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Zuletzt aktualisiert am: 21.08.08 |
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W a n d e r b e r i c h t e - U n g a r n
Inhaltsverzeichnis: • Ein blaues Band durch die Puszta Europäische Fernwanderwege in Ungarn Von Lutz Heidemann
Ein blaues Band durch die Puszta Europäische Fernwanderwege in Ungarn
Von Lutz Heidemann
In
Ungarn kann für Besucher die fremde Sprache eine zunächst unüberwindbar
scheinende Barriere sein. Man
Wir wußten nur sehr wenig über die Wanderverhältnisse in Ungarn, eigentlich nur, daß auch durch dieses Land Europäische Fernwanderwege führen. Als Anlaufadresse hatten wir die Zentrale der Naturfreunde in Budapest. Dort bekam ich ein Heft mit Kartenskizzen und vielen Ortsnamen. Daraus ließen sich Tagesmärsche zusammenstellen. Für die Ungarn dient dient das Heft hauptsächlich dazu, sich an Zwischenetappen Stempel geben zu lassen, um zum Schluß Anrecht auf eine Auszeichnung zu haben. Diese uns ein wenig „sozialistisch“ anmutende Sache praktizierten wir nicht. Wir trafen Einzelwanderer und Jugendgruppen und einmal stießen wir auf einen Streckenbetreuer, einen betriebsamen älteren Mann, der gut deutsch sprach und lebhafte Erinnerungen an die Zeit des Freundschaftsweges Eisenach-Dresden-Budapest hatte und auch noch einen Vorrat von den damaligen Anstecknadeln besaß.
Eines
der nächsten ungarischen Worte, das wir lernten, war „kek“, d.h. blau. Auf
blaue Striche zu achten, wurde zu unserer zweiten Natur. Doch war die Markierung
über die ganze Zeit unserer zehntägigen Wanderung gut, wenn auch auf manchen
Etappen etwas verblaßt. Es gab aber auf unseren Karten und in der Örtlichkeit
auch noch rote, grüne und gelbe Striche und Wege. So lernten wir noch andere
Farbnamen, z.B. „pirosch“ für Rot. Da half eine Gedankenverbindung zu einer
Filmfigur der 50er Jahre. Für uns hatte Blau die Priorität, denn das war die
Farbe der Fernwanderstrecken. Unsere Route war die Kektura, „die blaue Tour“.
Nach und nach begriffen
Die blauen Strecken bilden einen Ring um das Land und sind nach Westen mit den österreichischen und slowenischen Fernwanderwegen verbunden. Die Übersichtskarte zeigt auch eine Weiterführung des E6 nach Rumänien. Dieses „blaue Band“ hat eine Länge von etwa 2.300 km und wurde überwiegend am Rand des Landes trassiert. Vom Donauknie nördlich von Budapest geht die „blaue Tour“ in Richtung Osten durch das Matra-Gebirge und die angrenzenden Bergwälder. An wenigen Punkten erreicht der Weg Höhen von 1000m. Die Fortsetzung entlang der rumänischen Grenze geht durch die Tiefebene. Erst wenn der Weg zwischen Szeged und Pecs die Donau gequert hat, kommt er wieder in Hügelland und berührt den Plattensee, den Balaton, an der Nordwestecke. Von dort erreicht man durch eine sehr abwechslungsreiche Landschaft wieder Budapest. Wir wählten zum Kennenlernen den Nordostabschnitt. Lange Strecken durch herrliche Buchen- und Eichenwälder wechselten mit landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Mit großer Anteilnahme gingen wir durch die Dörfer. Es waren langgezogene Straßendörfer. Häufig überwogen noch die traditionellen Hausformen. Besonders gut gefielen uns die schmalen, in die Tiefe eines Grundstückes reichenden Häuser mit einer vorgelagerten Pfeilerloggia. Weißgekälkte Gebäude kontrastierten mit bunten Gärten und grünen Obstbäumen. Zwischen dem Fußweg vor den Häusern und der Straße lag meist ein Grünstreifen, entweder als Rasen mit Obstbäumen genutzt oder mit Sträuchern und Blumen geschmückt. In einem besonders schönen Dorf gingen wir an Hunderten von blühenden Malven entlang.
Es
war aber keineswegs immer eine „heile Welt“, durch die wir gingen. Oft waren
es alte Menschen, die uns freundlich zunickten oder ansprachen- und ganz
erstaunt waren, daß sich bis hierhin Ausländer verirrt hatten. Die
Die Regierung hat die Strukturschwäche der Nord-Ost-Region begriffen und ein komplexes Dorferneuerungsprogramm begonnen. Der Anbau und die Vermarktung von Obst und Gemüse und besonders von Heilkräutern und Gewürzen und auch von Hanf werden unterstützt; Feriendörfer und Unterkünfte für ältere Menschen sollen geschaffen werden und Fremde sollen in den Dörfern übernachten können. Von dieser letzten Sache profitierten wir mehrfach auf sehr eindrückliche Weise: In Irota war ein kleines Gehöft mit sehr viel Liebe für das Detail als Übernachtungshaus hergerichtet worden. Eine Frau aus dem kleinen Dorf hatte die Aufsicht und bereitete uns aus eigenen Vorräten, weil der Laden schon geschlossen war, ein schmackhaftes Essen.
Einige Tage zuvor hatten wir in einem ehemaligen calvinistischen Pfarrhaus geschlafen, wo Doppelstockbetten den Charakter einer Jugendherberge erzeugten. Aber die mächtigen Deckenbalken in den großen Räumen und die breite Säulenloggia vor dem weißgekälkten Gebäude, das von weit sichtbar über dem Dorf lag, vermittelte, wie wichtig früher die Geistlichkeit in den Dörfern war.
Wie
sonst gewohnt wurde, erlebten wir an verschiedenen Beispielen. Nur an wenigen
Punkten entlang unserer Strecke gab es Hotels; die Regel war, daß wir an den
Etappenorten fragten, wer Zimmer vermietet. Ein bißchen Geduld und Zuversicht
brauchten wir, die Sprachbarriere demonstrierte letztlich unsere Hilflosigkeit
und führte
Unsere „blaue Tour“ führte uns mehrmals ganz nahe an die slowakische Grenze. Obwohl wir wußten, daß von ihr keine Gefahr ausgeht, machte uns das hier noch ruhiger als sonst daliegende Land etwas beklommen. Viele Kontakte hinüber schien es nicht zu geben; wenn ich versuchte „slawische“ Vokabeln anzubringen, scheiterte ich regelmäßig. Desto bemerkenswerter schien mir ein von der Europäischen Union angestoßenes Projekt eines gemeinsamen slowakisch-ungarischen Reiseführers zu den Sehenswürdigkeiten beiderseits der Grenze.
Daß wir uns in einem Gebiet mit sich überlagernden Geschichtsspuren befanden, stellten wir mehrfach fest: Die Dorfkirchen waren nur selten katholisch. Nach dem Josephinischen Toleranzedikt hatten sich die reformierten Gemeinden viele Gotteshäuser gebaut. Ebenso stießen wir auf Kirchen mit Ikonostasen, d.h. der in der Ostkirche üblicher Abtrennung von Gemeinderaum und Allerheiligstem. Es waren aber orthodoxe Gemeinden, die den Papst als Oberhirten anerkennen. Sarospatak, der Endpunkt unserer nordungarischen Wanderung, war der Geburtsort der Heiligen Elisabeth, der nach Thüringen verheirateten Landgräfin. Aber dort befindet sich auch, vor 200 Jahren gefördert durch antihabsburgische Adlige, eine ausgedehnte reformierte Hochschule, ein kleines „Harvard in der Puszta“, wie sich uns gegenüber ein Ungar ausdrückte.
Um
auch noch andere Facetten der ungarischen Landschaft kennenzulernen, wanderten
wir zum Schluß noch einige Tage in dem „Alföld“, der Tiefebene im Süden.
Auch hier war die Markierung ausreichend, doch spürten wir, daß die Strecke
weniger begangen wird. Das weite flache Land, was für uns so typisch ungarisch
ist, mag für die Ungarn selbst nur ein geringer Ansporn sein, es mühsam zu
Fuß zu durchqueren. Die große Einsamkeit war eindrücklich. Der Wanderweg
folgte oft langen Baumreihen, viel Pappeln, dazwischen Robinien, Nußbäume und
Mirabellen. Wir beobachteten intensive Landwirtschaft; die Verwandlung von Mais
in Schweinefleisch war auch am Geruch nachzuvollziehen. Leere oder halbgenutzte
Gebäude erinnerten an die DDR-Landwirtschaft. Die
Diese Ausführungen sollen ganz generell einladen, nach Ungarn zu fahren und dort auch zu wandern. Für diejenigen, die unsere Erfahrungen direkt nachvollziehen wollen, hier der Verlauf unserer Tour:
Ausgangsort in Nordungarn: Sirok, private Unterkunft
1. Tag bis Szarvaskö, 17,5 km, private Unterkunft 2. Tag bis Bankut, 33 km, Hotel 3. Tag bis Putnok, 27 km, private Unterkunft 4. Tag bis Zadorfalva, 18,5 km, Wandererherberge 5. Tag bis Josvafö, 27 km, Hotel 6. Tag bis Bodvaszilas, 27 km, private Unterkunft 7. Tag bis Irota, 26,5 km, Touristenhaus 8. Tag bis Baktakek, 18 km, private Unterkunft 9. Tag bis Boldogkövaralja, 23 km, private Unterkunft 10. Tag bis Kökapui, 30 km, Schloßhotel 11. Tag bis Sarospatak, 24 km, Pension 12. Tag Rückfahrt mit Eisenbahn bis Sirok
Ausgangsort
in Südungarn: Szeged, Hotel
1. Tag (mit Taxi nach Sandorfalva) bis Mindszent, 30 km, private Unterkunft 2. Tag bis Nagymagos, 30 km, private Unterkunft 3. Tag bis Cadoros, 16 km, Rückfahrt mit Bahn nach Szeged
Weitere Informationen:
Ungarischer Naturfreundebund: Magyar Termeszetbarat Szövetseg HU-1065 Budapest, Bajcsy-Zsilinsky Ut 31.II.3 Tel. :0036(-1)311-2467 und 311-9289, Fax: 0036(-1)353-1930
Fachgeschäft für Landkarten: Földgömb-es Terekbolt HU-1065 Budapest, Bajcsy-Zsilinsky Ut 37 Tel./Fax:0036(-1)312-6001
Erschienen in "Mitteilungsblatt" Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 11 - August 2003
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