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a n d e r b e r i c h t e - P o l e n
Inhaltsverzeichnis:
• Der Koopernikusweg -
Wandererfahrungen in Nordostpolen
Von
Lutz Heidemann
Der
Kopernikusweg -
Wandererfahrungen
in Nordostpolen
Von
Lutz Heidemann
Im
August 2004 sind meine Frau und ich fast zwei Wochen in Nordostpolen gewandert.
Unser Ausgangspunkt war die Stadt Olsztyn, die bis 1945 Allenstein hieß. Zwölf
Tage wanderten wir auf dem Kopernikusweg, der hier seinen Start- und Endpunkt
hat. Der berühmte Astronom lebte mehrere Jahre in Allenstein; in der Burg wird
eine Wand gezeigt, wo Meridiane für Gestirnsbeobachtungen aufgemalt worden
sind. Sein Onkel Lukas von Watzenrode war Bischof des Ermlandes, und der junge
Kleriker befaßte sich deshalb außer mit Mathematik und Himmelsbeobachtungen
auch mit so profanen Dingen wie der Verwaltung eines größeren Territoriums.
Von Allenstein geht der Weg anfangs nach Norden über Orte, die früher
Guttstadt, Heilsberg, Mehlsack und Braunsberg hießen, und geht bis zum Frischen
Haff an der Weichselmündung. Unvergeßlich wird uns der Blick von unserem Hotel
in Frombork (früher Frauenburg) auf den türmereichen Dom bleiben, in dem 1543
Kopernikus begraben wurde.
Waren
die ersten Etappen noch identisch mit dem Europäischen Fernwanderweg E11, so
benutzte der Kopernikusweg ab Braniewo (Braunberg) den wenige Kilometer östlich
an der russisch-polnischen Grenze bei Kaliningrad (Königsberg - oder polnisch:
Krolewco) beginnenden - oder endenden E9. In Elblag (Elbing) kann sich der
Wanderer entscheiden, ob er mit der Fähre über das Haff fahren und von dort
nach Gdansk (Danzig) und weiter- letztlich bis zur deutsch-polnischen Grenze bei
Swinoujscie (Swinemünde) auf Usedom -wandern will.
Wir
blieben auf dem Kopernikusweg: Über Malbork (Marienburg) mit der großartigen
früheren Residenz der Hochmeister des Deutschen Ritterordens wanderten wir im
Weichseltal bis Kwidzyn, in preußischer Zeit Sitz des Regierungspräsidenten
Marienwerder und noch früher der Bischöfe von Pomesanien. Wir sind ab Kwidzyn
noch einen Tag dem Napoleonweg in Richtung Osten gefolgt und dann mit der Bahn,
die in Polen noch ein dichtes Netz hat, zurück nach Allenstein zu unserem Auto
gefahren.
Der
Kopernikusweg geht über Grudziadz (Graudenz) weiter bis Torun (Thorn), wo
Kopernikus 1473 geboren wurde. Die weiß-rot-weiße Markierung war in der Regel
sehr gut und offensichtlich immer wieder gepflegt worden. Einmal registrierten
wir, daß in jüngster Zeit auch ein Stück der Trasse über ein attraktiveres
Zwischenziel verlegt worden war.
Die
durchquerte Landschaft war vielseitig, Wälder und landwirtschaftliche
Nutzflächen wechselten häufig. Die Eiszeit hatte ein kleingewelltes Land
hinterlassen. Es gab auf dem ersten Abschnitt viele kleine Seen. Wir empfanden
die Landschaft sowohl vertraut wie eben um die charakteristische Spur anders,
fremder und weniger vom Menschen verändert, die ein Fernwanderer schätzt, um
in Spannung zu bleiben. Hinter Elbing änderte sich die Landschaft. Dort war
früher sumpfiges Flußdelta gewesen. Größere Teile liegen unter Meeresniveau.
Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wurde es kultiviert. Wir wanderten anfangs
auf kleinen Straßen oder Feldwegen, kamen dann zur Nogat, einem alten
Weichselarm, und
wanderten dann über einen pfadlosen Deich entlang des ruhig fließenden
Flusses, auf der anderen Seite sahen wir große Erntemaschinen in den goldgelben
Feldern. Hinter der Marienburg gab es wieder ein Hochufer. Unser Weg ging teils
über sandige Waldwege, teils durch fruchtbares Schwemmland. In der Ferne lag
die Ordensburg Gniew (Mewe) wie ein massiver Ziegelblock an der Hangkante. Auf
der Rückfahrt mit dem Auto machten wir dort Station und schliefen in dem Hotel,
das in dem benachbarten früheren polnischem Königsschloß untergebracht ist.
Ist
Mittelpolen ein attraktives Wanderland? Ich könnte die Alternative
konstruieren: Wandern in der Toskana oder in Polen? Die Antwort müßte lauten:
In beiden europäischen Regionen sollten wir wandern. Deutschland ist mit Polen
so eng verbunden wie mit Italien, eher noch stärker, wenn wir Nordostpolen
durch die Namen Ostpreußen und Westpreußen ersetzen. Wandern ist eine Chance,
ein Land gut kennenzulernen, und ein unpolitischer Besuch Polens ist meines
Erachtens nicht möglich. Die Geschichte der Deutschen im Gebiet des heutigen
Polen hat viele Aspekte. Begriffe wie Ordensburg sind „be-lastet“ durch
Geschichte und spätere ideologische Verwendungen. Solche „geistige
Verminungen“ sollen uns Deutsche nicht an einem Besuch hindern. Die Burgen an
Rhein und Mosel, an denen wir uns jetzt relativ unbefangen erfreuen, sind auch
nicht von den Rittern und ihren Familienangehörigen erbaut worden.
So
sehr uns die Landschaft gefiel, wobei wir schon wissen, daß ein großer Teil
des Reizes in der noch nicht vorgenommenen „Modernisierung“ der
Agrarwirtschaft beruht, so sehr erschreckte waren wir über das Bild vieler
Städte. Der Zustand von 1960 hatte sich verfestigt. Historische Stadtkerne
waren mehrmals Grünanlagen mit ein paar übriggebliebenen Gründerzeitbauten
und wiederaufgebauten gotischen Pfarrkirchen. Zu fühlen
waren die furchtbaren Kriegszerstörungen. Die sind in westdeutschen Städten
restlos getilgt. Dort könnte man glauben, daß der Zweite Weltkrieg nicht
stattgefunden hat. Um so mehr haben wir uns an erhaltenen und
wiederhergestellten Bauwerken gefreut.
Wir
sind überwiegend im Ermland gewandert. Das war eine gute Basis für die
Einstimmung auf die komplizierte Geschichte Ostpreußens. Das Ermland war
ursprünglich ein selbstständiges Bistum, es gehörte nicht zum Ordensland und
kam erst mit einer der polnischen Teilungen an Preußen. Kirchengeschichte und
Nationalgeschichte sind in Polen bis heute eng verzahnt. Unterwegs war uns der
DuMont-Kunstreiseführer „Polen – Reisen zwischen Ostseeküste und Karpaten,
Oder und Bug“ von Tomasz Torbus (Köln 2002) eine kluge Hilfe. Wieder zu Hause
lasen wir das Ostpreußen-Buch von Ralph Giordano „Ostpreußen ade - Reise
durch ein melancholisches Land“ (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1994).
Es ist die Reportage von einem Nicht-Ostpreußen, der aber gleich am Anfang des
Buches seine Faszination für Land und Leute dort bekennt und in vielen
Einzelschicksalen und Beobachtungen die Vergangenheit und Gegenwart verlebendigt.
Solche
Bemerkungen sollen nicht vom Wandern in Polen abhalten. Wir empfanden den
Kopernikusweg als guten Einstieg, Mittelpolen kennenzulernen. So viel bunte
Wiesen oder Felder mit Kornblumen gibt es in Deutschland nicht mehr. Das Gleiche
könnte man über Störche sagen. Häufig traten sie paarweise auf.
Einmal
beobachteten wir 18 Störche auf einem Fleck. Ein anderes Mal sahen und hörten
wir über längere Zeit einen Schwarm von etwa 800 Staren, der über uns auf dem
weiten Himmel kreiste. Außer dem Kopernikusweg gibt es noch andere längere und
kürzere markierte Strecken. Die Gegend um die masurischen Seen könnte manchem
attraktiver vorkommen. Andererseits sind dort auch schon Phänomene von
Massentourismus zu beobachten. Auf dem Kopernikusweg sind Wanderer mit
ziemlicher Garantie allein.
Wenn
wir durch die Ortschaften gingen, wurden wir in unserer Fremdartigkeit
angestaunt, aber wenn wir Hilfe brauchten, wurde uns die sehr bereitwillig
gewährt. Es gibt eine Sprachschwelle. Wir hatten Probleme die geschriebenen
Worte zu artikulieren oder uns die Worte mit ihren Konsonantenhäufungen zu
merken, aber für den Wanderer gelingen im täglichen Umgang die
Verständigungen mit gestenreichen Improvisationen, mit englischen oder
deutschen Begriffen oder mit Hilfe des Wörterbuches. Die Tages-Etappen des
Kopernikusweges waren mehrmals zu lang. Wir mußten ein Fahrzeug finden, das uns
in den nächsten größeren Ort brachte. Taxis sind noch preiswert, mehrfach
halfen uns Privatleute.
Überlegungen
zur Planung einer Reise durch Polen können mit Ängsten und
Unsicherheitsgefühlen verbunden sein. Es gibt Berichte von Autoaufbrüchen,
aber die gibt es auch von Süditalien. Es existiert ein soziales bzw.
Wohlstandsgefälle zu Westeuropa, aber es ist deutlich geringer geworden. Wir
erlebten ein Polen im Umbruch, vielleicht besser im Aufbruch. Der Prozeß der
Modernisierung und Anpassung an westeuropäische Standards geschieht schon seit
1990. Für den Wanderer durch die kleinen Orte finden sich viele Zeichen von
Privatinitiative, z.B. kleine Verkaufsstellen, wir würden „Trinkhallen“
sagen, oder auch von Restaurants und neugegründeten Hotels, Pensionen und
Zimmervermietern. Man sollte deshalb in Etappenorten in den Straßen nicht nur
nach Hotel-Schildern suchen, auch auf das Wort „Pokoje“ achten.
Natürlich
gibt es auch die Unarten einer beginnenden Wohlstandsgesellschaft, z.B.
weggeworfene Plastikflaschen. Da konnten wir dem in Deutschland von Herrn
Trittin initiierten Dosenpfand-Rigorismus nur recht geben. Bei der Wirtschaft
war es ein Start von einem tiefen Niveau. Inzwischen wurde viel erreicht,
Zeichen der „sozialistischen“
Vergangenheit, d.h. Bilder, Parolen o.ä. sind fast völlig verschwunden, aber
das Erbe in Gestalt von Plattenbauten ist unübersehbar; aber das ist in jeder
ostdeutschen Stadt genau so. Man kann das als Modernisierungsschub und
Verbesserung der Lebensverhältnisse gegenüber dem Wohnen in den einfachen
Häusern auf dem Dorf sehen, wenn die Zuzügler in die Städte in den Jahren um
1960 Wohnblocks mit fließendem Wasser und Zentralheizung erhielten. Dann gab es
aber keine Nachfolge-Investitionen mehr.
Wer
weitere Informationen über den Kopernikusweg wünscht, kann eine deutsche
Wegebeschreibung erhalten, die vom Ermländisch-Masurischen Fremdenverkehrsamt
herausgegeben und von mir überarbeitet und aktualisiert wurde. Hinsichtlich
weiterer Informationen zu diesem Teil Polens sei auf die beispielhafte vom
Fremdenverkehrsamt Olsztyn herausgegebene Internet-Übersicht verwiesen. (vgl.
den Abschnitt Polen in Wege und Ziele Ausgabe 15 - Dezember 2004 bei den
„Ländersplittern“, Seite 33).
Fotos:
Bettina Heidemann
Erschienen
in "Wege und Ziele"
Zeitschrift des Vereins
Netzwerk
Weitwandern e.V. Ausgabe 18 - Dezember
2005
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