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 am:   28.01.10

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W a n d e r b e r i c h t e   -   S l o w e n i e n

 

Inhaltsverzeichnis:    •   Wanderberichte aus Slowenien

                                   von Pfingsten 2003 und 2004

                                   Von  Holger Knoch

 

                              •   Slowenische Alpen-Überschreitung

                                   Von Hans Diem

 

                              •   Bergauf & bergab durch Slowenien.

                                  Von Anton Gekle

 

                                 Von der Kleinen Fatra bis zur West-Tatra

                                         Unterwegs auf Weitwanderwegen in der mittleren Slowakei im Sommer 2006

                                  Von Wolfgang Meluhn

 

                                 Von der West-Tatra zur Zipser Region   (1. Teil)

                                         Unterwegs auf Weitwanderwegen in der östlichen Slowakei im Sommer 2007

                                  Von Wolfgang Meluhn

 

                                 Von der West-Tatra zur Zipser Region   (2. Teil)

                                         Unterwegs auf Weitwanderwegen in der östlichen Slowakei im Sommer 2007

                                  Von Wolfgang Meluhn

 

Wanderberichte aus Slowenien von Pfingsten 2003 und 2004

 

Von Holger Knoch

 

Hiermit möchte ich zusammengefasst von unseren beiden etwa einwöchigen Wanderungen an Pfingsten 2003 und 2004 berichten. Dazu angeregt worden bin ich durch Wanderberichte von Lutz Heidemann.

 

Vorweg: Slowenien ist ein wunderbares Wanderland. Auf kleiner Fläche finden sich verschiedenste Landschaften von den alpiner Gebirgslandschaft, Karst, Mittelgebirge, Flußtälern, Weinbaugebieten bis hin zum Meer. Die Menschen sind sehr gastfreundlich, die Preise moderat, die Landwirtschaft manchmal noch so wie bei uns vor 50 oder 100 Jahren, was die Naturnutzung kleinräumig und artenreich und somit interessant macht. Vieles wird noch von Hand gemacht. Dies wird sich mit dem EU-Beitritt wohl bald ändern. Wer weiß, ob die vielen kleinen Blumenwiesen dann noch alle gemäht werden oder zunehmend verbuschen. Es gibt ein ausgedehntes Netz an Wanderwegen, auch Weitwanderwegen (E6, E7, Slowenische Transversale), die gut ausgeschildert sind.

 

Übrigens: Nirgendwo habe ich so viele Zecken eingefangen wie in Slowenien. Nach jedem Gang durchs hohe Gras oder durch zugewachsene Wege haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, unsere Hosen und Beine gegenseitig nach den Tierchen abzusuchen. Zeckenimpfung und Mitnahme einer Zeckenzange sind sehr empfohlen.

 

 

Die Pfingst - Tour 2003:

 

Durchwanderte Landschaften: Triglav-Nationalpark und Polhograjsko hribovje.

 

Der Triglav-Nationalpark als Teil der Julischen Alpen ist vielleicht noch bekannt, kaum dagegen das westlich von Ljubljana gelegene Polhograjsko hribovje. So dicht an der Hauptstadt gelegen und nur bis 1021 m hoch vermutet man gar nicht diese abgelegene, kleinteilige, bergige, teils alpin anmutende schöne Landschaft. Der E7 führt durch dieses Gebiet.

 

Busfahrt von Lubljana zum wunderschönen See Bohinjsko Jezero im Triglav-Gebiet. Wanderung zur aussichtsreichen Hütte Dom na Komni, dort Nächtigung.

 

Wanderung zur Hütte Pl. Dom pri Krnskih jezerih auf dem Weitwanderweg der Slowenischen Transversale und weiter auf schönem schmalen aussichtsreichen Pfad zur Hütte Koca na Pl. Razor, dort Nächtigung.

 

Abstieg via Planina Lom nach Tolmin, von Tolmin nach Most na Soci ein kurzes Stück getrampt, dort Nächtigung in einem Privatappartement. Besichtigung des smaragdfarbenen Flusses und Verzehr der hier angebotenen Soca-Forellen.

 

Nach einem Gewitter-, Regen- und Ruhetag Fahrt mit dem Bus nach Skofja Loka mit sehenswerter mittelalterlicher Altstadt. Bis hierher hätte man natürlich auch auf dem E7 von Tolmin in ein Paar Tagen weiterwandern können. Von Skofja Loka nun im Gebiet der erwähnten Polhograjsko hribovje bis zum Bauernhof Gonte (Agrotourismus, vorher in Skofja Loka im Touristenbüro reservieren lassen). Es handelt sich um eine empfehlenswerte Unterkunft in schöner Lage. Einzig der Sohn spricht englisch. In der Abendsonne noch 15 Minuten Aufstieg zum nahe gelegenen Gipfel Grmada. Die Gastgeber dort haben sich für uns um die nächste Etappenunterunft gekümmert.

 

Via Tosc in grossem Bogen nach Butajnova und schliesslich nach Samotorica . Dort Nächtigung in einer Art kleinem Vereins- oder Ferienhaus, die Gastgeber hatten extra eine englisch-sprechende Person aus dem Tal kommen lassen. Plötzlich spielte uns der Sohn des Hauses, vielleicht 7 Jahr alt, auf seinem Akkordeon Musik vor!

 

Abstieg ins Tal nach Horjul und Rückfahrt (wieder ohne Probleme zu dritt getrampt) nach Lubljana.

Weiterfahrt ans Meer nach Istrien/Kroatien zur Badeerholung

 

 

Die Pfingst-Tour 2004

 

Durchwanderte Landschaften: Diesmal gings durch Gegenden der Südsteiermark: Pohorje (zu deutsch Bachern) ist ein Mittelgebirge westlich von Maribor, etwas ähnlich dem Schwarzwald mit vielen Mooren, Moorseen, sehr viel Wald, wenig Weiden und guter Wanderinfrastruktur und Hütten. Die West-Ost-Durchquerung dauert drei Tage auf der Slowenientransversale. Im Gegensatz zu letztem Jahr, wo man um Pfingsten schon in die Alpen konnte, lag hier dieses Jahr teilweise noch Schnee! Wir haben deshalb in ein anderes Gebiet südlich von Ptuj gewechselt, ebenfalls Südsteiermark: das Weinbaugebiet Haloze mit einer sehr hügeligen, kleinräumigen, abwechslungsreichen Weinbaulandschaft. Die Häuschen sind meist auf den Gipfelchen und Hangrücken gebaut. An Wochenende oder zur Weinlese haben Buschenschenken geöffnet. Die im Buch von Senft (s.u.) beschriebenen ursprünglichen strohgedeckten Häuschen mit dem maroden Charme des Verfallens sieht man allerdings kaum noch. Vieles wurde neu renoviert und herausgeputzt. Es gibt eine offizielle viertägige Wanderroute durch dieses Gebiet (deckt sich meist mit dem E7). Ein deutsches Faltblatt gibt es im Tourismusbüro in Ptuj. Die Route wird auch im Buch von Senft beschrieben (wie auch die Pohorje-Überquerung).

 

Wir sind mit dem Bus von Maribor (sehenswert) nach Ruse an der Drava gefahren, dort Aufstieg zum Bannwald Sumik mit mächtigen Wasserfällen, dann zum schwarzen Moorsee Crno jezero und schliesslich Übernachtung in Trije Kralji/Stuhecov dom (einfaches Hotel ohne besonderen Charme); den ganzen Tag hat es strömend geregnet!

 

Weiterwanderung via Dom na Osankarisi (dort auch Übernachtung möglich) zur Wanderunterkunft Dom na Pesku.

 

Morgens Aufstieg auf die Rogla. Vom Turm dort wunderbare Weitsicht auf ganz Slovenien. Dann zu den berühmten Lorenzer Moorseen auf einer Hochebene gelegen und weiter zum Berghaus Ribniska koca, dort Übernachtung.

 

Abstieg nach Ribnica. Unterwegs die sehr schön gelegene Unterkunft Koca na Pesniku, die wir uns fürs nächste Mal gemerkt haben. Busfahrt von Ribnica via Maribor nach Ptuj (Pettau). Besichtigung der sehenswerten Altstadt an der Drava (Drau) und Übernachtung in einem Hotel. Kauf der Haloze-Wanderkarte im Tourismusbüro.

 

Busfahrt nach Cirkulane, dort ebenfalls Beratung im Haloze-Tourismusbüro. Wanderung auf der Etappe 2 des erwähnten Haloze-Weitwanderweges nach Podlehnik. Leider viele Teersträßchen, allerdings kaum befahren. In Podlehnik am besten nicht im Motel übernachten sondern im empfehlenswerten Hotel am ruhigen nahegelegenen See. Der Wirt spricht perfekt deutsch und hat lange in Österreich gearbeitet.

 

Wanderung nach Naraplje, zum Glück mit viel weniger Teer. Hier gibt’s in der Nähe keine Übernachtungsmöglichkeiten. Uns hatte allerdings o.g. Wirt angeboten, uns am Ziel abzuholen! Auch am nächsten Tag hat er uns wieder nach Naraplje gegen ein entsprechendes Trinkgeld gefahren. Alternative: Mit dem Bus nach Ptuj und am nächsten Tag zurück.

 

Wanderung von Naraplje zur Donacka gora. Die Natur ist inzwischen waldiger geworden, nur noch vereinzelt Weinbau. Auch hier wurde uns unterwegs von einem Bauern selbstgemachter Weisswein angeboten. Übernachtung in der sympathischen Hütte Rudijev dom. Am Abend noch Aufstieg bei Nieselwetter durch Buchenbannwald auf die Donacka gora (881 m). Von der angeblichen fantastischen Aussicht hatten wir allerdings nichts, dafür eine märchenhafte Nebelstimmung.

 

Abstieg nach Rogatec, Rückfahrt mit Bus und Zug nach Lubljana, am nächsten Tag Weiterfahrt nach Istrien ans Meer (Rovinj).

 

Kartenmaterial: Die Wanderkarten der Planinska Zveza Slovenije 1:50.000: Triglav, Ljubljana in Okolica, Pohorje und die in Ptuj erhältliche Wanderkarte Ptuj/Haloze 1:75000.

 

Buch: Wandern in Nordslowenien von Hilde und Willi Senft, Leopold Stocker Verlag, 1995

 

Erschienen in "Mitteilungsblatt" Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 14 - August 2004

 

 

Slowenische Alpen-Überschreitung

 

Von Hans Diem

 

Hans Diem aus Garmisch-Partenkirchen ging im August 2000 in Slowenien auf dem Alpenweg Slovenska Planinska Pot von Maribor nach Ankaran am Mittelmeer in 32 Tagen auf 576 km Bergwegen und Steigen mit 43.000 Hm Aufstieg, er war 18 Mal über 2000 m Höhe, höchster Punkt war der Triglav 2864 m. 

 

Ab dem Stadtrand von Maribor begann die Tour gemütlich mit dem breitbuckligen Waldgebirge Pohorje bis 1543 m Höhe, über sieben bewirtschaftete Hütten stiefelte ich 70 km meist auf Fahrwegen nach Slovenj Gradec. Weiter mit Vergnügen in den östlichen Karavanke über den Plesivec 1699 m und den Raduha 2062 m, 60 km auf Wegen und Bergwegen in Waldgebirge mit Almen und sechs bew. Hütten. Hier haben sich der Slowene Joze und dann der Slowene Igor angeschlossen für eine Woche. 

 

So sind wir zu dritt aus dem Savinja Tal aufgestiegen ins schroffe Felsgebirge der Kamniske Alpe, den Steiner Alpen mit 70 km Bergwegen und Felssteigen und sieben bew. Hütten. Igor hat per Handy den Gregor herbeigerufen, schon waren wir zu viert und flott unterwegs in den Felssteigen am Ojstrica, Turska gora, Skuta und Grintovec 2558 m. Leider musste ich gerade hier eine dicke Backe bekommen vor lauter Zahnweh! "Kein Problem" meinten meine slowenischen Begleiter. Igors Handy machte eine Auskunft beim Zahnarzt in Garmisch möglich, Joze verständigte seine Zahnärztin, Igors Vater kam mit dem Auto zum Treffpunkt im Tal und holte uns ab. Erst fuhr er uns an den Esstisch von Igors Mutter in Ljubljana, dann weiter zur Zahnbehandlung nach Radovljica. Jetzt war Joze dran, er hatte in Ljubno ein Zimmer frei für die Nacht, seine Waschmaschine hat meine Kleider gewaschen, und am nächsten Tag fuhr er mich zurück zu meiner Tour. Fantastische Leute! Von Jezersko aus habe ich noch die wilde Nordseite der Steiner Alpen erkundet und bin dann weiter gegangen über den Aussichtsgipfel Storzic zur Stadt Trzic (sprich Storschitsch und Trschitsch). 

 

Auf dem Grenzkamm der westlichen Karavanke ging ich flott über drei Gipfel bis 2236 m Höhe hinweg nach Mojstrana auf 55 km Bergwegen mit vier bew. Hütten. Jetzt wurde es sehr alpin in den Julijske Alpe, den Julischen Alpen, auf 145 km Bergwegen und Felssteigen zwischen Mojstrana und Petrovo brdo mit 17 bew. Hütten. Fünf Tage lang war ich bei gutem Wetter im schroffen Felsgebirge teils auf ausgesetzten Steigen und unter vielen Leuten unterwegs, stand auf dem Triglav 2864 m, dem höchsten Berg Sloweniens, auf dem Bovski Gamsovec, dem Sedlo planja mit einem nervigen Abstieg, dem Prisank und dem Jalovec. Dagegen waren die drei Tage im blumenreichen Krn-Gebiet bis 2244 m Höhe und der Tag auf dem Rodica-Kamm bis 1966 m Höhe erholsam.

 

Das Kras-Gebirge ist ein waldreiches Mittelgebirge bis 1630 m Höhe mit vielen Einödbauern und gehört schon zum Dinarischen Gebirge. 200 km Wege und Fahrwege waren es von Petrovo brdo zum Mittelmeer mit vier bew. Hütten und Pensionen in den Orten. Sieben Tage war ich hier einsam unterwegs, begeistert vom Land und den netten Leuten. Am 31. Tag abends stand ich auf dem letzten Gipfel, dem Slavnik 1028 m, 20 km vor der Küste. Und das Mittelmeer, die Bucht mit Koper und Ankaran lagen vor mir bei untergehender Sonne, eine passende Abschiedsstimmung zum Ende der Tour.

 

Alle Slowenen zeigten sich sehr erfreut über mich, den Gast aus Bayern, der auf ihrer Transverzala unterwegs war. Sie wollten wissen, warum nicht öfter Deutsche auf ihre Sonnenseite der Alpen kommen, wo doch viele Leute und alle Wirte deutsch reden, wo so viele Hütten offen sind, wo ruhige Waldgebirge sich mit wilden Felsgebirgen abwechseln. Dober dan Slovenja, also ich komme bestimmt wieder. 

 

 

Bergauf & bergab durch Slowenien.

Erinnerungen an unsere Weitwanderung vom 4.7. – 11.7.98.

 

(Punktesuchen in Slowenien)

 

 Von Anton Gekle

 

 

Vorwort:

Dem Fleckerlteppich unserer bisherigen Wanderungen durch Europa wollten wir wieder mal ein schönes Stück hinzufügen. Den Mittenteil des Nord-Süd-Weitwanderweges E5 – Ostsee-Wachau-Adria hatten wir größtenteils schon intus, der südliche Abschnitt fehlte noch und lockte daher entsprechend.

So sollte unsere jährliche Weitwanderung diesmal in Eibiswald in der Untersteiermark beginnen und uns quer durch Slowenien, nach Rijeka an die sonnige Adria führen. Was einen normalen Zeitgenossen zu solch eintöniger Schinderei bewegt, wird man des öfteren gefragt. – Einfach tagelanges Dahingehen in Gegenden wo rein gar nichts los ist und dies häufig auch noch bei Schlechtwetter ?!?!

Hier der Versuch einer Antwort, vor allem meiner persönlichen Antwort: Ganz vorne zu nennen ist bei mir die Liebe zur Bewegung, zum Gehen, zum Gehen in die Weite, ohne Zeitdruck, in völliger Freiheit, ohne kurzfristige Wiederkehr. Das Überwinden von Schwäche und kleinen Wehwehchen mit gleichzeitiger Zunahme von Robustheit wird nach 1-2 Tagen immer wieder zu einem guten Gefühl. Ganz wichtig ist natürlich auch die Naturliebe, das intensive Schauen in der Langsamkeit des Gehens. Viele der Wege kann ich noch in Gedanken nachgehen, all die Bergwiesen, Wege, Steige, Gehöfte und Marterln,  ich sehe noch die Blumen und die Bäume.

Wie intensiv kann man Übergänge erleben:

    z.B. die Zunahme von Wärme auf dem Abstieg vom Waldviertel ins Donautal.

    Die allmähliche Änderung der Vegetation vom Fichtenwald über den Laubwald zu den Weingärten oder von satten  grünen Wiesen hin zu verkarsteten Regionen.

    Die allmähliche Änderung von Baustilen, von Bauernhöfen und Kirchen.

Freude bereiten auch immer wieder die Begegnungen mit Menschen, wobei in der Abgeschiedenheit auch die kleinen Dinge mehr Wichtigkeit bekommen. Wir haben schon viel Nettes erlebt, wenn wir verschwitzt oder durchnäßt daherkamen und nach Weg oder Quartier fragten. Überhaupt ist das Ganze eine gute Methode, fremde Gegenden und Länder intensiv kennenzulernen, sozusagen von innen her.- Meine typisch österr. Vorurteile gegen die Italiener habe ich erst durch unsere 2 Wanderungen in Ligurien abgelegt, sie sind dort irgendwo hängengeblieben. Auch die leiblichen Genüsse sollten hier nicht vergessen werden.- Nach 8 Stunden bergauf und bergab zischt jedes Bier optimal und den Bauch darf man sich auch ohne Reue vollschlagen. Nicht zuletzt ist das jährliche Wiedersehen eine schöne Sache. Das erste Abtasten das wieder vertraut werden, der alte Schmäh, die Abende in der Hütte oder der Kneipe.

Sa, 4.7.98

München-Hallein-Eibiswald-Radelje.

Sepp und Christian sind schon ganz früh unterwegs. Fast zu pünktlich tauchen sie kurz vor 7.00 bei mir in der Rehhofsiedlung auf und ich gerate in eine ungewollte Hektik, da ich mit dem Packen noch nicht ganz fertig bin. Immer dieser Entscheidungsstreß. Mitnehmen oder nicht, kein Gramm zuviel bitte, aber fehlen sollte auch nichts! Sepps Sportwagen bekommt für 1 Woche einen Ehrenplatz in der Garage und Maria bringt uns zum Halleiner Bahnhof. In Graz heißt es dann Umsteigen und mit der Lokalbahn geht´s gemütlich weiter bis zum Bahnhof Wies-Eibiswald. Was wir leider nicht wußten, ist die Tatsache, daß es von Wies bis Eibiswald ca. 5 Straßenkilometer sind. Kurz bevor wir uns etwas widerwillig auf den Weg machen, es ist immerhin schon früher Nachmittag und wir haben noch die Etappe bis Radelje vor uns, entdecken wir einen Kleinbus, der uns nach Eibiswald bringt. Nachdem der freundliche Fahrer unseren weiteren Weg kennt, will er uns unbedingt auf den Radelpaß fahren. Wir lehnen dankend ab und machen uns auf die Suche nach der ersten Markierung. Es dauert ein bißchen bis wir sie finden und schon sind wir auf dem Weg in die Abgeschiedenheit des steirischen Grenzlandes. Es ist ein schwülwarmer Sommertag, das Gehen ist wie immer zu Beginn etwas mühselig und irgendwann fallen auch einige Regentropfen. Die Grenze oben am Paß erweist sich, entgegen vorheriger Bedenken, als lockere europäische Innengrenze. Der slowenische Zöllner schaut kaum unsere Pässe an und wünscht uns freundlich eine schöne Wanderung. Ich mache noch kurz Ordnung in meiner Geldtasche, Schilling weg und Tolar rein, und schon führt uns die Straße bergab Richtung Radelje. Daß es bis dahin nur ein kurzer Spaziergang würde, erweist sich als erster Irrtum dieser Wanderung. Zuerst übersehen wir eine Abzweigung von der Hauptstraße und müssen daher ein gutes Stück bergauf zurücklaufen. Der Güterweg führt uns nun durch Wald- und Weideland ostwärts, bergauf. Die Markierungen (ein kleiner, gelber Kreis mit rotem Mittelpunkt) sind ziemlich verblaßt und auch selten angebracht. Der Weg zieht sich endlos ostwärts und will und will nicht runter in`s Tal. Ich ärgere mich immer mehr und natürlich haben wir uns, trotz größter Vorsicht, auch schon wieder verlaufen. Zum Teil gehen wir nach Gefühl querfeldein und bergab, treffen wieder auf Markierungen, verlieren sie wieder, fragen die wenigen Menschen die uns begegnen und landen dann so gegen 18 Uhr am Zielort. Im Kern wirkt Radelje noch ziemlich unverfälscht steirisch-alpenländisch, nur wenige „Betonsilos“ erinnern an die jüngere Vergangenheit.

Nach einigem Herumlaufen finden wir Quartier in einem ganz passablen Gasthof. Zum

Abendessen wird an unserem Tisch ordentlich aufgetafelt. Es gibt Fisch, Kalamaris, Beef Stroganoff und auch einige „Zlatorog“, das heimische Bier.

Danach schlendern wir im Ort umher. Gleich neben dem Wirt spielt im Freien eine Kapelle slowenische Volksmusik und in den Bars laufen die Fernseher. In einer davon bleiben wir hängen und verfolgen das WM-Spiel Deutschland-Kroatien. Leider kein Erfolgserlebnis für uns und die Deutschen, aber die Einheimischen in der Bar trösten uns eher. Wir bekommen Einblick in die hiesige Sympathielage, denn ein kleiner, drahtiger Slowene erklärt uns, daß hier keiner den Kroaten den Sieg gönnt.

So, 5.7, Radelje-Mala Kopa-Letalise:

Nach einigem Warten bekommen wir ein gutes Frühstück, bezahlen das nicht gerade billige Quartier und machen uns auf den Weg. Wir wissen aus unserem Führer, daß es kein kurzer und angenehmer sein wird. Wir durchwandern ausgedehnte Wiesen und  überqueren dann die Drau, die hier schon ein ganz ansehnlicher Fluß ist. In Vuhred, einem kleinen Bauerndorf, irren wir etwas hin und her und finden schließlich den schlecht markierten Weg, der uns mitten durch einen verhüttelten Bauernhof, am gefährlich an der Kette zerrenden und kläffenden Hund vorbei, in den Wald führt. Wie immer empfinde ich es als schön, wenn die Menschenlandschaften verschwinden und wir in die Stille einer größeren Waldlandschaft eintauchen. Es geht nun stramm bergauf, wir verfallen in unseren monotonen Gehrythmus, jeder seinen Gedanken nachhängend. In Sveti Anton, einem romantischen Bergkirchlein, legen wir die erste Jausenpause ein. Während wir unsere Brote und Drinks einnehmen tauchen einige Autos auf und die Insassen, meist ältere Menschen mit ernsten Gesichtern, eilen der Kirche zu. Eine Weile noch genießen wir den Blick in das Drautal und das weite Bergland ringsum und verlassen dann diesen irgendwie verwunschen wirkenden Ort.

Leider führt uns der Weg zuerst wieder ein schönes Stück bergab, dann einen weiten, leicht steigenden Bergrücken entlang durch Wiesen und Bauernland. Bei einem der letzten Gehöfte läuft uns ein junger, aber ziemlich großer Schäferhund zu. Zuerst haben wir unseren Spaß mit ihm, als wir ihn jedoch nach einiger Zeit heimschicken wollen, haben wir gegen ihn keine Chance. Er hat uns offensichtlich ins Herz geschlossen und bleibt uns treu. Bei Weggabelungen, die hier entweder schlecht oder gar nicht markiert sind, bleibt er jedesmal kurz stehen, sieht sich nach uns um und läuft dann entschlossen in eine der Richtungen weiter. Der reinste Gratisführer! Wir folgen ihm schließlich fast schon in blindem Vertrauen. Weiter oben queren wir mehrmals Schipisten und treffen dann auf eine Gruppe Italiener die einen Ost-West-Weitwanderweg verfolgen. Irgendwo muß hier der Gipfel der Mala Kopa sein. Wir folgen unserem Hund und kommen daher ohne erfolgreichen „Gipfelsturm“ zur Hütte „Partizanski Dom“-Seehöhe ca.1500m. Macht uns aber nichts aus, denn das Wetter ist ohnehin naßkalt und unfreundlich. Wir jausnen, holen uns ein Bier aus dem „Partisanenhaus“ und gehen nach einiger Weg-Fragerei wieder weiter. Der Hund läuft schon wieder mit und wir werden nun ziemlich energisch um ihn loszuwerden. Wir reden mit den Hüttenwirten, drohen ihm, teilen uns in 2 Gruppen um ihn zu verwirren, etc. Irgendwann ist er dann gottseidank nicht mehr bei uns. Apropos Partisanen! Für Sepp`s und Christian`s anfängliche Vorbehalte gegen Slowenien erfahre ich handfeste Gründe. Christians Vater kam als Kriegsgefangener hier um und liegt in einem Grab in Marburg, das er auch schon mit seiner Mutter besuchte. Ein Onkel von Sepp kam ebenfalls irgendwo in diesem weiten, zerklüfteten Land ums Leben. Keiner weiß wo und wie! Ach, Europa, deine unselig-tragische Geschichte! Wie viel unnötiges Leid!

Der Weg bergab zieht sich und wir verlaufen uns auch mehrmals. Als wir nach einiger Zaunkletterei den Talboden erreichen, merke ich, daß ich meine Jeanskappe verloren habe. Angesichts meiner schütteren Haarpracht mit der latenten Gefahr eines Sonnenbrandes ist dies ein unersetzlicher Verlust und ich gehe angefressen zurück um sie zu suchen. Ich finde sie nicht und plage mich also unter und über mehrere elektrischen Weidezäune retour nach unten. Sepp und Christian sind auch nicht am vereinbarten Platz. Verärgert gehe ich ihnen nach und hoffe, daß ich auf dem richtigen Weg bin, denn das ist auch nicht ganz klar hier.

Knapp nach einem Hof vernehme ich plötzlich ein heftiges Flattern und Rauschen und empfinde einen starken Schlag in der linken Kniegegend. Ich greife hin und sehe eine Hand voll Blut, gleichzeitig merke ich, daß ich immer noch von einem stinknormalen Hahn

angeflogen werde. In meiner ersten Wut möchte ich den immer noch wie wild angreifenden Hahn zertreten, doch ich beschränke mich letztlich auf mittlere Abwehrtritte, da ich mich von den Höfen ringsumher beobachtet fühle. Humpelnd hole ich nun Sepp und Christian ein und habe das Gefühl ernstlich verletzt zu sein. Ich wasche mich im nahen Bach, Christian desinfiziert die „Wunde“, ein kleines rundes Loch. Die beiden haben natürlich eine Mordsgaudi! Toni, das Opfer eines slowen. Kampfhahnes!  Wie ich jetzt erfahre, hat Christian, unser Naturexperte, den Hahn vorher wild gemacht. Wie dem auch sei, wir ziehen weiter um diesem nun schon ziemlich langen Wandertag ein Ende zu bereiten. „Letalise“ auf unserer Wanderkarte ganz dick eingezeichnet, müßte eigentlich schon da sein. Wir fragen mehrmals und werden immer wieder in eine Richtung geleitet, wo es so gar nicht nach Ortschaft aussieht. Letalise entpuppt sich nach der ausgedehnten Schlußhatscherei als kleiner Sport-Flughafen mitten in der Einsamkeit. —Unser Plan läßt Unterschiede zwischen Orten und diversen anderen Sehenswürdigkeiten nicht wirklich erkennen! Mit Mühe und Not bekommen wir hier ein Quartier, eine winzige Blockhütte im Wald mit genau 3 Betten und einem klitzekleinen Waschraum. Für ein Abendessen müssen wir auch 3-mal nachfragen, schließlich gibt es aber doch ein Gulasch – aus der Dose, aufgewärmt! Bier und Wein haben sie gottseidank genug hier! Der Schlaf im kleinen Hüttlein ist nicht optimal, wir kämpfen wohl alle 3 mit der stickigen Luft und den wechselnden Schnarchgeräuschen.

Mo, 6.7.98

Letalise – Sleme:

Das Frühstück bekommen wir etwas spät, denn die „Camp-Lady“ kurvt erst so gegen 8h45 mit ihrem Kleinwagen auf, dafür ist es dann aber ganz gut. – Kaffee, Semmeln, Wurst, etc. Solchermaßen gestärkt starten wir in den jungen Tag. Es dauert mal wieder, bis wir an einer Scheune die erste blasse Markierung finden. Nach wenigen Kilometern schöner Wiesenwege verlieren wir sie aber schon wieder. Vor der Ortschaft Smiklavz folgen wir leider den 3 weißen Querstrichen, die unsere gelb-roten Punkte bisher fast immer treulich begleiteten, auf schönem Fahrweg in einen lichten Wald. Irgendwann ist dann alles weg, kein Weg, keine Markierungen, und wir laufen einfach nach Gefühl weiter, da wir keine Lust zur Umkehr haben. Wir queren einen Bach, klettern auf steilen, rutschigen Böschungen herum, wandern ziemlich lange eine schmale Landstraße entlang und landen schließlich in Podolje, einem Ort, der nicht direkt an unserer Route liegt. Von hier aus gibt es 2 Wegvarianten zum E6, erfahren wir von mehreren netten Leuten im Dorf. Eine lange Asphalthatscherei direkt nach Razbor oder einen kürzeren Weg über den Paß. Wir entscheiden uns für den Paß und ziehen halt mal wieder los. Tatsächlich treffen wir oben dann auf unsere Markierungen, was doch jedesmal wieder eine kleine Freude ist. Der Weg nach Razbor zieht sich dann allerdings endlos durch offenes Bauernland einen Bergrücken entlang. Vor allem führt uns der Weg zurück, Richtung Nord-Ost, und das stört! Wo wir hinsollen (S-W) klafft ein gewaltiges Tal, tief und breit. Immer wieder zweifeln wir an der Richtung! Aber es hilft nichts, wir können das trennende Tal nicht queren, sondern müssen es über den hintersten Talschluß umgehen. Die Landschaft selbst ist sehr schön. In der Ferne tauchen immer wieder mächtige Gebirgsstöcke auf, die näherliegenden Bergspitzen sind häufig von idyllischen Kirchen oder Kapellen gekrönt. Über all dem ein weiter, leicht bewölkter Himmel, warme Sommerluft und absolute Stille. Die endlose Hatscherei wird uns durch ein Überangebot an reifen, dunkelroten Kirschen versüßt, die uns mundgerecht von unzähligen Kirschbäumen längs des Weges anlachen.

Razbor (900m Seehöhe) durchwandern wir, weil wir keinen geeigneten Ort für eine Rastpause finden. Das soll ja schließlich Stil haben. Diesen Ort finden wir erst einige km weiter. Ein schöner Bergbauernhof mit Tisch und Bank unter einem riesigem Laubbaum und wunderbarer Fernsicht. Die Bauersleute grüßen recht freundlich und zeigen uns den Brunnen wo es herrlich frisches Wasser gibt. Wir jausnen hier ausgiebig und lassen unterdessen unsere durchschwitzten T-Shirts am Gartenzaun trocknen. Anschließend durchwandern wir auf 1130m Seehöhe die „Ciganija“. Es ist dies die Wasserscheide zwischen Kärnten und der Steiermark. So gegen 15h erreichen wir schließlich das Etappenziel Sleme, eine Mischung aus Gasthaus und Berghütte, inmitten einer weiten Wald- und Berglandschaft. Bis Morzirje wäre kein Quartier mehr zu haben, erfahren wir vom Wirt, und so beschließen wir hierzubleiben.

Unser Zimmer ist ein wenig spartanisch, es gibt keine Brause und vor allem auch kein warmes Wasser. Aber was soll`s, wir freuen uns auf gutes Essen und Trinken. „Gulasch gibt es“, erklärt uns der Wirt. Wir sehen aber noch 2 andere Töpfe am Herd und wollen wissen, was da drinnen köchelt. - Gulasch hatten wir schließlich gestern bereits! Es gibt aber kulinarische Sprachprobleme! Der Wirt winkt plötzlich etwas entnervt ab, verschwindet in seiner Küche und erscheint gleich wieder mit allen 3 Töpfen an unserem Tisch und wir sehen auch gleich was drinnen ist. Man glaubt es nicht!!! Drei mal Gulasch?! Ein Topf Gulaschsuppe, ein Kuttelgulasch und eine Art Szegedinergulasch mit großen Bohnen. Sepp ist ein wenig pikiert, einfach nicht die feine englische Art. Da wir aber einen Mordshunger haben, hauen wir doch ordentlich rein in unsere 3 Gulaschtöpfe, wobei der Kutteltopf am wenigsten geleert wird.

Später sitzen wir vor dem Haus auf der Terrasse, genießen die schöne Fernsicht und reichlich auch den Wein. Hier werden wir Zeugen der sonderbaren „Tierliebe“ unseres Wirtes. Er prügelt sein kleines Hündchen, mit dem wir eben noch spielten, wegen eines nichtigen Vorfalles in einen alten Schuppen. Wir hören den Kleinen noch lange winseln. Unser Wirt, immer für eine Überraschung gut, wird plötzlich sehr nett. An der Bar gibt es für uns eine umfangreiche, gratis Schnapsverkostung. Sie schmecken nach Latschen und allen möglichen Alpenpflanzen und ich befeuchte mehr die Zunge, als daß ich wirklich trinke. Trotzdem  komme ich etwas angesäuselt in`s Bett. Sepp und Christian geht es, glaube ich, ähnlich.

Di, 7.7.98 , Sleme - Maria Creta:

Wir sind schon etwas früher unterwegs als gestern und es kündigt sich ein schöner Wandertag an. Auf weichen Waldwegen geht es leicht bergab. Weiter unten besichtigen wir eine Grotte, die auch in unserem Führer erwähnt ist. (Funde aus dem Tertiär). Anschließend  wandern wir durch schluchtartiges Gelände talauswärts. Allmählich tauchen

auch wieder vereinzelt Häuser und Gehöfte auf und überall werden wir von wild kläffenden Hunden begrüßt und verabschiedet. Nach ausgiebigem Anstieg sind wir wieder mal auf einem höheren Bergrücken und sehen unter uns das etwas belebter wirkende Sanntal. Eine große Kreuzotter, mitten auf dem Weg, jagt uns beim Abstieg einen ordentlichen Schrecken ein. Gott sei Dank ist sie schon tot und so kommen wir unversehrt in den hübschen Marktflecken Morzirje. Wir trinken Kaffee und ich kaufe mir eine neue Kappe. 

Wie immer in verbautem Gebieten, irren wir dann ein wenig herum, bis wir  wieder den richtigen Anschluß finden. Wir überqueren die Savinja, wandern durch Siedlungen und tauchen schließlich im Wald unter. Hier kommt nun ein langer, gleichbleibend steiler Anstieg, der ziemlich schweißtreibend wirkt. Wir gehen ihn verdammt zügig und ich denke, daß wir schon wieder ganz gut in Form sind. Oben zeigt sich das Land leicht wellig, eine Art Hochfläche mit vereinzelten Bauernhöfen. Bei einem dieser Gehöfte machen wir Rast. Mehrere Männer werken hier in einem größeren Schuppen an einer ratternden Gattersäge. Hinter diesem Schuppen hocken wir mit nackten Oberkörpern und ohne Schuhe gemütlich in der Sonne und lassen es uns gut gehen. Zwei kleine Buben kurven mit einem Minitraktor vor uns hin und her. Nur zögernd nehmen sie von uns einige Stücke Schokolade an. Die hübsche, junge Frau, die nun mit einem Schubkarren unseren Rastplatz quert, dürfte wohl ihre Mutter sein. Sie ist schwarzhaarig, auffallend drall und hübsch, und lacht uns auf eine Art und Weise an, daß unsere Gespräche automatisch auf das Thema Nr. 1 kommen. Ja, ja, das Leben hat schon so seine Verlockungen!

So gemütlich es hier auch ist, so müssen wir doch zur Kenntnis nehmen, daß noch einiges an Wegstrecke vor uns liegt und daß der Himmel zunehmend dunkler wird. Wir ziehen also weiter, die ersten Regentropfen fallen. Aus den ersten Tropfen entwickelt sich nun leichter Dauerregen. Wir gehen schnell, um noch vor einem möglichen Gewitter in Maria Creta anzukommen. Es nützt uns aber nichts, wir müssen uns den höheren Mächten beugen. Gerade noch rechtzeitig vor dem wirklich starken Regen stellen wir uns bei einer überdachten Scheuneneinfahrt unter. Auch hier spielen zwei kleine Buben im Freien und sind offensichtlich schon klitschnaß. Eine robust und energisch wirkende Frau holt sie schließlich in`s Haus. Sie ist nett und bittet auch uns in die warme Stube. Wir lehnen dankend ab. Wir bleiben im Unterstand und beobachten das schwere Gewitter mit seinen Begleitern: Wind, Nebel, Blitz und Donner. Wir sind hier ziemlich im Zentrum des Geschehens. Plötzlich wird es noch ein bißchen lauter. Ein Traktor taucht auf und tuckert langsam in unsere Einfahrt. Der Fahrer winkt uns gleich zu sich und lädt uns in gut verständlicher Zeichensprache auf einen Drink ein. – Das Wort Slibowitz ist uns ohnehin gut geläufig. Wir lehnen wieder dankend ab! Warum eigentlich? Nachdem der Boss weg ist, verziehe ich mich nach oben in die Tenne und verkrieche mich ein wenig in einem Heuhaufen. Ich rieche das Heu, spähe durch den Lattenrost nach Draußen und lausche dem prasselnden Regen. Kindheitserinnerungen steigen in mir hoch! Nach einer guten halben Stunde hat der Regen soweit nachgelassen, daß wir wieder losziehen. Es bleibt zwar relativ dunkel, kühl, windig und feucht, aber wir sind sicher schon bei schlechterem Wetter unsere Wege gegangen. Was mich persönlich mehr ärgert ist die Tatsache, daß es schon wieder endlos bergauf geht. Meinem Gefühl nach müßten wir ja schon bei 3000 m Seehöhe angelangt sein, dabei sind es kaum mehr als 1000m. 

Ziemlich menschenleer erscheint uns die Gegend hier. Hauptsächlich durch Wald führt unser Weg, doch auch 2 Partisanendenkmäler und einige kleine Gehöfte lassen wir hinter uns. Fernsicht gibt es heute nicht, sodaß schließlich so gegen 16h30, ziemlich abrupt die Wallfahrtskirche Maria Creta vor uns auftaucht. Eine schönes, einsam auf einem Bergrücken dastehendes Bauwerk, umgeben von einer hohen Ringmauer. Natürlich ist sie abgesperrt, so dass wir uns mit einer Besichtigung von Außen begnügen müssen. 

Wir wissen, daß wir eigentlich schon am Etappenziel sind, trotzdem dauert es nun wieder etwas, bis wir uns zurechtfinden. Ein schmales Steiglein führt uns steil nach unten. Beim ersten Gehöft das wir sichten, wird gerade eine große Sau zerlegt. „Gibt`s heute Schweinebraten“, fragt Christian die arbeitenden Männer. Sie lachen, laden uns auf einen Slibowitz ein und wir lehnen schon wieder ab. 

Nach einiger Fragerei und Sucherei sind wir dann am Tagesziel, einem unscheinbaren Haus, angelangt. Schon ein wenig eine andere Welt hier. Vor dem Gebäude hängen in einer Astgabel die metallischen Reste eines schweren Maschinengewehres. Darunter ist auf einem flachen Stein, feinsäuberlich nach Größe geordnet, jede Menge Munition zu besichtigen. Am Chef des Hauses, einem kleinen, drahtigen Alten, fallen mir vor allem seine wachen Augen und seine schmuddelige, alte Uniformjacke auf. Er schmunzelt immer ein bißchen beim Reden (gebrochenes Deutsch) und wir erfahren schließlich von ihm, daß wir in einer eigenen Hütte untergebracht würden. Einer seiner 3 Söhne begleitet uns mit dem Schlüssel dahin. Wir betreten eine Art Jugendherberge, die offensichtlich schon längere Zeit nicht mehr benutzt wurde. Im Gemeinschaftsraum stehen die Sessel auf den Tischen, Marschall Tito in weißer Uniform grüßt würdig von der Wand herab, Küche; Bad und WC sind sauber aufgeräumt. 

Sepp findet Brennholz hinter dem Haus und gemeinsam setzen wir beide den kleinen Gusseisenofen in Gang, bis es nur so prasselt und knackt. Christian entdeckt den Schalter für den El - Boiler, so dass wir bald darauf auch noch warmes Wasser haben. Bevor wir es uns aber so richtig gemütlich machen, gehen wir noch zum „Alten“ rüber, da wir einen ordentlichen Hunger haben. Meine Hoffnung auf eine kräftige Bauernmahlzeit zerschlägt sich rasch! Eine „Eierspeis“ könnten wir haben, erklärt uns der Alte in unverkennbar altösterreichischem Dialekt. Wir sitzen also auf der kleinen Eckbank und löffeln unsere Eierspeise zu je 4 Eiern, aufmerksam beobachtet von der kompletten Familie, die gegenüber an der Außenwand auf einzelnen Stühlen Platz genommen hat. Christian unterhält sich recht unbefangen mit den Leuten, sein breites Bayerisch paßt irgendwie gut hierher. Der Alte erzählt in seinem schwer verständlichen Dialekt von den strengen Wintern hier, vom Wild und seiner Jagdbegeisterung. Irgendwie wirkt er auf mich wie ein Kommandeur. —Wenn er spricht, verstummen alle anderen sofort, vor allem auch seine mindestens um einen Kopf größere Ehefrau. Einer seiner blassen, hochgewachsenen Söhne ist übrigens Germanistikstudent in Maribor und dementsprechend werden wir von dem freundlichen, jungen Mann recht gut informiert. Den späteren Abend verbringen wir dann in unserer inzwischen schon warmen Hütte bei einigen Bieren. Der Schlaf im Massenlager oben ist o.k., wir haben viel Platz.

Mi, 8.7,  Maria Creta – Moravce:

Wir säubern unsere Behausung recht ordentlich und marschieren gleich „reisefertig“ rüber zum Chef. Wir bekommen ein kräftiges Frühstück serviert: Kaffee, Schwarzbrot und ein großes Teller übervoll mit Käse und Wurst. Kurz vor dem Abschied zeigt man uns noch ganz stolz diverse Umbaumaßnahmen an dem alten Gebäude. – Einen riesigen, neuen Kachelofen im Wohnzimmer, fast halb so groß wie der Raum. Alle sind jetzt sehr nett und gesprächig. Wir satteln unsere Rucksäcke und sind wieder unterwegs in einen neuen Tag. Nach ca. 300 m muß ich noch einmal zurücklaufen, da ich den Hausschlüssel in meiner Hosentasche entdecke. Der Weg führt uns nun bergauf und bergab, wobei bergab etwas überwiegt. Auf der linken Seite öffnen sich immer wieder schöne Ausblicke in das Savetal. 

Ja, es war etwas zu weit bergab! Wir müssen ein ordentliches Stück bergauf zurücklaufen, kommen dabei gleich frühmorgens ins Schwitzen, diskutieren und ärgern uns über den Zeitverlust. An einer Scheune, gar nicht mal so leicht zu übersehen, finden wir dann wieder einen unserer rot-gelben Kreise. 

Das Land ringsum erinnert immer noch an Kärnten oder die Obersteiermark, nur etwas verschlossener, unbesiedelter. Laut unserem Wanderführer queren wir hier auch irgendwo die alte Landesgrenze zwischen Krain und der Untersteiermark. --Geschichte!

Lange wandern wir durch dieses schöne Land und kommen erst gegen Mittag wieder tiefer runter in die Ortschaft Motnik, die schwer einsehbar zwischen den Waldbergen liegt. Hier wird eine Straße gebaut und wir müssen, um in den Ort zu gelangen, eine breite Schlammfurche queren. Am Brunnen vor dem Friedhof reinigen wir unsere Schuhe von dem zähen, roten Schlick. Ich glaube, wir haben alle 3  völlig durchnäßte Schuhe. Kirchenbesichtigung von außen, vorbei am Partisanendenkmal und rein in den Ort, in dem wir einiges erledigen können: Telefonieren, Einkaufen, Gasthausbesuch. Beim Weitergehen ärgern wir uns dann, daß wir nicht doch in diesem Gasthaus gegessen haben. Das Menü (handfeste Fleischpflanzerl mit vielen Beilagen) war verlockend genug und die beiden Kellnerinnen hübsch und neugierig. Egal, wir quälen unsere alten Knochen wieder mal bergauf. Das Wetter ist schöner geworden und die Landschaft wirkt langsam südlicher. Nur noch vereinzelt sind Fichten zu sehen, hauptsächlich wandern wir nun durch wesentlich artenreichere Laubwälder.

Nach dem nächsten Abstieg holt uns die Zivilisation wieder ein. Ziemlich unvermittelt stehen wir plötzlich an der Schnellstraße Wien-Marburg-Laibach. Zuerst durchwandern wir noch die Ortschaft Trojane, müssen dann aber mangels eines geeigneten Weges diese leicht bergauf führende Hauptstraße einige Km entlangwandern. Selten habe ich einen derart ununterbrochenen Fahrzeugstrom, das Vorbeidonnern von Schwerfahr-zeugen, all den Lärm und Gestank, belastender empfunden als hier. Oben am Sattel, zweigen wir Gott sei Dank nach links ab und sind bald darauf wieder in einem Waldgebiet unterwegs. Die Landschaft ändert nun endgültig ihr Gesicht. Wir queren mit mageren Kiefern bewachsene Sandhänge und Karsttrichter, die uns nun zu einer etwas belebteren Landschaft hinführen. Malerische Bildstöcke häufen sich, auch die kleine Ortschaft Borje mit schöner Kirche lassen wir an diesem Mammutwandertag hinter uns. Danach geht es wieder aufwärts und mitten im Wald, auf  einer Hügelkuppe taucht so gegen 15h das Bergkirchlein Golcaj auf. -- Einer der Plätze, die im Gedächtnis bleiben.

Wir jausnen und trinken, betrachten Bauwerke und Gegend. Ziemlich nahe im Norden ist eine relativ schroffe Gebirgskette zu sehen, und ferne im Westen ein schillerndes, imposantes, vermutlich schneebedecktes Hochgebirge. Ich denke, im N sind es die Karawanken und im W das Triglav-Massiv. Sepp bezweifelt ein wenig meine Geographiekenntnisse, aber was soll`s? Hauptsache wir sehen das alles! Wir räkeln uns im weichen Gras, die Sonne bescheint uns warm, die Zeit scheint stillzustehen. Sepp drängt nun schon ein bißchen, Christian und ich können uns fast nicht losreißen von hier. Endlos zieht sich heute der Weg und wir kommen nun in ein weites, fast baumloses, hochgelegenes Hügelland. Schon von weitem sehen wir die Wallfahrtskirche Limbarska Gora. 

Die Sonne brennt, der Rucksack drückt und ich wundere mich schon ein wenig über die gute Kondition von Sepp und Christian. Christian, mit obligater Blume im Strohhut, zieht stoisch seine Bahnen und Sepp ist, wie fast immer, locker und aufmerksam unterwegs. Haben die beiden heimlich trainiert oder sind es die Stöcke die sie benutzen? Werd ich`s das nächste Mal halt auch versuchen und den zusätzlichen Kram mitschleppen! Die Serpentinen bis zur Kirche ziehen sich und wir freuen uns schon unbändig auf ein Bier. Leider wieder eine Fehlkalkulation, Kirche und Wirtschaft sind geschlossen. Unter uns im Tal sehen wir einige Ortschaften und mit der Hoffnung auf ein rasches Ende dieser Tagesetappe wandern wir bergab. Von einem älteren Mann, den wir um Auskunft fragen da es wieder mal so gut wie keine Markierungen gibt, werden wir auf Getränke eingeladen. Wir wollen aber nicht zurück nach L.G. und so gehen wir weiter bergab und sind alsbald wieder weit entfernt von Weg und Markierungen. Nach längeren Beratungen schlagen wir uns querfeldein durchs Gelände, ca. Richtung Süden. Nach einer Weile gelangen wir an eine schmale Asphaltstraße und wandern diese bergab, ohne wirklich zu wissen, wo es hingeht. Ein Mann, der an seinem PKW herumwerkelt, erlöst uns endlich aus unserer Unsicherheit, der Weg bergab ist richtig. Bier mag ich jetzt bei dieser Hitze und Müdigkeit keines, und so bringt mir dieser nette Mensch eine große Flasche kalte Limo. - Wohltuende Aufmerksamkeit in mehrfacher Hinsicht!

Die Asphaltstraße zieht sich auch noch recht ordentlich und zum erstenmal in diesen Tagen melden sich meine Hüftgelenke recht unangenehm. Erst am späten Nachmittag erreichen wir Moravce, einen etwas größeren Ort mit k.k. Flair.

Die Quartiersuche wird, entgegen unserer ersten Einschätzung, doch wieder zum Problem. —Alles zu hier!!  Schließlich landen wir im Hinterhof eines altehrwürdigen Gasthofes, wo wir fast eine Stunde lang herumhockend, auf den Chef des Hauses warten. Schließlich kommt er doch noch! Wir bekommen 2 Zimmer in einem Nebengebäude das ein wenig unbewohnt wirkt und in dem es aufdringlich nach Toilette stinkt. —Trotzdem fühlen wir uns pudelwohl, als wir uns frisch gestylt und gebraust (lauwarmes Tröpferlbad) auf die Suche nach einem guten Essen machen. Das einzige Speiselokal des Ortes sieht außen und innen ganz gut aus, mit großem Speisesaal, leider hat die Küche schon geschlossen. Es bedarf unseres geballten diplomatischen Geschickes, das sich die Kellnerin, eine stattliche Blondine, einen Ruck gibt und für eine Zeit lang in der Küche untertaucht. Das Ergebnis ist dann aber recht erfreulich: Wienerschnitzel, Bratkartoffel, Salat, etc.

Es schmeckt und gefällt uns hier und auch der Durst eines langen Wandertages wird ausreichend gelöscht. Laut Streckenbeschreibung waren wir 34 km bei insgesamt 1029 Höhenmetern unterwegs. Einige km können sicher für unsere diversen Herumirrereien zugerechnet werden. Den Heimweg nutzen wir noch für eine Ortsbesichtigung. Auffallend sind hier die wunderschöne Barockkirche mit dem Doppelturm und die endlosen Namenslisten auf dem Kriegerdenkmal für die Opfer des zweiten Weltkrieges. Geschichtliche Hintergründe würden mich hier interessieren!

Do, 9.7, Moravce – Grosuplje:

31 km, 1199 Höhenmeter, 9,5 h, sind die nüchternen Daten aus unserem Tourenbuch.

Um 7 Uhr bekommen wir bereits das Frühstück in der behaglichen Gaststube unseres Wirtes. Baut schon auf, so ein heißer Kaffee und all das Drumherum, das zu einem richtigen Frühstück gehört. Christian, der Antiquitätensammler, entdeckt über der Bar sehr seltene, altbayerische Bierkrüge, worauf wir vom Wirt erfahren, daß er während des Krieges in einer Fabrik in Nürnberg gearbeitet habe. Es war, erzählt er uns, eine sehr schöne Zeit für ihn und dieses Jahr würde er zum drittenmal eine Reise dahin unternehmen. 

Nach ca. 2 km Flachetappe beginnt wieder ein steiler Weg mit ca. 4 km Länge, den wir aber locker und ohne Aufenthalt durchmarschieren. Oben, mitten im Wald, folgen wir den

deutlich frischeren Markierungen die uns wieder steil nach unten führen. Wir dürften uns dadurch die Anhöhe Miklavc mit Bergkirchlein „erspart“ haben. Macht uns aber gar nichts, wenn ich daran denke wie viele Retour-und Suchkilometer wir schon gelaufen sind. Nach schönen Heuwiesen durchwandern wir das Dörfchen Velika Vas, eine ländliche Idylle, und queren danach die Hauptstraße Litija-Lubjana. 

Wir gönnen uns eine kurze Rast und marschieren anschließend über eine originelle, überdachte Holz-Hängebrücke über den hier bereits erstaunlich breiten Save Fluß. Wieder führt uns der Weg aufwärts, Namen und Landschaften ziehen an uns vorbei, jedoch alles etwas wärmer und südlicher als zu Beginn. Die Hauptstadtnähe wird allerdings auch spürbar: Asphalt, Kulturlandschaft und Besiedelung nehmen zu.- 

Verglichen mit den hiesigen Ballungszentren allerdings immer noch viel freies Land. Am frühen Nachmittag kehren wir bei einem idyllischen Berggasthof ein. Ich bestelle ein mir unbekanntes Gericht und bekomme wieder das obligate Krautgulasch mit Bohnen. Im Übrigen ist es für uns schon verblüffend, wie oft und intensiv man in diesem Land an den Partisanenkrieg erinnert wird. Vor dem Gasthof sind mehrere Denkmäler und Schautafeln zu besichtigen. In einem hinteren Stüberl des Gasthofes entdecke ich eine Art Fotoausstellung. Ich sehe die Menschen, die damals lebten, handelten, litten oder auch fröhlich waren!? Durchwegs junge Menschen in Uniform, auch viele Frauen darunter, meist mit offenen, lachenden Gesichtern. An einer großen Landkarte kann ich die militärischen Bewegungen der Gruppe „Stajerska“ verfolgen. Die gekreuzten Klingen zeigen mir, daß es auch in Unterkärnten bereits während des Krieges gekracht haben dürfte.

Die Karawane zieht weiter, im Verlaufe des Nachmittages werden die gelben Punkte wider rar und irgendwann sehen wir nur noch weiße. Bei einem Wirt auf einer weiteren Bergkuppe erfahren wir dann, daß wir nicht mehr auf dem E6 sind. Genaugenommen sind wir ein Tal zu weit gelaufen. Zwischen uns und dem Weg auf dem gegenüberliegenden Höhenzug liegt ein tiefer Graben. Nach umfangreichen Diskussionen, Wegsuchereien und Kartenstudium, wandern wir einfach die schmale Asphaltstraße entlang bis Police, wo wir wieder auf den E6 stoßen. Schnell geschrieben, doch in Wirklichkeit war dies eine arge, lange Asphalt-Hascherei.

Wir verlieren den Weg allerdings nach Polica recht schnell wieder, denn hier beginnt bereits das typische Straßen-Autobahn-Neubaugewirr aller Randbezirke größerer Städte. Bei der 1. Info heißt es, nur noch ca. 2 km bis Grosuplje! Dann kommt diese kleine Brücke mit dem geknickten weißen Pfeil nach links. Rechts sind einige ältere Gebäude zu sehen, kein Mensch weit und breit. Ich überlege auch noch, in einem der Häuser die Leute nach dem rechten Weg zu fragen. Ich lasse es aber bleiben, der geknickte Pfeil scheint uns eindeutig und wir marschieren auch längs einer sumpfigen Wiese, die in unserem Führer erwähnt ist. 

Bei der 2. Info (ca. 20min später) sind es dann noch ca. 3 km bis Grosuplje. Unsere Nerven beginnen zu vibrieren und dies umsomehr, da das Gebiet wieder total abgelegen erscheint und wir auch genau wissen, daß wir bei der Brücke falsch gelaufen sind. Doch es gilt die eherne Weitwanderregel: Gehe nie einen Meter zurück! Eine weitere ¼ Stunde später, es geht nun auch noch stramm bergauf, erfahren wir von einer Mountain-Bikerin, dass es noch 4-5 km bis Grosuplje wären.

Diese Information stellte sich letztlich als richtig heraus. Wir waren fast schon da, umwanderten aber als Fleißaufgabe einen bewaldeten Bergrücken Wir nähern uns nun daher von Süden aus der Stadt. - So geschafft waren wir noch nie in diesen Tagen. Mit brennenden Füßen  (ich auch noch mit  Hüftschmerzen) schleppen wir uns  in den Ort. Ungefähr in Ortsmitte dann das große Hotel.- Die Rezeption im 1. Stock entpuppt sich als neue Bankfiliale. - „Nix mehr Hotel hier!“ - Ach je, erst mal einen Drink in der kleinen Bar unten. Die Barfrau telefoniert ein wenig für uns herum und schließlich haben wir unser Quartier. Ein älterer Mann begleitet uns dahin, einem neuen Hotel am Stadtrand mit 4 od. 5 Sternen. Der Preis ist uns wurscht, obwohl wir nicht mehr ganz liquid sind und unbedingt eine Bank oder einen Bankomat brauchen. Jeder hat nun sein eigenes Zimmer mit Bad, TV und allem Drumherum. Nach mehreren Tagen sanitärer Unterversorgung ist das schon auch ein Genuß. 

Nach dem Duschen entdecke ich an meinem hinteren  Hodensack, wo ich ohne Spiegel nichts sehen kann, eine eigenartige Verdickung. Sepp, der Hausarzt, diagnostiziert einen ausgewachsenen Zecken, der sich da eingegraben hat. Ich versuche erst gar nicht ihn selbst zu entfernen, sondern beschließe, dies in der örtlichen Klinik am nächsten Morgen machen zu lassen. Den Abend selbst verbringen wir gemütlich bei einem guten Abendessen und einigen Gläsern Rotwein auf der Terrasse vor unserem Hotel. Danach Körper-und Ausrüstungspflege, Kanälespringen im TV und schließlich tiefer Schlaf.

Fr, 10.7.:

Tja, der letzte Wandertag ist wieder einmal viel zu schnell angebrochen. Nach dem Frühstücks-Buffet mache ich mich gleich auf den Weg zum Krankenhaus. Nach einiger Warterei macht sich eine mollige, resolute Muttergestalt über meinen Zecken her. Die Sache dauert, mehrmals entschwindet sie und kommt mit neuen Messerchen, Pinzetten und OP-Brille daher. Auch eine zweite Ärztin beäugt sich das Problem. Schließlich muß der Bursche doch nachgeben und ich kann ihn mir auch anschauen. Niemand will hier Geld oder Versicherungsdaten von mir, so dass ich mich bei der Dame bedanke und das Krankenhaus verlasse. Vorher werde ich noch vor dem möglichen Auftreten einer Boreleose gewarnt

Die Geldabheberei klappt leider nicht so gut, das Gerät akzeptiert meine Bankomatkarte nicht, so dass ich mich bei Sepp etwas verschulde. All das dauert, und so brechen wir erst gegen 10 Uhr zur letzten Kurzetappe auf: Grosuplje-Zelimlje, 15 km, 4,5h Gehzeit. Die Täler sind breiter hier, die Hügel nicht mehr so hoch und verkarstete Böden nehmen zu. An Sehenswürdigkeiten stoßen wir auf ein befestigtes Bergkirchlein, welches gerade umfassend saniert wird, sowie auf ein großes Karst-Höhlensystem. Der Höhleneingang ist leider auch verschlossen, so dass wir nur den kalten Hauch aus der Tiefe mitbekommen. Trotz größter Mühe finden wir die Iskra-Schlucht nicht, die in unserem Führer erwähnt ist. Was es bei uns zu Hause zuviel an Schildern gibt, das sind es hier sicher zu wenig. Aber was soll`s! Wir absolvieren ja kein Sightseeing-Programm, sondern wollen einfach unterwegs sein, Zeit haben, Natur genießen, nichts verursachend  oder hinterlassend.

Unser „Zielort „ entpuppt sich als ein kleines Buffet an der Hauptstraße nach Laibach. Nach etwas Warterei bringt uns die Kellnerin eine überdimensionale „Klobase-Platte“ (Wurstplatte) an der wir uns den Bauch ordentlich vollschlagen. Es gefällt uns immer besser hier, die sich einstellende Abschiedsstimmung verursacht einen rapid steigenden Bierkonsum. Die Fahrt nach Laibach wird zum Problem. Wir müssen ins Tal runter, dort fährt ein Bus, heißt es. Ein Junge aus dem Lokal begleitet uns ein Stück und schon tauchen die vertrauten gelb-roten Kreise wieder auf. Also den steilen Hang runter, über den Bach, und hinein in das kleine Dorf Selim. „Heute fährt hier kein Bus mehr“, erfahren wir von einer jungen Frau, „nur oben auf der Hauptstraße“. Während wir uns grün und blau ärgern, verhandelt die Frau mit einem Autofahrer, den sie offensichtlich kennt. Dieser (ein Salesianer) bringt uns zu einer Bushaltestelle an der Hauptstraße, ca. 15 km vor Laibach.

Von nun an geht alles sehr glatt. Der Bus bringt uns direkt zum Laibacher Hauptbahnhof. Hier können wir Geld wechseln, die Fahrkarte für die Heimfahrt am nächsten Tag besorgen, sowie auch gleich ein Hotel in Bahnhofsnähe buchen. Dahin führt uns dann auch unser erster Weg. Im engen Dreibettzimmer dauert es etwas, bis wir im Schichtbetrieb mit Duschen und Umziehen fertig sind. Sepp und Christian kommen immer noch gestylt wie am ersten Tag daher, ich selbst komme mir schon ein wenig zerknittert vor. Den Abend verbringen wir in der Altstadt, der man vor allem österreichische und italienische Einflüsse deutlich ansieht. Vor allem fallen mir viele wunderschöne Jugendstilbauten auf. Im Stadtführer lese ich: „Laibach blickt mit dem Kopf nach Norden und mit dem Herzen nach Süden.“

Die Suche nach einem geeigneten Eßlokal dauert endlos, wir sind offensichtlich nach unserer kargen Woche mit der Auswahl überfordert. Irgendwann bekomme ich dann aber doch noch meine Cevapcici. Später landen wir in einer Altstadtkneipe, die im Laufe des Abends immer voller wird und wo unsere Stimmung mit dem Alkoholpegel kontinuierlich ansteigt. Wir verlieren hier ein wenig den Überblick über Art und Zahl unserer Getränke und kaufen in der allgemeinen Rührseligkeit einer älteren Frau einige Strohblumensträußchen ab. Sie scheint direkt überrascht, daß wir ohne Handeln bezahlen.

Sa, 11.7.

Sepp und ich lassen uns Zeit für Morgentoilette und Frühstück, Christian ist schon ausgeflogen. Wie wir später am Bahnhof von ihm erfahren, kaufte er auf einem Markt in der Altstadt Blumen und eine große Tüte mit verschiedenen Gemüsesorten. Für die letzten slowenischen Tolars leisten wir uns in einer kleinen Bahnhofskneipe noch Mineralwasser und Kaffee. Tja, und dann geht es mit dem Zug wieder Richtung Norden. Ab Unterkärnten ist der Himmel durchgehend bedeckt und ab Tauerntunnel regnet es. Was gibt es Schöneres? Heimat, du hast uns wieder!

 

Von der Kleinen Fatra bis zur West-Tatra

 

Unterwegs auf Weitwanderwegen in der mittleren Slowakei im Sommer 2006

 

Von Wolfgang Meluhn

 

Freitag, 18.08.06: Heidelberg – Bratislava

 

„Bärenfamilie hält Dorf in Atem“,

so lautete die Überschrift eines Zeitungsberichtes des Mannheimer Morgen am 01. August 2006. Eine Bärin und ihre drei Jungen haben ihre Menschenscheu weitgehend abgelegt und verunsichern seit Wochen ein Dorf nahe der Kleinstadt Martin (St. Martin in der Turz) in der Mittelslowakei. Innerhalb weniger Tage hatten die Bären auf mehreren Bauernhöfen sechs Schafe gerissen. Die Situation erinnerte an den Fall des in Bayern erschossenen Braunbären „Bruno“. Die Zeitungsnachricht stieß in unserer Wandergruppe auf großes Interesse, denn die diesjährige Fortsetzung auf dem E3-Fernwanderweg erfolgte von Martin aus.

 

Am 18.08.06, spät vormittags, saß der harte Kern der E3-Wanderer, Wolfgang, Klaus, Harald, Eugen und Felix im Intercity von Heidelberg nach Stuttgart. Mit der S-Bahn war kurz vor 13:00 Uhr der Stuttgarter Flughafen erreicht. Mit der Czech-Airlines ging es dann am Nachmittag über Prag nach Bratislava (Pressburg). Eigentlich sollte der Flug mit der SkyEurope erfolgen – zumindest hatten wir Flugtickets dieser Gesellschaft – aber die Fluggesellschaft hatte ohne Vorankündigung den Flugbetrieb nach Bratislava eingestellt.

 

Samstag, 19.08.06: Bratislava (Pressburg) nach Martin

 

Eine mehrstündigen Stadtführung durch Bratislava war der Auftakt, wobei wir auch dem meist fotografierten Mann der Stadt einen Besuch abstatteten.

 

Es ist „Der Gaffer“, der aus einem Gully das Treiben auf der Straße beobachtet. Anschließend fuhren wir mit dem Zug nach Vrútky. Dankbar waren wir über die reservierten Plätze, denn der Zug war mit Fahrgästen überfüllt. Überhaupt sind in der Slowakei Busse und Bahnen in der Regel sehr voll. Viele Leute haben kein Auto und die Fahrpreise sind sehr günstig. In Vrútky wurden wir von einem Mitarbeiter des Hotels Martinské Hole, oberhalb von Martin (St. Martin in der Turz), abgeholt.

 

Sehr angenehm überrascht waren wir vom Erscheinungsbild des Hotels. Welch ein Kontrast zum Jahr vorher. Es war renoviert und außen und innen neu gestrichen.

 

Vom fünften Stock aus war eine herrliche Aussicht bei dem schönen Wetter über Fichtenwälder hinweg auf die Berge der Malá Fatra. Niemand verschwendete noch einmal einen Gedanken an die „Sintflut“ vom letzten Jahr, wo Nebel und Regen keine Fernsicht ermöglichten.

 

Sonntag, 20.08.06: Martinské Hole nach Strečno

 

„Wahren Genuss von einer Reise hat nur der Fußwanderer“, stellte bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts Karl Baedeker fest. Spaß an der Bewegung und der Reiz des Einfachen – zum Wandern braucht´s gar nicht viel, nur einen Fuß vor den anderen setzen. Verkehrslärm und viel Asphalt nerven uns Wanderer, genauso langes Gehen durch triste Wohnsiedlungen. Beste Wanderbedingungen bietet der Europäische Fernwanderweg E3. Stille, naturbelassene Wege auf Waldboden, Gras oder Erde, schmal, kurvig, abwechslungsreich und mit reichlich Ausblicken.

 

 

Gut ausgeschlafen liefen wir zunächst von unserem Hotel (1.250 m) die vom Vorjahr bekannte gelb markierte Asphaltstraße hinauf zum Sender Križava (1.457 m). Zu unserer Freude graste auch wieder die große Kuhherde mit Glocken um den Hals am Wiesenhang. Auf dem Kamm der Lúčanská Malá Fatra (Lutschauer Kleine Fatra), unweit des Gipfels Veľká Lúka (1.476 m), trafen wir dann auf den schmalen Höhenpfad des E3 und folgten seiner roten Markierung. Der Nebel lichtete sich langsam und gelegentlich hatten wir herrliche Aussicht auf die unter uns liegenden Täler, Orte und entfernte Berge. Rispengras, Zwergkiefern, Heidelbeer- und Preiselbeerbüsche prägen die Landschaft. Immer wieder stießen wir an diesem Tag auf Gruppen von Heidelbeersuchern, darunter auch auffallend viele junge Leute. Mit großen Drahtkämmen werden die Beeren von den Sträuchern „gekämmt“. Die Drahtkämme sind in auch in der Slowakei aus Naturschutzgründen verboten.

 

Über leichtes Gefälle ging es bergab in die Tannen- und Fichtenwaldzone, und danach begann der steile Aufstieg zum Gras bedeckten Minčol (1364 m). Hier machten wir Rast und genossen die grandiose Rundumsicht.

 

Auf dem Weitermarsch kurz danach besichtigten wir einige Flakgeschütze und Granatwerfer der slowakischen Partisanen aus dem Jahre 1944. Von hier oben aus konnte das strategisch bedeutende obere Waagtal – ein wichtiger Verbindungsweg zwischen Žilina (Sillein) und dem Osten der Slowakei – kontrolliert werden.

 

Kurz vor dem Sedlo Javorina (967 m) ging es dann sehr steil hinunter, Geröll und Baumwurzeln erschwerten das Wandern zusätzlich. Weiter abwärts war bald darauf der Pass Sedlo Rakytie (703 m) erreicht. Knie und Oberschenkel wurden dann im Schlussabschnitt durch das extreme Gefälle bis zu einer Teerstraße noch einmal stark belastet.

 

Ein frisches Starobrno-Pivo (Tschechisches Bier) hob jedoch wenig später in einer Gaststätte am Ortseingang von Strečno unsere Stimmung. Bei dem schönen Wetter konnte man im Freien sitzen und auch viele Einheimische waren unterwegs. Übernachtet wurde in der Penzión Irenka, wo wir auf der Terrasse, direkt am Vah (Waag) gelegen, den Abend ausklingen ließen. 1000 m Abstieg hatten wir heute bewältigt, und wir schliefen wie die Murmeltiere.

 

Montag, 21.08.06: Strečno zur Chata pod Suchým

 

Dort, wo die Waag sich tief in die Kleine Fatra eingegraben hat, entstand im 14. Jh. hoch über der Flussschleife die Burg Strečno. Sie ist Blickfang und Touristenziel Nr. 1 in dem Ort. Betrachtet man die wehrhafte Burg auf dem steilen Felssporn vom gegenüber liegenden Waagufer aus, sieht man drei sich versetzt nach oben erstreckende Burgbereiche. Im Mittelalter trieben hier Raubritter ihr Unwesen. Im 17. Jahrhundert wurde von der Burg ein Aufstand gegen die Habsburger vorbereitet. Nach dessen Niederschlagung wurde die Burg von kaiserlichen Truppen gesprengt. Sie ist nationales Kulturdenkmal und seit 1993 für die Allgemeinheit zugänglich. Im Inneren befinden sich zwei Museen und allein schon wegen der wunderbaren Aussicht lohnt sich ein Besuch.

 

 

 

 

Für uns stand heute noch ein besonderes Erlebnis bevor - eine Floßfahrt auf der Váh (Waag). Um 10:00 Uhr morgens fuhren wir mit drei jungen Männern in einem Kleinbus etwa sechs Kilometer flussaufwärts. Dort bestiegen wir ein aus geschälten Fichtenstämmen zusammengezimmertes Floß von etwa 8 m Länge und 4 m Breite. Zusätzlichen Auftrieb erhält das Floß durch angehängte Fässer. Auf hölzernen Sitzbänken ohne Rücken- bzw. Armlehnen nahmen wir Platz. Unsere zwei Begleiter trugen jetzt eine slowakische Flößertracht. Einer übernahm das Steuerruder am Heck, der andere das Ruder am Bug. Nach wenigen Ruderschlägen befanden wir uns in der Mitte der Waag, die hier ungefähr 30 m breit ist. Schwimmwesten hatten wir keine bekommen, denn das Wasser ist jetzt im August je nach Wetterlage nur zwischen 40-60 cm tief. Gefährlich war die Fahrt also nicht. Der Fluss windet sich jedoch durch mehrere Schlingen und in den Kurven, wo das Wasser schneller fließt, gibt es kleinere Stromschnellen. Überschwappendes Wasser und Wasserspritzer, je nach Sitzplatz, sind als Gaudi im Fahrpreis inbegriffen. Auch wir selbst durften kurzzeitig das Ruder übernehmen. Fischreiher lauerten im Uferwasser auf Beute, auch viele Bachstelzen und einen Kormoran konnten wir beobachten. Die mächtigen Felswände rechts und links des Tales zeigten deutlich, wie stark das Wasser im Laufe von Millionen das harte Gestein der Malá Fatra ausgewaschen hatte. Wie ein Schwalbennest am steilen Berg wirkte die „Starý hrad“ (Alte Burg). Im 13. Jh. war sie Zentrum eines Herrengutes. Durch Umsiedlung des Geschlechts im 16. Jh. verfiel die Burg allmählich. Im Schlussteil der Floßfahrt wurde noch einmal die beherrschende Lage der Burg von Strečno deutlich.

 

 

 

 

 

 

 

Mit den Rucksäcken marschierten wir wenig später über die Fußgängerbrücke. Unter uns sahen wir Forellen im Wasser der Váh (Waag). Sie ist mit ca. 400 km Länge der längste Fluss der Slowakei und mündet bei Komárno (Komorn) im Süden des Landes in die Dunaj (Donau). Zügig schritten wir voran, denn es stand ein Aufstieg von 320 m auf 1.075 m bevor. Rechts rauschte die Waag, links wechselten sich Kartoffel-, Bohnen-, Erbsen-, Rüben- und Kleefelder ab. Unter zwei Eisenbahnbrücken ging es hindurch und dann recht bald steil einen engen Hangweg hinauf. Einen atemberaubenden Ausblick auf das Waagtal hatten wir von der Starý hrad (Alte Burg). Heute morgen genossen wir die Aussicht direkt tief unter uns vom Floß aus nach oben, jetzt nach unten. Beim weiteren sehr steilen Aufstieg blieb uns die gute Sicht noch eine Weile erhalten, allerdings floss jetzt auch der Schweiß in Strömen. Nach einer Pause an einer Wegkreuzung fing es an zu regnen, 15 Minuten später sahen wir jedoch bereits durch die Bäume vor uns oben am Bergabhang unser Tagesziel – die Hütte Chata pod Suchým (1.080 m). Wir erfrischten uns an kühlem Quellwasser aus einem hölzernen Rohr und ließen noch einmal den Blick in die Täler und auf die Fatra-Berge schweifen.

 

Die Landschaft steht seit 1988 unter Naturschutz und ist mit 226 km2 als Národný park Malá Fatra (Nationalpark Kleine Fatra) eingestuft. Um 21:00 Uhr wurde ein Dieselmotor angeworfen, der bis um 22:00 Uhr Strom für die Beleuchtung lieferte. Pünktlich um 22:00 Uhr geht das Licht aus. Im Dunkeln nachts die Holztreppe hinunter und den Flur entlang zum WC war ein hervorragendes Training, um alle Sinne zu schärfen. Sehr interessant sind die menschlichen Begegnungen auf Berghütten, die aufgrund der Enge der Räumlichkeiten zwangsläufig zustande kommen. Am Spätnachmittag kamen wir mit einer Wiener ÖAV-Wandergruppe ins Gespräch. Auch die Österreicher sind, wie wir, von der Fatra begeistert und öfters hier unterwegs. Die Hüttenwirtin teilte uns mit, sie habe schon öfters Braunbären aus der Ferne gesehen. In den harten Wintern seien auch schon Bärenspuren direkt an der Hütte im Schnee gesehen worden. Gestern sei in den Nachrichten gekommen, ein Braunbär habe einen 63-jährigen Wanderer ganz in der Nähe bei Ružomberok angegriffen und getötet.

 

Dienstag, 22.08.06: Chata pod Suchým zur Chata Vrátna

 

Eine Traumstrecke!

Für uns der Höhepunkt der gesamten Sommerwanderung. Der Aufstieg zum höchsten Gipfel der Kleinen Fatra, dem Veľký Kriváñ (1.709 m), bietet höchsten Wandergenuss. Eier und Speck, unser Lieblingsfrühstück, und dazu war uns auch noch Petrus hold. Bei diesen idealen Ausgangsbedingungen waren wir nicht die Einzigen, die kurz nach 09:00 Uhr von der Berghütte aus aufbrachen. Im Eingangsflur, wo die Wanderschuhe aller Übernachtungsgäste in Regalen standen, herrschte rege Betriebsamkeit. Zunächst schritten wir an einem Grashang eines Skiliftes mit sehr starker Steigung hinauf. Kleine An- und Abstiege wechselten sich jetzt ab. Plötzlich war der Wald zu Ende und wir standen vor einer mächtigen sandigen Felswand. In Serpentinen ging es dann im Gänsemarsch hinauf zum Sedlo Vráta (1.462 m). Hinter uns sah man die Veľká lúka mit dem Sender Krížava und die Einschnitte des Waagtals, vor uns den Malý Kriváñ und den Veľký Kriváñ.

 

Der E3-Fernwanderweg verläuft hier oben direkt auf dem Kamm der Berge mit phantastischem Ausblick rundum, ein Wandertraum wird wahr. Durch Zwergkiefern führte uns jetzt ein Felsenpfad hoch zum Malý Kriváñ (1.671 m). An der Nordwand (links vom E3) befinden sich fast senkrecht abfallende Lawinenhänge. Oben gönnten wir uns eine kleine Ruhepause und genossen das zauberhafte Panorama, das umliegende Gebiet aus der Vogelperspektive. Wunderschön und gut überschaubar ist auch der Blick auf den weiteren Kammweg des E3 hinüber zum nur 38 m höheren Veľký Kriváñ. Auch zahlreiche andere Wandergruppen waren zwischen dem Kleinen und Großen Kriváñ unterwegs.

 

Im Indianermarsch wanderten wir weiter auf dem Grat des Berghanges entlang. Kleinere Felsgruppen mussten durchklettert werden. Nach einem kleinen Abstieg machten wir im Schutz von einigen Felsblöcken auf der Wind abgewandten Bergseite in einer Wiese Mittagspause. Gut ausgeruht und tatendurstig traten wir dann zum Endspurt über einen lang gestreckten Steilhang hinauf zum höchsten Berg der Fatra an. Ab einer Wegkreuzung, von der aus man die Bergstation der Seilbahn sah, gesellten sich auch viele Ausflügler zu uns. Eine wahre Völkerwanderung war an diesem Tag zum Gipfel unterwegs.

 

Die Hänge des Veľký Kriváñ bedecken großteils Wiesen, stellenweise auch Knieholz. Von den Aussichtsgipfeln können ein großer Teil der Nordslowakei und selbst die höchsten Bergspitzen Nordmährens (Altvater, Schneekoppe) bewundert werden.

 

Beim zehnminütigen Abstieg zur Seilbahnbergstation fing es langsam an zu regnen. Auf der Fahrt nach unten schüttete es dann aus allen Kübeln. Glücklicherweise befand sich die Chata Vrátna, unser Hotel, direkt an der Talstation. Die Dusche war gewöhnungsbedürftig und auch nachts im Dunkeln zum WC zu tappen, hatten wir glücklicherweise bereits auf der Berghütte am Tag zuvor geübt. Am nächsten Morgen fand Klaus die Ursache. Ein Hauptstromschalter hätte vorher im Flur eingeschaltet werden müssen.

 

Mittwoch, 23.08.06: Chata Vrátna nach Štefanová

 

Es gibt nicht nur einen „schmutzigen Donnerstag“, auch ein Mittwoch kann richtig schmutzig sein. Heftige Regenschauer klatschten an die moderne Seilbahngondel, als wir morgens bei 8° C von der Chata Vrátna (750 m) wieder hinauf zur Bergstation (1.490 m) fuhren. Da wir die einzigen Fahrgäste waren – bei diesem schlechten Wetter kein Wunder – hatten wir schon befürchtet, die Bergbahn sei eventuell heute nicht in Betrieb. Jetzt bewährten sich unsere Gamaschen und die speziellen Regenponchos. Gestern herrschte noch beste Fernsicht, heute betrug die Sichtweite jedoch nur noch etwa 10 m. Nebel wohin man auch blickte. Hinzu kam ein starker Wind, der immer wieder neue Regenwolken und Nebelschwaden mitbrachte. Nach wenigen Schritten erreichten wir den Pass Snilovské sedlo (1.524 m). Der Große Kriváň rechts hinter uns ließ sich in der Nebelwand nur erahnen. Wir bogen nach links ab (nach Osten) in den rot markierten E3-Kammpfad, auf dem Stangenmarkierungen die Orientierung erleichtern. Durch Knieholz (Krüppelkiefern), größere Felsgebilde und Gras ging es im Wechsel hinauf zum Gipfel des Chleb (1.646 m). An steilen Lawinenhängen vorbei wurden nicht lange danach die Felsspitzen des Hromové (1.636 m) erreicht. Ganz kurz rissen jetzt die Nebelwände auf das Tal hin etwas auf und wir sahen den Ort Štefanová (625 m) und etwas oberhalb davon unser Etappenziel – das Hotel „Boboty“. Auf dem steinigen Felsenpfad hinunter zur Wegekreuzung Poludňový grúň (1.460 m) begegneten uns im dichten Nebel zwei schlecht ausgerüstete junge Männer. Am Stohové sedlo (1.230 m) endete der steinige felsige Wanderpfad und jetzt, am Fuße des Stoh (1.608 m), war das Gelände schlammig und damit sehr rutschig. Wenigstens löste sich jetzt weiter unten langsam der Nebel auf, es gab aber immer wieder Regenschauer.

 

Mal rechts, mal links von dem morastigen Hangpfad hangelten wir uns rutschend in Serpentinen von Busch zu Busch aufwärts. Unangenehme Erinnerungen an letztes Jahr – an den Aufstieg zum Veľká Lúka - wurden wach. Der weiche Boden hatte das viele Regenwasser aufgesaugt wie ein Schwamm. Nach ca. 15 Minuten zweigte links ein ganz schmaler Weg zum sedlo Medziholie (1.185 m) ab. Um die Rutschpartie zu beenden, beschlossen wir den Gipfel des Stoh auszulassen und der Abzeigung zu folgen. Wir kamen aber vom Regen in die Traufe. Das viele Regenwasser konnte auf dem schmalen Pfad quer zum Berg nicht ablaufen. Riesige Pfützen, Schlammlöcher und viele Baumwurzeln machten das Gehen sehr unangenehm. Weitsprünge und große Schritte halfen kaum. Links vom Weg ging es steil nach unten und rechts steil nach oben. Bald waren unsere Schuhe, Gamaschen und Hosen mit Dreck und Schlamm völlig verschmutzt. Größere glitschige Felsplatten mussten überquert werden. Nach etwa einer Stunde hatten wir den Sattel Medziholie erreicht. Der Regen hörte nun wieder einmal auf und ein breiter Weg führte uns, wenn auch größtenteils auf rutschigem Gras, rasch bergabwärts.

 

 

 

 

 

Bald sahen wir hinter uns die mächtigen Felswände des Veľký Rozsutec (1.610 m). Gerade als ein starker Regenschauer die Schleusen des Himmels wieder öffnete, erreichten wir ein Gasthaus am Ortsrand von Štefanová. Ein frisches Bier hob sofort unsere Stimmung. Schnell war der kleine Ort durchquert und über einen Wiesenhang das große Hotel Boboty erreicht. Zu unserer großen Freude fanden wir vor dem Hotel an einem großen Steintrog einen Wasserhahn mit Schlauch und zwei grobe Bürsten, somit konnten wir einigermaßen sauber das ***-Hotel betreten. Fünf Stunden waren wir heute gewandert. Die warme Dusche weckte schnell wieder unsere Lebensgeister und bestens gelaunt genossen wir dann den grandiosen Blick vom Balkon des Zimmers auf Štefanová und die dem Hotel gegenüberliegenden Berge. Stoh, Hromové, Chleb und Veľký Kriváñ grüßten.

 

Donnerstag, 24.08.06: Štefanová nach Zázrivá

 

Štefanová ist der ideale Ausgangspunkt für Touren zum Rozsutec. Dieses Gebiet ist ein nationales Naturreservat. Geschützt wird ein Landschaftskomplex mit Schluchten, Wasserfällen, Felswänden und Klippen. Im Reservat findet man zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, darunter mehrere Endemiten. Zum Reservat gehört auch das Klammsystem Diery, das aus zwei geschlossenen Teilen besteht: Dolné diery und Horné diery.

 

Sonnenstrahlen weckten uns im Hotel Boboty, herrliches Wanderwetter. Die Felsenklamm Horné diery war heute eines unserer Tagesziele. Fast zeitgleich startete mit uns vom Hotel eine 15-köpfige deutsche Touristengruppe von Wikinger-Reisen.

 

Zunächst marschierten wir im Indianermarsch einen steilen Anstieg im Wald hinauf. Dann ging es am Waldrand auf Bergwiesen weiter Wir genossen noch einmal den Blick auf Štefanová und unser Übernachtungshotel. Von 600 m im Tal bis hinauf zum 1.709 m hohen Veľký Kriváñ schweifte der Blick über das Bergmassiv. Nach einem kleinen Abstieg besichtigten wir auf einer Wiese eine offene Holzhütte. Im Inneren befinden sich eine Feuerstelle und Holzbänke. Weiter abwärts erreichten wir dann hinter der Hütte eines Wandervereins den Einstieg in die Klamm. Der Wildbach führte um diese Jahreszeit nicht viel Wasser, etwa 10 cm. Kaskadenartig bahnt er sich seinen Weg durch das Massiv des Rozsutec. Geologisch besteht das Gestein aus Granit, kristallinem Schiefer (Gneise), Kalkstein und Dolomiten. Glitzern verriet auch öfters einen gewissen Erzgehalt. Die steilen Felsen rechts und links, teilweise überhängend, sind im Hinblick auf Steinschlag nicht ganz ungefährlich. Zweimal kamen kleinere Steine herunter. Ein Helm kann deshalb sehr hilfreich sein. Der Aufstieg mit Hilfe von Ketten und Stahlseilen über bis zu 15 m lange Leitern erforderte Kraft und Schwindelfreiheit. Auf glitschigen schrägen Felsvorsprüngen mussten wir langsam nacheinander empor klettern und der Blick nach unten sorgte automatisch für größte Vorsicht.

 

Außer den „Wikingern“ waren auch noch zahlreiche andere Touristen unterwegs. Vor den langen Leitern bildeten sich Schlangen, denn sie wurden in der Regel nur von einer Person betreten. Aufsehen erregte die slowakische Bergführerin der

„Wikinger“. Sie hatte „Muskelpakete“ an den Beinen und Armen wie Baumstämme und hätte in jedem Bodybuilding-Wettbewerb vordere Plätze belegt. Die kühle Luft, das Rauschen des Baches, die Wildheit  und Urwüchsigkeit der Klamm erzeugt beim Besucher ein Glücksgefühl. Hinzu kam das Gemeinschaftserlebnis und die Erfahrung, stark genug zu sein, auch schwierigere Kletterstrecken zu bewältigen. Fast zwei Stunden dauerte der Anstieg in der Felsenschlucht und war einer der Höhepunkt der gesamten Sommerwanderung. Im oberen Teil erreichten wir dann eine große Bergwiese unterhalb des sedlo Medzirozsutce (1.200 m) am Fuße des Malý Rozsutec (1.343 m) und des mächtigen Veľký Rozsutec (1.610 m). Ein idealer Platz für eine Mittagsrast bei traumhaftem Sonnenschein. Auch viele andere Bergwanderer u. a. die „Wikinger“ legten sich in die Sonne und genossen das herrliche Bergpanorama.

 

Zu unserer Überraschung erreichte bald auch eine Gruppe mit zwei Hunden die Bergwiese, und zwar wie wir über die Leitern durch die enge Klamm. Wir nahmen zunächst an, dass die Hunde getragen worden waren, dabei handelt es sich um speziell ausgebildete Rettungshunde, die die Leitern aus eigener Kraft bewältigt hatten. Eine halbe Stunde ging es dann einen breiten Höhenweg entlang, auf dem wir auf die E3 -Streckenmarkierung trafen. Die gute Aussicht blieb uns noch eine ganze Weile erhalten. Bergblumen wie Enzian und verschiedene Distelarten, u. a. die Silberdistel, standen in voller Blüte und lockten Schmetterlinge und Hummeln an. Bald mündete das rote E3-Wanderzeichen rechts in einen schmalen, teilweise zugewachsenen Pfad ein. Wir kamen an zwei etwa 50 Jahre alten Buchen vorbei, bei denen sämtliche Blätter an der Oberseite Gallen aufwiesen.

 

Kurz danach führte der E3 einen rutschigen, sehr steil abfallenden bewaldeten Berghang hinunter. Eigentlich für Fernwanderer ein unzumutbarer nicht ungefährlicher Abstieg. Selbst Eugen, der mit seinen Wanderstöcken den Abhang bravourös und schnell meisterte, fand sich einmal auf dem Hosenboden wieder. Im Zick-Zack-Kurs von Busch zu Busch, von Baum zu Baum – mittlerweile haben wir darin schon Erfahrung – rutschten wir eine halbe Stunde abwärts. Über Wiesen mit schönem Fernblick (sedlo Príslop nad Bielou 810 m) ging es anschließend weiter.

 

In einem Waldstück begegneten wir Pilzsammlern, eine Mutter mit ihrem Sohn und ihrem Vater. Die Frau sprach sehr gut deutsch und sagte, 2006 sei ein sehr gutes Pilzjahr. Sommersteinpilz, Maronen, Butter- und Birkenpilz, Hexenröhrling und Pfifferling wüchsen sehr zahlreich. Sie seien oft im Wald auf der Suche nach Beeren und Pilzen. Sie selbst und ihr Vater hätten sogar schon einmal in diesem Gebiet einen Bären gesehen.

 

Bald war der Wald zu Ende und über eine Kreuzung erreichten wir das Dorf Zázrivá am Rande der Malá Fatra. Der Ort ist noch sehr bäuerlich geprägt: Ziegen, Hühner, Enten, Gänse und ein kleines Sägewerk waren zu sehen. Alte slowakische Holzhäuser mit blühenden Bauerngärten, besonders Ringelblumen und Klee, boten einen idyllischen Anblick. Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume trugen reichlich Früchte. In einer Gaststätte direkt an der Ortstraße genossen wir eine Erfrischung und konnten dem dörflichen Leben zuschauen. Bürgersteige gibt es keine. Zwei Betrunkene, kamen jeweils innerhalb von 15 Minuten auf der Straße stark schwankend vorbei, besorgten sich neuen Stoff und überquerten die Straße geradezu lebensgefährlich. Alkoholismus scheint in dieser Region der Slowakei ein großes Problem zu sein. Die Inhaberin des Hotels Veľká Havrania holte uns dann mit dem Auto ab. Das Berghotel Veľká Havrania ist ca. 5 km von Zázrivá entfernt und liegt oberhalb eines Tals.

 

Zuerst mussten wir uns einmal an der schönen Aussicht satt sehen. Nach dem guten Abendessen unterhielten wir uns noch etwas mit dem deutsch sprechenden Inhaber. Der Jungunternehmer umwirbt besonders deutsche Gäste. Durch die EU-Mitgliedschaft der Slowakei sieht er eine erhebliche wirtschaftliche Stärkung der einheimischen Gastronomie.

 

Freitag, 25.08.06: Zázrivá nach Dolný Kubín (Unterkubin)

 

Bei einem kurzen Rundgang frühmorgens unterhalb des Hotels fühlte ich mich an eine längst vergangene Zeit erinnert. Vor einem Holzhaus im alten slowakischen Baustil graste eine Kuh, die an einem Pfahl angebunden war. Eine alte Frau mit Kopftuch, ganz in Schwarz gekleidet, hackte Holz. Hühner suchten nahe am Haus nach Futter. An einer Schnur auf der Wiese war Wäsche aufgehängt. Der große Holzstoß vor dem Haus ließ erahnen, welche langen und strengen Winter

                                                                          in dieser Gegend herrschen.

 

Bei bedecktem Himmel, aber trocken, fuhr uns nach dem Frühstück wieder die Inhaberin des Hotels zurück in die Ortsmitte von Zázrivá. Rasch waren wir am Ortsrand und es ging auf einer asphaltierten Straße aufwärts. Eine riesige Halle, ein Stall, offensichtlich von einer ehemaligen LPG, war leer. Eine halbe Stunde weiter oben hörte der geteerte Weg auf und es wurde im lichten Tannen- und Fichtenwald sowie auf Wiesen weiter gewandert. Glockenklang machte uns auf eine sehr große grasende Rinderherde aufmerksam. Ein älterer, wettergegerbter Hirte mit einem Hund bewachte die Tiere. Er erlaubte uns ein Bild von ihm zu machen. Seine Herde machte einen gut genährten und sauberen Eindruck und war wohl in dem großen Stall weiter unten untergebracht.

 

Etwas später fanden wir die Knochen eines Hirschbeines. Hatte hier ein Bär einen Hirsch gerissen? An der Abzweigung Hlásna skalka (928 m) machten wir eine kurze Pause, denn jetzt stand der steile Anstieg zum Minčol (1.396 m) bevor. Von Zázrivá (600 m) aus hatten wir dann knapp 800 m Aufstieg bewältigt. Im dichten Fichtenwald führte der Weitwanderweg E3 nun einen schmalen Pfad hinauf. Nach einer Stunde war das größte Stück der Steigung bewältigt und wir erreichten schweißgebadet den Gipfel. Hier liefen wir bequem durch Heidelbeerbüsche und auf Wiesenterrain weiter. Sendeanlagen und ein Skilift waren zu sehen. Eine gute Fernsicht belohnte uns für den anstrengenden Aufstieg.

 

Vom Berg Minčol aus verläuft der europäischen Fernwanderweg E3 nordöstlich zur polnischen Grenze und umrundet anschließend die Vysoké Tatry (Hohe Tatra) nördlich. Wir haben am Minčol den E3-Weg verlassen und werden erst wieder am Dukla-Pass auf ihn treffen.

 

Dolný Kubín (468 m), unser Tagesziel, war weit unten in der Ferne zu erkennen. Insofern mussten wir noch über 900 m lang hinunter marschieren. Leichter Regen setzte jetzt ein und es wurde unangenehm windig. Etwa 3 km abwärts befand sich jedoch die normalerweise bewirtschaftete „Chata na Kubínskej holi“ und wir freuten uns schon auf ein warmes Essen. Als wir ankamen, renovierten Handwerker gerade Räume in einem Anbau. Man gab uns zu verstehen, die Hütte sei geschlossen.

 

Sehr enttäuscht mussten wir wieder Schusters Rappen satteln und gerade jetzt regnete es auch noch stärker. Hinzu kam der schwer begehbare Pfad, der dicht mit Brombeerranken überwuchert war. Der Brombeerstrauch kann Waldgebiete sogar undurchdringlich machen und nur seine Früchte sind bei Wanderern begehrt. Dreimal hing ich im Dornengestrüpp fest und musste wieder zurück, um wieder neu vorwärts zu kommen. Endlich erreichten wir eine Teerstraße, die aber bei uns auch keine Wertschätzung genießt. Durch Wiesen und Felder – immer auf Asphalt – gelangten wir dann, am Schluss wieder im strömenden Regen, zum City Hotel Park in Dolný Kubín. Die Stadt hat 20.000 Einwohner und liegt am Fluss Orava, der nach 112 km in Kraľovany in die Váh (Waag) mündet.

 

Dolný Kubín ist auch der Lebens- und Sterbeort des berühmten slowakischen Dichters Pavol Országh (1849-1921), der unter dem Pseudonym Hviezdoslav schrieb (was so viel heißt wie, die Sterne rühmend). Sein umfangreiches Werk enthält auch Übersetzungen von Goethe, Schiller und Shakespeare. Er selbst ist für Lyrik, realistische Dramen und Versepen aus dem slowakischen Volksleben bekannt. Sein berühmtestes Werk ist der 1884 erschienene Roman „Hájnikova žena“ („Des Hegers Weib“). Erzählt wird das Schicksal eines jungen Waldhegers und seiner Frau Hanka aus den Karpaten. Ihr Glück wird durch einen zudringlichen Gutsbesitzersohn zerstört. Leider ist die Literatur Hviezdoslavs noch nicht ins Deutsche übersetzt.

 

Samstag, 26.08.06: Dolný Kubín (Unterkubin) nach Veľké Borové

 

Petrus war uns hold an diesem Tag. Kurz nach acht Uhr marschierten wir wieder über die Orava. Im Fluss standen jeweils etwa 100 m versetzt Fliegenfischer mit langen Angelschnüren. Vorne befindet sich eine Fliegenattrappe und damit kein lebender Köder. Auch von der Brücke aus konnten wir im seichten Wasser Fische beobachten. Mit dem Bus fuhren wir dann etwa 30 Minuten die Orava entlang nach Oravský Podzámok. Dort war die Oravský hrad (Arwaburg) unser Ziel. Sie ist eine der Hauptattraktionen der gesamten Region, ist auf einem steilen Felsen oberhalb des Dörfchens und des Flusses errichtet und bietet einen imposanten Anblick (siehe Titelseite).

 

Erbaut wurde sie als Grenzfestung zwischen den Königreichen Ungarn und Polen im 13. Jh. Im Mondschein bietet sie einen Grusel erregenden Anblick, für Draculafilme der ideale Ort. 1921 wurde hier der Film „Nosferatu“ von Fritz Murnau und auch 1979 das Remake von Werner Herzog mit dem Schauspieler Klaus Kinsky hier gedreht.

 

Der Besucher benötigt gute Kondition, um die verschiedenen Terrassen zu erklimmen, auf denen die Burg im Laufe der Jahrhunderte errichtet wurde. Von der Romanik über die Renaissance bis zur Neugotik sind verschiedene Baustile erkennbar, je nachdem in welcher Zeit gerade gebaut wurde. Drei junge Leute, in einer alten slowakischen Volkstracht gekleidet, holten unsere Besuchergruppe am Eingangstor der Burg ab. Leider war die Führung nur auf Slowakisch. Durch drei Burgtore gelangten wir in den Haupthof. Wunderschöne Räume wie z.B. die erste Burggalerie, der gemütliche rote Salon sowie der Jägersalon mit vielen Geweihen und Schnitzereien erwarteten uns. Im Korvinus-Palast bewunderten wir den Ritter- und Wappensaal. Gemälde der Adelsherren, z.B. Esterhazy, Wappen der Adelsgeschlechter, kostbare Schränke, Betten, Kachelöfen, Trachtenkleider und Waffen vermittelten einen guten Einblick in das Leben der ehemaligen Burgbewohner. Die Folterkammer, ein Gefängnis und die Zitadelle gehörten zu den ältesten Teilen der Burg. Ganz oben auf der letzten Terrasse befinden sich eine Afrikaausstellung der Massai und ein Kinderland mit Zauberin, Gnomen und Märchengestalten. Die Ausstellung über die Massai scheint uns in dieser Burg weniger sinnvoll.

 

Viel besser gefiel uns, dass zwei junge Mädchen in einem Wohnturm Flöte und Geige so perfekt spielten, dass alle Besucher andächtige lauschten.

 

Erobert wurde die Burg nie. Ein Brand vernichtete jedoch im Jahre 1800 alle Holzteile der mittleren und unteren Burg. Nach der Erneuerung und Restaurierung der Burg von 1953-68 wurde sie für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jährlich locken heute verschiedene kulturelle Veranstaltungen wie z.B. Konzerte, Handwerkermärkte und eine Gespensternacht zahlreiche Besucher an.

 

Nach der Besichtigung der Burg und einem Mittagessen fuhren wir wieder mit dem Bus nach Dolný Kubin zurück und danach zu dem höher gelegenen Ort Malatiná. Die Busse waren wie immer sehr voll, Teilstrecken mussten wir sogar stehen.

 

Von Malatiná aus wanderten wir dann einen wunderschönen Höhenweg entlang. Das sonnige Wetter ermöglichte eine traumhafte Aussicht auf die vor uns liegenden Berge der West-Tatra, hinter uns waren Kriváň, Chleb und Stoh zu erkennen. Felder, Wiesen und Fichtenwälder wechselten sich ab. Erika und Wacholder wuchsen am Wegesrand. Eine große Schafherde überquerte vor uns mit klingenden Glöckchen den Weg. Ein Hund oder ein Schäfer war weit und breit nicht zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Durch einen dichten Fichtenwald mit vielen Fliegenpilzen erreichten wir danach eine große Bergwiese, von wo aus wiederum beste Fernsicht herrschte. Unten im Tal grüßte uns das kleine Dorf Veľké Borové . Es ist ein Hufendorf. Die meisten Häuser stehen rechts und links der Ortsstraße. Ungefähr zwei Kilometer zieht sich der Ort hin. Mehrere Hunde kündigten unsere Ankunft an. Hühner mit einem Hahn befanden sich auf der Dorfstraße. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Ein alter Mann trug einen Korb mit Gras in einen Stall. Auch in Veľké Borové stehen viele alte slowakische Holzhäuser. Die Häuser sind nicht mit Ziegeln, sondern mit Schindeln oder Blech gedeckt. Nur ein einziges Auto überholte uns bis zum Ortsende, wo wir in der Penzión Borovec Quartier bezogen.

 

 

 

Sonntag, 27.08.06: Schluchtenwanderung rund um Veľké Borové

 

Heute stand eine zweifache Schluchtendurchquerung bevor.

 

Bei herrlichem Sonnenschein wanderten wir zunächst über Wiesengelände leicht aufwärts bis zur Wegkreuzung Kubín (1.000 m). Das schöne Wetter lockte an diesem Tag auch viele Einheimische in die Natur, u. a. waren viele Familien mit Kindern unterwegs. Etwa 400 m Abstieg mussten jetzt von uns durch die Prosiecka dolina, eine Felsenschlucht, bewältigt werden. Rechts und links befinden sich hohe Steilfelsen, die teilweise bedrohlich wirken. Über eiserne Leitern, an Ketten und Stahlseilen kraxelten wir das Gefälle eines Trockenbachs hinunter. Überall lagen Felsbrocken unterschiedlicher Größe herum. Sie bestehen aus sehr hartem Kalk- und Dolomitgestein. Von kleinen Felsplattformen hatte man gelegentlich einen guten Ausblick auf die Felsengipfel oben und auf den weiteren Schluchtenverlauf nach unten. Nach etwa 30 Minuten begleitete uns ein munter rauschender Bach, der aus einer Karstquelle unter einem hohen Felsen entspringt. Mehrfach musste er auf kleinen Steinen überquert werden. Am Ende der Schlucht wurden die Besucher auch auf Deutsch an Hinweisschildern über die Entstehung der Felsenschlucht informiert. Weiter ging es dann links am Waldrand eine sandige Wiese hinauf. Einer Vielzahl von Käfern, Heuschrecken, Grillen, Schmetterlingen und Eidechsen bot sich hier ein idealer Lebensraum. Viele Hecken bildeten wiederum beste Lebensbedingungen für Vögel, u. a. sah ich Zaunkönige und sogar einen Neuntöter.

 

Glockenklang aus der Ferne in den Wiesen machte uns auf grasende Kühe aufmerksam. Etwas unterhalb einer Anhöhe machten wir unsere geliebte Mittagspause und erfreuten uns an der schönen Fernsicht auf die West-Tatra und auf zwei kleine Dörfer im Tal unter uns.Weiter abwärts ereichten wir nach dem Überqueren eines Bergbachs auf einem schmalen Baumstamm einen Parkplatz an einer Teerstraße, die vom Ort Kvačany 610 m herführte. Mit Bussen und PKWs waren viele Ausflügler angereist, um die breite, bewaldete Schlucht Kvačianska dolina mit dem Gebirgsbach zu besichtigen. Ein breiter, gut begehbarer Waldweg führte uns zügig weiter, teilweise steil aufwärts. Zahlreiche Ausflugsgruppen kamen uns entgegen oder wurden von uns überholt. Immer tiefer verschwand links unten der rauschende Bach. Am Wegesrand konnte man sich über die hier lebende Flora und Fauna anhand von Schildern informieren. Hirsche, Wildschweine und Orchideen kommen vor. Für Braunbären, soll es das ideale Biotop sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Über einen abwärts führenden Pfad marschierten wir dann hinunter zum Wasser und erreichten dort die hölzerne Wassermühle „Oblazy“. Einige Holzschuppen und -ställe sowie das alte Mühlengebäude stehen hier. Eine Gattersäge, die von Wasser angetrieben wurde, weckte unser Interesse. Einige junge Leute haben sich im Wohnraum der Mühle häuslich eingerichtet. Getränke gab es jedoch keine zu kaufen. Attraktion für die jungen Besucher waren zwei große weiße Ziegen, die mehrfach auf einem schmalen Brett den Bach überquerten. Zwanzig Minuten später hatten wir wieder etwas aufwärts unsere Pension vom Vortag in Veľké Borové (893 m) erreicht. Hier lernten wir dann Siegfried Wagner und seine Bekannte Tatjana kennen. Sie sprechen sehr gut deutsch, waren an diesem Tag Pilze suchen gewesen und hatten einen großen Korb voll mit Sommersteinpilzen, Ziegenlippen und Maronen gesammelt. Spontan lud uns Siegfried zu sich abends nach Hause ein. Er besitzt in Bratislava eine Mietwohnung und arbeitete dort als Musiklehrer bis zur Rente. Vor vielen Jahren hat er sich ein altes Holzhaus in Veľké Borové gekauft und es sich mit Hilfe von Freunden schön hergerichtet. In Siegfrieds Haus lernten wir herzliche slowakische Gastfreundschaft kennen. Zunächst zeigte uns der Hausherr die Räumlichkeiten und dann wurden wir ins Wohnzimmer gebeten. Bei selbst gemachtem Heidelbeerwein wurde es ein gemütlicher Abend. Als Spezialität servierte man uns die frisch gesammelten Steinpilze, die ausgezeichnet schmeckten.

 

Als Höhepunkt des Besuchs spielte uns der Gastgeber etwas auf der slowakischen Hirtenflöte, der Fujara, vor. Das Instrument ist etwa 180 cm lang und hat am oberen Ende - dem Kopf – ein etwa 40 cm langes Verlängerungsstück. Der Klangkörper der Flöte wird in der Regel aus jungem Holunderholz gefertigt und ist mit traditionellen Ornamenten der slowakischen Kultur verziert. Im unteren Drittel des Klangkörpers sind drei Löcher. Die Flöte wird auf der Naturtonleiter gespielt. Je nach Blasstärke verändert sich die Höhe des Tons. Der schwermütige Klang weist auf das harte Leben der Hirten im Gebirge hin.

 

Montag, 28.08.06: Veľké Borové nach Zuberec (West-Tatra)

 

Auch heute erwartete uns blauer Himmel und Sonnenschein. Beim Frühstück lachte uns wieder eine größere Menge Würstchen an und so gestärkt wanderten wir zunächst die Ortsstraße entlang zu Siegfried. Auch Siegfrieds berühmter Heidelbeerlikör machte wieder die Runde, wurde von uns diesmal jedoch nur vorsichtig genossen, da uns die Wirkung bekannt war. Zum Abschied spielte Siegfried noch einmal auf der Fujara. Beim Weitermarsch auf einer Bergwiese hinauf hörten wir noch eine ganze Weile den schwermütigen fremdartigen Ton des Instruments.

 

Von einer Anhöhe aus bot sich ein herrlicher Rundblick über das Dorf und die umliegenden Berge. Eine große Schafherde weidete am gegenüber liegenden Berghang. Vereinzelt sah man auch Kühe. Die großflächigen Bergwiesen sind für Viehherden der ideale Standort.

 

Ohne Kunstdünger und Pestizide haben hier auch noch selten gewordene Pflanzen wie Enzian, Herbstzeitlose, Kuhschelle und Disteln eine Überlebenschance. Auch einen roten Milan konnten wir bei seinem Suchflug nach Beute beobachten. Im Jahr 2000 wurde er vom Naturschutzbund Deutschlands zum Vogel des Jahres gewählt, da sein Bestand gefährdet ist.

 

Weiter liefen wir dann eine längere Strecke einen breiten Höhenweg entlang, bevor es sehr steil im dichten Fichtenwald zum Kopec (1.251 m) hinauf ging. Von hier aus schritten wir etwa eine Stunde im Wald leicht abwärts weiter bis zur Abzweigung Prieková (1.165 m). Hier am Waldrand ist eine ausgezeichnete Fernsicht auf die West-Tatraberge, wo die polnische Grenze verläuft und wo sich nicht weit weg der berühmte polnische Wintersportort Zakopane befindet. Spontan beschlossen wir auf einem Stapel von Baumstämmen Mittagspause zu machen. Ganz weit unten im Tal sahen wir auch schon unser Tagesziel, das Dorf Zuberec. Gut erholt traten wir dann die Schlussetappe über eine abschüssige Kuhweide an. Dunkle Regenwolken tauchten jetzt am Himmel über dem Tatramassiv auf und wir befürchteten schon, unser Hotel nicht mehr trocken zu erreichen. Doch Petrus war uns heute hold und der Himmel öffnete seine Schleusen erst später. Kurz hinter dem Ortseingang von Zuberec erwartete uns eine Überraschung. Aus dem Lautsprecher eines Andenkenladens erscholl die Melodie des Liedes „Wo die Nordseewellen schlagen an den Strand…“ Gesungen wurde es auf Slowakisch.

 

Kurz darauf erreichten wir unsere Übernachtungspension „Antares“. Kaum hatten wir die Haustür geschlossen, fing es draußen fürchterlich an zu regnen. Auch der Wetterbericht verhieß für den nächsten Tag nichts Gutes. Deshalb war es fraglich, ob wir am nächsten Tag die geplante sechsstündige hochalpine Tour auf den Sivý vrch 1.805 m Höhe durchführen könnten. Als Alternative kam bei Regenwetter der Besuch des Museumsdorfs Ora-vskej dediny in Frage.

 

Dienstag 29.08.06: Zuberec nach Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus)

 

Die Wetterfrösche behielten recht! Es regnete den ganzen Tag über, teilweise auch sehr heftig. Die Höhentour zum Sivý vrch 1.805 m, musste also leider ausfallen. Nach dem Frühstück wanderten wir im strömenden Regen auf einem kleinen Waldweg parallel zur Fahrstraße in das 3 km entfernte Museumsdorf Oravskej dediny. Hier befinden sich etwa 30 charakteristische Bauernhaustypen der Oravaregion. Sie stammen aus dem 17.-, 18.- und 19. Jh. und sind in einem malerischen Bergwaldgelände aufgebaut. Glockenturm, Kirche, Imkerei, Schmiede, Schule, Töpferei, Stallungen, Wohnungen, Mühle mit Mühlrad, alles war aus Holz. Auch die landwirtschaftlichen Geräte, Werkzeuge, Behälter, Teller und Löffel bestehen aus diesem Material.

 

Reiche Bauernhäuser wechseln sich mit Gebäuden von sozial schwächer gestellten Personen, z.B. Knechten, ab. Die Wände und Decken bildeten quer aufeinander genagelte Balken. Die Ritzen zwischen den Balken wurden mit Moos, Reisig und Erde abgedichtet. Im Mittelpunkt der Wohnungen stand immer eine Feuerstelle, jedoch ohne Kamin. Der Rauch wurde aus der Wohnung in den Speicher geleitet und dort sogar zum Räuchern von Fleisch verwendet. Die Dächer der Häuser sind geschindelt. Kleine Fenster und niedrige Türen waren die Regel. Hölzerne Nägel am Eingang sollten Glück bringen. In einigen Ställen waren Pferde und Ziegen untergebracht. Gänse liefen auf den Wegen am Bach entlang. Auch die Leinenherstellung aus Flachs wird anschaulich in einer Holzscheune dargestellt.

 

Trotz der Idylle erhält der Besucher einen tiefen Einblick in das dörfliche Leben in früherer Zeit. Es war ein schweres und auf die Existenzbedürfnisse ausgerichtetes Leben, das besonders im Winter sehr entbehrungsreich war. Touristen können heute in verschiedenen Souvenirläden Keramik, Holzartikel und Textilien aus Leinen erwerben. Der heiße Tee in einem kleinen Café tat uns bei dem Schmuddelwetter besonders gut.

 

Nach der Rückwanderung in die Pension Antares erlebten wir wieder eine Überraschung. Ein älteres gelbes Postauto der deutschen Bundespost fuhr vor. Es war unser Taxifahrer. Die Fahrt mit dem Taxi führte an dem großen Stausee Liptovská Mara vorbei. Ausflugsboote waren auf dem Wasser und Campingplätze am Ufer zu sehen. Ziel war das Horský Hotel Mních (Berghotel Mönch). Es ist ein Zwei-Sterne-Hotel, ungefähr 5 km außerhalb von Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus). Innerhalb und außerhalb des Hotels stehen mehrere Mönchsfiguren, die an einen nahen Felsen erinnern. Für mich war es das beste Hotel auf der gesamten Sommerwanderstrecke 2006. Besonders die Küche ist ausgezeichnet.

 

Unsere Sommertour 2007 über die Hohe Tatra, dem Nationalpark Pieniny, der Zipser Region werden wir hier am Hotel Hotel Mních, am

                                                                          Anfang der Tatranská magistrála, beginnen.

 

Erschienen in "Wege und Ziele"  Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 23 - August 2007

 

 

Von der West-Tatra zu Zipser Region   1. Teil)

Unterwegs auf Weitwanderwegen in der östlichen Slowakei im Sommer 2007

 

Von Wolfgang Meluhn

 

Donnerstag 16.08.07    Heidelberg → Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus)

 

Ein kräftiger Wiener Fluch und Einkehr im Berghotel Mönch.

 

Endlich war es wieder soweit. Die Fortsetzung unseres Weitwanderweges von Eisenach nach Budapest. Früh am Morgen startete die Kerntruppe Wolfgang, Harald, Eugen, Klaus und Felix per Flughafenzubringer vom Heidelberger Hbf. zum Frankfurter Flughafen. Verstärkt wurden wir dieses Jahr zusätzlich durch unseren Jüngsten in der Wandergruppe, Dirk. Ziel waren diesmal die höchsten Berggipfel der Slowakei, die Hohe Tatra und die Zips. Mit „Flyniki“ flogen wir dann weiter nach Wien, wo wir nach 1,5 Std. sicher landeten. Von Wien aus fuhren wir mit einem Kleinbus, gesteuert von einem „waschechten“ Wiener, weiter nach Bratislava.

 

Auf der 65 km langen Strecke, vorbei an Sonnenblumen- und Maisfeldern, lernten wir durch unseren Fahrer sehr schnell etwas „Wienerisch“, den Wiener Dialekt. Eine junge Frau wendete nämlich ungefähr 150 m vor uns verbotenerweise ihr Fahrzeug auf der Schnellstraße. Dadurch waren alle Fahrer in beide Richtungen gezwungen, stark zu bremsen bzw. sogar anzuhalten. Besonders unser Fahrer geriet in Rage und als er am Auto der Frau vorbei fuhr, rief er ihr höchst erregt zu: „Bist du deppert, du Sauen!“

 

Über die Ufobrücke, vorbei an Burg und Dom, erreichten wir kurz darauf den Hauptbahnhof der slowakischen Hauptstadt. Hier besorgten wir uns slowakische Kronen und Proviant für die Weiterreise mit dem Zug nach Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus). Dankbar waren wir wieder über die reservierten Plätze, denn der Zug war wie gewohnt sehr voll. Auf der Bahnstrecke kamen wir an uns von früheren Wanderungen sehr bekannten Orten vorbei, z. B. die Sulower Felsen und Strečno mit den zwei Burgen. Auch fuhren wir lange Zeit die Váh (Waag) entlang. Erinnerungen an unsere Floßfahrt wurden wach. Am späten Nachmittag war kurz hinter dem Liptauer Stausee Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus) erreicht. Mit zwei Taxis fuhren wir dann in das uns vom Vorjahr, etwa 6 km außerhalb der Stadt, bekannte Horsky hotel Mních (Berghotel Mönch). Die ruhige Lage des Hotels am Waldrand mit der frischen sauberen Luft waren eine Wohltat im Gegensatz zu der stickigen Schwüle nachmittags in Bratislava und Umgebung.

 

Freitag 17.08.07   Liptovský Mikuláš → Podbanské

 

Wildbäche, der „Olymp“ der Slowakei und ein schwedisches Buffet.
 

Der Tag begann mit einem Geburtstagsständchen für unseren Wanderkameraden Dirk. Damit er bei zukünftigen Wandertouren nicht verloren geht, erhielt er als Geburtstagsgeschenk eine Wandermütze mit eingesticktem Namen.

 

Heute stand der erste größere Fitnesstest für unsere Gruppe bevor. Gut 6,5 Std. straffes Wandern waren bei bedecktem, aber trockenem Wetter auf einer Höhe von 850 – 950 m zu bewältigen. Überwiegend marschierten wir auf ebenen breiten Waldwegen durch Tannen und Fichten.

 

Kurz hinter dem Hotel Mních beginnt ab Rázcestie na Tokárinách die Tatranská magistrála, ein etwa 70 km langer zusammenhängender Wanderweg, der an den Südhängen der Tatra entlangführt. Er verbindet alle wichtigen Orte von Podbanské bis Tatranská Kotlina in der Belianske Tatry (Belaer Tatra).

 

Streckenweise oder in mehreren Tagesetappen kann dieser Tatraabschnitt erwandert werden. Immer wieder kommt man an Berghütten vorbei, in denen man nächtigen kann. Im Winter sind allerdings einige Streckenabschnitte wegen Lawinengefahr geschlossen.

 

Neben der Tatra Magistrale stellt die touristische Nutzung, zum Teil seit mehr als 200 Jahren, ein weiteres Bindeglied zwischen den Tatragemeinden dar. Die Menschen erkannten sehr rasch neben der Alm- und Forstwirtschaft den Fremdenverkehr als neue Erwerbsquelle. Sehr lobenswert sind auch die vielen Naturschutzzonen und Reservate, allen voran der große Tatra Nationalpark.

 

Die Západné Tatry (West Tatra), Vysoké Tatry (Hohe Tatra) und die Belianske Tatry (Belaer Tatra) bilden zusammen die Tatra, wobei 80 % des Gebirges in der Slowakei liegen und 20 % in Polen.

 

An diesem Tag begegneten wir nur wenigen anderen Wanderern. Als kleine Höhepunkte erwies sich die Überquerung von rauschenden Wildbächen. Es ist ein überwältigendes Gefühl auf der Mitte einer Holzbrücke über einem schäumenden Bach zu stehen. Man spürt die gewaltige Kraft des Wassers, das sich mit Felsen, Baumstämmen und Steinen einen unaufhörlichen Kampf liefert. Mehrere Gasthäuser gibt es entlang dieser Teilstrecke der Tatra Magistrale, wo eingekehrt werden kann. Planmäßig erreichten wir gegen Abend den kleinen Ort Podbanské.  Der Name bedeutet „unter den Gruben“.

 

Köhler produzierten in früheren Zeiten hier Holzkohle zum Verhütten der Erze. Goldfunde erwiesen sich als nicht ergiebig. Ab Podbanské beginnt die Vysoké Tatry (Hohe Tatra). Über dem Ort wacht der sagenumwobene Kriváň (2.494 m). Der Kriváň (Krümmling) wurde bei den Slowaken zu einem heiligen Berg, dem „Olymp“ der slowakischen Berge. Er wurde ein mythischer Ort national Gesinnter in der Mitte des 19. Jhs. Jährlich findet auch heute noch im August eine nationale Wallfahrt auf den „Krümmling“ statt. Auf Wanderwegen unterschiedlichster Art kann man sich ihm nähern.

 

Wir übernachteten etwas außerhalb im Hotel „Kriváň“. Es war voll belegt. Vor allem Familien mit Kindern scheinen hier häufig zu übernachten. Wir lernten eine Familie aus dem Vogtland kennen. Die Mutter erzählte uns, sie seien in den Sommerferien immer hier und hätten über ITS gebucht. Unterkunft und Verpflegung seien sehr günstig und die Hotelküche genieße einen guten Ruf. Das umfangreiche schwedische Buffet am Abend ließ etwas später auch nichts zu wünschen übrig.

 

Samstag 18.08.07   Podbanské → Štrbské Pleso (Tschirmer See)
 

"Das Kreuz mit dem Kreuzʺ, Meeresaugen und Heideröslein

 

In der Nacht hatte es stark geregnet, sogar mit Blitz und Donner. Bäume, Büsche, Wege, Bänke, alles war noch nass von den nächtlichen Schauern. Nebelfetzen hingen in der Luft. Fernsicht war unter diesen Umständen nicht möglich. 4,5 Stunden mussten heute auf Schusters Rappen zurückgelegt werden. Zunächst ging es durch den Ort, über eine Schnellstraße und einen schönen Gebirgsbach, an Häusern mit schmucken Vorgärten vorbei, aufwärts. Jetzt waren wir von der West-Tatra in die Hohen Tatra gelangt. Unsere Stimmung wurde jedoch etwas getrübt, da Eugen, unser fast Siebzigjähriger, über heftige Bandscheibenbeschwerden klagte und mit dem Bus zum heutigen Tagesziel fuhr.

 

 

 

 

 

Immer wieder kamen wir an Waldflächen vorbei, die an den 19. November 2004 erinnerten. Ca. 40 % aller Bäume auf der slowakischen Seite der Hohen Tatra wurde an diesem Tag durch einen Orkan umgeworfen, der mit 200 km/h südlich der Hohen Tatra entlang zog. Viele aufgearbeitete Stämme lagen noch am Wegesrand. Durch die ungewollte „Abhol-zung“ drohen nun nach Regenfällen und Schneeschmelzen Überschwemmungen und Erd-rutsche. Größte Bedeutung kommt deshalb so genannten Pionierpflanzen zu. Mit seinen leuchtend rosa bis purpurroten Blüten fielen hier besonders die schmalblättrigen Weidenröschen auf. Auf den entstandenen Lichtungen hatte sich diese 50-150 Zentimeter große Pflanze aus der Familie der Nachtkerzengewächse schnell großflächig ausgebreitet. Die Wurzelsprossen gelten als wichtiger Bodenbefestiger.

 

 

 

 

Nach zwei Stunden Wanderung war das erste Etappenziel, Tri studničky (Drei Brünnlein) 1.141 m hoch, erreicht. Ab hier waren auch sehr viele andere Wanderer unterwegs. Überwiegend waren es junge Leute, die jetzt im August zum „Nationalheiligtum“, dem Kriváň, unterwegs waren. Bis zum Jamské pleso (1.448 m) musste dann noch ein Höhenunterschied von 300 Metern, teilweise recht steil, bewältigt werden. Danach marschierten wir noch eine Stunde abwärts bis Štrbské Pleso (Tschirmer See) (1.346 m). Hier am See mit herrlichem Blick auf die Bergspitzen der Hohen Tatra wurden 1960 Szenen des DEFA-Indianerfilms „Chingachgook die große Schlange“ gedreht. Der schöne Bergsee lässt sich auf einem bequemen Promenadenweg umrunden. Seit Ende des 19. Jhdt. ist Štrbské Pleso Luftkurort. Er verfügt über Kurhäuser und große Hotels. Hier hat auch die seit 1912 von Poprad verkehrende elektrische Tatrabahn ihre Endstation. Skilifte und Loipen sowie zwei große Sprungschanzen, die 1970 und 1989 für Weltmeisterschaften genutzt wurden, lassen im Winter keine Langeweile aufkommen.

 

Bei unserer Ankunft am See waren viele Kurgäste und Besucher auf dem Promenadenweg unterwegs und genossen den schönen Blick auf den dunkelblauen See. Bänke luden zum Verweilen ein. Die Tatraseen sind sehr tief, manche bis zu 40 m. Die große Tiefe und der meist fehlende Zu- und Abfluss führten zu der volkstümlichen Vorstellung, dass sie über eine unterirdische Verbindung zu den Weltmeeren verfügten. Man nannte sie daher „morské oko“, was Meeresauge bedeutet. Etwa 100 solcher Bergseen gibt es im slowakischen Teil der Tatra.

 

Nach ungefähr einem Kilometer weiter, an einem Sportplatz, Andenkenläden und Tennisplätzen vorbei, erreichten wir dann das Hotel FIS, wo wir uns für zwei Nächte einquartierten. Abends besuchten wir dann 500 m entfernt eine zum Hotel gehörende Koliba. Kolibas erinnern an den Räuberhauptmann Jánošík und sind Holzblockhäuser. Auch das Inventar besteht aus Holz. An den Wänden hingen Fujaras (slowakische Hirtenflöten), Valaška (Streitäxte – die Bewaffnung Jánošíks) sowie Dreschflegel. Auch das Konterfei des ehemaligen Räubers und heutigen Nationalhelden hing, vom Aussehen ähnlich wie Hans Albers, auf modern getrimmt, an der Hüttenwand. Eine Gruppe Roma mühte sich, mit ihrer Musik, Stimmung unter die Gäste zu bringen. Bei deftigem Essen, Kapustnica (Krautsuppe mit Bratwurstscheiben), Šopský šalát (Tomaten-Paprika-Zwiebel-Schafskäsesalat), Guláš mit Nudeln sowie zum Nachtisch Palacinky (süße Pfannkuchen) wurde es ein gemütlicher Abend. Die Zigeunermusiker spielten uns zuliebe später sogar am Tisch das deutsche Volkslied „Oh Heideröslein“.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag 19.08.07   Rundweg: Štrbské Pleso → Predné Solisko → Štrbské Pleso

 

Landschaftspanorama, Touristenrummel und ein Riesenhaxen
 

Bei traumhaft schönem Wetter fuhren wir mit der Seilbahn zum Vorgipfel des 2.120 m hohen Solisko hinauf. „Raus auf den Berg“ war auch bei vielen anderen die heutige Devise. Vor allem viele Familien nutzten das herrliche Wetter für einen Ausflug in die Natur. Auch Eugens „Stoßdämpferschmerzen“ waren wieder so weit abgeklungen, dass er wieder mit dabei war. Von der Bergstation der Seilbahn Chata pod Soliskom, 1.840 m hoch, war noch ein einstündiger schweißtreibender Aufstieg über Felsen, Geröll und im unteren Bereich durch Knieholz zum Gipfel des Predné Solisko zu meistern.

 

Die Aussicht nach unten und auf die umliegenden Berge war atemberaubend. Gegenüber das West Tatragebirge, vor uns, rechts und links majestätisch gewaltig höchste Bergspitzen der Hohen Tatra: Satan (2.422 m), Rysy (Meeraugspitze) mit 2.503 m der höchste Berg Polens. Der Name ist abgeleitet aus der Goralensprache „porysovane“ = zerklüftet und der Kriváň mit 2.494 Metern der heilige Berg der Slowaken. Deutlich sah man seinen schiefen Gipfel.

 

Eine Legende erzählt, Gott habe einen Engel ausgeschickt, um die Welt an manchen Stellen mit besonderen Naturschönheiten zu versehen. Der göttliche Bote unterschätzte die Höhe des Gebirges, blieb mit dem Sack, der das wertvolle Gut enthielt, am Kriváň hängen, so dass er es an dieser Stelle ausschüttete – die Spitze des Gipfels blieb jedoch seit diesem Zusammenstoß schief. Vielleicht ist es gerade die „Unvollkommenheit“ des Berges, die die Menschen in besonderem Maße

                                                                          anzieht.

 

Auch unsere Wandergruppe will ihm eines Tages aufs Dach steigen. Es wäre sicherlich die Krönung auf der gesamten Wanderstrecke von Eisenach nach Budapest, den Olymp der Slowakei kennen zu lernen.

 

Auf dem 2.120 m hohen Predné Solisko genossen wir ca. 1,5 Stunden das Panorama. Schneefelder konnten wir keine entdecken. Steile Lawinenhänge und Felsabbrüche sorgten automatisch für größte Vorsicht beim Herumklettern im Gipfelbereich. Nach einem ausgiebigen Sonnenbad, was manche sogar oberkörperfrei genossen, stiegen wir wieder zur Hütte der Seilbahnbergstation Chata pod Soliskom hinunter. Mittlerweile war die Zahl der Gipfelbesucher so groß, dass wir an Felsengpässen warten mussten, um Langsamere zu überholen oder bergauf kletternde Gruppen vorbei zu lassen. Nach einer kleinen Rast in der Hütte, nur Eugen fuhr wieder mit der Bahn nach unten, wanderten wir einen schmalen Felsplattenpfad an Knieholz vorbei weiter abwärts. Wir kamen an Bergwiesen mit einem kleinen Bach vorbei, an dem viele Sonntagsausflügler Picknick machten. Zwei Ehepaare aus Sachsen erzählten uns, sie verbrächten jedes Jahr hier in Štrbské Pleso ihren Urlaub. Vorbei an Windbrüchen und Kahlflächen, wiederum mit Weidenröschen bewachsen, wohl noch Folgen des Orkans von 2004, erreichten wir wenig später wieder den Štrbské Pleso (Tschirmer See)

 

Abends besuchten wir wieder eine Koliba, dieses Mal direkt am Seeufer. Sie gehörte zu dem Hotel Patria. Ein Akkordeonspieler brachte sein gesamtes Repertoire an deutschen und österreichischen Volksliedern und Schlagern auch durch Gesang hervorragend zur Geltung. Gelegentlich stimmten wir sogar mit in die Lieder ein. Bei ausgezeichnetem Essen ließen wir den Abend harmonisch ausklingen. Dirk brachte uns noch sehr zum Lachen. Er hatte aus der Speisekarte Haxen mit Knödeln bestellt. Mit 3,5 kg Haxengewicht hatte er allerdings nicht gerechnet. Diese Portion konnte auch er nicht bewältigen. Überraschend sahen wir dann noch aus dem Fenster eine Hirschkuh, die auf dem Weg zum Trinken vom Wald zum See unterwegs war.

 

Montag, 20.08.07   Štrbské Pleso (Tschirmer See) → Sliezsky dom (Schlesierhaus)

 

Das Sahnehäubchen der Tatranská magistrála, ein Kinderbett und ein Zimmer unter Wasser

 

Mini-Alpen wird die Hohe Tatra auch genannt, die Teil der Karpaten ist. Nahezu alle alpinen Landschaftsformen sind hier auf relativ kleinem Raum vorzufinden. Der Hauptkamm der Hohen Tatra erstreckt sich zwar nur bescheidene 26 km entlang, fällt aber kaum unter die 2.000 m-Marke. Immerhin 24 Gipfel überschreiten die 2.500 m-Grenze. Die höchste Erhebung ist die Gerlachovský štít (Gerlsdorfer Spitze) mit 2.655 m. Sie ist damit zugleich der höchste Berg der gesamten Karpaten. Bis auf 500 m sollten wir heute an diesen höchsten Gipfel heran kommen. Für uns stand nämlich die Wanderung auf den „Juwel“, dem schönsten Teil der Tatranská magistrála, bevor. Diese Teilstrecke ist ein Wandertraum und war für mich, neben der Tagesstrecke in der Mala Fatra auf den kleinen und großen Kriváň (ebenfalls wie in der Hohen Tatra Kriváň genannt) bisher das Beste auf der gesamten Tour nach Budapest.

 

Kurz nach neun Uhr marschierten wir bei schönem Wetter los. Verabschiedet wurden wir am Hotel FIS durch das Gezwitscher von einer großen Zahl Mehlschwalben, die an der Hausfassade unterhalb der Balkone und Fenster viele Lehmnester errichtet hatten und sich wohl schon auf den Flug in den Süden vorbereiteten. Zunächst ging es rasch aufwärts durch einen Tannenwald. Das ideale Wetter hatte auch viele andere Wanderer auf die Panoramastrecke gelockt. Darunter waren von der Ausrüstung und Kondition her absolute Profis. Obwohl wir recht zügig ausschritten, überholten uns doch manche Gruppen. Auch etliche Jogger waren unterwegs.

 

Nach einer Wegkreuzung führte uns ein ebener, teilweise terrassenförmiger Weg aus breiten Felsblöcken zum Horský Hotel pri Popradskom plesom, gelegen an dem grünlich schimmernden Popradské pleso (Popper-see). Die Aussicht hinunter auf die Nadelbäume im Tal, zum See und auf die umliegenden gewaltigen hohen Fels- und Zinnenspitzen war überwältigend. Ab ca. 1.500 m endet die Waldgrenze. Hell weißlich glitzernde kleine Wasserfälle rauschten nach unten. Felsgrate des Rysy (2.503 m), des Patria (2.203 m) und des Mengusovský štít (2.227 m) wirkten majestätisch und mächtig.

 

Vom See aus führte ein mit einer Stunde Gehzeit ausgeschilderter Serpentinenpfad sehr steil hinauf auf den 1.966 m hohen Sedlo pod Ostrvou. Es war die steilste und anstrengendste Wegstrecke unserer gesamten Sommertour 2007, aber auch mit die faszinierendste. Auf dem gesamten Steilhang waren unzählige Bergwanderer in Gruppen oder alleine unterwegs. Rasch hatten auch wir an Höhe gewonnen und es zeigte sich, dass unsere Truppe über eine gute Kondition verfügt. Allseitige Bewunderung und Bravorufe wurden einem etwa 70-jährigen bärtigen Mann zuteil, der den Aufstieg schnell hinauf joggte. 20 Minuten später lief er an uns schon wieder abwärts mit den Worten „super, super“ vorbei.

 

Nach einer Stunde schweißtreibendem Anstieg waren auch wir oben auf dem Sattel des Ostrvou, rasteten und genossen den Blick auf die grauen Felsgipfel und den weit unten liegenden Popradské pleso (Poppersee) mit dem Hotel. Auf der Wind abgewandten Seite des Berges schritten wir dann auf einem schönen künstlich angelegten Weg aus Felsplatten und –blöcken weiter aufwärts und dann längere Zeit eben. Es war sicher ein großer Aufwand und bedurfte schweren Gerätes, diesen Panoramaweg anzulegen. Aber es hatte sich gelohnt. Weit reichte der Blick in die Landschaft. Links oben waren die steilen Tatragipfel, rechts unten sah man größere Flächen mit Waldschäden, die durch den Orkan von 2004 verursacht wurden. Auch die Tatrabahn hörten und sahen wir außerhalb kleinerer Orte. Das Gehen auf den unebenen Felsplatten, teilweise mit Gesteinsbrocken übersät, erforderte allerdings größte Aufmerksamkeit. Leicht konnte man sich hier den Fuß vertreten. Beim Ausweichen vor anderen Wanderern rutschte ich z. B. von einer Platte ab und verstauchte mir leicht den Fuß. Hinter einem Abhang gelangten wir dann an einen im Uferbereich mit Felsbrocken und Geröll umsäumten Bergsee, dem – Batizovské pleso (1.804 m). Er liegt direkt am Fuß des höchsten Karpatengipfels, der Gerlachovský štít (Gerlsdorfer Spitze). Kleine Wasserfälle rauschten auch hier wieder von oben in den See.

 

Die steilen Felswände und Zinnen bildeten einen grandiosen Anblick. Das klare saubere Wasser des Gletschersees schmeckte ausgezeichnet. Es war allen sofort klar, an diesem schönen Ort musste man einfach eine Pause einlegen. Bald zogen jedoch dunkle Wolken über dem Gerlachovský štít auf und der Wind wurde stärker. Rasch wanderten wir weiter und befürchteten schon in ein Unwetter zu geraten. Nach einer Stunde hatten wir dann aber glücklicherweise trockenen Fußes unser Nachtquartier Chata Sliezsky dom (Schlesierhaus) erreicht. Die Berghütte (1.683 m) liegt herrlich gelegen an dem Velické pleso (Bergsee) inmitten des Bergmassivs der Gerlachovský štít und des Bradavica (2.476 m).

 

Auf einer hölzernen Aussichtsterrasse war der heiße Tee mit Slibowitz nach den Tagesanstrengungen eine Wohltat. Gleich zu Beginn des Abendessens zeigte sich, dass unsere Befürchtungen hinsichtlich des Wetters nicht unberechtigt waren. Es brach ein fürchterliches Unwetter mit Starkregen, Blitz, Donner und einem heftigen Sturm los. Wehe dem, der jetzt noch im Gebirge unterwegs war. Bei der Rückkehr auf unsere Zimmer fanden Harald und Klaus den halben Raum unter Wasser vor. Ein Fenster war vom Sturm aufgedrückt worden. Fast alle Fenster waren undicht, es zog und pfiff beängstigend. Viele Kleidungsstücke waren nass geworden und der Trockner lief die ganze Nacht im Bad.

 

Dirk und ich waren gezwungen, nebeneinander in einem großen Kinderbett zu schlafen, was allgemeine Heiterkeit auslöste. Trotzdem schliefen wir alle ausgezeichnet. Um 5:00 Uhr morgens sah ich aus dem Fenster eine Wandergruppe beim Abmarsch auf den höchsten Berg der Hohen Tatra, die Gerlsdorfer Spitze.

Dienstag 21.08.07   Sliezsky dom (Schlesier Haus) → Zámkovského chata (Zamkovsky Hütte)

 

Sherpas, Hüttenromantik und Matratzenlager

 

Frühmorgens, bei gutem Wetter vor dem Frühstück, machte ich einen Spaziergang um den Bergsee. Ein schmaler Pfad führte durch Krüppelkiefern (Knieholz) und über zahlreiche steil herunter stürzende Bächlein, die den See speisen.

 

 

Ganz hinten, gegenüber von der Berghütte, rauschte ein schmaler, aber starker Wasserfall. Winzig klein kommt man sich beim Anblick der schroffen und mächtigen Felsgrate und –wände rundherum vor. Aber man spürt auch die gewaltige Kraft. Ein Naturphänomen, das fasziniert. Die Lage der Schlesierhütte an dem See ist wirklich traumhaft. Das Gewitter von gestern Abend hatte aber auch gezeigt, welche Naturgewalten hier oben toben können.

 

Weiter ging es heute noch einmal auf einem schönen Teilstück der Tatranská magistrála. Anfangs marschierten wir längere Zeit durch Knieholz, links oben die Tatragipfel, rechts unten im Tal wieder zerstörte Waldgebiete und kleine Orte. 1 ½ Stunden war der felsige Bergpfad gut begehbar. Dann folgte ein 10-minütiger unangenehmer Fels- und Wiesenabhang, wurzelreich, nass und mit Steinbrocken übersät. Einige Familien kamen uns mit kleinen Kindern entgegen, denen die Strapazen noch bevorstanden. Im dichten Fichtenwald führte ein bequemer breiter Weg weiter leicht abwärts. Auf einer großen Bergwiese mit einem Skilift standen nach jeweils 30 m Höhenunterschied zahlreiche Borkenkäferfallen. Kurz darauf waren wir am Hrebienok (Kämmchen) (1.263 m) angelangt. 3-4 Restaurants erwarten hier den Besucher.

 

Auch heute war reger Ausflugsbetrieb. Die Standseilbahn brachte immer wieder neue Touristengruppen von Starý Smokovec herauf. Die Aussichtsterrassen der Lokale waren bei dem sonnigen Wetter sehr begehrt. Auch wir machten Mittagspause und genossen eine kleine Erfrischung. Große gelbe Roller, ohne Motor, konnten für die Abfahrt ins Tal nach Starý Smokovec gemietet werden. Jeder Fahrer erhielt eine Inline-Skater-Ausrüstung.

 

Auf einem gut markierten Waldweg wanderten wir inmitten einer wahren Völkerwanderung weiter zum Velký Studený potok (Großer Kalter Bach), der sich teilweise in schönen Wasserfällen durch das felsige schluchtenartige Gelände seinen Weg sucht. 10 Minuten später überquerten wir auf einer Holzbrücke einen weiteren sehr mächtigen Wasserfall (Obrovský). Gewandert wurde jetzt aufwärts auf unebenen aneinander gereihten Steinen und Felsen, was beim Gehen volle Konzentration erforderte. Bereits nach einer halben Stunde, um 14:00 Uhr, war dann schon unser Ziel, die Zamkovského chata (Zamkovsky Hütte) (1.475 m), erreicht.

 

Die Versorgung der Hütte erfolgt durch Sherpas (Bergträger). Schon unterwegs hatten wir einen jungen Mann mit einer großen Kiepe auf dem Rücken überholt. Selbst ein Bierfass, 63 kg Gesamtgewicht,  wird auf diese Weise nach oben getragen. Sogar Sherpameisterschaften werden hier in der Slowakei durchgeführt.

 

Übernachtet wurde zu sechst in einem Raum auf Feldbetten, jeweils zwei übereinander. Die Unterkunft war voll belegt. Ganz oben kletterten sogar einige über eine Leiter in den Dachraum und übernachteten auf Matratzen. Selbst in der Gaststube hatten, wie ich am frühen Morgen feststellte, zwei „Sherpas“ übernachtet. Dusche und WC werden von allen gemeinsam benutzt. Sherpa-Kräutertee und Tatramelka-Kuchen sind die Spezialität der Küche. Um 22:00 Uhr herrschte Nachtruhe und nur mit Taschenlampen ging es nachts auf die Toilette.

 

Mittwoch 22.08.07   Zámkovského chata (Zamkovsky Hütte) →  Ždiar (Morgenröthe)

 

Goralen und ein Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

 

Schon frühmorgens, während des Frühstücks, ab 8.00 Uhr, trafen die ersten Wanderer auf  der Hütte ein. Die Zamkovského chata (Zamkovsky Hütte) ist ein idealer Ausgangspunkt für Bergausflüge, z. B. auf die Lomnický štít (Lomnitzer Spitze) (2.634 m).

 

Dieser zweithöchste Berg der Hohen Tatra war auch heute unser Ziel. Unsere Vorfreude auf das Bergpanorama in dieser Höhe verflog aber schnell. „Die Kabinenseilbahn fährt heute wegen zu starkem Wind nicht“, teilte uns die Hüttenwirtin nach telefonischer Anfrage bei der Bergbahnstation Skalnaté pleso (Steinbachsee) mit. Sehr enttäuscht beschlossen wir nach Tatranská Lomnica (Tatralomnitz), der Name leitet sich von dem zweithöchsten Berg der Tatra ab, abzusteigen. Beim Abwärtsgehen kamen wir wieder an den beiden vom Vortag bekannten Wasserfällen „Obrovský“ und „Velký Studený potok“ (Großer Kalter Bach) vorbei.

 

Bis hierher waren auch viele andere Wanderer unterwegs, im weiteren Verlauf der Strecke wurde es zusehends ruhiger. Zunächst begeisterten uns noch zwei weitere Wasserfälle mit großen Wasserbecken des Kalten Baches. Die mit Tan-nen- und Fichtennadeln bedeckten Wege sowie das sanfte Gefälle waren eine Erholung im Gegensatz zu den unebenen ansteigenden Felsplattenwegen der Vortage. Im dichtesten Walddickicht trafen wir zwei ältere Pilzsammler. An einem breiten Waldwirtschaftsweg, der von schweren Fahrzeugen tief ausgefahren war und in dem deshalb viele Regenwasserpfützen standen, sahen wir einen so genannten „Vollernter“ bei der Aufarbeitung von Sturmholz im Einsatz.

 

Mit dem Bus fuhren wir dann nach Ždiar (Morgenröthe) (896 m). Das Dorf liegt sehr abgelegen schon in der Belianske Tatry (Belaer Tatra). Es ist eine Goralengemeinde. Goralen sind vor allem im polnischen, aber auch im slowakischen Teil der Beskiden lebende Bergbauern, die sich ihr traditionelles Brauchtum zum Teil noch bewahrt haben. Nachdem wir in der Pension Jánošík Quartier bezogen hatten, machten wir einen Rundgang durch den Ort. Ždiar erstreckt sich 6 km lang. Es ist ein Hufendorf, d. h. die Häuser stehen fast nur rechts und links der Ortsstraße. Auffallend sind einige Holzblockhäuser, die durch Schnitzereien und Ornamentschmuck prächtig heraus geputzt sind. Die Fugen zwischen den Holzbalken sind farblich hervor gehoben. Rot, blau oder grün mit weißen Kreuzen und Strichen, die an Strickmuster erinnern. Glücklicherweise sind diese Holzhäuser heute denkmalgeschützt.

 

Der frühere DDR-Massentourismus soll hier viel Schaden angerichtet haben, da die Bewohner die alten Häuser durch moderne Massivhäuser ersetzten. Abends besuchten wir das schöne goralische Spezialitätenlokal „Goralska Ždiar“. Es ist eine Koliba (Holzblockhütte) mit Bildern vom bäuerlichen Leben der Bergbauern an den Holzwänden. Ein Besuch ist nicht nur wegen der guten regionalen Küche empfehlenswert.

 

Kurz nach 22:00 Uhr machten wir uns auf den Heimweg zu unserer Pension. Es war stockdunkel, keine Straßenlampe brannte mehr. Bürgersteige gibt es keine, sodass bei vorbei fahrenden Autos größte Vorsicht angebracht war. Einheimische, die uns begegneten, hatten deshalb Taschenlampen dabei. Auf Eugen und mich wartete noch eine weitere Überraschung. Die Rezeption war nicht mehr besetzt und unser Zimmerschlüssel war dort deponiert. Erst nach einer Stunde rettete uns eine junge Litauerin, ebenfalls ein Gast der Pension, aus der unangenehmen Lage. Sie hatte die Handynummer des Portiers.

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag 23.08.07  Ždiar (Morgenröthe) Spišská Stará Ves (Zipser Altendorf)

Dorfpanorama, Heidelbeerteppiche, Sturm und ein Wellnesshotel

 

Leider war das kleine Bauernmuseum an diesem Morgen geschlossen und in den beiden Einkaufslädchen von Ždiar war weder Mineralwasser noch Obst für die sechsstündige Tageswanderung erhältlich. Bei bedecktem Himmel, aber ohne Regen, marschierten wir zunächst 2 km durch das Dorf. Dann begann ein lang gezogener einstündiger Aufstieg am Nordhang des Ortes in die Spišská Magura mit ihren berühmten „Heidelbeerteppichen“. Während des 300 m steilen Anstiegs bot sich ein traumhafter Blick auf Ždiar mit den großen umliegenden Bergwiesen und auf die beiden gegenüber liegenden Hausberge Havran (Rabenstein) (2.152 m) und Ždiarska vidla (Greiner) (2.142 m). Einzelne Kühe und Schafe, Kartoffelfelder sowie getrocknetes Heu, um Stangen aufgeschichtet, vervollständigten die malerische Kulisse.

 

Kurz vor der Bergkuppe Magurka (1.193 m) nahm uns dichter Fichtenwald auf. Oben ging es dann auf einem bequemen Waldweg weiter. Teilweise wurde der Weg zu einem schmalen Pfad. Rechts und links waren jetzt auch viele Heidelbeersträucher zu sehen, jedoch waren im Gegensatz zu den Jahren zuvor nur wenige der köstlichen Früchte zu sehen. Die Heidelbeerernte muss jedoch dieses Jahr so schlecht gewesen sein, dass wir in Hotels und Restaurants vergeblich Heidelbeeren als Nachtisch auf der Speisekarte suchten.

 

Kurz nachdem wir eine durch Sturmholz entstandene große Lichtung erreichten, war kein Wanderzeichen mehr zu entdecken. Erst nach einer dreiviertel Stunde vergeblicher Suche nach dem richtigen Weg, hatte wieder einmal unser Wanderführer die richtige Spürnase. Die schweißtreibende Anstrengung mit weiten erfolglosen An- und Abstiegen zwang uns bald darauf zu einer ausgiebigen Mittagsrast am Wind abgewandten Waldrand. Weiter ging es dann auf einem fast baumlosen Hangsattel entlang. Hier hatte der Orkan von 2004 ganze Arbeit geleistet. Das Holz war schon abtransportiert, zahlreiche Baumstümpfe ragten aus den kahlen Abhängen links und rechts hervor. Eine Planierraupe schob Wurzelstümpfe zusammen. Ein heftiger Sturm hatte mittlerweile eingesetzt und es pfiff auf dem Höhenweg gewaltig. Kleine Baumgruppen, die noch standen, schwankten und bogen sich heftig um ihre Achsen. Belohnt wurden wir jedoch durch die hervorragende Fernsicht. Hinten sah man das Tatramassiv, vor uns die Zipser Magura mit Tälern und kleinen Orten, bis zum Trzy Korony (Dreikronenberg) in Polen reichte der Blick.

 

Nach einem kurzen Abstieg gelangten wir an eine Teerstraße mit Bushaltestelle und schon zehn Minuten später saßen wir im Bus nach Spišská Stará Ves (Zipser Altendorf). Dort gingen wir noch 1,5 km auf einer Teerstraße vom Busbahnhof bis zum außerhalb des Ortes gelegenen Hotel Eland. Hier erwartete uns ein gepflegtes gehobenes Ambiente. Zunächst nutzten wir das Hallenbad mit einem Warmwasserbecken und Warmwasserdüsen. Tennisplätze, Spielplätze und Holzhütten zum Übernachten stehen zur Verfügung.

 

Auf einer schönen Terrasse mit Rasen erhielten wir ein vorzügliches Abendessen. Junge Slowaken feierten an den Nachbartischen. Sie prosteten uns zu und auch wir genossen bei einem guten Glas Rotwein den Abend. Wer erhält welche Rechnung an unserem Tisch? Der Kellner wusste es jedenfalls nicht mehr, was allgemeine Heiterkeit auslöste. Spät nachts um 1:00 Uhr zwang uns dann noch ein heftiges Gewitter Wanderschuhe und Strümpfe ins Trockene zu holen.

 

Fotos und Titelfoto:  Wolfgang Meluhn

Erschienen in "Wege und Ziele"  Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 26 - August 2008

 

 

Von der West-Tatra zu Zipser Region   2. Teil

Unterwegs auf Weitwanderwegen in der östlichen Slowakei im Sommer 2007

 

Von Wolfgang Meluhn

Freitag 24.08.07   Pieninský Národný Park (Pieninen – Nationalpark)

 

Flößer, polnische Riviera und Kartäusermönche

 

Heißes und damit ideales Wetter für eine Floßfahrt. Kurz nach acht Uhr fuhr uns die Inhaberin des Hotels Eland mit einem Kleinbus zur Floßanlegestelle an den Dunajec (Dunajetz), etwas stromaufwärts von Červený Kláštor (Rotes Kloster).

 

Der Dunajec bildet ca. 17 km die Grenze zwischen der Slowakei und Polen. Genau in der Flussmitte verläuft die Grenze. An der Anlegestelle lagen 10 Flöße. Sie bestehen aus fünf schmalen, langen ausgehöhlten bootsähnlichen „Trögen“, die am Bug und am Heck mit Seilen verbunden werden und auf diese Weise das Floß bilden. Die slowakischen Flößer sind in einer goralischen Tracht mit bunt bestickter Weste und einem schwarzen Hut gekleidet. Sie benutzen keine Paddel, sondern Stangen zum Staken. Einer steht am Ruder am Heck und der andere vorne am Bug. Insgesamt sind 14-16 Personen auf dem Floß. Der Fluss ist etwa 40-70 cm tief, wobei sich flachere und tiefere sowie langsame und schnellere Wasserbereiche abwechseln. Ängstlichkeit ist fehl am Platze, zumal, wie sich schnell zeigen sollte, die Flößer ihr Handwerk verstehen. Schon als wir noch am Ufer standen, tauchten auf dem Fluss voll besetzte polnische Flöße auf. Rasch war auch durch zwei Busse die Zahl der Wartenden an unserem Abfahrtsplatz auf etwa 70 angewachsen. Gleich darauf erfolgten die Gruppeneinteilungen zu den Flößen.

 

Mit wenigem gekonnten Staken waren wir in der Flussmitte, wo das Floß von der Strömung mitgerissen wurde. Vor uns und hinter uns waren sowohl polnische als auch slowakische Flöße, erkennbar an den unterschiedlichen Trachten der Flößer. Während sich die Fahrgäste häufig zuwinkten und grüßten, fiel auf, dass zwischen den polnischen und slowakischen Flößern keine Worte oder Begrüßungsgesten gewechselt wurden.

 

Leider war die Führung auf unserem Floß nur auf Slowakisch. Schon nach 10 Minuten war Červený Kláštor erreicht. Auf der linken polnischen Seite sah man wenig später eine prunkvolle katholische Kirche. An beiden Ufern befinden sich Campingplätze, die vor allem auf polnischer Seite gut besucht waren. Wenig später waren besonders viele Badeurlauber am Ufer, im Wasser und auf einer Liegewiese. Unser Führer bezeichnete dieses Teilstück als die „polnische Riviera“. Einzelne Felsbrocken ragten in Ufernähe aus dem Wasser. Möwen lauerten hier auf Beute. Sogar einen Schwarzstorch konnten wir an einer Bacheinmündung entdecken. Anscheinend findet er hier noch ausreichende Lebensbedingungen vor.

 

Vor uns zeigten sich auf der polnischen Seite drei markante hohe Felsspitzen, die Tri Koruny (Drei Kronenberg) 982 m.  Der Dunajec verlässt hier das flache Gelände und kurz darauf fließt er durch einen der größten Canyons in Mitteleuropa. Rechts und links bilden felsige Steilhänge das Ufer. Rechts verläuft jedoch noch neben dem Fluss eine Fahrstraße, auf der Radfahrer und Fußgänger unterwegs waren. Gruppen von Stockenten näherten sich beim Vorbeifahren den Flößen, um etwas Essbares zu ergattern. Gelegentlich geriet das Floß in schnelleres Wasser, Wasserspritzer und überschwappendes Wasser sorgten für Gaudi. Nach etwas mehr als 9 km erreichten wir die Anlegestelle in der Nähe des Ortes Lesnica. Direkt am Ufer befindet sich ein Wachhäuschen und zwei Grenzbeamte kontrollieren die Personalausweise von Grenzgängern. Eines nach dem anderen legten die slowakischen Flöße am Ufer an, die polnischen fuhren weiter abwärts nach Polen hinein.

 

Eine Gruppe Zweierkajaks erreichte jetzt auch ihr Ziel, wobei ein Kajak umkippte und die beiden Insassen durch das schadenfrohe Gelächter der Zuschauer doppelt bestraft waren.

 

Wer wollte, konnte jetzt auch mit bunten Pferdekutschen Richtung Lesnica weiterfahren. Kurz vor dem Ort erwarten den Touristen Feststimmung in Restaurants mit Spießbraten und Kesselgulasch am offenen Feuer und jede Menge Souvenirläden. Vier junge Musiker, in Goralen-Tracht gekleidet, heizten die Stimmung mit volkstümlicher Musik immer wieder an. Wir zogen es vor, dem Trubel zu entfliehen und aßen gemütlich in einer kleinen Gaststätte in Lesnica zu Mittag. Das sonnige 25 ° C warme Wetter war auch für den Rückweg, eine zweistündige Wanderung, ideal. Anfangs ging es steil hinauf auf einen bewaldeten Höhenrücken. Das schöne Wetter hatte auch zahlreiche andere Wanderer in die Natur gelockt. Leicht abwärts marschierten wir dann in einem Buchenwald weiter. Immer wieder gab es schöne Ausblicke, vor allem auch in den Dunajec-Canyon. Sogar die besetzten Flöße waren zu sehen. Über einen Serpentinenpfad gelangten wir dann an eine Fahrstraße und nach einem Kilometer war unser Ziel, das Červený Kláštor (Rote Kloster), das Kloster besitzt rote Ziegel, daher der Name, erreicht.

 

Jeder erhielt eine Informationsbroschüre auf Deutsch und die Besichtigung konnte beginnen. Das Kloster wurde 1320 von den Orden der Kartäuser gegründet. Gekleidet war man mit einer langen weißen Mönchskutte. Die Reformation und Spannungen in Ungarn nach der Niederlage gegen die Türken bei Mohács (1526) führten schrittweise zum Niedergang. 1567 erlosch das Leben im Kloster.

 

Mit dem Linienbus fuhren wir nach der Klosterbesichtigung ins Hotel Eland zurück. Hier genossen wir wieder das gehobene Ambiente und die Annehmlichkeiten des guten Hotels.

 

Samstag 25.08.07   Spišská Stará Ves (Zipser Altendorf) Vyšné Ružbachy (Oberrauschenbach)

 

 

 

 

Versteckte Wildererpfade, ein 6-Kilometerschritt und Diskolärm die ganze Nacht

 

Auch heute war uns Petrus wieder hold. Warmes, trockenes Wetter mit guter Fernsicht. Beste Bedingungen für die bevorstehende geplante 6–stündige Wanderung. Nachdem wir uns mit Proviant versorgt hatten, fuhren wir mit dem Linienbus bis zum Magurské sedlo (949 m). An einem großen Holzkreuz machten wir ein Gruppenbild und liefen dann auf einem geteerten Weg ca. 40 Minuten abwärts. Es herrschte ausgezeichnete Fernsicht auf das waldreiche Umland. Am Sedlo Topo-recké angelangt, ging es gleich darauf etwa 30 Minuten einen verschlammten Pfad hinauf zum Kameniarka (935 m). Oben auf dem Sattel war weder rechts noch links, noch geradeaus ein Wanderzeichen zu entdecken. Wir entschieden uns für den Weg abwärts, mussten aber nach 1 km feststellen – da immer noch kein Wanderzeichen zu sehen war - dass wir uns verlaufen hatten. Wieder zurück, hinauf zum Berg, war die einzige sinnvolle Fortsetzung. Oben blieb die Suche nach allen Richtungen wiederum erfolglos. So blieb uns nur noch der Schlammpfad hinunter, den wir schon herauf gewandert waren.

 

Ziemlich weit unten führte ein schmaler Querweg nach links. Hier vermuteten wir jetzt die richtige Richtung. Bald trafen wir auf zwei Männer mit zwei Buben, die Holz abseits vom Weg auf einen alten russischen Lkw luden. Einer der Männer versuchte 10 Minuten lang, er sprach nur Slowakisch, uns den richtigen Weg zu erklären. Klar wurde nur, dass wir wieder zurück mussten. Erneut standen wir 20 Minuten später wieder auf dem Berg Kameniarka. Hier versuchten wir links unser Glück. Etwa zwei Kilometer kämpften wir uns im dichten Fichten- und Buchengebüsch voran. Keiner glaubte mehr an die Möglichkeit, den richtigen Weg zu finden. Da rief Harald auf einmal, er habe das blau-weiße Wanderzeichen wieder gefunden. Und tatsächlich von links unten führte der richtige Wanderpfad herauf. Wir hätten viel weiter unten links beim Aufstieg abbiegen müssen. 2 Std. waren wir auf den falschen Wegen unterwegs gewesen.

 

Auch die weiteren teilweise sehr engen und mit umgestürzten Bäumen versperrten Pfade erforderten alle Aufmerksamkeit. Trotzdem gönnten wir uns eine halbstündige Rast. Gut erholt marschierten wir weiter auf zugewachsenen Pfaden durch dichtestes Gebüsch und über Bergwiesen. Für Wilderer und Schmuggler ein sehr geeignetes Terrain. Mehrfach flüchteten Rehe vor uns. An einigen Abzweigungen fehlten wiederum die blau-weißen Wanderzeichen. Zeitaufwendiges Suchen war die Folge. Mitten im tiefsten Brombeergestrüpp erschreckten uns zwei Brombeersammlerinnen. Im ersten Moment dachte ich, ein Braunbär nähere sich. Zwei Eimer hatten sie bereits voll gesammelt.

 

An einer großen Wegkreuzung erwartete uns ein weiterer Schrecken. Noch 2,5 Std. zeigte ein Wegzeichen bis zu unserem Tagesziel Vyšné Ružbachy (Oberrauschenbach) an, und es war mittlerweile schon 16.30 Uhr. Automatisch beschleunigte jeder seinen Schritt. Sechs Kilometer in der Stunde sind bei uns durchaus möglich, wenn der Weg gut gekennzeichnet und eben ist oder abwärts führt. Dies war jetzt der Fall und nach einer Stunde war schon eine erhebliche Teilstrecke bewältigt. Schon nach einer weiteren dreiviertel Stunde sahen wir die ersten Häuser außerhalb von Ružbachy. Hier genossen wir nach den Tagesstrapazen - 8,5 Std. waren wir heute auf Schusters Rappen unterwegs - an einem Kiosk neben einem großen Schwimmbad ein frisches Bier. Ružbachy ist Kur- und Heilbad. Große Hotels mit gepflegten Parks erwarten den Kurgast. Übernachtet wurde im Hotel Travertin I im vierten Stock. Abends machten wir einen Bummel ins Dorf. Ein 23° warmer Kratersee zählt mit zu den Hauptattraktionen des Ortes.

 

Wir kehrten in eine Koliba (Holzblockhütte bewirtschaftet) ein. Vier junge Musiker (2 Geiger, 1 Akkordeon- und 1 Kontrabassspieler) spielten und sangen slowakische Volkslieder. Speziell für uns an unserem Tisch erklangen „Trink, trink Brüderlein trink …“ und „Kalinka“.

 

Nur mit Ohrenstöpseln von Dirk konnten wir dann später im Hotel einschlafen. Überlaute Technomusik aus einer nahen Freilicht-Diskothek war die ganze Nacht über zu hören. Der ganze Kurort wurde dadurch terrorisiert. Doch die Kurgäste waren sehr leidensfähig; am nächsten Morgen kurz vor 9 Uhr standen schon wieder Scharen übernächtigter Leidensgenossen vollzählig vor dem „Weißen Haus“ an, um das Frühstücksbuffet zu stürmen.

 

Sonntag 26.08.07   Vyšné Ružbachy (Oberrauschenbach) Stará Ľubovňa (Alt-Lublau)

 

Versteckte Kronjuwelen, Plattenbauten und die Perle der Zips

 

Bereits 45 Minuten nach dem umfangreichen Frühstücksbuffet fuhren wir mit dem Bus ins 4 km entfernte Nižné Ružbachy (Unterrauschenbach). Vorbei an einer großen Kirche, der Gottesdienst war gerade zu Ende und zahlreiche Kirchenbesucher standen noch in Gruppen zusammen und musterten uns neugierig, marschierten wir zügig zum Ortsausgang. Ein kleines Stück ging es hier dann am Fluss Poprad entlang. Kurz darauf führte uns das rote Wanderzeichen über die Flussbrücke. Durch Wiesen und Felder erreichten wir nach 2 Kilometern Fichten- und Tannenwald. Hier liefen wir im Sechs-Kilometer-Schritt auf einer sanft ansteigenden Teerstraße hinauf zum 883 m hohen Kotník.

 

An dem Rundfunk- und Fernsehsendemast am Berg Kotník gönnten wir uns dann die erste Pause. Bei dem sonnigen Wetter erwies sich der jetzt ebenerdig verlaufende Kammweg als sehr bequem zu laufen und erinnerte an Touren im Odenwald. Immer wieder ergaben sich schöne Ausblicke auf Täler und Berge der Umgebung. Auch den verlockenden Brombeeren direkt am Wegesrand konnte keiner von uns widerstehen. Etwa eine halbe Stunde lang genossen wir immer wieder die köstlichen Früchte. Sie hingen so hoch am Strauch, dass sie von einem Fuchs nicht erreicht werden konnten. Der Fuchsbandwurm war daher nicht zu befürchten. Gelegentlich begegneten wir auch einheimischen Wanderern, die ebenfalls Brombeeren zu schätzen wussten. Hinter einer großen Wiese und einem einsamen Haus gelangten wir an eine große Wegkreuzung (Patria 868 m). 40 Minuten später bot sich uns vom Waldrand aus ein überwältigender Blick auf einen Talkessel mit der Stadt Stará Ľubovňa (Alt-Lublau) und auf die umliegenden Felder, Wiesen und Waldgebiete.

 

Direkt oberhalb der Stadt Stará Ľubovňa, uns gegenüber, war die gut erhaltene Burg Hrad Ľubovňa (1302 – 1308) auf einem Felsen über dem Fluss Poprad gelegen, zu sehen. Die Burg diente als Sicherung der nördlichen Grenze Ungarns. Der Ungarnkönig Sigismund von Luxemburg war finanziell in Schwierigkeiten und lieh sich 1412 Geld vom polnischen Herrscher Wladislaw II. Als Sicherheit wurden die Stadt und die Burg für 370 Jahre an Polen verpfändet. 1655-1667 waren in der Grenzfestung die polnischen Königsschätze (auch die Kronjuwelen) versteckt, da die Schweden Polen besetzt hielten.

Eine halbe Stunde lang genossen wir die schöne Aussicht, bevor es abwärts über Wiesen und an Feldrändern entlang weiterging. Hinter einem kleinen Wald tauchten bald darauf „Chatas“ mit schön angelegten Gärten auf. Jeder Stadtbewohner hätte gerne eine und wer eine besitzt, flüchtet am Wochenende oder im Sommer dorthin.

 

Jetzt, am Rande der Stadt, bot sich aber auch ein wenig ästhetischer Anblick auf Plattenbauten. In der Slowakei sind sie ein gewohnter Anblick an der Peripherie der Städte. Um nach dem Zweiten Weltkrieg möglichst schnell Wohnraum zu schaffen, wurden in der damaligen Tschechoslowakei 92 % aller Staats- und Genossenschaftswohnungen in dieser äußerlich eintönigen Bauweise errichtet.

 

Nach einem Kilometer war die Plattenbausiedlung durchquert und wir gelangten in die Innenstadt mit relativ wenig Verkehr. In einem Eiscafé gönnten wir uns eine Portion Eis. Eine Kugel kostete 6 skr (18 cts) und war damit für uns sehr preiswert, aber dennoch geschmacklich sehr gut. In einem nahe gelegenen Park mit Bäumen, Bänken und einem großen Springbrunnen ruhten wir uns noch eine weitere Stunde aus. Zur vollen Stunde erklang von einem Kirchturm ein Glockenspiel.

 

20 Minuten dauerte später der Weitermarsch zur Bushaltestelle am Bahnhof. Der Bus war gerammelt voll und wir waren froh, als wir nach einer halben Stunde Fahrt am Poprader Bahnhof ausstiegen. Poprad (Deutschendorf) ist ein zentraler Verkehrsknotenpunkt. Neben der Eisenbahn fahren auch noch über 36 Busse von den Haltestellen des Busbahnhofs zu allen größeren Städten des Landes. Während unseres Aufenthalts am Busbahnhof sah ich zwei Romajungen Plastikflaschen aus den Müllkübeln sammeln.

 

Unser nächstes Fahrtziel war die Perle der Zips: Levoča (Leutschau), eine der unbestritten schönsten Städte der Zips und der Slowakei. Die heutige Kleinstadt bietet dem Besucher eine Vielzahl an kunsthistorischen Schätzen. Mittelpunkt der Stadt ist der Námestie Majstra Pavla (Meister-Paul-Platz), nach dem berühmtesten Künstler der Region benannt. Blickfang sind hier das Rathaus, die mächtige St. Jakobs-Kirche, die evangelische Kirche und ein kleiner Park. Eingerahmt wird der Platz von zahlreichen Adels- und Bürgerhäusern.

 

Montag 27.08.07   Levoča (Leutschau) und Spišský hrad (Zipser Burg)

 

Meister Paul und eine Burg wie aus dem Märchenland

 

Um 9 Uhr holte uns Frau Dana Palza am Hoteleingang zur Stadtführung ab. Levoča hat 17.000 Einwohner. Die Arbeitslosigkeit beträgt 19 %. 17 % der Bevölkerung sind Roma. Im 13. Jh. wurde die Stadt durch einen Mongoleneinfall zerstört. Danach besiedelten deutsche Kolonisten die Stadt und brachten sie durch Handel und Handwerk zum Blühen.

 

Die erste Attraktion des Rundgangs am Hauptplatz ist ein mittelalterlicher Schandkäfig. Frauen, die ohne männliche Begleitung nach 20 Uhr noch unterwegs waren, mussten für 24 Stunden in den Pranger und wurden dort zur Strafe zur Schau gestellt. Zusätzlich für diese Schande wurden die Delinquentinnen auch noch verhöhnt und angespuckt.

 

Unter Arkadenbögen, vorbei an einer Comenius-Gedenkstätte, gelangten wir ins Rathaus. Es ist ein Renaissancebau, der zwischen 1550 und 1615 errichtet wurde. Ein Museum zeigt Exponate zur Geschichte der Stadt, u. a. Rüstungen, Waffen, Folterinstrumente, alte Stadtkarten sowie keltische Funde. Im Sitzungssaal hängt ein Leuchter aus Bergkristallen, ein Geschenk der Stadt Venedig.

 

Ein großes Bild an der Wand zeigt die „Weiße Frau von Levoča“. Zu sehen ist eine Frau in einem weißen Kleid. Sie steht an einer Tür und öffnet gerade eine geheime Eingangstür der Stadt.

 

Juliana Korponay-Giczy lebte von 1680 bis 1714. 1709 war Levoča von kaiserlichen Truppen umstellt. Stefan Andrassy war Hauptmann der kaiserlichen Truppen und auch der Geliebte der verheirateten Adeligen Juliana. In der Nacht des 13. Februar 1710 soll sie den kaiserlichen Truppen in Levoča Einlass gewährt haben. Damit habe sie angeblich ihre Heimatstadt verraten. Am 25.09.1714 wurde sie auf kaiserlichen Befehl in Györ enthauptet. Vieles scheint jedoch an dieser Frauengeschichte bis heute zweifelhaft und widersprüchlich.

 

Nach dem Rathausbesuch führte uns Frau Palza in die gotische St. Jakobs-Kirche. Sie ist von hochrangiger Bedeutung im Bereich der sakralen Kunst. Der dreischiffige Bau mit Kreuzgewölbe sowie die Kapelle des hl. Georg errichtete man bis zum Jahr 1400. Der Turm ist neugotisch, da der ursprüngliche 1848 durch Brand vernichtet wurde. Die größte Sehenswürdigkeit im Inneren ist der Hauptaltar des hl. Jakob d. Ä. Mit einer Gesamthöhe von 18,62 m ist er der höchste gotische Altar auf der Welt. 1508-1517 wurde er von dem berühmten Holzschnitzer, Meister Paul aus Levoča angefertigt. Zentrale Figuren des Altars sind die 2,47 m große Gottesmutter mit Kind, der heilige Jakob 2,32 m und der hl. Johannes 2,30 m.

 

 

 

 

 

 

 

 

Anschließend zeigte uns Frau Palza noch einige schön renovierte, alte historische Gebäude am Hauptplatz. Investoren werden gesucht, um die alte wertvolle Bausubstanz wieder zur Geltung zu bringen.

 

Nach dem Stadtrundgang fuhren wir dann mit dem Bus nach Spišské Podhradie (Kirchdrauf) zur Spišský hrad (Zipser Burg) (Titelbild der Ausgabe 26 - August 2008 von "Wege und Ziele").

 

Sie ist mit über vier Hektar eine der größten Burganlagen Europas. Seit 1993 ist sie Unesco-Weltkulturerbe. Auf einem lang gezogenen Travertinfelsen erhebt sie sich auf 634 m Höhe oberhalb eines Talkessels wie ein Riff aus der Brandung.

 

 

 

 

 

Der Weg zur Burg hinauf von Spišské Podhradie muss zu Fuß zurückgelegt werden. Bereits nach 20 Minuten waren wir oben. Am Eingangsportal hing ein Schild mit dem Hinweis, evtl. anzutreffende fliegende Ameisen seien ungefährlich. Wir bekamen aber keine zu Gesicht. Die äußere große Befestigungsmauer ist im unteren Teil der Burganlage über eine lange Strecke gut begehbar. In den Burggebäuden sind eine mittelalterliche Küche, Museumsräume mit keltischen Funden, Folterwerkzeugen und Waffen sowie eine Burgkapelle untergebracht. Vom Turm aus bietet sich ein traumhafter Ausblick auf das Zipser Umland. Andenkenläden, Kioske und eine kleine Gaststätte befinden sich in den Innenhöfen der Burg. Holzschnitzern kann man bei der Arbeit zusehen.

 

 

 

 

 

Bis in die jüngere Steinzeit konnten Archäologen eine Besiedlung der Burg nachweisen. 1209 war die Burg bereits politischer und kultureller Mittelpunkt der Zips. 1241 wurde ein Mongolenangriff abgewehrt. Bis 1464 gehörte sie dem jeweiligen Herrscher über Ungarn. Danach wechselten sich ungarische Adelsfamilien als Besitzer ab. Nach einem großen Brand 1780 begann sie zur Ruine zu zerfallen. Erst 1970 wurden größere Renovierungen durchgeführt.

 

Nach dem Abstieg von der Burg, wieder hinunter nach Spišské Podhradie, fuhren wir mit dem Bus über Poprad zum Ort Čingov im Slowakischen Paradies. Hier übernachteten wir in der „Penzión Lesnica“.

 

 

 

 

 

 

Dienstag 28.08.   Slovenský raj (Slowakisches Paradies)

 

„Slowakisches Paradies“ und „himmlische“ Wanderwege

 

Das Karstgebiet, das sich südwestlich von Levoča und westlich von Spišská Nová Ves (Zipser Neudorf) erstreckt, nennen die Slowaken ihr Paradies und es wurde in den 90-er Jahren zum Nationalpark erklärt. Für die Nationalparks gelten strenge Vorschriften. Wer sie missachtet, muss mit Geldstrafen rechnen. Typisch für die geologische Formation des Karst sind schmale und steile Schluchten (rokliny), romantische bis wild plätschernde Wasserfälle und Höhlen.  Beim Wandern auf den zahlreich vorhandenen markierten Wegen helfen Holzsteige und Stege – an Himmelsleitern erinnernd – kaskadenartig fallendes Gelände zu überwinden. Öfters steigt man hier an Wasserfällen hinauf. Idealer Ausgangspunkt für Ausflüge ins Slowakische Paradies ist Čingov (490 m), Stadtteil des 3 km südwestlich von Spišská Nová Ves gelegenen Ortes Smižany.

 

Für uns stand heute ein ca. 6 Stunden dauernder und einer der am häufigsten besuchten Trassenrundwanderwege auf dem Programm. Zehn Minuten ging es zunächst einen breiten, flachen Fichtenwaldweg entlang. Dann folgten wir der gelben Markierung zügig einem schmalen steileren Pfad immer im Wald hinauf.

 

 

 

Nach einer Stunde erreichten wir den Tomášovský výhľad (Thomasausblick). Auf einer steil abfallenden Felsterrasse in 687 m Höhe hat man eine herrliche Rundumsicht ins Tal des Flusses Hornád und hinauf bis zu den Gipfeln der Hohen Tatra. Der Blick schweift vor allem auf Wälder aus Kiefern, Tannen und Fichten. Am Hang gegenüber konnten wir eine große Höhle entdecken. Eine Hinweistafel informiert über die heimische Flora und Fauna. Orchidee, Küchenschelle, Wolf, Luchs, Jagdfalke und Sperber sind hier noch anzutreffen. Öfters hörten wir bei der heutigen Tour auch Schwarzspechte.

 

Vom Thomasausblick erfolgte dann der Abstieg zur Letanovský mlyn 513 m (Mühle). Zwei Romabuben wiesen uns auf slowakisch auf eine Gaststätte in der Nähe hin. Kurz darauf kam aus dichtem Gebüsch ihr Vater. Er hatte ein großes und schweres Holzbündel aus Haselnussstangen quer auf dem Rücken. Weiter marschierten wir über eine ca. 25 m lange Holzblechbrücke, die durch Ketten gesichert ist.

 

Wir hatten den Cañyon des Hornád-Durchbruchs erreicht. Der Fluss schlängelt sich mehrere Kilometer weit unter wild romantischen Felsformationen eng am Weg entlang durch die Schlucht. Am Beginn der Schlucht Klástorska roklina geht es weg vom Hornád einen durch Ketten, Seile, Steigeisen und Blechsteige gesicherten Pfad hinauf. Die Schlucht Klástorska roklina ist nur in einer Richtung – nämlich von unten nach oben - zu begehen. Gelegentlich überholten wir andere Wanderer. Gegenseitige Rücksichtnahme an gefährlichen Engstellen ist bei Bergwanderern selbstverständlich. Längere Zeit bergauf und bergab mit immer neuen körperlichen Anstrengungen, Springen, Rutschen, Ziehen, Klettern, Gleichgewicht halten, sorgten für höchsten Natur- und Wandergenuss. Bald folgte der Pfad einem Wildbachlauf steil aufwärts, gekennzeichnet durch eine grüne Markierung. Dreimal mussten innerhalb kurzer Zeit 15 m lange Eisenleitern in dem terrassenförmig ansteigenden Bachbett hinaufgeklettert werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Große abgestorbene Baumstämme lagen im Weg und ließen die Wassergewalt im Frühling nach der Schneeschmelze erahnen. Nachdem noch einige weitere kleinere Leitern bewältigt waren, gelangten wir auf eine Waldlichtung mit einer großen Bergwiese. Wir waren in Kláštorsko (770 m) angekommen.

 

Im Bergrestaurant herrschte reger Betrieb und wir aßen auf der hölzernen Aussichtsterrasse zu Mittag. Etwas entfernt sah man die Ruinen eines ehemaligen Kartäuserklosters, das um das Jahr 1305 entstanden war. 1543 wurde es zerstört, nachdem die Mönche es verlassen hatten.

 

Auf dem Weg zurück übernahm ein blaues Zeichen die Führung. Immer wieder gab es schöne Aussichtsstellen. Bergab ist man ein Drittel der Zeit schneller als bergauf. Dafür geht der Abstieg aber „mehr in die Knie“, wie wir Wanderer sagen. Schon eine weitere halbe Stunde später standen wir unten auf einer kleinen Stahlblech-Brücke über dem glasklaren Wasser des Hornád. Weiter liefen wir dann auf einem bequemen breiten Naturlehrpfad immer am Wasser entlang. Kurz darauf zeigte sich links oben wieder die Thomasfelsenterrasse. Winzig klein sahen die Leute darauf aus. Sehr angenehm empfanden wir die frische, kühle Luft hier unten im Tal. 20 Minuten danach kamen wir dann wieder in unserer „Penzión Lesnica“ an.

 

 

 

Damit war das eigentliche Wandern der Sommertour 2007 beendet, da in den restlichen beiden Tagen nur noch Besichtigungen in Bratislava und Wien bevorstanden.

 

Keinen einzigen Regentag hatte es dieses Jahr in der Slowakei gegeben. Petrus war uns in den Jahren zuvor weit weniger zugetan. Vor zwei Jahren hatten wir sogar die Sintflut erlebt und mussten vorzeitig nach Hause reisen.

 

Mittwoch 29.08.  Fahrt nach Bratislava (Preßburg) und über Wien nach Heidelberg

 

Die Inhaberin unserer Pension fuhr uns morgens zum Bahnhof ins 3 km entfernte Spišská Nová Ves. Hier stiegen wir in einen Schnellzug der direkt nach Bratislava fuhr.

 

Nach einem kurzen Altstadtbummel fanden wir uns am Donauufer zur Abfahrt mit dem Katamaran nach Wien ein. 1,5 Stunden dauert die sehr empfehlenswerte Fahrt mit dem bis zu 65 km/h fahrenden Schnellboot. Etwas wehmütig nahmen wir Abschied von Bratislava. Die mächtige Burg, der Dom und die Altstadt zeigten sich noch einmal in ganzer Pracht.

 

Planmäßig landeten wir dann in Frankfurt/Main. Schon um 20:30 Uhr konnte ich meine Frau in Heidelberg in die Arme schließen.

 

 

Im Sommer 2008 war die Wandergruppe wieder auf versteckten Wolfs- und Bärenpfaden am E3-Weg in der Ostslowakei nahe der ukrainischen Grenze unterwegs.

 

Erschienen in "Wege und Ziele"  Zeitschrift des Vereins

Netzwerk Weitwandern e.V. Ausgabe 27 - Dezember 2008

 

 

 

 

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