la Plata nutzte. Während mehr als 500 Jahren nutzten die verfeindeten Christen und Sarazenen die verwitterten römischen Steine, um sich wechselweise Schläge zu versetzen in dem ständigen Hin und Her der Grenzen, die sie in dem einen Jahr an den Tajo und im nächsten Jahr an den Duero verlegten.

 

(11) Vgl. Sendín Blázquez, Vía de la Plata. Geschichte, Mythos, Legende.

 

Um das Jahr 995 brach Almansor mit einem mächtigen Heer in Córdoba auf, betrat den Weg nach Norden in Mérida und widmete sich während eines mehrere Jahre dauernden Feldzuges mit Hingabe der Zerstörung jeder Kirche oder christlichen Niederlassung, die in die Reichweite seines Schwerts geriet: Salamanca, Zamora, Astorga. Am 11. August 997 kam er nach Santiago de Compostela, zerstörte die Stadt und nahm die Glocken der Kathedrale auf den Schultern christlicher Gefangener in der Absicht mit, daraus Lampen für die Mezquita von Córdoba zu machen. Viele Jahre später, nach der Rückeroberung der gesamten Halbinsel, sah die alte Chaussee Iter ab Emerita ad Asturicam die unversehrten Glocken in einem religiösen und historischen Akt der Sühneleistung nach Santiago zurückkehren.

 

Die Überquerung des Tajo bildet noch heute den kritischen Punkt der Wanderung. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, den Tajo zu passieren. Da die alte Römerbrücke in den Fluten des Stausees verschwunden ist, konzentriert sich der gesamte, zunehmend wachsende Nord-Süd-Verkehr in einem unaufhörlichen, donnernden Strom von 40-Tonnern auf die neu erbaute Brücke und lässt für die Wanderer während der längeren Strecke lediglich Raum auf dem 1,50 Meter breiten Randstreifen. Ich habe mir die Zeit der zermürbenden Stunden auf diesem Weg mit der wechselnden Vorstellung vertrieben, in den Kolonnen der römischen Heere oder den maurischen Horden des Kalifen, gewissermaßen in Sandalen

oder mit Turban zu marschieren. Und wo am anderen Ufer früher ein Hostal dem müden Wanderer die Möglichkeit bot, diese elend lange Etappe zu unterbrechen, heute aber ein verrostetes Schild die Aufgabe des Betreibers verkündet, habe ich versucht, meine Enttäuschung und meinen Frust mit Gedanken an die früheren christlichen Gefangenen zu erleichtern, die ihre Glocken auf ihren Schultern wieder nach Hause brachten.

 

Die Entdeckung des Apostelgrabs des Heiligen Jakob in einem entlegenen Ort in Galicien um das Jahr 813 und der Beginn der Pilgerfahrten nach Compostela reaktivierten auch die Nutzung der Ruta de la Plata. Zunächst waren es die Mozáraber, d.h. die Christen aus den muselmanischen Gebieten bzw. die Flüchtlinge, die in die kürzlich rückeroberten christlichen Gebiete zurückkehrten, später, nach Abschluß der Reconquista, die Einwohner aus dem gesamten Süden der Halbinsel, die sich auf die verwitterten römischen Steinplatten begaben, um in den Norden zu gelangen, diesmal auf der Suche nach dem Jakobsmythos. Aus diesem Grund wird die Ruta de la Plata als Ganze in vielen Publikationen als Camino Mozárabe bezeichnet.(12)

 

(12) Vgl. z.B. Maribel Outeiriño: "El Camino Mozárabe a Santiago - Prolongación de la Vía de la Plata". Ourense 1999. Vor allem in deutschen Führern wird diese Bezeichnung oft nur für die von Zamora über Ourense führende Variante verwendet.

 

Die Pilger aus dem Süden benutzten die Ruta de la Plata, um sich in Astorga den Pilgern auf dem Camino francés anzuschließen. Obwohl in Granja de Moreruela (Zamora) eine Abzweigung beginnt, die über Vérin bzw. Laza und Ourense nach Santiago führt, darf man annehmen, dass die Mehrheit der Pilger wegen der Bedeutung und der Tradition der Pilgerherbergen in Benavente und La Bañeza die Fortsetzung nach Astorga bevorzugte. Außerdem war der Camino francés, der von den Pyrenäen über Pamplona, Burgos und León kam, sehr viel sicherer als die Variante über Ourense und mit mehr Infrastrukturen für die Pilger versehen und daher nicht umsonst Jahrhunderte hindurch die Hauptroute der Pilger.

 

Da ich den Camino francés schon kannte, habe ich die Variante über Laza und Ourense gewählt. Ich erinnere mich an viele verlassene Dörfer, an große Armut in den übrigen, an eine beeindruckende Architektur mit schweren Granitsteinen, an karge und abwechslungsreiche Landschaften, an lange Anstiege und einsame Wege, an weite Kastanienwälder mit reifen Früchten, an anhaltenden Regen und überflutete steile Fußsteige, an die überraschenden und heftigen Proteste der Dorfbewohner, die ihrem Bischof die Auslieferung ihrer lokalen antiquarischen Schätze verweigerten; an die überwältigende Gastfreundschaft und ungekünstelte Freundlichkeit der wenigen verbliebenen Mönche in der riesigen Klosteranlage von Oseira; an die willkommenen Thermalquellen in Ourense, in denen ich versuchte, meine aufgeriebenen Füße und müden Beine für die letzten Etappen bis Santiago wieder fit zu machen und schließlich an die unendliche Erleichterung, als ich nach einer langen und nassen Etappe in Ponte Ulla nach Überquerung des Flusses in dem Restaurant hinter der Brücke das letzte Zimmer für die letzte Übernachtung vor Santiago erhielt. Bis auf die Durchquerung des öden Industrievorortes von Ourense habe ich dieses Teilstück als das schönste des Weges in Erinnerung.

 

Jenseits aller landschaftlichen Schönheiten beeindruckte mich die Ruta de la Plata aber vor allem durch ihre Geschichte als – wie die Spanier sagen – „Transmissionsriemen“ der römischen, christlichen, westgotischen, jüdischen und arabischen Kulturen, deren Spuren sich dem Informierten unterwegs überall erschließen. Für Tomás Alvarez, Autor eines weiteren spanischen Führers, „ist dieser Weg der größte archäologische Schatz Spaniens“.(

 

(13) Tomás Alvarez, Guía de la Via de la Plata. Pueblo a Pueblo. Edicion Lobo Sapiens.

 

II. Reiseberichte

 

Anders als im Falle des Camino francés( gibt es über die Ruta de la Plata keine historischen Zeugnisse christlicher Pilger. Die – zahlreichen – existierenden Wegbeschreibungen oder Wanderberichte sind allesamt jüngeren Datums. Konkrete und lebendige Beschreibungen der individuellen Erfahrungen von Wanderern auf diesem Wege kann man dem Internet entnehmen.( Ich ergänze diese Berichte lediglich an solchen Stellen, an denen meine eigenen Erfahrungen abweichen.

 

Zum Unterschied der beiden Wege und zur Eigentümlichkeit der Ruta de la Plata

 

Gelegentlich wird die Atmosphäre der beiden Wege als verschieden bezeichnet. Das trifft in gewisser Hinsicht zu, in anderer Hinsicht aber durchaus nicht. Zutreffend wäre der Eindruck von geschlosseneren Naturräumen der von der Ruta de la Plata durchzogenen Provinzen, entsprechend von größerer Einsamkeit und Ursprünglichkeit der Landschaft trotz der fast durchgängigen Parallelisierung des Weges mit einer Nationalstraße (630), von einer – trotzdem oder vielleicht auch deshalb – immer noch deutlich weniger entwickelten Infrastruktur des Weges und von einer im Vergleich weniger perfekten Markierung. Zutreffend wäre der Eindruck von Unterschiedlichkeit aber mehr noch mit Bezug auf die stärkere historische Prägung der Ruta de la Plata durch die verschiedenen Kulturen, die römische und arabische zumal. Alle Wege, erst recht so alte, haben die Infrastruktur ihrer Sozialräume geprägt – ihre Kultur, Wirtschaft, Gastronomie usw. –, aber vor allem haben das die kulturell unterschiedlichen Wanderströme. Und da eben macht sich die erheblich längere Geschichte der Ruta de la Plata geltend.

 

(14) Vgl. z.B. Klaus Herbers. Der Jakobsweg. Mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unter wegs nach Santiago de Compostela. Narr Verlag, 7. Auflage 2001 und die von Herbers erwähnte Literatur.

 

(15) Mit Hilfe von „Google“ findet man unter dem Stichwort „Via de la Plata“ viele Einträge. Die besten von ihnen werden im Anhang aufgelistet.

 

Auf der anderen Seite steht diesen Unterschieden das für beide Wege vergleichbare Resultat des engen Verhältnis von Kultur und begrenzten Ressourcen gegenüber. Beide Wege überwinden weite Distanzen und karge Naturräume. Die Wanderströme auf solchen Wegen sind auf die Toleranz, Versorgung und Unterstützung durch die Bewohner strukturell angewiesen, so wie diese auf die Mittel der Wanderer. Schutzbauten, Unterkünfte, medizinische Versorgung, Ernährungswirtschaft und Transportmöglichkeiten gehören zu den zwingenden strukturellen Notwendigkeiten solcher traditionell verankerten Wanderströme. Zwar sind sie kulturell unterschiedlich veranlasst und legitimiert, aber individuell immer auf die gleiche Weise emotional begründet in der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Bewohner. Wer auf solchen alten Wegen wandert, der bewegt sich auf vor langer Zeit kulturell etablierten Bahnen, trifft auf uralte kommunikative Traditionen, die im kollektiven Bewusstsein der Bewohner verankert sind, weil sich die Wanderströme zwar verändern, aber nie abreißen. Daß Wanderer sprachunkundig sind und daher eines besonderen Entgegenkommens bedürfen, ist also normal. Der Wanderer auf den Pilgerrouten aber bewegt sich zusätzlich – ob er es weiß oder nicht – in der kulturell fest etablierten Rolle des „Pilgers“. Er unterscheidet sich vom Wanderer durch sein religiös motiviertes Ziel, das selbst in der allgemeinen Kultur einen hohen Stellenwert genießt und dem Pilger Unterstützung und Gastfreundschaft „garantiert“. Das „Credential“ ist der äußere „Ausweis“ dieser Tatsache und ihre institutionalisierte Absicherung und zugleich die Bestätigung dafür, dass sein Besitzer sich der Rolle bewusst ist, in der er sich bewegt.

 

Dies kann als das übereinstimmende Charakteristikum und in gewisser Hinsicht die gemeinsame „Atmosphäre“ aller alten spanischen Pilgerstrassen betrachtet werden. Wer solche Wege geht, sollte sich daher dieser Tatsache bewußt sein. Er sollte um die besonderen historischen Hintergründe der Kultur wissen, von der er profitiert: Aber er sollte vor allem bedenken, dass jeder, der diese Wege geht, dazu beiträgt, die Kultur und Tradition der Pilgerwege vor dem Aussterben zu schützen. Dies gilt vor allem für die Ruta de la Plata, weil gerade in den von ihr durchquerten Provinzen das Verhältnis von Kultur und begrenzten Ressourcen durch die neue Autobahn zur Zeit dramatisch verändert wird.

 

Zur Weiterentwicklung des Weges

 

Ich bin 2001 von Granada bis Plasencia (abgebrochen wegen des plötzlichen Wintereinbruchs und des hohen Schnees in den kastilischen Bergen) und 2003 von Sevilla bis Santiago gegangen. Ich kann bestätigen, dass sich die Wege und ihre Infrastruktur in dieser Zeit deutlich verändert, nicht aber dass sie sich in allen Fällen positiv entwickelt haben. Der mit Entwicklungshilfe-Mitteln finanzierte Autobahnbau, der die N 630 entlasten soll, wirkt sich auf die Ökologie wie die Sozialstruktur der überwiegend agrarwirtschaftlich bestimmten Gebiete teilweise katastrophal aus und zwingt auch den ursprünglichen Weg auf neue, aber nicht immer schönere Trassen. Andererseits wirkt sich die Entdeckung der Ruta de la Plata für den Tourismus auf die Ursprünglichkeit des Weges nicht immer und überall positiv aus.

 

Zur Frequentierung

 

Die Statistik belegt überzeugend, wie wenig die Ruta de la Plata immer noch begangen wird. So stieg die Gesamtzahl zwar von 200 Pilgern im Jahr 1985 auf 9.309 Pilger im Heiligen Jahr 2004; jedoch sind das immer noch nur 6,8% aller in Santiago ankommenden Pilger. Davon abgesehen variieren die Zahlen je nach Jahreszeit erheblich. Ich habe im April bzw. im Oktober jeweils nur eine Handvoll Pilger getroffen. Aus den Gästebüchern der Herbergen kann man aber entnehmen, dass die Zahlen in den Monaten April bis September deutlich zunehmen. Die Gesamtzahl zersplittert sich unterwegs jedoch stark, wenn man sie auf die unterschiedlichen Zuwege (von Algeciras, Cádiz oder Huelva nach Sevilla bzw. von Granada, Malaga oder Almería über Córdoba nach Mérida) bzw. auf die unterschiedlichen Endstrecken (über Astorga nach Santiago oder von Zamora über Ourense oder von Salamanca über Braganza nach Santiago) verteilt, so dass man selbst in den Hauptwandermonaten durchaus damit rechnen kann, zeitweise einsam zu wandern.

 

Zur „Bequemlichkeit“ des Weges

 

Es trifft zu, dass sich die Infrastruktur in den letzten Jahren wesentlich verbessert hat. Andererseits hatten im Jahr 2003 einige Hostals zugemacht, die in den Führern noch als offen notiert waren, Herbergen waren angekündigt, aber noch nicht eröffnet und die Öffnungszeiten zahlreicher Bars beschränkten sich auf die Saisonzeiten von Mai bis September. Die „Bequemlichkeit“ des Via de la Plata war jedenfalls 2003 noch mit der Bequemlichkeit des Camino francés, den ich 1996 gegangen bin, nicht annähernd zu vergleichen. Auch 2003 war ich bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten zuweilen immer noch auf die lokale Polizei oder den Pfarrer angewiesen. In einigen Unterkünften gab es überhaupt keine Betten, von anderen Bequemlichkeiten abgesehen. Vor allem wenn man im Frühjahr oder im Spätherbst geht, vermisst man die warme Dusche, die Heizung oder die Möglichkeit, seine Wäsche zu trocknen, mitunter doch schmerzlich. Natürlich kann man zuweilen auf Hostals ausweichen – aber eben nur dann wenn es welche gibt, und das ist auf dem Via de la Plata nicht überall der Fall.

 

Zur Markierung

 

Die Qualität der Markierung unterschied sich je nach durchquerter Provinz erheblich. 2003 war sie im Unterschied zu früher zwar deutlich verbessert worden, wies aber trotzdem an vielen Stellen (vor allem in Andalusien auf der Strecke von Granada nach Mérida) unangenehme Lücken auf, die wohl jahreszeitlich bedingt waren (umgestürzte Steine, abgeholzte Bäume, zugewachsene Markierungen am Wegesrand usw.). Zwischen 2001 und 2004 ist der Weg um Zamora durch den Autobahnbau streckenweise völlig zerstört worden, und die Ausweichstrecken waren 2003 nur provisorisch markiert. Teilweise fehlte die Markierung völlig. Das soll sich neueren Berichten zufolge inzwischen aber geändert haben.

 

Zum Zustand

 

Normales Wetter vorausgesetzt, sind die Wege in einem guten Zustand. Bei Regenwetter können sie natürlich schlammig und schwer begehbar sein. Nach anhaltendem Regen – im Oktober ! – hatten sich Rinnsale in kleine Flüsse und die Fußsteige in den Bergen in Bäche verwandelt, und einmal musste ich sogar die Stiefel ausziehen, um barfuß durch kniehoch überflutete Wege zu waten. Im April lag der Schnee in den kastilischen Bergen bis zu 80 cm hoch. Im Mai 2005 gab es Schnee sogar in Madrid. Dann sind die Markierungen mitunter natürlich nur schwer zu finden. Das sind gewiß Ausnahmen, mit denen aber gerechnet werden muß.

 

Menschen unterwegs

 

In der Extremadura und dem südlichen Kastilien trifft man unterwegs tatsächlich nur wenige Menschen. Es gibt lange, einsame Etappen. Zahlreiche Dörfer sind teilweise, einige vollständig verlassen und menschenleer. Aber wie immer unter solchen harten Bedingungen sind die Menschen besonders hilfsbereit, anrührend freundlich und gelegentlich überwältigend gastfreundlich, auch wenn man kein Spanisch spricht, obwohl wenigstens geringe Sprachkenntnisse natürlich den Kontakt erleichtern. Ich habe zahlreiche Beispiele einer Gastlichkeit erlebt, wie man sie in unserem Lande schon seit einiger Zeit nicht mehr kennt.

 

Zur Qualität der Herbergen

 

Es sind in der Regel sehr einfache Unterkünfte, meist mit Doppelstockbetten, kleinem Sanitärbereich und Küche oder Aufenthaltsraum. Die Qualität variiert jedoch enorm. Nicht immer gibt es Betten oder Wolldecken. Es empfiehlt sich daher dringend, einen Schlafsack und auch eine Isomatte mitzunehmen, weil man gelegentlich zwar in einem geschlossenen Raum, aber auf Tischen oder auf dem blanken Fußboden schlafen muß. Manchmal gibt es nur die bloße Übernachtungsmöglichkeit. Dann fehlt die Küche bzw. die Möglichkeit, sich etwas zum Essen zuzubereiten oder die warme Dusche oder sogar die Möglichkeit, nasse Textilien oder Schuhe zu trocknen. In einigen Dörfern gibt es keine Bar und keine Gelegenheit, Nahrungsmittel zu kaufen. In den meisten Fällen findet sich auf Nachfrage jedoch eine Alternative. Wo sie können, helfen die Menschen immer.

 

In vielen Orten gibt es mittlerweile auch Privatunterkünfte und Hostals. Das galt noch 2003 aber nur für größere Orte, nicht unbedingt für die vielen kleinen Dörfer. Es empfiehlt sich daher, sich bei der Planung im Internet nach den neuesten Informationen der spanischen Jakobsgesellschaften zu erkundigen.( In aller Regel braucht man einen Pilgerausweis, ein „Credencial“, in das man sich auch die lokalen Anwesenheitsstempel setzen lässt, mit deren Hilfe man in Santiago die tatsächlich durchgeführte Pilgerreise nachweisen muß und die offizielle Urkunde erwerben kann. Abgesehen davon, dass diese Stempel auch eine schöne Erinnerung darstellen, sind sie als offizielle Bestätigung des Pilgerstatus vor allem im Verkehr mit Behörden oft sehr von Nutzen.

 

(16) Die Website der Amigos del Camino de Santiago de Sevilla lässt keine Wünsche offen und ist perfekt, mit der einzigen Ausnahme ihrer Sprache: www.viaplata.org. Vgl. aber auch www.jakobus-info.de/unser_weg/camino6.htm. Hier findet man außer umfassenden Informationen auch die neuesten Berichte (Stand 2004!) und unter

  www. jakobus-info.de/compostela/Via-de-la-Plata-2004-neu-pdf auch die letzten Korrekturen des Führers von Michael Kasper.

 

Sehr aktuell ist auch www.fernwege.de/foren/jakobsweg/nachricht/4218/index.html. Eine ausführliche Link-Liste findet man unter www.jakobus-info.de/compostela/94.htm

 

Preise

 

Die Preise für ein Doppelzimmer liegen in der Regel zwischen 25 und 35 €. In den Städten hat man aber Glück, wenn man mit solchen Preisen davon kommt. Und wenn man nicht vorbestellt hat, sind die preiswerteren Zimmer in der Regel weg. Das ging mir – jedenfalls 2003 – sogar in der Vor- bzw. Nachsaison (April bzw. Oktober) so. Dabei kann man sich auf die Auskünfte der Wanderführer durchaus nicht immer verlassen, die zuweilen bereits im Erscheinungsjahr überholt sind, da ihre Informationen bestenfalls aus dem Vorjahr stammen.

 

Zur Länge der Etappen

 

Die Etappen sind sehr unterschiedlich. Auch 2004 waren noch 2 Etappen von etwa 40 km zu bewältigen, weil es unterwegs keinerlei Übernachtungsmöglichkeit gab. Sicherlich wird sich das in den kommenden Jahren verbessern und man wird weitere Unterkünfte einrichtet, so daß man die Länge der Etappen flexibel nach den individuellen Bedürfnissen einrichten kann. Ich habe aber auch Wanderer getroffen, die die langen Etappen dadurch bewältigten, dass sie (noch im Oktober!) mit Isomatte und Schlafsack im Freien übernachteten. Je nach Jahreszeit geht das durchaus auch ohne Zelt.

 

 

III. Wanderführer(

1. Deutsche Führer(

 

Michael Kasper: „Jakobsweg. Via de la Plata.“

Conrad Stein Verlag. 2. Auflage 2005. Outdoor-Handbuch Band 116. 224 Seiten ISBN 3-89392-516-3

 

Das Buch beschreibt sowohl die Route von Sevilla über Astorga nach Santiago als auch die Variante von Granja de Moreruela über Ourense nach Santiago. Der in Nordspanien lebende Verfasser ist wohl der beste Kenner der verschiedenen Jakobswege. Seine Führer sind nicht nur im Format leicht und handlich, sondern auch informativ und praktisch, was das Kartenmaterial und die den Wanderer interessierenden Hinweise auf Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten betrifft. Es ist ein kompletter Führer, der seine Aktualität (soweit das überhaupt möglich ist) durch die schnelle Folge der Neuauflagen sichert.

 

(17) Nicht alle Führer kann ich aus eigener Kenntnis beschreiben. In einigen Fällen übernehme ich die Beurteilungen aus dem Internet.

 

(18) Weiterführende Literatur zu verschiedenen Aspekten: Manuel Rodríguez Pascual: “La Trashumancia. Cultura, cañadas y viajes. Edilesa 2001; Brussati, Apropos Caceres. Eine poetische Reise in die Extremadura. Böhlau 2001

 

2. Spanische Führer

 

"La Vía de la Plata. Guía del Camino Mozárabe de Santiago"

Verfaßt von der Asociación de Amigos del Camino de Santiago Via de la Plata. Hrsg. von der Disputación de Sevilla. Sevilla 2/2001. 175 Seiten. Ringbindung. ISBN 84-931176-1-7

 

Erhältlich über die Website der Asociación oder per e-mail für 11 €. Auf der Website findet man auch die Namen der Buchhandlungen in Málaga, Sevilla, Salamanca, Madrid und in Belgien, in denen man das Buch direkt bestellen kann, als auch eine Inhaltsangabe des Buches.

 

Der Führer beschreibt den Weg von Sevilla bis Santiago über Laza, Vilar de Barrio und Ourense, Etappe für Etappe, als auch den Abzweig zum Camino Francés von Granja de Moreruela nach Astorga. Darüber hinaus findet man Links zu den letzten Veränderungen des Weges oder seiner Infrastruktur, die in der letzten Ausgabe noch nicht berücksichtigt werden konnten. Es ist ein kompletter Führer und bis heute der einzige, der sich dem vollständigen Wegverlauf des Camino Mozárabe widmet. Die neue Ausgabe ist für Anfang 2006 angekündigt.

 

Luis Antonio Miguel Quintales: "Ruta del Camino Fonseca. De Salamanca a Santiago de Compostela"

Hrsg. von Amarú. 2002.

 

Dieser Führer beschäftigt sich mit dem Teil des Vía de la Plata, der von Salamanca über Sanabria, Laza und Ourense nach Santiago führt. Er befriedigt alle Wünsche nach Information sowohl der Wanderer als auch der Radfahrer. Er enthält eine gute allgemeine Einführung, eine Beschreibung jeder einzelnen Etappe, Karten, Pläne und Beschreibungen der historischen und kulturellen Schätze jeder Stadt, topografische Profile, Entfernungsangaben, Hinweise auf Service-Einrichtungen in jedem Ort sowie eine Übersicht aller Hinweise für Pilger in jeder Etappe. Für diesen Wegverlauf ist er der beste aller verfügbaren Führer. Obwohl wegen der Fülle an Informationen nicht gerade der leichteste, lohnt er jedoch die Mühe, ihn mitzuschleppen. Weitere Informationen findet man in der Website des Verfassers.

 

Paco Nadal: "La Vía de la Plata a pie y en bicicleta". Von Mérida über Astorga nach Santiago.

Editorial El País – Aguilar. 2000. Ediciones El Pais. Madrid, 2/ 2004. 193 S. Ringbindung. ISBN 84-03-59537-9

 

Dieser Führer beschreibt die Route von Mérida nach Santiago über Astorga. Das bedeutet, wer in Sevilla starten will oder die Variante über Ourense gehen möchte, der muß noch einen anderen Führer hinzuziehen und außerdem die nicht benötigten Seiten herausnehmen. Auf jeden Fall ist es ein guter Führer, mit dem einzigen Nachteil seines nicht unerheblichen Gewichts, jedoch versehen mit sehr guten Karten, Fotografien und Kommentaren zu allen kulturellen und historischen Aspekten der Ortschaften, die man durchquert. Die Informationen über die in jedem Ort zur Verfügung stehenden Dienstleistungen beanspruchen erschöpfend zu sein, bleiben jedoch gelegentlich unvollständig, so daß man zusätzlich die entsprechenden Informationen berücksichtigen sollte, die im Internet unter der Adresse der Asociación de Amigos del Camino de Santiago Via de la Plata erreichbar sind. In unklaren Situationen sind seine Beschreibungen nicht immer optimal.

 

Juan Francisco Cerezo: "La Ruta de la Plata. Camino Mozárabe de Santiago. De Sevilla a Santiago. En coche, en bicicleta, a pie, en BTT. Arquitectura. Paisaje. Historia. Arte".

Sua Edizioak. Bilbao, 2/1999. 136 S. Gebunden. ISBN 84-8216-031-1

 

Dieser Führer deckt die vollständige Route von Sevilla nach Santiago über Sanabria und Orense ab. Er ist eine gelungene Mischung von interessanter und gut bebilderter Reportage und praktischem Wanderführer: Er enthält einfache Karten und spezielle Etappenbeschreibungen für Fußpilger, Radfahrer und Autofahrer, die allerdings nicht immer sehr hilfreich sind und den Wanderer gelegentlich recht orientierungslos lassen. Was ihn für Fußpilger vielleicht attraktiv machen kann, sind die beigefügten Höhenprofile für jede Etappe.

 

Maribel Outeiriño: "El Camino Mozárabe a Santiago - Prolongación de la Vía de la Plata"

Asociación Amigos de la Via de la Plata de Ourense. Ourense 1999. ISBN 84-605-8742-8.

 

Dieser Führer beginnt in Puebla de Sanabria, am Ufer des größten Gletschersees in Spanien im Norden der Provinz Zamora und endet in Santiago. Obwohl er nicht gerade viele Details über den Weg bietet (wohl aber über das, was man unterwegs sehen kann) und obwohl die Entfernungsangaben nicht immer korrekt sind, kann er eine gute Alternative für die Wanderer sein, die diese Variante gehen wollen. Er enthält viele Fotografien, eine Fülle von nützlichen Telefonnummern, einige etwas schematische Kartenskizzen, die mehr oder weniger hilfreich sind, die Route den Straßen und Dörfern zuzuordnen, sowie Hinweise auf die örtlichen Dienstleistungen. Er ist gut redigiert und sehr leicht.

 

Tomás Alvarez: “Guía de la Via de la Plata. Pueblo a pueblo.”

Edición Lobo Sapiens

 

3. Englische Führer

 

Alison Raju: "The Camino Mozárabe or Vía de la Plata, Part A, Seville to Santiago". "The Camino Mozárabe or Vía de la Plata, Part B, Granada to Mérida"

50 bzw. 48 Seiten, verfaßt im Auftrag der "Confraternity of Saint James" zuletzt redigiert 2004.

 

Diese englische Gesellschaft (Asociación de Amigos del Camino de Santiago del Reino Unido) cofinanzierte die Herberge „Gaucelmo“ in Rabanal am Camino francés und organisiert die Hospitaleros und gibt Wanderführer für sämtliche Jakobswege in Spanien und Frankreich heraus wie z.B.: "Finisterre" (4 £); "Le Puy to the Pyrenees" (5 £); "Paris to the Pyrenees"; (5 £); "Vézelay to the Pyrenees" (4 £); "Arles to Puente la Reina" (7,50 £). Natürlich gibt es auch einen Führer für den Camino Francés sowie Führer die Varianten der Caminos del Norte (über Gijón, über Tineo und Lugo sowie durch den Tunnel von San Adrián), für die Wege von Madrid nach Sahagún, den Camino Inglés und den Camino Portugués.

 

Alle diese Führer werden ständig durch die eintreffenden Informationen anderer Pilger ergänzt, die die Wege gehen. Sie sind daher eine sehr gute Option für jeden, der Englisch liest und eine gute Ergänzung für jeden anderen Führer, zumal sie sehr leicht sind. Ihre Stärke ist die lückenlose, Schritt-für-Schritt-Beschreibung des Weges sowie die aktuelle Auflistung sämtlicher Herbergen und anderen Unterkünfte. Aber sie enthalten auch zahlreiche kulturelle und historische Informationen, speziell zu den speziellen Jakobustraditionen der jeweiligen Orte. Ihre Karten sind allerdings sehr schematische, von Hand gezeichnete Skizzen.

Auf der website der CSJ findet man eine vollständige Liste der verfügbaren Veröffentlichungen und ihrer aktuellen Preise. Unter office@csj.org.uk kann man auch online bestellen oder man benutzt den Postweg: Marion Marples, Secretary, Confraternity of Saint James. 27, Blackfriars Road, London, SE1 8NY, Reino Unido. Tel: (+44) (0) 20 7928 9988. Fax: (+44) (0) 20 7928 284

 

Alison Raju: "The way of St. James. Via de la Plata"

Cicerone Press 2/2002. 224 Seiten

 

Dieser Führer deckt die gesamte Route von Sevilla bis Santiago ab und beschreibt im Anhang auch noch den Weg bis Finisterre. Er ist das Nonplusultra an Genauigkeit und Vollständigkeit der Wegbeschreibung (auch für Radfahrer), aber auch was die aktuellen Informationen über die örtlichen Dienstleistungen jedes Dorfes sowie die für Pilger wichtigen bzw. interessanten kulturellen und historischen Aspekte betrifft. Ich habe die Verfasserin, die die Wege der verschiedenen Varianten jährlich abgeht und aktualisiert, im Jahr 2003 begleitet und miterlebt, wie sie alle Veränderungen registrierte. Man kann das handliche und leichte Buch online bestellen unter Barrabes.com.

 

Ben Cole/Bethan Davies: „Walking the Via de la Plata. The Camino de Santiago from Seville to Santiago de Compostela and to Finisterre.“

Pili Pala Press. Vancouver BC 2004

 

John Briesley: „A Pilgrim’s Guide to the Camino Portugués.”

Findhorn Press 2005. ISBN 1-84409-055-8

 

4. Postadressen

 

Buchhandlung

Einschlägige Literatur (also nicht nur Wanderführer) über alle Aspekte der Jakobswege findet man in der Spezialbuchhandlung von:

 

Manfred Zentgraf, In den Böden 38, 97332 Volkach

Tel.: 09381-4492, Fax: 09381-6260

e-mail: Jakobuspilger.Zentgraf@t-online.de

Website: www.jakobspilgerwege.de oder www.jakobuspilger-zentgraf.de

 

Deutsche Jakobusgesellschaften

Es gibt in Deutschland zwölf Jakobus-Gesellschaften; weitere Angaben bei M. Zentgraf, www.jakobus-gesellschaften.de

 

Spanische Jakobsgesellschaft

Die für die Ruta de la Plata wichtigste Gesellschaft:

Amigos del Camino de Santiago de Sevilla

Paraiso de Santa Eufemia

41940 Tomares (Sevilla)

www.viaplata.org

 

5. Wichtige und interessante Links

 

· Über den Stand der Wanderführer-Literatur informiert: www.caminoguides.com

· Die aktuellste, umfassendste und informativste (allerdings spanische!) Seite findet man unter:

www. godesalco.com/iphp/viaplata.php. Sie deckt den Weg über Astorga und über Ourense ab, enthält Berichte bis Februar/März 2005 (!) sowie zahlreiche weiterführende Links und bietet spezielle Services wie z.B. ein individuell abrufbares „Etapometer“ in englischer Sprache. Sie wird dankenswerterweise wenigstens in Auszügen ins Deutsche übersetzt von Raimund Joos unter: www.via-de-la-plata.de.

· Von den zahlreichen spanischen Websites ist die in jeder Hinsicht perfekte Homepage der Amigos del Camino de Santiago de Sevilla unbedingt zu empfehlen: www.viaplata.org.

· Für eine individuelle Recherche prüfe man die unter www.jakobus-info.de/compostela/94.htm erreichbare ausführliche Link-Liste. Hier trifft man auch auf zahlreiche Pilgerberichte.

· Gute deutschsprachige Seiten sind: www.jakobus-info.de/unser_weg/camino6.htm – hier findet man außer umfassen den Informationen auch neuere Berichte (Stand 2004!) – bzw. www.jakobus-info.de/compostela/Via- de-la-Plata-2004-neu-pdf. Diese Seite enthält die letzten Korrekturen des Führers von Michael Kasper!

 

· Aktuell und informativ sind auch folgende Sites:

www.fernwege.de/foren/jakobsweg/nachricht/4218/index.html.

www.rutadelaplata.com,

www.lucio.ch/via-de-la-plata/htm,

www.s-line.de/homepages/jakobsweg/Spanien/via-de-la-plata.htm,

www.via-de-la-plata.de (Stand 2002!)

 

Wichtige bzw. interessante Hinweise konnte ich entnehmen bei:

www.turismocastillayleon.com sowie bei www.quiarte.com.

 

Alle Links waren bis 1. Mai 2005 noch aktiv.

 

Aktuelle schriftliche Informationen erhält man - gegen eine Spende für die Herberge Grimaldo auf der Ruta de la Plata - bei: Hildegard Frohn, Nelkenstr. 126, 41066 Mönchengladbach

 

Fotos: Prof. Dr. Rückriem

 

 

Erschienen in "Wege und Ziele" Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 17 - August 2005

 

 

Königswege zwischen Drachenbäumen und Höllenschlünden

Wandern wird auf La Pallma zur Bergtour zwischen Nebelwald

und Lavawüste

 

Von Dr. Roland H. Knauer

 

Die roten Früchte der Opuntien leuchten am Rand des schmalen Weges aus holprigen Basaltsteinen. Mandelbäume öffnen erste zartrosa Blüten. Und dann steht er vor dem La Palma-Touristen, sein erster Drachenbaum. Narben übersäen den sonst glatten, klobigen Stamm, der sich in fünf oder sechs Metern Höhe in eine buschige Krone mit riesigen, lanzenförmigen Blättern verzweigt. Aus einem Stumpf wachsen ein paar Meter weiter vielleicht zwanzig dieser glatten Stämme, vereinigen sich hoch über den Köpfen zu einer mächtigen Krone. Irgendwie ähnelt sie dem Kamm eines Drachens aus längst vergangenen Sagen und gibt dem nur auf den Kanaren wachsenden Baum seinen Namen.

 

Die Zeit scheint auf der Insel im Nordwesten der Kanaren ohnehin irgendwann zwischen der Kreidezeit der Dinosaurier und dem ausgehenden Mittelalter stehen geblieben zu sein. Unter den urtümlichen Drachenbäumen ducken sich rote Ziegeldächer, auf denen nur Solarzellen die Neuzeit verraten. Uralte Trockenmauern aus riesigen Bruchsteinen stützen kleine Terrassen, die Bauern irgendwann nach dem Verschwinden der Dinosaurier aufgeschüttet haben. Der holprige Weg entlang dieser winzigen Gärten voller Mandel- oder Orangenbäume verrät auch, dass der Bau der Terrassen spätestens Ende des 19. Jahrhunderts abgeschlossen war: Das damals erfundene Auto hat auf den kaum zwei Meter breiten Wegen einfach keine Chance. Nur ein Maultier bewältigt die engen Serpentinen, in denen sich der Camino Real zu der Brandung hinab zu winden scheint, die tief unten an die Felsenküste donnert. Die Wanderer des 21. Jahrhunderts laufen gern auf diesen alten Wegen unter Drachenbäumen, auf denen seit dem Jahr 2001 sogar Markierungen der Inselbehörden dafür sorgen, dass sich niemand mehr verirrt.

 

Seit Jahrhunderten verbinden diese Königswege – so heißt „Camino Real“ auf Deutsch - die wenigen Dörfer im dünn besiedelten Norden von La Palma miteinander. Jede Falte des Hanges ausnutzend kurvt der Camino Real hinunter in das dunkle Grün der subtropischen Vegetation eines Barranco. So nennen die Palmeros die Schluchten, die das ablaufende Wasser der häufigen Regen an der Nordküste von La Palma in die Flanken des gerade einmal zwei Millionen Jahre alten Vulkans gräbt. Während die anderen Kanareninseln die geographische Nähe zur Sahara mit extremer Niederschlagsarmut büßen, haben die trockenen, aus Nordost wehenden Passatwinde einiges Wasser aus dem Meer aufgenommen, bis sie westlichste Insel der Kanaren erreichen. Dort zwingen die hohen Berge die Luft zum Aufsteigen, sie kühlt ab, Wolken bilden sich, Regen fällt.

 

Vor allem im Nordosten La Palmas hängen die Wolken fast immer an den Hängen, die überall steil aus dem Meer aufsteigen. In den engen Schluchten wächst dort noch ein richtiger Dschungel, wie er einst weite Teile der Insel überzogen hat. Lorbeerwald nennen Botaniker diese Vegetation, die von vier verschiedenen Lorbeerbaum-Arten dominiert wird. Dazwischen drängen sich einzelne Erdbeerbäume und manchmal auch ein Gagelbaum. Übermannsgroße Farne hängen von den roten Tuff-Felsen, Efeu klimmt an den Lorbeerbäumen empor. Eigentlich passt ein solcher Lorbeerwald besser in das vor eineinhalb Millionen Jahren zu Ende gegangene Zeitalter des Tertiär als in die Gegenwart – vielleicht fühlt sich der Wanderer deshalb wie in einem Märchenwald, wenn er durch die drückende Luft des Biosphärenreservates Los Tilos läuft.

 

Gesäumt von Opuntien, Papageienblumen und meterhohen Weihnachtssternen windet sich der Camino Real nur wenige Kilometer weiter am Meer entlang. Allerdings fallen die bis zu 2400 Meter hohen Bergflanken so steil in den Atlantik, dass der Pfad sich in Höhen zwischen zweihundert und sechshundert Meter immer hoch über dem Meer bewegt. Jede Küstenwanderung wird so zur Bergtour.

 

Die Palmeros genannten Einwohner der Insel haben sich auf die Ansprüche der Wanderer eingestellt, in der Caldera gibt es sogar spezielle Taxis für Wanderer. Caldera heißt das riesige Innere eines zwei Millionen Jahre alten Vulkankegels, aus dem die Fluten der Regenfälle aus den Passatwolken das Gestein ausgeräumt haben. Heute fallen die Felswände fast senkrecht aus 2400 Metern Höhe in den achthundert Meter über dem Meer liegend