Im tiefen Süden der Vogesen

mountains-1033801920.jpg

Tour der Superlative am Ballon d'Alsace

Die Vogesen sind so etwas wie Mode geworden, sogar was das Weitwandern betrifft. Zahlreiche Tagesausflügler besuchen an schönen Wochenenden die bekannten Ziele in den Mittel- und Hochvogesen, den Donon, den Odilienberg, die Seen um den Lac Blanc, den Sentier des Roches (Felsenpfad) südlich des Col de la Schlucht und natürlich den Grand Ballon. Immer wieder trifft man auch Wanderer mit großen Rucksäcken. Auf einer großen Internetseite, www.trekkingforum.com, nehmen die Vogesen im Unterforum „Trekking in West- und Mitteleuropa“ ungefähr so viel Raum ein wie das übrige West- und Mitteleuropa zusammen, woran ein gewisser Moderator, der sich ThomasFFM nennt, nicht ganz unschuldig ist. Das alles wäre eigentlich erfreulich, zumal für die Betreiber der Wanderer-Unterkünfte in den Vogesen, wenn es nicht zuweilen schon ein wenig des Guten zu viel wäre – jedenfalls gemessen an der Einsamkeit, die in diesem weitläufigen Mittelgebirge sonst die Regel ist.

Als landschaftlicher Höhepunkt gelten die Berge über dem Münstertal zwischen Lac Blanc und dem Hohneck, ein Hochgebirge en miniature, wie man es in unseren Breiten außerhalb der Alpen kein zweites Mal finden dürfte. Natürlich hat sich das längst herumgesprochen, und so findet man in vielen Fermes-Auberges dieser Region an Wochenenden kaum noch einen freien Platz, wozu die zahllosen Motorradfahrer auf der Route des Crêtes zusätzlich beitragen. Unter der Woche geht es allerdings auch dort viel ruhiger zu.

Aber es ist ja nicht so, dass die Vogesen im Münstertal und bei der berühmten Kammstraße, der Route des Crêtes, enden! Schon der am Rainkopf ansetzende, westlich der Route des Crêtes verlaufende Kamm mit Gipfeln wie Grand Ventron, Drumont und schließlich Tête des Perches ist wunderschön, wird nur von einigen Passstraßen überquert und bietet mit der GR 531 (blaues Rechteck) eine herrliche Höhenwanderung – sicher nicht ganz so spektakulär wie das Münstertal, dafür aber ungleich einsamer. Und die ganz im Süden liegende Vallée de la Doller, die bei Masevaux ins Gebirge führt, wäre doch zumindest einen Versuch wert!

Freilich ist die Anfahrt für Deutsche deutlich länger als die ins Münstertal oder gar in die Mittelvogesen. Man muss auf der Autobahn (durchweg mautfrei) erst Mulhouse erreichen, dann ein kleines Stück Richtung Belfort weiterfahren, bis an einer Ausfahrt Masevaux ausgeschildert ist. Dieses gar nicht mehr „typisch elsässische“ Städtchen – zum „typisch Elsässischen“ fehlt hier einfach das Fachwerk – ist schnell erreicht und durchfahren; anschließend geht es noch gut zehn Kilometer taleinwärts bis Sewen, wo man an der Kirche parken und zu einer Dreitagestour der Superlative aufbrechen kann. Jedenfalls zähle ich die Tour über den Ballon d’Alsace zum Schönste, das man in den Vogesen unternehmen kann.

Der Beginn ist gemütlich, deutet aber schon die ungeheure Vielfalt dieser südlichsten Vogesen an. Zuerst geht es mit dem blauen Rechteck flach zum verlandenden Lac de Sewen, dann durch wunderschönen, teilweise mit großen Felsblöcken durchsetzten Mischwald überaus kurzweilig in einigen Serpentinen hinauf zu einem Wasserfall und zum bei fehlender Sonne geradezu düsteren aufgestauten Lac d’Alfeld, der in einem Kessel steiler Waldberge liegt.

Auch der Weiterweg lässt keine Wünsche offen. Durch immer urigere Landschaft, sogar über eine kleine Blockhalde, steigt man immer höher und höher, allmählich wird’s – zumal nach einer längeren Anfahrt – schon etwas anstrengend – aber plötzlich verlässt man den Wald, schlendert über eine Bergwiese mit überraschend weitem Horizont, erreicht einen kleinen Wiesenpass und entdeckt jenseits, wenige Schritte unterhalb, die Ferme-Auberge Gresson, 937 m. Was für ein Juwel! Die Terrasse bietet einen herrlichen Blick bis zum Südschwarzwald, für die Übernachtung kann man zwischen einem großen Schlafsaal und Doppelzimmern wählen, und zum viergängigen, von der netten Wirtsfamilie sehr kreativ zubereiteten und guten Abendessen gab es bei uns Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Wer hier übernachtet, kommt garantiert wieder, zumal die Preise mehr als fair sind!

Die zweite Etappe hat es in sich, zumal wenn man sie in voller Länge geht. Gute fünf Stunden Gehzeit – das klingt harmlos. Aber man wandert durchweg auf blockigen, bei Nässe recht strapaziösen Steigen und kommt außer ganz zu Beginn an keiner Einkehrmöglichkeit und nur wenigen „Notabstiegen“ vorbei – für passionierte Wanderer ein tolles Erlebnis. Schon der einleitende Waldpfad zu den beiden Neuweihern – in der dortigen Hütte könnte man ebenfalls übernachten – begeistert, und der Wald- und Geröllkessel der Neuweiher wird in einem Führer sogar mit Kanada verglichen, womit der Autor dieses Führers ein großes Wort gelassen ausspricht – aber ein Körnchen Wahrheit ist dran. Der Weiterweg überwindet in steilen Serpentinen und förmlich über Stock und Stein, im Spätsommer aber auch durch rotviolette Heidekrautfelder einen Steilhang, dann wird er wieder zahmer, verlässt den Wald und liefert einen bei Wegweisern ab.

Das bis hierher durchweg verfolgte blaue Rechteck verliert auf seinem Weiterweg zum Lac des Perches oder Sternsee (der alte deutsche Name findet sich auch auf den französischen Karten) 100 Höhenmeter, die danach wieder gewonnen werden müssen. Daher wird man ihr bei den erwähnten Tafeln untreu und folgt dem blau-weiß-blauen Rechteck leicht ansteigend über eine Bergwiese kurz hinüber zur GR 5 (rotes Rechteck). Bevor man dieser folgt, steigt man aber noch zur Tête des Perches, 1222 m, mit einem fast alpinen Steilabbruch nach Süden, der einen famosen Tiefblick zum Sternsee erlaubt.

Mit oder ohne Gipfelabstecher geht es schließlich auf dem einzigartigen Höhenweg Richtung Ballon d’Alsace, womit erst der meiner Meinung nach schönste Teil der Etappe beginnt. Wer meint, schnell zum Ballon joggen zu können, irrt sich mächtig; die GR 5 verläuft durchweg auf Pfaden und Steigen, quert steilste Waldhänge, ist oft blockig, nur selten eben, kurz, für Menschen, denen es ausschließlich darum geht, das Ziel zu erreichen, eine Tortur. Aber was hat dieser Höhenweg nicht alles zu bieten! Den Abwechslungsreichtum der Vogesen-Mischwälder kennt man, trotzdem wird man von ihm immer wieder aufs Neue verblüfft. An den steilen Blockhängen blüht im Spätsommer – also Ende August – das Heidekraut, immer wieder wird der Blick nach Süden freigegeben, wo man freilich auch nichts außer steilen Waldbergen sieht, der Steig müht sich über Hänge mit fast häusergroßen, chaotisch herumliegenden Felsbrocken, und der sehr steile, schon recht alpine Schlussanstieg zum Ballon d’Alsace zapft bei manchen vielleicht sogar die Kraftreserven an.

Wenn man allerdings erst oben ist, atmet man tief durch, genießt die weite Aussicht – und findet sich nach Stunden voller Einsamkeit unter Artgenossen wieder; wie die meisten anderen Vogesengipfel ist auch der Ballon d’Alsace mit einer Straße „erschlossen“. Den Spaziergang zum Westgipfel mit der „heroischen“, wohl vor dem Ersten Weltkrieg errichteten Statue der Jeanne d’Arc, der legendären „Jungfrau von Orléans“, wird man sich bei gutem Wetter trotzdem nicht entgehen lassen, bevor man mit den Massen auf einem Promenadenweg (links halten!) zur Ferme-Auberge du Ballon d’Alsace absteigt. Und sich dabei seine Gedanken macht: Man kann im Leben vieles billiger haben, aber empfindet man dann noch dieselbe Freude darüber? In den Augen unserer Leser natürlich eine rhetorische bzw. einfach blödsinnige Frage…

Vor einigen Jahren war die Quartiersuche im Bereich dieses südlichsten Hochgipfels der Vogesen problematisch. Die genannte Ferme-Auberge verfügt nur über wenige Zimmer, das Hotel etwas weiter westlich soll nicht mehr zu empfehlen sein. Aber neuerdings gibt es ca. 500 m südlich der Ferme-Auberge, links der Straße, die Auberge la Musardière, mehr Gîte d’étape als Hotel mit Mehrbettzimmern und halbwegs preiswerter Halbpension. Gut, nicht jeder wird sich dort wohl fühlen; man muss über einiges Skurrile hinwegsehen oder schmunzeln können. Am Eingang entdeckt man den Regenbogen, das Emblem der Schwulen, auf den Zimmertischen liegen als Willkommensgruß des Hauses Kondome (jawohl!), die Atmosphäre im Speisesaal mit seinen Neonröhren, die mit buntem Krepppapier überklebt sind, ist etwas eigenartig. Ich habe mich dort allerdings durchaus wohl gefühlt, war sicher nicht zum letzten Mal dort und fand das skurrile Beiwerk allenfalls amüsierend. Die Bedienung ist freundlich und unaufdringlich, zum Abendessen kann man zwischen mehreren bodenständigen, sehr schmackhaften Menus (vorzügliche Gratins!) und verschiedenen Pasta-Gerichten wählen, und die Portionen sind auch für sehr hungrige Wanderer kaum zu bewältigen. Das gilt sogar gleichermaßen für das Frühstück – und das in Frankreich! Doch, als Wanderer ist man dort wirklich gut aufgehoben.

Die letzte Etappe, kaum mehr als eine Halbtagestour, ist zahmer. In bequemer Höhenwanderung folgt man dem roten Rechteck vorläufig nach Süden, überschreitet die flachen, baumfreien Kuppen von Wissgruth (mit verfallendem Bergbauernhof) und Trémontkopf und orientiert sich mit dem roten Rechteck in Richtung Masevaux, folgt also nicht weiter der nach Belfort führenden GR 5. Nach langer Waldwanderung nimmt man – mancher mag anfangs an eine Fata Morgana glauben – gerade rechtzeitig zur Mittagessenszeit die Ferme-Auberge Fennematt (keine Übernachtungsmöglichkeit!) wahr, die sich akustisch höchst angenehm ankündigt, nämlich durch Kuhglockengebimmel. Die Rast in der urigen Gaststube, der freundliche Wirt, das deftige Essen – alles versetzt einen noch einmal in Hochstimmung, bevor man sich abschließend wieder dem blauen Rechteck anvertraut und zurück nach Sewen wandert. Es braucht wohl kaum betont zu werden, dass auch dieses Schlussstück wieder eine herrliche Wegstrecke ist.

Mir haben es diese südlichsten Vogesenberge wirklich angetan. Ich gebe zu: Mit mir ist über die Vogesen ohnehin kein vernünftiges Wort zu reden, aber meine nächste Vogesentour wird mich sicher wieder in den Süden führen. Dort gäbe es noch so viel zu entdecken. Ein Wanderer schwärmte z. B. von der Ferme-Auberge Gsang nahe Rossberg und Vogelstein, die in einem wunderschönen Anstieg ab Dolleren, Oberbruck oder Wegscheid zu erreichen wäre. Über 1000 m hoch gelegen, in Gaststube und Schlafsaal kein elektrisches Licht, vorzügliches, preiswertes Essen und ein einzigartiges Ambiente – da muss ich hin! Der Strecke von dort zum Gebiet des Sternsees (GR 5) kenne ich, sie steht dem oben angepriesenen Weiterweg zum Ballon d’Alsace nicht nach, und wer es gemütlicher haben will, könnte ja die Neuweiher und die Ferme-Auberge Gresson einbeziehen und die Tour um einen Tag verlängern. Durch die breite Ostflanke des Ballon d’Alsace führt ein Höhenweg, der auf Warntafeln als „sentier difficile“, „schwieriger Weg“ bezeichnet wird – wer den Sentier des Roches am Col de la Schlucht gegangen ist, darf sich diese Variante sicher auch zutrauen. Von der Fennematt schließlich könnte man ebenso gut nach Dolleren wie nach Sewen absteigen. „Nach der Tour = vor der Tour!“

Abschließend noch die Telefonnummern der wichtigsten Unterkünfte aus Deutschland:

Ferme-Auberge Gresson: 00 33 / 389 82 00 21
Auberge-refuge du Neuweiher: 00 33 / 389 82 02 09 oder außerhalb der Saison 00 33 / 389 82 09 82
Auberge la Musardière (man spricht nur Französisch!): 00 33 / 384 27 16 47
Ferme-Auberge du Gsang: 00 33 / 389 38 96 85

im-tiefen-sueden-der-vogesen
249
Berichte
Zur Bereitsstellung unserer Dienste verwenden wir Cookies. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind, dass Cookies auf Ihrem Rechner gespeichert werden, können Sie dies ablehnen. Möglicherweise werden dann unsere Dienste nicht im vollem Umfang funktionstüchtig sein.