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 am:   22.02.10

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W a n d e r b e r i c h t e  -  P o r t u g a l

 

 

Inhaltsverzeichnis:      Wo die Sonne im Atlantik versinkt

                                  Zwei Fußreisen entlang der Küste Portugals

                                  Von Werner Hohn

 

                                Die Algarve, wild und wanderbar

                                 Von Rüdiger Dilloo

 

 

Wo die Sonne im Atlantik versinkt

 

Zwei Fußreisen entlang der Küste Portugals

 

 

Von Werner Hohn

 

Weichkochen kann dauern. Tage, Wochen, Monate. Für unsere „Wanderungen“ entlang der portugiesischen Westküste hat es Jahre gebraucht. Es war ein langer Weg vom Trampelpfad durchs dunkle heimische Tann bis auf die Seitenstreifen  4-spuriger Schnellstraßen unter südlicher Sonne.

 

Angefangen hat das Weichkochen 2004. Nach Süden, hinunter nach Frankreich, wollte ich. Die ganze Strecke über Wanderwege. Der E1, die Jurahöhenwege in der Schweiz, der GR65 in Frankreich. Bekannt, beschrieben, markiert und schön. Nur wenige Straßen, dafür von anderen ausgedacht und vorgekaut.

 

Die Sache mit dem Weichkochen hat auf eben dieser Wanderung ein alter Mann in Gang gesetzt. Südlich von Frankfurt war das. Wir waren beide auf dem E1 unterwegs. Er in Richtung Norden; und im Gegensatz zu mir, hatte er keine Wanderkarten im Gepäck. Ihm reichte eine Straßenkarte, die gute alte Generalkarte.

 

Dass er auf dem E1 gestoßen war, sei purer Zufall gewesen. Solange die Markierung ihn nach Norden führe, würde er dem Fernwanderweg folgen. Ansonsten sei ihm die Sache mit den Wanderwegen wurscht. Das Weitwandern auf Wanderrouten hätte er schon seit 20 Jahren aufgeben. Heute reiche ihm eine Straßenkarte. Erwischt er zufällig eine Wanderstrecke ist es gut, muss er auf kleine Straßen, passt es auch. Spinner, habe ich damals gedacht. Jedoch hatte er keine 3 Kilo Wanderkarten im Rucksack, wie ich. Und ihn „zwang“ keine Markierung, wie mich.

 

Einen Tag später traf ich im Odenwald auf einen jungen Schweizer aus Zürich. Der wollte bis Frankfurt und dort nach Dresden abbiegen. Auch der hatte keine Wanderkarten, war auch mit einer Straßenkarte unterwegs. Noch so einer, der den Autoverkehr liebt, dachte ich.

 

Mitgekocht hat auch Wolfgang Büscher mit seinem Buch „Berlin – Moskau - Eine Reise zu Fuß“. Einfach losgehen, nur die großen Straßen und der direkte Weg nach Osten als grobe Richtschnur, das hat schon etwas Faszinierendes.

 

Richtig Dampf beim Kochen hat der Rothaarsteig gemacht. Sechs graue, nasse und dunkle Herbsttage durch Wald, Wald und nochmals Wald. Man sieht nichts vom Land, läuft vorbei an den Menschen und kann sich nur über sinnlose Installationen am Weg wundern.

 

Ein paar Gewürze hat Hamish Fulton mit seinen „Walks“ über Europas Straßen drunter gemischt. Turnschuhe an und ab auf die Straße. Nicht immer, aber oft habe ihm das gereicht.

 

Und dann gab es auch die Tage, an denen eine Bemerkung des Alten vom E1 auflebte. Wandern, hatte er gesagt, lässt sich auch da, wo keine Wanderwege sind, sonst bleibt ein Teil der Welt für Wanderer unentdeckt.

 

Irgendwann waren wir reif fürs Wandern ohne Wanderwege, ohne Wanderkarten, ohne Wanderführer. Portugal sollte es werden. Immer die lange Atlantikküste entlang. Ein Packen Militärkarten, ein Packen ausgedruckte Satellitenfotos, eine Straßenkarte und ein Reiseführer sollten reichen, denn brauchbare Infos übers Weitwandern in diesem Land waren nicht zu bekommen. Meine E-Mails an die entsprechenden Stellen blieben unbeantwortet, die Infos im Internet drehten und drehen sich immer um Spaziergänge in der Algarve. Einzig der Wanderführer „Algarve“ von Ulrich Enzel aus dem Bergverlag Rother sollte den Einstieg und das Vertrautwerden erleichtern. Denn so’n bisschen hasenfüßig bin ich dann doch, wenn’s um was ganz Neues in einem fremden Land geht.

 

So ausgerüstet stieg ich im Frühjahr 2008 aus dem Flugzeug in Faro, machte eine Etappe vom Flughafen weg am Strand entlang nach Quarteira, noch eine bis Albufeira und hatte die Nase voll. Drei Tage später war ich wieder bei meiner Familie. Eine Woche später stand ich in Pamplona, um den Camino bis Santiago zu gehen, und wieder vier Wochen später in Porto. Erneut war Santiago das Ziel, nun über den Caminho Português, da war meine Frau dabei.

 

Von Portugal waren wir begeistert. Auf uns wirkte das Land etwas verschlafen, nicht so geschäftig wie sein großer Nachbar. Nur zwei Dinge störten: unsere Landsleute, die ebenfalls auf diesem Weg unterwegs waren - vermutlich die Nachwehen vom Camino francés - und dass wir mal wieder einer Markierung und einem Buch hinterherliefen. Mangels Karten waren wir beiden ausgeliefert. Aber wir wollten wiederkommen, das Land für uns entdecken. Meine abgebrochene Wanderung vom Frühjahr bot sich an. Aus Zeitgründen mussten wir die Küstentour auf zwei große Etappen á 3 Wochen aufteilen: im Oktober 2008 von Lagos nach Lissabon, im März/April 2009 von Lissabon bis Porto. Zusammen gut 620 Kilometer.

 

Auf beiden Reisen haben wir gefunden, wonach wir gesucht haben, auch wenn wir dafür ein paar hundert Kilometer Straße gehen mussten. An einigen Tagen haben wir Wanderwege gesehen oder kurz unter den Füßen gehabt. Manchmal haben wir die sogar gemieden, weil wir über keinerlei Wissen verfügten, wohin die wenigen markierten Wege überhaupt führen. Die lokalen Tourismusbüros übrigens auch nicht, jedenfalls nicht, wenn die Wege über die Gemeindegrenze  hinausgehen.

 

Bis auf die oben erwähnten Karten gab es keine Planung. Doch eins haben wir vorher gemacht: Wir haben die Lage der Jugendherbergen und Campingplätze in die Militärkarten übertragen. Jeden Abend, hin und wieder erst beim morgendlichen Aufbruch, haben wir uns Gedanken über die anstehende Etappe gemacht. Nach mehreren Irrwegen und Sackgassen hatte eine halbwegs gesicherte Wegführung Vorrang vor der Suche nach natur belassenen Wegen. Hauptsache nach Norden, war die Devise, und so nahe an der Küste wie möglich. Und mehr als einmal hat der Zufall den Weg bestimmt. Sei es, dass wir uns verlaufen hatten und auf der Suche nach einer Bar eh schon auf einer anderen Straße gelandet waren, oder der geplante Weg versperrt war.

 

So, das war’s mit der Rechtfertigung und Selbstbeweihräucherung. Wer jetzt noch auf Beschreibungen für Wanderwege hofft, darf sich zu den Optimisten zählen.

 

 

Ruhiger und warmer Herbst

 

Lagos – Salema - Sagres – Carrapateira - Aljezur – Brejão – Almograve – Porto Covo – Sines – Fontaínas da Mar – Setúbal – Fontaínhas – Coina (15 km vor Lissabon)

 

 

 

Wir sollen doch den Seitenstreifen der Schnellstraße nehmen, meinte der Vorarbeiter des Bahnarbeitertrupps. Die sei der einfachste und schnellste Weg in die Stadt. Das war kurz vor Sines. Auf der Suche nach einem Weg abseits der Schnellstraße waren wir auf den Bahngleisen, die den viel zu großen Hafen der kleinen Küstenstadt an Europa anbinden, gelandet. Kein Schimpfen, kein lautes Wort, was wir auf  der Bahntrasse zu suchen hätten. Dafür der Tipp mit der Schnellstraße. In Portugal ist es durchaus üblich, die nächstbeste Straße zu nehmen – egal ob Autofahrer, Pilger nach Fatimá oder eben Fußgänger. Aber eine Schnellstraße und dann noch mit vier Spuren?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da waren wir schon ein paar Tage unterwegs gewesen. Trampelpfade hoch über der Steilküste, Staubpisten durchs hügelige Hinterland, weiche Sandwege durch die Dünen, den harten Strand nahe am brausenden Atlantik, Feldwege, Ackerfurchen, den schmalen Betonrand eines langen Bewässerungskanals, in der Mittagshitze flimmernde Teersträßchen, die schmalen Randstreifen wenig befahrener Nationalstraßen, all das hatten wir schon unter den Füßen gehabt, die Standspur einer 4-spurigen Straße noch nicht. Eine halbe Stunde später waren wir in Sines. Begegnet waren uns noch keine zehn Autos. Gut, dachten wir, Schnell-straßen sind ab sofort eine mögliche Alternative. Spätestens hier wurde aus einer Wanderung eine Reise zu Fuß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Angefangen hatte das alles ganz anders. Ganz im Süden Portugals waren wir noch gewandert. Die Südküste der Algarve hat sich zwischen Lagos und dem Cabo de São Vicente ihre Ursprünglichkeit weitestgehend bewahrt. Keine Betonburgen und ausufernde Villensiedlungen, wie weiter rüber nach Osten. Nur einige kleine Dörfer, die in den tief eingeschnitten, meist trockenen Bachtälern vor dem hier beinahe ununterbrochen wehenden Wind Schutz zu suchen scheinen. Dazwischen Trampelpfade, die oft in der dichten Macchia unterzugehen drohten. Mal hoch über dem Atlantik mit atemberaubender Sicht über die in der Sonne gleißende Steilküste, dann wieder runter zu einsamen Stränden, die um diese Jahreszeit menschenleer waren. Die bröckelnde Abbruchkante der Steilküste und das ewige Rauschen des Ozeans gaben den Weg vor. War der Ozean nicht mehr zu hören, wurden Pfade zu unserer Linken genommen, drohten die im Nirgendwo hoch über dem Wasser zu enden, wieder die Pfade rechts von uns. Lagos – Salema – Sagres, das waren zwei Tage Urlaub, Zeit, um sich nach unserem Besuch im Frühjahr wieder an Portugal zu gewöhnen.

 

 

 

 

 

Kurz vor Sagres lief uns eine Wandergruppe über den Weg. Landsleute auf einer geführten Tageswanderung entlang der Klippen. Bis auf ganz wenige Wohnmobilurlauber war das bis Lissabon unsere letzte Begegnung mit Touristen. Ab da gehörte Portugal meiner Frau und mir. Und ab da hatte das Wanderbuch von Ulrich Enzel ausgedient. Für zwei Tage hatte es uns den Einstieg sehr erleichtert. Die Westküste jedoch ist auch für dieses Buch weitestgehend unbekanntes Land. Ab dem Leuchtturm, der über dem südwestlichsten Punkt von Europas Festland thront, sollten die Militärkarten und die Satellitenfotos die Führung übernehmen – und der Zufall.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der führte uns dann auch sofort auf die erste Landstraße, denn das Vorhaben, uns einen Weg über die unzähligen Trampelpfade zu suchen, endete nach weniger als einem Kilometer. Da gibt es nur die Pfade der Klippenangler. Entweder enden die an einem Felsen hoch überm Meer, oder verbinden mal eben zwei oder drei Buchten, vom undurchdringlichen Gebüsch ganz zu schweigen. Das dürfte auch der Grund sein, warum es für die Westküste keine brauchbaren Wanderführer gibt.

 

Die geteerte Piste, die uns vom Leuchtturm nach Vila do Bispo führte, ging schon bald in einen schnurgeraden Feldweg über. Die Hoffnung, dass dies so bleiben würde, endete nach wenigen Stunden an der EN-268. In Richtung Norden war das die einzige durchgehende Alternative, sofern wir in Küstennähe bleiben wollten, trotz all der Militärkarten und Fotos aus dem Weltall. Ab da nahmen wir alles, was uns vor die Füße kam. Es waren einige schöne Strecken dabei, nicht zuletzt, weil im Herbst die Straßen autoleer sind.

 

Die EN-268, später sogar eine Nationalstraße, die N-120 mit ihren diversen Ablegern, wurden zur Wirbelsäule unserer Reise. An so gut wie jedem Tag fanden wir eine Alternativroute, aber wenn nichts mehr ging, war es gut zu wissen, dass da noch eine durchgehende Straße ist.

 

 

Nach und nach liefen wir so aus dem gesicherten Wissen unseres Reiseführers heraus. Welcher Reisebuchautor verirrt sich auf den Höhenzug zwischen dem Atlantik und der Nationalstraße südlich von Aljezur? Eine staubige Piste, die nördlich von Carrapateira abzweigt, hatte uns dorthin gebracht. Hinter einem verfallenden Gehöft, das von ein paar an kurzer Kette gehaltenen Hofhunden bewacht wurde, hatte die Piste angefangen. Danach folgte stundenlanges Gehen über die einsame Anhöhe mit Blick auf den Atlantik auf der einen und die im Gegenlicht der Morgensonne silbrig schimmernden Hügel der Serra do Espinhaço de Cão auf der anderen Seite. Hier und da ein einsames Dorf, eine schäbige Kate, ein paar Menschen, die uns neugierig nachschauten, aber nur wenn sie glaubten, wir würden das nicht sehen. Wir wären gerne noch länger da oben geblieben, leider haben wir uns verlaufen und mussten dann auf die Nationalstraße.

 

 

 

 

 

 

 

Odeceixe hätten wir über die N-120 erreichen können, doch wir fanden eine schmale Nebenstraße. Ein Kopfsteinpflastersträßchen, begrenzt von niedrigen weißen Häusern mit farbenfrohen Fensterlaibungen, führte uns zur Windmühle a m Hang. Unsere erste Windmühle war das nicht. Von denen hatten wir schon einige gesehen. Schon am Morgen hatte uns die Neugier zu einer abseits der Nationalstraße liegenden Mühle mit dem charakteristischem Rundturm geführt. Breit und schwer wie alle Windmühlen an dieser Küste, überragte der gedrungene Turm das undurchdringliche Grün der Büsche. Eine sandige Fahrspur führte durchs Gehölz, wohl die Zufahrt, um dann kurz vor Erreichen der Umfriedung doch abzubiegen und der N-120 mit etwas Abstand nach Norden zu folgen. Wieder mal hatte uns der Zufall einen Weg beschert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein alter Mann in der Tür der Mühle von Odeceixe und winkte. Mit einer wortreichen Erklärung wurde ich durch die kleine Windmühle gelotst. Man könne jederzeit wieder mit dem Mahlen anfangen, so gut sei alles in Schuss, deutete ich seine Gesten, riet ich aus den wenigen Worten, die ich verstand. Meine Sprachlosigkeit schien ihm Ansporn zu sein, denn der Redeschwall wollte kein Ende nehmen. Vermutlich war er froh über unser Auftauchen in seiner weißen Windmühle an der Grenze der Algarve.

 

Im Baixo Alentejo, der nächsten Region, wird die Küste nach und nach niedriger, die Strände dafür immer länger. Wir waren immer öfter auf tiefgründigen, lockeren Sandwegen unterwegs; die ersten Vorboten der unendlichen Sandküste hinter Sines, die wir in wenigen Tagen erreichen sollten. Im Alentejo wurde die Wegfindung bedeutend einfacher. Oft boten die Militärkarten mehrere Alternativen an, sodass wir wählen konnten. Fester Belag, Feldweg oder je weiter wir nach Norden kamen, immer wieder Sandpisten durch die Dünen. Das Gehen auf dem weichen, lockeren Sand wurde schon nach wenigen hundert Metern zur Qual. Schon beim Abrollen verliert der Schuh jeglichen Halt, vom Abstoßen ganz zu schweigen.

 

Die einsame Atlantikküste mit ihren windzerzausten Kiefern, den verlassenen Stränden, dem grünen Hinterland, ihren kreisförmigen Feldern und den „Anbauflächen“ für den scheinbar so begehrten Rollrasen, wurde für ein paar Tage unsere Heimat.

 

Wir waren meist schon frühmorgens unterwegs. Um diese Zeit war Portugal noch ganz still. Nicht, dass es an dieser Küste in diesem Herbst je laut wurde, aber die frühen Morgenstunden waren still und wirkten wie ein Verstärker für die von Menschen verursachten Geräusche.

 

Der tuckernde Motor eines Traktors, der im Schritttempo einen Anhänger übers Gemüsefeld zog, hämmerte sich in den Morgen. Im Schlepptau Männer und Frauen bei der Salaternte. Die schwatzenden Frauen, die auf den fliegenden Händler warteten, waren in der engen mit Schlaglöchern übersäten Dorfstraße schon zu vernehmen, bevor sie zu sehen waren. Der Lkw, der mit laufendem Motor direkt vor der Bar mit dem von der Sonne rissig gewordenen Plastikvordach parkte, war noch viel länger zu hören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dann wurde es auch schon Zeit für den ersten Kaffee in einer Bar am Straßenrand, in einem namenlosen Ort oder in einer der wenigen „Hochburgen“ des Tourismus, die um diese Jahreszeit schon dem Winterschlaf entgegen fiebern. Mit Kaffee haben wir uns durch Portugals untere Hälfte gesoffen, man muss es so nennen. Die 50 oder 60 Cent für den kleinen Schwarzen waren immer griffbereit. Mal eben in eine Bar reinspringen, sich zwischen Landarbeiter oder Handwerker zwei Tassen über die Theke reichen lassen, wurde zum festen Ritual. Uns trieb ja niemand. Ein Schlafplatz für die Nacht war immer sicher. Irgendwo an dieser Küste war immer ein Bett frei oder fand sich ein offener Campingplatz.

 

Zambujeira do Mar hat es bis in die Reiseführer und Kataloge der Reiseveranstalter geschafft  Ein weißes Kirchlein hoch über den Klippen, drumherum weiße Häuser. Am Fuß der Klippen ein von der Ebbe freigelegter Sandstrand, auf dem Krabbensammler hin und her huschten. Oben an der Mauer lehnten drei alte Männer die übers Meer schauten. Vermutlich kommen sie jeden Morgen hierher. Hier trafen wir den einzigen mürrischen Wirt unserer Reise. War wohl spät geworden gestern Abend, oder wir zu früh für ‘nen Kaffee.

  

 

 

 

Die Jugendherberge in Almograve erreichten wir viel zu früh. Die Rucksäcke durften wir abstellen, wiederkommen jedoch erst am frühen Abend. Almograve, auch so ein Ort mit weißen Häusern am Meer, aber nicht überm, hinterm Meer, hinter einer mächtigen Düne Ein Kirchlein, ein Kindergarten, zwei, drei Bars, ein paar Pensionen, zwei Restaurants, die um diese Jahreszeit schon lange nicht mehr alle offen waren. Dorfleben im Kriechgang. Passend dazu das Restaurant. Die Mutter in der Küche, der Sohn macht den Kellner. Eine Speisekarte gab es mal wieder nicht, gut so. Der Sohn rasselte die drei Fisch- und die zwei Fleischgerichte runter, die Muttern auf der heißen Herdplatte hatte, dazu noch den Nachtisch, der wie so oft i

m Süden einem Plastikbecher entspringen sollte. Sicherlich, das Dargebotene würde keinen Feinschmecker glücklich machen, Hausmannskosten eben, reichlich und preiswert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ja, und dann waren wir in Sines. Vasco da Gama wurde da geboren. Neben ein paar Schnellstraßen hat Sines ein architektonisch tolles Centro de Artes, in dessen Lesesaal wir uns eine Stunde kostenloses Internet erschnorrten. Mal eben nachsehen, wie das mit einer Fährverbindung zwischen dem langen Finger der Halbinsel Troia und Setúbal aussieht. Irgendwie mussten wir ja über das Mündungsdelta des Rio Sado. Wie so oft fanden wir mal wieder keine verwertbaren Infos, die gab es dann in der Touri-Info. Na ja, dafür sind die schließlich auch da.

 

Am nächsten Morgen lag sie dann vor uns, die portugiesische Sandküste. Bis hoch nach Setúbal erstreckt sie sich. Mehr als 70 km durchgehender Strand, dazwischen eine Hand voll Dörfer und ein paar Meter hinter der Küste eine Straße. Kilometer um Kilometer nur Sand und Kiefern. Das Vorhaben, die komplette Strecke über den Strand zu gehen, gaben wir wegen Probleme mit den Gelenken bald auf. Es wurde eine Mischung aus allem, und wie der Zufall es will, sind wir deshalb auf einen Fernwanderweg gestoßen. Zwischen Aldeia de Brescos und Melides leuchtete die weiß-rote Markierung des GR11/E9 (vermutlich) von den Baumstämmen. Eine halbe Stunde waren wir auf dem unterwegs, bis wir wieder auf die Straße gewechselt sind. Wohin die führte war ersichtlich, bei der Markierung nicht.

 

 

 

Die Monotonie der Sand- und Kiefernwüste war großartig. Vielleicht, weil nach stundenlangem Gehen auch jede noch so banale Abwechslung einen anderen Stellenwert für uns bekommen sollte. Belanglosigkeiten, wie das „Estabelecimento Prisonal“ auf halbem Weg zur Fähre. Die rostigen Schilder am Straßenrand haben schon zu Zeiten der Diktatur vorm Betreten des Geländes gewarnt. Kilometer auf Kilometer „ZONA PRISONAL“, bis dann endlich der moderne Knast auftauchte. Der alte, der aus Salazars Zeiten, war auch noch da, jedenfalls die Wirtschaftgebäude. Zwei niedrige, langgestreckte Wohngebäude parallel nebeneinander. Im Schatten Männer auf alten Stühlen und Hockern. Ausnahmslos alte, kleine, krumme Männer. Davor mal wieder ein rostiges Schild: „ZONA PRISONAL“. Ex-Gefangene, die hier ihren „Ruhestand“ runterreißen? Ich hätt’ rüber gehen können. Meine Frage wäre bestimmt nicht ohne Antwort geblieben, denn neugierig waren auch sie. Wann kommen hier schon mal zwei Menschen mit Rucksäcken zu Fuß die Straße hoch? Aber darf man einfach mal so nachfragen, nur so aus Neugier, als Voyeur?

 

Klasse war auch Torre. Ein Nest, weniger noch. In zwei Minuten waren wir durch. Eine vernagelte Cafeteria am Straßenrand, gegenüber eine leerstehende Lagerhalle, die halb so lang ist wie der Ort, auf den Strommasten ein paar Störche. Treff- und Mittelpunkt ist die einsame Tankstelle auf halbem Weg nach Comporta. Dort sahen wir dann die ersten Reisfelder in Portugal. Leider waren die schon abgeerntet  In der Sonne trocknendes Reisstroh zeichnete geometrische Muster in die Landschaft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein wirklicher Höhepunkt war jedoch die Steilküste dieser Region. Nicht sonderlich hoch, dafür aus ziemlich weichem Sandstein. Keine Küste für die Ewigkeit, eher dauernde Veränderung. Sonne, Wind und Regen sind die Bildhauer. Schluchten, Gruben, Löcher, Kämme, Tore, Höhlen, Grate, Rinnen. Vereinzelt hat etwas Grün einen Platz gefunden. Schön für ein paar Jahre, vielleicht nur bis zum nächsten Regen, der wieder Neues schaffen wird.

 

Dann war da noch die Strecke zwischen Setúbal und Lissabon. „Südlich des Tejo“ nennt der Reiseführer (Portugal, Michael Müller Verlag) den Landstrich lapidar. Dafür hätte es etwas Planung gebraucht, nicht viel. Aber das blinde Vertrauen in die Militärkarten war in dem Fall ein Fehler. Bis Cahilhas wollten wir gehen. Ab da mit der Fähre rübersetzen, das wäre es gewesen. Als Fußgänger kann man nicht dichter an die Hauptstadt ran. Versucht hatten wir das. Gescheitert sind wir am wuchernden Moloch der südlichen Vorstädte Almadas, an Meter hohen stacheldrahtbewehrten Zäunen, an Straßen, die noch keinen Weg in die Karten gefunden haben und schlussendlich am neuen lichtdurchflutetem Bahnhof vom Coina. Acht Tage hätten wir noch Zeit gehabt, für die letzten popeligen 15 km bis Lissabon. Aber direkt am Weg so ein Bahnhof, unverantwortlich!

 

 

Sollten wir dort nochmals zu Fuß unterwegs sein, würde es der direkte Weg über stark befahrene Straßen bis Palmela werden, dann weiter zum nächstgelegenen Fährhafen. Das lässt sich in einem Tag schaffen, wie ein Ehepaar aus der Schweiz nur wenige Tage nach uns bewiesen hat.

 

Der Herbst an Portugals Westküste war gemütlich. Nachsaison eben. Die Touristen sind endlich weg. Das Geld ist verdient, wenn nicht, lässt sich das nun auch nicht mehr ändern. Man freut sich auf ein paar ruhige Monate, bevor der Trubel im nächsten Frühsommer erneut anläuft. Die wenigen Reisenden in dieser Jahreszeit zehren von den Hinterlassenschaften und der Infrastruktur der Hauptsaison. Noch ist alles da, wenn auch im Ausverkauf. Bis auch das letzte „Residencial“ die Rollläden schließt, beim Lebensmittelladen das Scherengitter für Monate ins Schloss fällt und die Straßen den Winterstürmen und den wenigen wirklichen Einwohnern überlassen werden.

 

Morgens etwas Bewegung, nachmittags Zeit totschlagen, so sahen unsere Tage aus. Rumlungern auf dem von der heißen Nachmittagsonne warmen Mäuerchen, dass den Kirchplatz in Carrapateira umschließt. Der Blick geht hinüber zum Hügel mit der Windmühle und zur Sandbucht ganz weit hinten am Meer, die zu weit weg ist, um das Tosen der Brandung zu hören. Lautlos brechen die meterhohen Wellen, die der starke Wind immer und immer wieder ans Land treibt. In langen Fahnen reißt Gischt von den brechenden Wellenkämmen, legt sich im Licht der tief stehenden Herbstsonne wie feiner Bodennebel über die Bucht.

 

Die Rucksäcke in den Sand, an den Randstreifen, aufs staubtrockene Gras stellen, Kramen nach der knisternden Dünnplastiktüte mit dem trockenen Brot, dem Käse oder der Salami, deren Fettbestandteile sich in der Mittagshitze selbständig machen. Dazu eine Wasserflasche mit lauwarmer Brühe. In solchen Augenblicken konnte es nicht Schöneres geben. Vor uns der rauschende Atlantik, über uns strahlend blauer Himmel. Wechselweise hinter uns nur zwei Fußspuren, verwehende Reifenspuren einer Sandpiste, flimmernde Hitze über schwarzem Asphalt. Einfach nur dasitzen und übers Wasser schauen mit dem Bewusstsein, dass da vorne, wo das Wasser des Atlantiks schäumend am Strand ausläuft, der alte Kontinent endet.

 

Das Wetter im Oktober 2008 spielte auch mit. Wir hatten eine halbe Stunde Regen, der Rest waren Sommer, Sonne, Wolkenspiele, aufgepeppt von einem angenehmen Wind. Eben so, wie unsereiner sich den Herbst im Süden vorstellt.

 

Die Reise im folgenden Frühjahr war anders, richtig anders: brausender, straßiger, gradliniger und viel überraschender (Anführungszeichen nach Bedarf, das ist der interaktive Teil).

 

Stürmisches und kaltes Frühjahr

 

(Lissabon) - Sintra – Ericeira – Santa Cruz – Óbidos – Foz do Arelho – Nazaré - São Pedro de Moel – Figureira da Foz – Praia de Mira  – Costa Nova – Torreira  – Ovar  – Espinho (15 km vor Porto)

 

So wie die Herbstwanderung geendet hatte, begann diese: mit einem Planungsfehler und einer sich daraus ergebenden Zugfahrt. Die ersten drei Stunden sind wir zu Fuß aus Lissabon raus. Zentrum, dann links rüber ins Arbeiterviertel Benfica, auf die ellenlange Estrada de Benfica, immer geradeaus, so lange, bis der Stadtplan enden würde, dann der Wechsel auf die Militärkarten. Dumm, dass ich mich mit einem flüchtigen „Wird schon passen“ begnügt hatte. 15 km vor Sintra fehlte uns eine Karte. Straßenschilder? Fehlanzeige. Karten vor Ort? Kein Kommentar. Dann mal wieder in den Zug. Neustart in Sintra.

 

Sintra ist schön. Unten ein paar Meter Gasse, eine Küche mit angeschlossenem Palast, jedenfalls lassen die Küchenkamine keine andere Deutung zu, oben auf dem Berg ein Phantasieschloss, eine maurische Festung

 

und die obligatorischen Kassenbuden. Über allem der schützende und preistreibende Mantel eines Welterbes. Und überall Touristen.

 

 

 

 

Óbidos ist auch schön. Ein Nest auf einem langgezogenen Hügelrücken. Drumherum eine zinnengekrönte Stadtmauer, vorne, hinten und an der Seite die obligatorischen Stadttore, und ganz vorne auf der Spitze eine Burg, ein Bild von einer Burg. Drinnen enge Kopfsteinpflastergassen und kleine Häuschen mit windschiefen Fenstern. Über und hinter allem die Stadtmauerwege, bei denen deutschen Sicherheitsbeauftragten nur der Wunsch nach sofortigem Ruhestand eingefallen wäre. Óbidos hat es in jeden Reiseführer für Tagesausflugjunkies geschafft, also mal wieder Touristen, auch um diese frühe Jahreszeit.

 

Nazaré ist nicht so schön, trotz alter Frauen in traditioneller Tracht und sauberen Strand. Auch dieses Nest ist in jedem Reiseführer zu finden. In Nazaré war weniger los, eigentlich nix. Ein paar Portugiesen und ein paar Spanier im Osterurlaub bevölkerten die Strandpromenade. Schon die nächste Straße dahinter gehörte der im steifen Wind flatternden Wäsche.

 

 

 

 

 

 

 

Figueira da Foz an der Mündung des Rio Mondego ist auch nicht so der Brüller. Im Sommer möchten wir da nicht Urlaub machen müssen. Trotzdem haben wir dort einen Ruhetag eingeschoben, denn der Sommeransturm war noch weit. Vorne raus ein nicht enden wollender Strand, die Sandkörner nach Farbe und Größe ausgerichtet. Hinten raus die berüchtigte Mittelhochhauskulisse zu schnell gewachsener Urlaubsorte. Ab der zweiten Reihe ist das Städtchen schön. Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert, Parkanlagen und genau die Menge Abwechslung, die einen Pausentag zum Ruhetag mutieren lässt.

 

Costa Nova, das bei Aveiro, gehört auch zu den Schönen. Farbenfrohe Streifenbemalung der Häuser, Palmen, Bars und  Restaurants zur windgeschützten Lagune. Dünen, Ferienhäuser und eine Kirche zur stürmischen See raus. Geputzt, geschniegelt, gebügelt und eine unter nächtlicher Lichtflut leidende Promenade. Costa Nova, also jenes bei Aveiro, hat es auch in die Reiseführer geschafft, auch als Ziel für Tagesausflüge, denn am Abend wären bestimmt die Bürgersteige hochgeklappt, hätte es den welche gegeben.

 

 

Das war der große Unterschied zur Herbstwanderung entlang der südlichen Westküste. Dort unten fanden wir Nester, Käffer, gelegentlich ein Dorf mit dem Hang zum Urlaubsmetropölchen. Nichts, was man unbedingt gesehen haben muss. Dazwischen war man auf dem Land.

 

Zwischen Lissabon und Porto waren wir auch auf dem Land, aber auf dichtbesiedeltem, und da sind eben ein paar bekannte Orte zu finden. Sonst viele unendliche Straßendörfer und zu dieser Zeit verlassene Weiler am Meer. Gesichtslose Nutzarchitektur war oft für Stunden, manchmal halbe Gehtage unsere Begleitung.

 

An dieser Küste jedoch gibt es wirkliche Sehenswürdigkeiten und Urlaubsorte, letztere bei weitem nicht in Südküstendichte. Bekannte wie die da oben, unbekannte wie Praia de Santa Cruz. Apartmenthäuser mit leeren Wohnungen bis zum Abwinken, aber nur ein Hotel mit 200 Betten, das wir uns mit einer handvoll anderer Gäste teilen konnten. Ostern stand vor der Tür. Der Strand wurde gewienert, der Sand gesiebt, die runderneuerte Promenade würde gleich ihre Bewerbung für „Sauberste Promenade der Westküste“ abgeben. Ein Urlaubsziel für Portugiesen und Wochenendrückzugsgebiet für Hauptstädter - aber erst ab Ostern.

 

Noch war niemand da, nur wir, und wir wurden vom Wind durch die leere Hauptstraße getrieben, in der jedes zweite Geschäft noch vernagelt war. In Dörfern wie Praia de Santa Cruz waren wir oft, die hießen dann nur anders. Aber so geputzt wie im ersten wurde nirgends mehr.

 

Auch das unterschied diese Tour von der Herbstreise. Damals profitierten wir von den Nachwehen des Sommers, Im Frühjahr, Ende März, Anfang April war vieles noch zu. Die Vorbereitungen auf die Saison waren oft noch nicht angelaufen. Unseren Kaffee in einer Bar haben wir aber immer bekommen, der hatte dazugehört.

 

 

 

Erstaunlich für die doch relativ dicht besiedelte Küste war, dass wir bis auf ganz wenige Kilometer nie auf eine Nationalstraße musste. Von Sintra nach Nazaré war es ein Gewusel aus Straßen, Klippenwegen und manchmal aussichtsreichen Kammwegen. Für vier Kilometer waren wir sogar auf einem markierten Wanderweg unterwegs. Gelb-rot, einer von den lokalen Kurzwanderstrecken, die in den letzten Jahren viele Küstengemeinden in den Sand kloppen. Leider immer zu kurz, immer ohne Karte, immer ohne Infos, immer mit einer Nummer oder einer Phantasiebezeichnung, und fast immer im Kreis. Einmal standen doch tatsächlich Orte auf den Wegweisern. Sieh an, geht doch! Den haben wir dann auch genommen.

 

Straßentechnisch konnte das Frühjahr keine Schnellstraße bieten, dafür die Estrada Atlântica – einen 35 km langen Radweg. Von Nazaré über  São Pedro de Moel bis nach Praia. Immer nach Norden, immer links neben der Straße, immer geteert, immer dicht an der Küste, immer flach, immer gleichbleibend breit, immer geradeaus (bis auf wenige Knicke), immer durch Kiefernwald oder -gebüsch. Anfangs war die Fahrbahn noch rot eingefärbt, dann straßengrau. Autos im Halbstundentakt. Morgens noch Radfahrer. Später blieben auch die aus. Beim Blick nach vorne nur grauer Wolken verhangener Himmel, stumpfes Grün, eine graue Straße, links daneben ein grauer Radweg, Sand. Beim Blick zurück nur grauer Wolken verhangener Himmel, stumpfes Grün, eine graue Straße, rechts daneben ein grauer Radweg, Sand. Da können streunende Hunde, eine leere Haribo-Tüte oder der Mülleimerinhalt auf den in schöner Regelmäßigkeit auftauchenden Rastplätzen mystische Bedeutung erhalten.

 

 

 

 

Der Weiterweg nach Figueira da Foz konnte naht- und stimmungslos anschließen. Man muss sich nur den Radweg wegdenken und die breite, sauber geteerte Straße durch eine schmale Schlaglochpiste ersetzten. Stur in eine Richtung, manchmal Kilometer auf Kilometer, dann ein Knick oder Abzweig im rechten Winkel, und alles wieder von vorne. Jedoch sollte der Höhepunkt noch kommen, die Wege durch die Dunas de Quiados sollten alles in den Schatten stellen.

 

Ein kurzer, steiler Anstieg raus aus Figueira da Foz auf die erste Anhöhe seit Tagen, die vom Cabo Mondego, ein weiter Blick über die Küstenebene, auf die besagten Dünen. Wir standen auf der letzten Anhöhe vor Porto, 100 km weiter im Norden. Im diesigen Licht des Morgens war nicht viel zu sehen: nur graues Atlantikwasser, ein schmaler Streifen schäumende Brandung und grüner Kiefernwald – das aber bis zum Horizont. Die schnurgeraden Teerpisten waren von da oben noch nicht zu sehen. Aber das es die geben musste war unmissverständlich aus den 50.000er Militärkarten zu entnehmen. Nur in welcher Form? Die nächsten drei Blätter, die uns für die kommenden Tage begleiten sollten, waren uralt, jedenfalls die Datengrundlage. Letzte Vermessung im Feld: 1948, letzte Korrekturen mittels fotoplanimetrischem Verfahren: um die 1960er Jahre, letzte Überarbeitung der Straßenklassifikation: 1968. So alte Karten hatten wir bis dahin noch nicht gehabt, alle anderen waren auf ziemlich aktuellem Stand. Würden wir uns zurecht finden? Wie sehen die Straßen aus? Sind aus den einspurigen Straßen, die vor 40 oder mehr Jahren ein schlechte Oberfläche hatten (die Militärkarten geben die Oberflächenbeschaffenheit an), Autobahnen geworden?

 

Heute wissen wir, dass sich in all den Jahren nichts verändert hat. Straßen die vor 40 oder mehr Jahren einspurige Schlaglochpisten waren, sind das heute immer noch. In den Dünen hat die Zeit hin und wieder eine Pause eingelegt. Einzig die drei Strandsiedlungen haben einen halbwegs erkennbaren Wandel erfahren, der Run ans Meer hat die Zufahrstraßen etwas breiter werden lassen.

 

Stundenlang, zwei Tage lang, konnten wir gehen ohne zu denken, ohne uns Fragen nach dem Weg stellen zu müssen. Keine Autos, bis auf den Landrover der Polizei auf Kontrollfahrt. Die Höhepunkte waren rar gesät. Ein junger schwarzer Hund, der unbedingt bei uns bleiben wollte, das Logo eines Fußballclubs am bröckelnden Vereinshaus, die Betonstraßenschilder mit verblassenden Entfernungsangaben, im Halbstundentakt rechtwinkelig kreuzende Staubpisten auf dem Weg ans Meer oder vom Meer

 

Eine Wiederholung der herbstlichen Monotonie in der Langversion? Nein, das hier war einsamer und viel überraschender. Unsere Endeckung war mal wieder die Monotonie, das Gehen bis der Kopf leer war. Sich um nichts kümmern zu müssen, keine Fragen nach dem Weg zu stellen.

 

Dabei haben wir Stranddörfer im tiefsten Winterschlaf, die wenn es hoch kommt, einen Absatz im Reiseführer erhalten, für uns erlaufen. São Pedro de Moel an einem verschlafenen Sonntag im April zu erleben, war schön. Gepflegt, verrammelt, nix los, obwohl die Pflasterstraßen zugeparkt waren. Treffpunkt aller war der Marktplatz am Meer. Zwei sonnenschirmgekrönte Stände an denen Popcorn verkauft wurde als Haupt- und einzige Attraktion. Omas, Opas, Mamas und Papas, Kind und Kegel, Freizeitrocker und Bügelfaltenhosenträger in trauter Eintracht versammelt in langen Schlangen in Erwartung meterlanger Popcorntüten.

 

Praia de Vieira war schon etwas gespenstisch. Das Verlangen nach dem allfälligen Kaffee hatte uns zur Strandpromenade geführt. Kein Mensch war dort zu sehen. Nur ein paar einsame Autos auf viel zu großen Parkplätzen, vor viel zu großen Apartmenthäusern mit runtergelassenen Rollläden. Über allem eine Schicht nasser Atlantiksand. Nichts wie weg.

 

 

 

 

 

 

 

Einer der Höhepunke war sicherlich Pedrógão. Nicht das Kleinstädtchen im Binnenland, das südlich Figueira da Foz gelegene Nest am Atlantik ist gemeint. Aufkommender Regen und Sturm hatten uns ins Dorf getrieben. Pedrógão gehört zu den Dörfer, bei denen schon am Ortseingang das Gefühl aufkommt, alles gesehen zu haben. Wir waren uns schon nach wenigen Minuten sicher: Hierher verirren sich nur Einheimische, nur die Auswanderer nach Übersee, nach Frankreich, wenn sie der alten Heimat einen Besuch abstatten. Meterhoch hatten die Winterstürme den Sand aufgeschüttet, über das niedrige Mäuerchen getragen, das eben dieses verhindern sollte, und anschließend bis in die hinteren Straßen verteilt. Bis auf zwei Bars war das Nest verrammelt. Um uns herum geschlossene Rollläden, vergitterte Türen und knirschender Sand. Die Scheiben der Touristeninformation waren blind vom Salz. Das einzige „Residencial“ hatte in diesem Jahr die Türen noch nicht ein einziges Mal geöffnet. Verlassenheit, Einsamkeit wohin wir schauten. Nicht ein schönes Haus, kein Park, keine Palmen, nur die kümmerlichen Bäumchen an der Strandstraße erinnerten im Zweihundertmeter-Takt an die Mühen der Gemeindeverwaltung. Mit einem Wort: grottenhässlich.

 

Das Essen in der Strandbar war das schlechteste bisher in Portugal – und sollte es auch bleiben. Trotz dicken Daimlers vor der Tür, aufgedonnerten alten, schmalzigen Gigolo mit zu junger Begleitung, war der Sprung von Mamas Küche zum Restaurant eine glatte Bauchlandung.

 

Durch Zufall kamen wir bei einem privaten Zimmervermieter unter. Männerwirtschaft, Vater und Sohn. Es war eine unserer besten und billigsten Unterkünfte in Portugal. Später am Tag hatte die Sonne ihren großen Auftritt. Blauer Himmel, weiße Wolken, weißer Strand. Von Sonne und Salz gebleichte Holzzäune als Mittel gegen den Sand. Auf den Felsen am Ortseingang Angler mit langen Ruten, auf dem Mäuerchen darüber das kommentierende Publikum aus alten Männern und  Freizeittotschlägern. Durch die sandverwehten Straßen kurvte hin und wieder ein Auto, schlurften ein paar alte Frauen in schwarzer Kleidung auf dem Weg zum Minimarkt. Hier und da tat sich ein Fenster auf, wurde ein alter Stuhl in die Sonne geschoben, das Leben konnte beginnen. Plötzlich war Pedrógão schön, wenn auch immer noch ein verlassenes Kaff.

 

Auf dieser Wanderung waren es eben diese leeren, sandverwehten Orte, die sich ins Bewusstsein geschlichen haben. Praia de Mira gehört auch in diese Reihe. Bei der Ankunft hatte uns der Regen bis in den frühen Abend ins Zelt getrieben. Danach raus an den unendlichen Strand. Da lagen sie, die Fischerboote, die der Reiseführer versprochen hatte. Ein archaisches Bild. Schwere Holzboote, acht oder mehr Meter lang, mit hölzernen Auslegern an den Seiten zum Ausbringen der Netze. Ein alter ölverschmierter Traktor hatte die Boote hoch auf den Strand gezogen. Daneben mit Netzen beladene rostige Anhänger, die bis weit über die Achsen eingeweht waren. Kein Fischer würde bei dem Wind rausfahren. Irgendwann würde der Sturm nachlassen, die Wellen nicht mehr schäumend an den Strand donnern und der ölverschmierte Traktor mit der vielfach übersetzen Winde würde seine Arbeit tun und die Boote ins  Meer ziehen. Den Bug hatten alle schon dorthin gerichtet.

 

Dann war da noch die Ria de Aveiro. Diese Lagune begleitete uns zwei Tage. Links, oft nur wenige hundert Meer weg, die tosende Brandung des Atlantiks, rechts die ruhige Wasserlandschaft der Ria, die sich mit dem Gezeitenhythmus von einer Seen- in ein Rinnsal- und Tüpellandschaft veränderte.

 

Direkt neben der einzigen Straße hölzerne, wackelige Bootsstege mit halb abgesoffenen Kähnen, etwas weiter auf einem kleinen Strand einige Moliceiros, die alten Holzboote der Tangfischer. Viele Boote sind erstaunlich gut in Schuss, vermutlich für die alljährliche Regatta. Bug und Heck sind weit hochgezogen, Platz genug für Bilder, die von der Dummheit der Männer, den Kosten für die Frauen oder den Angebereien der Fischer erzählen.

 

Jenes oben erwähnte Costa Nova ist an dieser Landschaft aus Brackwasser, Schilf, Sand und Schlick zu finden, ebenso Torreira. An der ruhigen Ria mäßig geschäftig mit  einer Uferpromenade und 50 Meter Kneipenmeile. Am stürmischen Meer unendlicher Strand. Promenade, Kneipen, Strandbar und Wind, Wind, Wind. Kaum ein Mensch hielt sich am Strand auf, nur wir zwei und ein paar Kinder. Dazwischen menschenleere Ferienhausträume im Stil der Sechziger und Siebziger. Nichts was man gesehen haben muss, aber gut, das wir zu Fuß da waren, denn sonst hätten wir es nie gesehen.

 

Nach Ovar ganz am Ende der Ria sind wir gegangen, weil wir mal wieder Zeit im Überfluss hatten. An einem Sonntag war das. Ovar am Sonntag ist so spannend wie die Hinterseite des Mondes. Aber Kachelhäuser gibt es da, das glaubt man nicht. Azulejos, bunt, bunter, noch bunter, mit Muster, ohne Muster, glatt, mit Struktur, mit und ohne Ecken, mit und ohne Facette. Mit Malereien, die Geschichten erzählen, erfundene und wahre. Vielfalt ohne Ende, leider nur an den alten Gebäuden. Irgendwann haben die Portugiesen aufgehört, diese für ihr Land nicht ganz unbedeutende Kunst mit in die Gegenwart zu nehmen. Kaum zu glauben, wenn man ihre oft sehr schönen neuen Bauten sieht.

 

Um Ostern 2009 waren das unsere Entdeckungen, sogar die aus dem Reiseführer. Später im Jahr hätten wir das alles mit anderen teilen müssen, mit Auto- und Bustouristen, mit extra aus den Urlauberhochburgen angereisten Menschen und mit den unvermeidlichen Wohnmobilfahrern. Wir als Fußgänger wären da glatt untergegangen. Allein schon der Betrieb auf den Straßen, unvorstellbar, dann dort zu Fuß zugehen.

 

Das Wetter hatte gar nichts vom Süden. Von wegen Sommer, Sonne, Sonnenschein. Kälte, Sturm und Regen waren für die zwei Wochen unsere täglichen Begleiter. Nicht mal eben so ein bisschen Wind. Starker Nordwestwind, der arktische Kälte mitbrachte, machte es unmöglich, längere Strecken über den Strand zu gehen, trieb uns oft weit vor der frühen Dämmerung in die Schlafsäcke, hat uns regelmäßig die Heizfunktion der Klimaanlage bis an den Anschlag drehen lassen und den Kaffee oft mit Sand verfeinert. In diesem Jahr hat es über Ostern in den Bergen der Serra da Estrala geschneit, sehr zur Freude der Skiliftbetreiber. In den Nachrichten waren vor Begeisterung strahlende Gesichter unter draufgängerisch die südländischen Stirnen zierenden Skibrillen zu sehen. Portugiesen und Spanier im Wintersportrausch. Das alles etwas mehr als 100 km von der Küste weg, noch keine 2.000 Meter hoch.

 

Fazit

 

Werden wir das wiederholen? Nein, nicht auf dieser Route, denn das kennen wir ja nun zu Genüge; auch stehen jetzt andere Wanderziele an, sogar über große Wanderrouten mit Wanderkarten und Wanderbüchern. Irgendwann aber werden wir bestimmt wieder da unten sein oder auf den Straßen eines anderen Landes.

 

Ja, es hat sagenhafte Längen geben, Tage an denen uns das alles zum Hals raushing. Noch eine Gerade, noch ein Straßendorf, wieder Sand, wieder Kiefernwald, erneut Teer, schon wieder ein mühsamer Sandweg. Schon unterwegs ist das alles in den Hintergrund gerückt, im Nachhinein sowieso. Ein Land zu Fuß entdecken, dahin gehen, wohin wir sonst aller Wahrscheinlichkeit nie gekommen oder mit dem Auto achtlos vorbei gerauscht wären, war und ist Antrieb genug. Dann war da noch was: Da zu gehen, wo sonst keiner geht, kann ganz schön spannend sein. Nicht wegen Pionier oder ähnlichem Quatsch, einfach weil noch nichts vorgekaut ist und ungewiss ist, was hinter der nächsten Ecke kommt.

 

Gut, vermutlich hätten wir mehr gesehen, wären schönere Wege gegangen, wenn wir alles bis ins Detail vorgeplant hätten. Aber warum?

 

Uns haben diese beiden Wanderungen gezeigt, dass wir fürs Wandern nicht zwingend Markierungen oder Wanderwege, Wanderbücher oder Wanderkarten, gar einen Führer braucht. Zwei Füße, die Bereitschaft, alles zu nehmen, was kommt und Überraschungen zuzulassen, reicht. Das Aufregen über fehlende Schildchen im Wald oder ein paar Straßenkilometer halten nur vom Entdecken ab.

 

Fotos und Titelfoto: Werner Hohn

 

Foto auf Seite 7: Wikipedia - Claus Bunk, Hamburg

Unteres Foto auf Seite 11: Wikipedia - Felix König

 

 

Erschienen in "Wege und Ziele" Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 30 - Dezember 2009

 

Die Algarve, wild und wanderbar

 

Olivenhaine, stille Dörfer und beschipste Schweine:

die Via Algarviana schängelt sich über 300 Kilometer durch Portugals Süden.

 

Von Rüdiger Dilloo

 

Clara, meine junge Führerin, wirkt nervös. Alle paar Minuten schaut sie auf die Landkarte, suchend in die Hügellandschaft, dann wieder auf die Karte. Vor einer Stunde sind wir im Dorf Balurcos losgegangen, nun laufen wir schon recht lange auf diesem rotsandigen Fahrweg in Richtung Südwesten, leicht auf und ab durch lichtes Buschzeug und niedriges Laubgehölz, der Blick geht weit rundum, und Clara zweifelt. Hätten wir nicht längst rechts abbiegen sollen? Haben wir ein Schild, eine Markierung übersehen? Clara Carvalho kennt die Via Algarviana eigentlich gut. Seit sie ihr Ökotouristik-Studium beendet hat, arbeitet sie im Organisationsbüro des neuen Wanderwegs durch die Algarve. Sie hat am Routenführer mitgeschrieben. Auf fast allen 14 Tagesetappen der gut 300 Kilometer langen Strecke war sie schon unterwegs - nur dieses Teilstück kennt sie noch nicht. Fairerweise hatte sie das beim Aufbruch klargestellt. Außerdem hätte ich auch selbst auf die Markierungen achten können.

 

Die Wanderführerin holt ihre Wasserflasche aus dem Rucksack. Ihr blaues T-Shirt ist am Rücken durchgeschwitzt, ihre dunklen Augen unter dichten schwarzen Brauen schauen besorgt. Sie tut mir ein bisschen leid. Da hinten, meint sie, ist das nicht ein Pfad zwischen den Büschen? Könnte der richtige Weg sein; könnten wir das Stück zurückgehen? Kein Problem, Clara, kein Problem.

 

Der Umweg zieht sich, bringt aber nichts. Der Pfad führt ins Nirgendwo. Keine Markierung. Clara will noch bis hinter die nächste Biegung laufen und schlägt mir vor, hier zu warten. Ich setze mich unter einem Baum in den Schatten. Die Luft steht. Es ist heiß in Südportugal, Ende Oktober. An den Stränden von Faro und Albufeira kühlen sie sich jetzt vermutlich im Atlantik ab, gerade mal 60, 70 Kilometer Luftlinie von hier. Trinken Caipis und flirten an der Bar. Aber die Algarve kann auch anders. Deswegen bin ich hier.

 

Als ich am Vorabend in Faro ankam, war es schon dunkel. Flipflops und Bermudas, Reihen professioneller Abholer mit Namensschildern, Blickkontakt mit den Ankommenden suchend - der Flughafen der Provinzhauptstadt ist ein typischer Ferien-Airport. Nach einer Stunde Autofahrt durch nachtschwarzes Hinterland war ich in Alcoutim, wo die Via Algarviana beginnt. Im Speiseraum des Hotels tafelte eine große, laute, unterhaltsam zu beobachtende Gesellschaft von Portugiesen, Herren in Flanell und Cashmere, Damen in Armani-Jeans und weißen Blusen, gekämmte Kinder. Der Ober informierte den einzigen Außenseiter: An diesem Wochenende fange die Jagdsaison an, Kaninchen und Wildschweine vor allem, große gesellschaftliche Sache hier. Soso. Und mittendrin ein Wanderer, unbewaffnet? Ich aß Stockfisch mit Rührei und Kartoffeln, schwemmte das gerühmte Regionalgericht mit etwas viel Rotwein hinunter und träumte dann schwer. Irgendwas von einer Wildsau in orangefarbenem Ganzkörperanzug.

 

Der Morgen war überraschend. Bisher hatte ich praktisch nichts von der Umgebung gesehen, nun stand ich auf dem Balkon und schaute auf einen stattlichen Fluss zwischen sonnverbrannten Hügeln, weit gewunden, träge strömend, ich dachte ans Maintal nach dem Klimawandel. Segelboote ankerten an grünen, unverbauten Ufern, zwei Kähne mit Netzen und Tonnen an Bord tuckerten leise stromaufwärts, und über dem jenseitigen Ufer ging die Sonne auf. Dort drüben war Spanien: Ich stand am Grenzfluss Rio Guadiana. Er fließt von Kastilien 720 Kilometer weit bis in den Golf von Cádiz und spielt, bevor er dort mündet, in der Algarve-Provinz seine Rolle als Grenze zu Spanien. Es gefiel mir, dass die Via Algarviana hier beginnt: Wandern von der Landesostgrenze bis zur Südwestspitze Cabo de São Vicente, dem Landesende - das Routenkonzept schien logisch. Fünf Tagesetappen hatte ich vor zu gehen, die Abschnitte am Anfang und am Ende der Route und drei Teilstrecken mittendrin. Ein netter alter VW fuhr vors Hotel. Eine junge Frau stieg aus. Blaues T-Shirt, Tagesrucksack.

 

Clara Carvalho kommt zurück, schüttelt den Kopf und setzt sich zu mir in den Schatten. Wir schauen wieder auf ihre Karte - eine quadratmetergroße, aus dem Weltraum fotografierte “Satmap“ in verwirrend riesigem Maßstab - und sind uns schnell einig: Jetzt folgen wir stur dem rötlichen Fahrweg, seine Richtung stimmt auf jeden Fall. Keine zehn Minuten vergehen, dann leuchtet Clara auf. Da vorn, auf dem großen Stein! Weiß und rot, zwei waagerechte Farbbalken - das Kennzeichen der Via Algarviana. Umwege, Sorgenfalten, hätt's alles nicht gebraucht. Die Markierungen sind vielleicht ein bisschen spärlich, aber irgendwann kommt die nächste schon, man kann sich drauf verlassen. Gut so, denn menschliche Wegweiser trifft man selten: Erst nach Stunden begegnen wir Leuten im ersten Dörfchen an der Strecke, Palmeira. Zwei Dutzend niedrige Steinhäuser, schläfrige Katzen, gackernde Hühner. Kein Motorgeräusch, große Ruhe. Aus ihrer Haustür schaut skeptisch eine alte Frau, auf die Clara allerfreundlichst zugeht. Sie reden, ich verstehe kein Wort; ihr Portugiesisch kommt mir härter vor als das auf meinen Bossa-nova-Platten. Als wir weitergehen, sagt Clara: „Die Leute in diesen Dörfern sind ein bisschen fremdenscheu. Ich hab die Frau gefragt, ob sie Wanderer gesehen hat. Sie sagte, drei in der letzten Woche.“

 

Landflucht ist ein Problem im Hinterland der Algarve. Die Jungen gehen fort - an die Touristenküste oder gleich nach Lissabon. Die traditionelle kleinräumige Selbstversorger-Landwirtschaft - Garten, Äckerchen, Hausschwein, Olivenhain - stirbt aus. Wir wandern an vielen aufgegebenen, überwucherten Nutzflächen vorbei. Im weißen Steinbett eines trockenen Baches hütet ein dürrer alter Mann eine Herde Schafe. Grinst wortlos herüber unter seinem Schlapphut aus Jeansstoff, der aussieht, als hätte er circa 1970 seinen Weg von einer der ersten Strandboutiquen hier herauf gefunden. Furnazinhas, unser Zielort an diesem Tag, ist ein größeres Dorf mit Durchgangsstraße und schön renovierten Gassen und Hausfassaden - aber auch hier gibt es keinen Laden mehr und nur eine einzige, verschlossene Taverne, deren ältliche Wirtin man erst mal auftreiben muss. Am Spätnachmittag kommt allerdings Leben in den Ort. Auf dem Platz hält ein weißer Kastenwagen, der dicke Fahrer kugelt heraus, legt, fröhlich rufend, Planen aufs Pflaster und sortiert darauf erstaunlich schnell erstaunliche Mengen von Ess-, Textil- und Haushaltswaren, zuvörderst, zur allseitigen Gaudi, XXXL-Packungen von rosa Klopapier. Links im Schatten der Häuser lehnen alte Männer, rechts alte Frauen, mit ihren brüchigen Stimmen scherzen sie hin und her. Jüngster Mensch der Szene ist, außer Clara, der fliegende Händler.

 

In den Caldas de Monchique badeten schon Portugals Könige

 

Das Projekt Via Algarviana ist auch ein Versuch, dem geriatrischen Hinterland der Bikini-Algarve wirtschaftlich unter die Arme zu greifen, ein Wanderweg als Gehhilfe im Doppelsinn. Die Idee gibt es seit 1994, fast anderthalb Jahrzehnte dauerte die Realisierung. Der Antreiber von damals bis heute heißt João Ministro. Er begleitet mich auf der Etappe am nächsten Tag. João ist ein großer, muskulöser Mann Ende 30, Umweltaktivist und Vogelkundler, früher war er portugiesischer Profi-Basketballer. Wir laufen von Barranco do Velho nach Salir, der sechste Abschnitt der Strecke. Bis das alles so weit war, die ganze 300-Kilometer-Route ausgetüftelt, in Tagestouren von 15 bis 30 Kilometern portioniert, bis alle 14 Teilstücke zusammengenäht, Wegerechte geklärt, Herbergen gefunden und Sturköpfe weichgeklopft sowie, vor allem und immer wieder, die nötigen Gelder zusammengesucht waren, in Brüssel, Lissabon, in Kreisstädten und Dorfrathäusern - es muss eine Monsteraufgabe gewesen sein. Monströs, aber nicht ohne Komik, so wie João Ministro davon erzählt.

 

Wir gehen vom Dorf Barranco do Velho hinauf in die Serra. Das Wort für Gebirge bezeichnet hier den Höhenzug, der die Algarve zur Nachbarprovinz Alentejo im Norden begrenzt. Auf 515 Metern ist der höchste Punkt, wir steigen durch lockeren Kiefern- und Korkeichenwald und sind bald oben. Der dicke Rundturm einer stillgelegten Windmühle schaut dort aus kleinen Fensteraugen übers Hügelmeer und ahnt im Süden die See. Die Flügel sind abgebaut, aber das weiß gekalkte Bauwerk hat ein neues Blechdach und wirkt gut erhalten. João verhandelt zurzeit mit dem Besitzer: Der Mühlenturm hier oben wäre ein traumschöner Übernachtungsplatz für die Via-Algarviana-Wanderer. „Ich führe Vorgespräche zu den Vorverhandlungen“, spöttelt er, als ging's um Nordkorea. Joãos Basis ist die Umweltschutzorganisation Almargem, die für Kulturerhalt und Ökotourismus an der Algarve kämpft. Wer die Bettenburgen von Albufeira und Faro und die Monokulturen der Golfklubs dazwischen gesehen hat - 14 Plätze auf 25 Küstenkilometern -, der weiß, warum. „Manchmal“, sagt João Ministro, „werden wir ziemlich laut.“

 

Bald nach der Gipfelmühle senkt sich der Weg hinunter ins Barrocal, die fruchtbare Talregion der Algarve zwischen Serra und Litoral, dem Küstenland. Es wird wieder heiß. Über einem engen Canyon kreist im Aufwind ein Schwarm großer Vögel. „Geier!“, ruft João erfreut. Er mag Geier. 30, 40 Jungtiere, meint er, die ziehen jetzt von Gibraltar her nach Norden. Sind noch ein bisschen dumm und schnell erschöpft, rasten hier in der Algarve und erschrecken schon mal jemanden, wenn sie frühmorgens auf dem Fensterbrett hocken. Zwei junge Männer auf Mountainbikes kommen uns entgegen. Doch, das geht, sagt João. Stellenweise nicht einfach, aber man kann die Via Algarviana auch mit dem Rad machen. Eine Schlange raschelt uns aus dem Weg. Im Unterholz liegt ein Schafkadaver, Vogelfreund João freut sich wieder. In einem Hohlweg zwischen Trockensteinmauern, so breit wie ein Eselskarren, in Jahrhunderten tief eingespurt durch Mensch und Vieh, bückt er sich schnell nach einem Insekt und setzt es auf seine Handfläche, was ich bisher nur von Bildern kenne: Louva deus. Die Gottesanbeterin, hellgrün, typische Haltung, schaut frech, irgendwie. Man weiß ja, nach dem Sex frisst sie ihren Gatten.

 

Meine dritte Etappe, von Salir nach Alte, bleibt im Barrocal. Die Ackerflächen werden größer, die Dörfer belebter. Zu jedem Haus gehört ein kleines, dünnes, mutiges Hündchen, manchmal kläffen auch zwei oder fünf und schimpfen, als ging's ums Leben. Aber fürchten, ihr Tölen, tu ich euch nicht. Gänse, Ziegen, schwarze Schweine. Mandel-, Feigen-, Quittenbäume. Oliven und Johannisbrotfrüchte liegen unter Baumskulpturen ehrwürdigen Alters und werden, so scheint es, nicht geerntet. Weit außerhalb eines Dorfes arbeitet eine vielleicht 65-Jährige mit Kopftuch und Kittelschürze auf ihrem Feld. Hoch ausholend, hackt sie Löcher in die steinige Erde und legt Saubohnen hinein. Viele Löcher, lange Reihen. Ihr Mann steht dabei, krumm auf zwei Stöcke gestützt, hin und wieder lächeln sie sich an. Ich mache Mittagsrast auf der schattigen Praça von Benafim. Am Nebentisch wendet sich ein Weißhaariger - kühner Schnurrbart, keine Vorderzähne - zu dem seltenen Fremden und erzählt in gutem Englisch von seinen großen Jahren, in Afrika. Angola, Mosambik, Guinea! Die Kolonien, Weltreich Portugal! Dann schaut er resigniert ins Bier. Erlebe ich soeben saudade, das grundtraurige portugiesische Nationalgefühl?

 

Tag vier. Ich habe die nächsten drei Etappen der Via Algarviana übersprungen und bin morgens in Monchique verabredet, einem Städtchen am Südhang der Serra. Hier bin ich im höchstgelegenen, steilen und zerklüfteten Teil der Algarve; der Berg Foia, direkt über der Stadt, erreicht 940 Meter. Wenig unterhalb von Monchique springen heiße Heilquellen aus dem Vulkangestein, die haben den Ort berühmt und wohlhabend gemacht. In den Caldas de Monchique badeten schon Kelten und Römer, Portugals Könige, Portugals Salazar. Gestern Abend, Spätherbst 09, wärmte und  weichte der Wanderer seine Muskeln darin auf, dinierte und logierte klassisch im schönen alten Thermalhotel und imaginierte Thomas Mann unter der Leselampe im Salon. Treffpunkt mit Lucio Feio, einem der besten Kenner dieser Gegend, ist die Galp-Tankstelle. Am unteren Ortseingang, gleich hinter dem Granitsteinbruch. Der beste Granit der Welt, Japan hat ihn für die Fassade der Staatsbank in Tokyo bestellt! Der Mann legt sofort los mit Heimatstolz und Faktenwissen, kaum dass wir in seinem ramponierten Geländewagen sitzen. Lucios Eltern hatten zwei Kramläden und eine Taverne im Ort; als Junge hat er per Fahrrad Nägel, Seife, Malzkaffee und dergleichen zu den Bauern bis in die verstecktesten Schluchten geliefert, jetzt nutzt er die Ortskenntnis als Anbieter von Sportausflügen: Klettern, Biken, Wandern, Kanu. Paintball.

 

Das Wetter schlägt um, es wird neblig und kalt. Lucio platziert die Sonnenbrille auf seiner Baseballkappe und zieht eine Daunenweste an. Wolken schieben sich herunter bis zu Monchiques oberen Häusern. Ich habe nichts dagegen, heute mehr zu fahren als zu laufen. Auf abenteuerlichen Weglein balanciert uns Lucio im Auto über Wurzelstock und Hinkelstein, deutet, zeigt, erklärt. Dort die Korkeichen, von unten her geschält bis in halbe Höhe: Nur alle neun Jahre darf geerntet werden, sonst stirbt der Baum, die weiße Ziffer markiert den Termin. Portugal ist weltgrößter Korkproduzent, ein kleiner Korkwaldbesitzer von Monchique kann 5000 Euro im Jahr machen, wenn er gut wirtschaftet. Aber die neuen Plastikkorken im Weinhandel, die verderben alles.

 

Vorsicht vor den reifen Baumerdbeeren! Sie sind alkoholisch

 

Von einem hohen Strauch zupft Lucio ein paar rote Früchte und hält sie mir hin: Sie sind kugelig, genoppt, etwas kleiner als Tischtennisbälle. Vom ersten Tag an sah ich sie auf meinem Wanderweg immer wieder. Kannst du essen, sagt Lucio, das sind Medronhos, portugiesische Baumerdbeeren. Sie schmecken, tja, nicht gerade wie Erdbeeren, aber gut, süß, würzig, leicht vergoren - hey, sagt Lucio, nicht zu viel auf einmal, die ganz reifen sind alkoholisch! Die Bauern machen Medronho-Schnaps daraus und die Wildschweine Unsinn, wenn sie zu viel davon fressen. So redet Lucio, während wir immer höher kurven. Auf dem Foia-Gipfel heult der Sturm über den leeren Parkplatz, zerrt an Funkmasten und Kioskdächern. Die Sicht ist gleich null. Von dort kommt die Via Algarviana herauf, schreit Lucio und deutet in die Suppe. Und dort kann man das Meer sehen! Aber nicht heute.

 

Ich sehe das Meer am nächsten Tag, beim Finale am Atlantik. Ich laufe auf der letzten Etappe der Via Algarviana von Vila do Bispo nach Cabo de São Vicente. Die Sonne ist wieder da. Das Farmland wird flach und baumlos, Kühe und Schweine weiden, aber kaum ein Mensch ist zu sehen. Auf einem leeren Acker liegt ein toter Storch. Strandkiefern, Sanddünen, die Luft wird salzig. Aber wo bleibt das Meer, wo ist es? Noch liegt kilometerweit nur Land vor mir. Portugals Südwestspitze, das mythische Kap, an dem die Seefahrthelden des 15. Jahrhunderts zum letzten Mal die Heimat sahen, bevor sie ins Ungewisse segelten, nach Afrika und Indien, Japan und Brasilien - Cabo de São Vicente ist eine Steilküste, 30 senkrechte Meter hoch. Und das Meer zeigt sich dem Wanderer erst, wenn er direkt darüber steht. Dort aber steht er, natürlich, nicht allein: Busse, Autos, Menschenmassen. Souvenirs, Limo, Zuckerwatte. Und eine Imbissbude mit Riesenreklameschild auf Deutsch: „Letzte Bratwurst vor Amerika!“ Die gemalte Wurst zwinkert auffordernd, und ich glaube fast, dieser ganze Stuss gefällt mir, nach den menschenfernen Wandertagen im Reich der beschwipsten Wildsau.

 

 

Via Algarviana 

Anreise: Flug nach Faro beispielsweise mit TAP Portugal oder Ryanair. Zum Beginn der Wanderstrecke in Alcoutim mit Leihwagen oder Hotel-Abholdienst

 

Unterkunft: Hotels im Hinterland sind spärlich. Empfehlenswert zum Beispiel Guerreiros River Hotel, 8970-025 Alcoutim, Tel. 00351-281/54 01 70, www.guerreirosdorio.com, DZ ab 70 Euro, Alte Hotel, 8100-012 Alte, Tel. 00351-289/47 85 23, www.altehotel.com, DZ ab 44 Euro, Villa Termal de Monchique, 8550-232 Monchique, Tel. 00351-282/91 09 10, www.monchiquetermas. com, DZ ab 95 Euro

 

Wanderungen: Vom 20.3. bis 2.4. 2010 bietet Almargem die Gruppentouren an. Kosten pro Tag 7,50 Euro für die Organisation. Kontakt: João Ministro,Tel. 00351-289/41 29 59, www.almargem.org. Bei individuellen Wanderungen müssen Über­nachtungen und Provianteinkauf geplant werden

 

Literatur: »Via Algarviana«, (Wanderführer portugiesisch/englisch), www.viaalgarviana.org, Tel. 00351-289/41 29 59

 

Auskunft: ICEP Portugal Touristikamt, Tel. 0180-500 49 30, www.visitportugal.com.

 

 

Erschienen in   Nr. 48 - 19. November 2009

  

mit freundlicher Genehmigung der Reisen-Redaktion und des Verfassers

 

 

 

 

 

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