Kéktúra-Wanderung: in 19 Etappen von Bozsok nach Szenna

„Die Karte ist richtig. Die Gegend ist falsch“

Kéktúra-Wanderung: im Mai 2010 in 19 Etappen von Bozsok nach Szenna

„Dél-Dunántúli Kéktúra" heißt auf Deutsch „Süd-Danubiens blaue Landestour" und ist ein ungarischer Fernwanderweg, der über 561 km vom Írottkő (Geschriebenstein) an der österreichischen Grenze bis Szekszárd an der Donau führt. Gemeinsam mit zwei anderen Fernwanderwegen schließt er einen Rundkurs durch ganz Ungarn ab und bildet gewissermaßen dessen westlichen und südwestlichen Teil.

Eigentlich heißt der Wanderweg ausführlich „Rockenbauer Pál Dél-Dunántúli Kéktúra“ und ist benannt nach einem Dokumentarfilm-Regisseur, der diesen Rundkurs einst in einer mehrteiligen Fernsehserie popularisierte. Diese Serie hieß „Anderthalb Millionen Schritte“. Ich weiß nicht, wie viele Schritte ich schaffen werde, aber ich habe hierfür 19 Tage Zeit. Bis Szekszárd werde ich auf keinen Fall kommen, aber vielleicht bis Pécs. Dort habe ich Verwandtschaft, die schon auf mich wartet.

Ein mehrsemestriger Besuch der Volkshochschule hat mich einigermaßen auf die Sprache des Landes vorbereitet, in das ich nun schon zum zwölften Mal reise.

Verpasste Eisenbahn-Nostalgie

Samstag, 08.05.2010: Zwickau – Nürnberg – München – Györ

Mein Zug ist gerade in München angekommen und ich warte nun auf den Anschluss nach Györ. Bei der Einfahrt in den Nürnberger Bahnhof sehe ich den Nachbau der allerersten Adler-Lok, fahrbereit unter Dampf. Am Info-Schalter sagt mir eine freundliche Dame, dass diese Lok 19.52 Uhr auf Gleis 4 einfahren soll. Ich warte als einziger darauf, ein schönes Foto schießen zu können. Und ich warte umsonst. Mein Anschlusszug wird schließlich bereitgestellt und ich muss einsteigen.

Warum ich eine falsche Auskunft erhielt? Ich kann es nicht mehr herausfinden.

Im Smidt-Museum

Sonntag, 09.05.2010: Bozsok - Szombathely (20 km, sonnig)

Der Intercity von München nach Bukarest hält pünktlich in Györ. Forint besorgen, Fahrkarte für die Weiterfahrt nach Szombathely kaufen. Dort angekommen finde ich ohne Probleme den Zeltplatz. 4500 Forint für den 2-Personen-Bungalow sind OK.

Ich habe noch 3 Stunden Zeit, bis der nächste Bus nach Bozsok fährt. Im Smidt-Museum sind zahllose Sehenswürdigkeiten ausgestellt. die ein ungarischer Chirurg gesammelt hat. Es stehen auch viele kostümgeschmückte lebensgroße Schaufensterpuppen in den Räumen. Ich stoppe seitlich hinter einer Tür und lese einen deutschsprachigen Text. Eine andere Besucherin tritt herein und bleibt stehen. Als ich sie anschaue, zuckt sie völlig erschrocken zusammen. Sie hat mich mit meinem federgeschmückten Wander-Basecap auch für eine Schaufensterpuppe gehalten.

Die ersten 20 km von Bozsok bis Szombathely bringe ich dann am Nachmittag hinter mich. Vom Parkerdő-Büfé bringt mich der 20-Uhr-Bus wieder zurück zum Campingplatz, 22 Uhr liege ich im Bett.

Freier Eintritt nur ohne Beleuchtung

Montag, 10.05.2010: Szombathely - Egyházasrádóc (22 km, bewölkt)

Der Wecker klingelt 6:30 Uhr, denn um 7:50 Uhr fährt der einzige Vormittagsbus zum Parkerdő.

Der Ikarus-Schlenki ist vollgestopft mit Senioren und Rentnern. In Taschen und Körben erkenne ich u.a. Tomaten- und Gurkensetzlinge. Alles Kleingärtner?

Den Weg-Anfang finde ich schnell. In Náraj fährt ein Bäcker-Auto vor mir her und gongt den Underberg-Werbesong. Ich winke und kaufe mir ein Brot, zwei Brötchen und zwei Stücke süßes Gebäck - für zusammen 600 Forint, also knapp über 2 Euro.

In Ják spüre ich zum ersten Mal meine Füße. Ich nutze die Besichtigung der romanisch-gotischen St.-Georgs-Kathedrale zur Erholung. Für 100 Forint geht 4 Minuten lang die volle Festbeleuchtung an. Ich profitiere vom Licht des vor mir eingetretenen österreichischen Pärchens. Beim Verlassen der Kathedrale sehe ich, dass der Eintritt 300 Forint gekostet hätte. Aber niemand versucht zu kassieren. Also kriege ich auch keinen Stempel in mein Wanderheft. Den hole ich mir im Lebensmittelladen.

Nach 22 Tageskilometern komme ich humpelnd in Egyházasrádóc an, dem Tages-Mindestziel. An meinem rechten Fußballen hat sich eine schmerzende Blase gebildet. Ich entschließe mich notgedrungen, nach einem Nachtquartier zu suchen.

Das Landhotel Kastell sieht eigentlich zu vornehm (zu teuer) aus. Ich frage trotzdem. Meine auf ungarisch gestellte Frage, ob man deutsch spricht, wird zunächst auf Holländisch beantwortet. Der sechs (!) Sprachen sprechende belgische (flämische) Hausbesitzer glaubte, einen holländischen Akzent bemerkt zu haben. Weil mir die 26 Euro zu teuer sind, fragt er mich, was mein Budget hergeben würde. Ich nenne kurzentschlossen den gestrigen Preis für den 2-Mann-Bungalow: 17 €. Zu meiner Überraschung sagt er „OK“. Das Frühstück ist im Preis enthalten.

Er führt das Haus seit 5 Jahren. Es ist gewissermaßen sein Hobby, ein uraltes Haus mit zahllosen freigelegten Holzbalken. Sein Geld verdient er im Rest des Jahres in Belgien, wie er mir erklärt.

Verlust der Hut-Feder

Dienstag, 11.05.2010: Egyházasrádóc - Nádasd (27 km, sonnig)

Nach dem Frühstück lese ich im Gästebuch und finde dabei heraus, wer mein Gastgeber ist, den ich Rasen mähen und Getränke ausschenken sah: Mark van Wauwe, ehemaliger General Manager von Eurocheque International. Als ich ihn darauf anspreche, meint er nur, dass er ein sehr bewegtes Leben geführt habe. Ich sage, dass es mich optimistisch stimmt, wenn jemand wie er sich mit einem solchen (in Anführungstrichen) "einfachen" Leben zufrieden gibt. Er antwortet: "Ich habe hier in Ungarn so viele Menschen gesehen, die nicht halb so viel verdienen wie wir in Mitteleuropa. Aber die meisten scheinen mir sehr viel zufriedener zu sein."

Aufgrund meiner gestrigen Erfahrungen gönne ich meinen Füßen heute etwas Gutes. Nein - keinen Ruhetag. Ich bepflastere sie stattdessen mit insgesamt 5 Streifen Tape. Außerdem wird ein Sockenwechsel vorgenommen: Ich wähle die ältesten, meine allerersten Falke-Socken. An den Knöcheln haben sie mittlerweile die Konsistenz von Nylon-Strümpfen. Nichtsdestotrotz erfüllen sie ihren Zweck. Ich schaffe problemlos mein Tagesziel von 27 km.

Unterwegs komme ich an einem richtigen Badesee vorbei. Das ist in Ungarn eine absolute Rarität. Ich reiße mir schnell die Klamotten vom Leib und springe ins Wasser. Nur ein permanent telefonierender Angler beobachtet mich aus der Ferne. Beim Anziehen fehlt meine Hut-Feder. Der Verlust schmerzt wenig, ich habe noch eine zu Hause in Wilkau-Haßlau. Außerdem braucht sich meine Ute nun nicht mehr "fremdschämen", weil ich mit einem federgeschmückten Basecap durch Ungarn spaziere.

Mein heutiges Quartier ist ein 4-Bett-Zimmer im Hinterhof einer Gaststätte - für 4400 Forint, also die gleiche Preislage wie in den letzten beiden Nächten.

Im Nachbarzimmer wohnt ein Ehepaar aus München. Sie haben im Ort ein Haus gekauft, das sie nun ausbauen. Im August soll Einzug sein.

Ein verspielter Feldhase

Mittwoch, 12.05.2010: Nádasd - Kondorfa (26 km, bewölkt)

Für heute Morgen habe ich leichtsinnigerweise ausgemacht, dass ich um 7:30 Uhr den Schlüssel abgeben will. Obwohl der Wecker eine Stunde früher klingelt, reicht die Zeit nicht für Morgentoilette, Frühstück, Packen und den ganzen Rest. Also erfolgen die Fußpflege, das Rasieren und das Eincremen mit Sonnencreme erst später unterwegs. 
Schon nach den ersten beiden Kilometern sehe ich ein Reh. Nichts Neues für mich, denn sowas hatte ich auch schon gestern und vorgestern zu Gesicht bekommen ...

Dafür zeigt sich heute kein Feldhase, wohl aber eine Wildkatze. Oder ist es ein Luchs? So eindeutig ist das nicht zu erkennen.

Am lustigsten war der Feldhase gestern gewesen, der auf dem Feldweg vor mir hergelaufen war, dann wieder wartete, um weiterzurennen, sobald ich zu nahe kam. Das "Spiel" hätte noch eine Weile weitergehen können, wenn mir nicht ein Radfahrer entgegengekommen wäre. Der Hase rannte daraufhin seitlich über das Feld davon.
In Ivánc besichtige ich die Kirche. Der Innenraum ist abgesperrt, im Vorraum liegt eine Art Gästebuch, in das ich mich mit eintrage. 
Hinter dem nächsten Ort folgt ein malerisches Bachtal, das sich fast über 10 km hinzieht - bis Kondorfa. Hier muss ich mich entscheiden, ob mir die bisherigen 26 km für heute reichen - oder ob ich noch die nächsten 13 km bis zum Touristenort Őriszentpéter in Angriff nehme.

Aber ich muss mir nichts mehr beweisen. Mit den gestrigen 27 km war ich ganz zufrieden gewesen. Ich will mich erholen und keine Rekordjagd machen. Das sage ich mir wie ein Mantra auf - und es funktioniert sogar!

In der Kneipe, wo ich mir gegen 16 Uhr den nächsten Stempel ins Kéktúra-Heft drücken lasse, frage ich nach der Vadkörte-Fogadó, die in der Karte erwähnt ist. Die Pension sieht von außen dermaßen hübsch aus, mit zahllosen Blümchen und altem Bauerngerät geschmückt, dass ich den enormen Preis von 6600 Forint akzeptiere. Das Frühstück ist zumindest dabei - und auch innen ist alles stilecht, viele Gemälde und Balken mit kunstvollen Ornamenten.

Aber Frühstücken um 9 Uhr? Das ist mir nun wirklich zu spät. Die Wirtin bietet mir stattdessen an, das Frühstück im Kühlschrank bereitzustellen. Im separaten Pensionsbereich bin ich der einzige Gast. Als ich 19 Uhr mein Abendbrot auspacke, steht das Frühstück schon bereit. Es ist so reichhaltig mit Wurst bestückt, dass ich sogar mein komplettes Abendbrot davon bestreiten kann.

Was ist ein „Glockenbein“?

Donnerstag, 13.05.2010: Kondorfa - Magyarszombatfa (34 km, davon 8 km im Nieselregen)

Am Himmelfahrtsmorgen breche ich um 7:45 Uhr auf. Nirgendwo sieht man bierbestückte Handwagen. Ich bin froh, weit weg zu sein von Sachsen.
Hinter Szalafö, nach 7 km Wegstrecke, macht der bewölkte Himmel seine Drohungen wahr. Es fängt an zu nieseln, zwar nicht sehr heftig, aber ausdauernd. Bis Öriszentpéter sind meine Schultern nass. 
In der "Tourinform" will ich mir den Stempel holen. Beim Betreten tritt niemand an mich heran, um mich nach meinem Begehr zu fragen. Beide Mitarbeiter setzen ungerührt ihr Beschäftigung fort, ohne sich von meiner Anwesenheit irgendwie aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich fühle mich wie in der Zwickauer Touristeninformation ... - Dieses Verhalten ist alles andere als Ungarn-üblich!
An einem überdachten Rastplatz mache ich ausgiebig Mittagessensrast - es nieselt weiter. 
Ich besichtige ein nettes kleines Heimatmuseum mit gemauertem Haus-Backofen - das Wetter bleibt unverändert. Es ist mittlerweile 13 Uhr. Ich setze mich unter das "Sonnen"dach einer Gaststätte. Das hilft. Zwar ist der Weg jetzt ziemlich nass, aber besser nasse Füße als einen nassen Kopf.
In Kercaszomor wird als Sehenswürdigkeit ein "Harangláb" angepriesen, weswegen sogar der Wanderweg um 3 km verlängert wurde. Im Wörterbuch finde ich "harang" als Glocke und "láb" als Fuss oder Bein. Tatsächlich handelt es sich einfach um einen - Glockenturm. 
Die Pension Ganti in Magyarszombatfa ist wieder super-edel und kostet mich 20 € (ohne Früstück). Dafür gibt es sogar einen Swimmingpool. Doch für eine Benutzung war es heute definitiv zu kalt.

Für eine Minute in Slowenien

Freitag, 14.05.2010: Magyarszombatfa - Slowenien - Felsöcsöde (33 km, sonnig bis bewölkt)

Gleich nach dem Frühstück geht es zunächst los zu einer Rundtour ohne Gepäck, weil der Déldunántúli Kéktúra um die Pension quasi einen Bogen schlägt. Pünktlich 7:55 Uhr stehe ich auf dem Aussichtsturm des Ritási-domb, 7 Leitern hintereinander mit je 13 Sprossen. Die Grenze nach Slowenien liegt laut Karte nur 200 m entfernt. Ich laufe quer durch den Wald. Tatsächlich finde ich einen Grenzstein und stehe für eine Minute in Slowenien.
Zurück in der Pension nutze ich den 10-m-Swimmingpool und ziehe ein paar Bahnen. Der Mann an der Rezeption spricht deutsch. Bei der Schlüsselabgabe erzählt er, dass im Durchschnitt einmal pro Woche ein Kéktúra-Wanderer hier vorbeikommt.

An der Ziegenfarm, für die der Ort berühmt ist, kaufe ich noch schnell etwas Käse ein, der für 6 Tage reichen wird.
In Velemér besichtige ich eine Töpferei. Die Meisterin erklärt mir in Englisch die Besonderheiten der sogenannten Habaner Keramik, die auf die "Anabaptisten"-Bewegung des 16. Jahrhunderts zurückgeht. 
In Szentgyörgyvölgy treffe ich in der Kneipe (Stempelstelle) auf zwei Radler aus Luxembourg, mit denen ich ins Gespräch komme. Es spricht aber fast immer nur der eine von den beiden, und zwar ohne mir in die Augen zu sehen. Von dem anderen kommen maximal drei Sätze. Der erste meint, das sei die billigere Kneipe des Ortes, aber Fassbier würde er hier nicht trinken - nur aus der Flasche.
Inzwischen ziehen schwarze Wolken auf - und ich habe noch 20 km bis zur angegebenen Übernachtungsmöglichkeit vor mir. Die nächsten 10 km schaffe ich in zwei Stunden. Dann klart es überraschend wieder auf und sogar die Sonne zeigt sich wieder. Das Gewitter, dessen Donner man bereits hören konnte, zog vorbei. Doch meine Fußsohlen brennen. Ich muss eine Rast einlegen und zum ersten Mal seit Dienstagmorgen wieder meine Füsse pflegen. Am Zielort bin ich einigermaßen "tot" und kann mich nicht mehr gegen den überteuerten Preis von 8.500 Forint auflehnen. Wer das Monopol hat, der diktiert die Preise. Die 6 km bis zum nächsten Ort Zalalöfő hätte ich nicht mehr geschafft.

Wolkenbruch

Samstag, 15.05.2010: Felsöcsöde - Kustánszeg (23 km, davon 13 km bei Nieselregen)

Das Frühstück ist so reichhaltig, dass es wieder mit fürs Abendbrot gereicht hätte. Rührei mit gebratener Salami, Käse und 2 Sorten Wurst in Mengen, dazu Tee und Kakaomilch.
Beim Bezahlen erwartet mich noch eine Überraschung. Von meinem 10.000-Forint-Schein erhalte ich nur 500 Forint zurück. Auf meine erstaunte Rückfrage hin zeigt mir der junge Mann zur Bestätigung die Preisliste neben der Theke. Offenbar hatte er gestern Abend nur versehentlich das falsche deutsche Zahlwort benutzt. Ich glaube, wenn er gleich 9.500 Forint gesagt hätte, wäre ich trotz meiner Erschöpfung noch die sechs km bis Zalalöfő weitergelaufen.
Das erfolgt nun heute. Trotz wolkenverhangenem Himmel ist es noch trocken. Ab Zalalöfő geht der Weg einen Kilometer entlang der stark befahrenem Europastraße 86, die nach Ljubljana und Zagreb führt. Auf dieser Straße sind bestimmt auch Siebenschläfer, Birgit, Hosch und Meyerchen gefahren, als sie die Hilfstransporte nach Gracanica gebracht haben.
Von der Straße sieht man das riesige Werbeschild einer Pension: Zimmer ab 14 Euro.
Erst vier km später fängt es an zu tröpfeln. Zuerst nur gelegentlich, aber immer weiter zunehmend. Dazu kommen Probleme mit dem Weg. Von der bequem asphaltierten Asphaltstraße durch den Wald zweigt ein grasbewachsener Weg ab. Schnell sind die Schuhe tropfnaß, irgendwann kommt auch bei den Füßen etwas davon an. Ist der Weg mal nicht grasfeucht, dann wird er schlammig. Schließlich folgt ein Holzeinschlag. Einen Kilometer lang versperren ständig Bäume und Äste den Weg und zwingen zu kräftezehrenden Umwegen. Auch die Wegmarkierungen werden lückenhaft. Die Wanderung wird zum Orientierungslauf. Dank der genauen Karte bleibe ich jedoch prinzipiell auf dem richtigen Kurs und finde die blaue Markierung schließlich immer wieder.
In Kustánszeg komme ich direkt am Zeltplatz vorbei. Für 3000 Forint bekomme ich eine einfache Hütte mit zwei Betten und einem Tischregal. Es ist gerade noch rechtzeitig, denn jetzt schüttet es aus Eimern. Ich liege eingewickelt im Schlafsack.

Spätabends kommt eine große Gruppe mit schlammverschmierten Fahrrädern und ziehen in die restlichen Bungalows ein.  Es dauert noch mindestens zwei Stunden, bis sie einigermaßen gesäubert zur Ruhe kommen.

Schüttelfrost trotz Schlafsack

Sonntag, 16.05.2010: Kustánszeg (400 m, davon 400 m im Nieselregen)

Diese Nacht werde ich lange in Erinnerung behalten. In meinem Bungalow sind keinerlei Decken und keine Heizung. Ich bin mir sicher, dass ich beides nicht benötigen werde, denn ich habe trockene Sachen im Rucksack und einen warmen Schlafsack. Mein Armbanduhr-Thermometer zeigt am Morgen 10°C. Zum ersten Mal werde ich gegen 1 Uhr wach und fröstle leicht. Dann schlafe ich aber doch wieder ein. Als ich gegen 5:30 Uhr wieder aufwache, friere ich und kann nicht mehr einschlafen. Auch ein kräftiges Frühstück aus dem Rucksack baut mich nicht auf. Wenn der Nieselregen kurz aufhört, schöpfe ich Hoffnung, in Kürze loslaufen zu können. Doch immer geht es wieder los. Das kleine Teelicht, das ich mithatte, ist längst heruntergebrannt. Mein Tauchsieder wird zu meinem wichtigsten Wärmespender. Tee wärmt mich innerlich. Meine Sigg-Trinkflasche wird zur Wärmflasche. Doch auch diese Wärme reicht nun nicht mehr aus, um mich wieder aufzupäppeln.

Die Fahrradfahrer werden mit Autos abgeholt. Ich bin wieder allein auf dem Zeltplatz.

Gegen 14 Uhr entscheide ich mich, dass ich hier auf keinen Fall eine zweite Nacht verbringen kann. Nur Aktivität kann mir Wärme bringen. Inzwischen war auch schon die Reinemachfrau da und wollte wissen, ob ich den Schlüssel zurückgeben oder noch eine Nacht bleiben werde.

Ich packe meine Sachen zusammen und ziehe wieder los in den Nieselregen. Meine Schuhe sind noch immer feucht, auch von innen. Es ist Sonntag und an der Bushaltestelle finde ich heraus, dass der einzige Bus erst in drei Stunden fährt, um 17:13 Uhr. Es gibt eine gut beheizte Kneipe, aber die hebe ich mir noch auf. Nur 200 m hinter dem Zeltplatz liegt eine Pension, die aber nicht sehr einladend aussieht. Auf mein Klopfen öffnet eine Frau, die kein deutsch versteht und mir schließlich zu verstehen gibt, dass ich hier kein Quartier erhalten könne. Weitere 200 m weiter liegt ein Badesee. Am Ufer sind mehrere Bungalows (mit Schornstein!) und ein Imbisskiosk. Darin sitzt ein Mann und wartet im Regen nur auf mich. So bekomme ich tatsächlich eine warme Ferienwohnung - ebenfalls für 3000 Forint.

Noch ein Ruhetag

Montag, 17.05.2010: Kustánszeg (0 km, Nieselregen)

Der 2. Ruhetag vergeht mit Lesen, Schuhe putzen, Einkaufen, Makkaroni kochen, Radio hören und ausruhen. Der Fernseher bietet leider nur ungarische Programme. Vom Preis-Leistungs-Verhältnis her ist dieses Quartier unschlagbar, also genau richtig für zwei Nächte hintereinander.

Ein Dorf für Pferde

Dienstag, 18.05.2010: Kustánszeg - Rádiháza (24 km, bewölkt)

Heute früh ist der Himmel zwar noch bedeckt, aber man sieht wieder Strukturen im Grau. Im Laufe des Tages kommt dann gelegentlich sogar die Sonne durch, so dass man wieder richtig ins Schwitzen gerät, wenn man sich wie ich für die Kleidungsvariante mit Jacke entschieden hat.
Weil ich nicht will, dass meine gerade erst getrockneten Schuhe gleich wieder nass werden, versuche ich, dem noch nassen Gras möglichst auszuweichen. Da bleibt dann nur die Schlammspur als Alternative, in der ich nicht so tief versinke. 
In Kislengyel sehe ich ein zerfallendes Haus mit einer Zigeunerfrau davor, die mir etwas hinterher ruft, was ich nicht verstehe. Auch im Zalatárnok standen mehrere dunkelhäutige Menschen um ein Feuer herum und verbrennen offenbar Abfälle.
Oft führt der Weg auch durch Weingärten, bei denen sich meist wunderschöne überdachte Rastplätze befinden. Man kann sich ausmalen, wie sich die Weinbauern bei der größten Sommerhitze dort ausruhen.
Auf den letzten Kilometern vor dem Tagesziel passiert es: Zum ersten Mal in diesem Jahr verliere ich den Weg. Ich sehe zwar längere Zeit keine Markierung, aber es ist seit den letzten 50 km normal geworden, dass ich oft instinktiv bzw. nach Karte laufen muss und dann irgendwann die blaue Markierung wieder auftaucht. Diesmal nicht. Nach einem Kilometer in der falschen Richtung schlage ich mich seitlich durch Brennesselbüsche und über feuchte Wiesen nach Osten durch, bis ich wieder auf den richtigen Weg treffe.
In Rádiháza liegt die Entscheidung haarscharf zwischen billigster und teuerster Unterkunft dieser Tour: Turistaszállo für 2400 Forint oder Hotel für 10350 Forint - an der gleichen Rezeption. Nach einiger Diskussion habe ich das preiswertere Zimmer.

Das Lovas-Hotel ist vornehmlich für den Reit-Tourismus gedacht. So gibt es unzählige Pferdeställe in dem kleinen Dorf. Der Ort hat offenbar mehr vierbeinige als zweibeinige Einwohner.

Zug verpasst

Mittwoch, 19.05.2010: Rádiháza - Bázakerettye (24 km, überwiegend sonnig)

Während die Gäule für die Reitstunden der Hotelgäste herausgeholt werden, verlasse ich Rádiháza auf Schusters Rappen.
In Szentpéterfölde finde ich erneut einen Harangláb-Glockenturm. Ich habe bisher mindestens sechs solcher Konstruktionen fotografiert. Jeder Harangláb unterscheidet sich durch irgendeine Kleinigkeit von den anderen. Dieser hier besteht nur aus einem Holzbalkengestell, ohne jede "Ummantelung". 
Kurz danach treffe ich zum ersten Mal auf die schmalen Schienen der Waldeisenbahn. Sie hat hier in der Gegend ein Schienennetz von über 100 km, hauptsächlich für den Holztransport. Aber auch für touristische Zwecke verkehren Züge mit Dampf- und Diesellokomotiven auf den 760 mm breiten Schienen. Ich bin etwa eine Stunde zu spät für den letzten Zug und muss leider zu Fuß nach Bázakerettye kommen.
Der Weg führt durch wunderbare lichte Laubwälder mit tiefen Trockenschluchten. Da macht das Wandern Spass.

Dann aber komme ich in ein Holzeinschlaggebiet. Kilometerlang muss ich entweder über querliegende Bäume und Äste steigen oder entlang hoch aufgetürmter Schlammspuren stapfen.
Endlich erreiche ich mein Tagesziel. Ich begehe den Fehler und frage Einheimische nach Übernachtungsmöglichkeiten. Sofort steht eine Traube Menschen zusammen und überlegt gemeinsam, wie man mir helfen kann. Es wird telefoniert und schließlich resigniert. Jetzt im Mai hätte nur das Hotel geöffnet. Ich kann nicht mehr prüfen, ob das stimmt, denn schon werde ich in ein Auto gesetzt und zum Hotel am anderen Ortsende gefahren. Auf der Fahrt sehe ich zahllose Hinweisschilder auf andere freie Zimmer, aber ich kann dort nicht mehr fragen. An der Rezeption offeriert mir eine sehr nette Dame einen Preis von 6900 Forint mit Frühstück. Mein Fahrer steht noch da und freut sich für mich.

Das Hotelzimmer ist eng, der Fußboden wegen der Fußbodenheizung mit Terazzoplatten belegt, aber kalt. Da waren die grauen Teppiche in der Turistaszálló vom Vortag angenehmer gewesen an den Füßen. Die Minibar ignoriere ich.

Dallas liegt in Ungarn!

Donnerstag, 20.05.2010: Bázakerettye - Hosszúvölgy (29 km, bewölkt)

Bázakerettye ist das Zentrum der ungarischen Erdölförderung. Man erkennt es an den zahlreichen Erdölpumpen, die mir schon seit dem Vortag aufgefallen sind. Sie wirken wie in amerikanischen Filmen. Ein kleiner Elektromotor treibt ein riesiges Gestänge an, die Drehbewegung wird in eine vertikale Bewegung umgesetzt. Das Öl selbst sieht man nicht, nur die Rohre, in die es gepumpt wird.
Im Nachbarort Kistolmács befindet sich die Endstation der Waldeisenbahn und ein kleiner Stausee. Am Ufer sind eine Badestelle, mehrere Imbissbuden, ein Restaurant und ein Campingplatz zu finden. Zum Baden ist es leider zu kalt. Nach 15 km wollte ich den Tag eigentlich bereits ausklingen lassen. Doch die Touristenherberge in Valkonya ist vollständig mit einer Kindergruppe belegt.
Also weiter. In einem abgelegenen Bachtal stoße ich auf einen "verwunschenen" Ort. Die Markierung scheint vollkommen zu enden. Außer dem ankommenden Weg gehen mindestens vier andere Wege ab. Ich laufe auf jedem etwa 1000 Meter weit, ohne die Markierung zu finden, und wieder zurück. Das strengt an und demotiviert mich. Schließlich laufe ich, wie ich es aus der Karte abzulesen glaube, doch dieser Weg führt mich im Bogen entgegen dem Uhrzeigersinn zurück in die Nähe meines verwunschenen Ortes, wenn auch 100 m höher auf dem nächsten Hügel. Der Weg muss schnurgeradeaus über den Bach mitten in den Wald hinein geführt haben.
Gegen 18 Uhr erreiche ich das Kloster von Hommokkomárom. Es stehen drei Autos davor, aber alles ist verschlossen. Ein Schild wirbt für den Kauf religiöser Devotionalien. Aber ich finde keinen Hinweis darauf, dass man hier übernachten kann.
Erst im nächsten Ort habe ich Erfolg. Eine Ferienwohnung mit Küche und Bad für 3500 Forint wartet nur auf mich.

Dass mein Gastgeber einen deutsch sprechenden Sohn hat, stellt sich erst heraus, nachdem ich mein Quartier schon bezogen habe. Er fragt mich, ob ich gern noch etwas trinken möchte ("Das kostet nichts."), und erklärt mir, dass sie selbst Wein anbauen. Dieses Angebot kann ich natürlich keinesfalls abschlagen. Und schon stehen eine Halbliter-Karaffe Weißwein und ein Soda-Sprudler auf meinem Tisch.

So kommt es, dass ich beim Schreiben meiner Tagesnotizen fast einschlafe und deren Fertigstellung auf den Freitag verschieben muss.

Besuch beim Bürgermeister 

Freitag, 21.05.2010: Hosszúvölgy - Postás kulcsosház (23 km, überwiegend bewölkt)

Meine letzten Notizen vom Vortag beende ich in einem "Presszo" (Kneipe) in Palin, wo sich auch die nächste Stempelstelle befindet. Die hübsche junge Frau an der Theke hält mir den Stempel schon lächelnd entgegen, als ich den Raum betrete. Das kommt nicht oft vor. Meistens muss ich den Stempel einem grimmig daherschauenden Wirt mit meinem beschränkten ungarischen Wortschatz "aus dem Kreuz leiern". In der Hälfte der Fälle ist der Originalstempel des ungarischen Touristenverbandes MTSZ nicht vorhanden und ich nehme stattdessen den normalen Betriebsstempel des Lokals oder der Verkaufstelle. Vorgestern musste ich sogar die Arbeiter eines Sägewerks um einen Stempelabdruck bitten, weil alle andere Lokale geschlossen waren. Und gestern bekam ich gleich zweimal den Stempel des Bürgermeisters. Einmal offiziell, weil ich in Ermangelung von Alternativen direkt an der "Polgarmesteri" klopfte. Beim zweiten Mal schickte mich der Kneipenwirt zum Wohnhaus mit der Nummer 8 - und da wohnte der Bürgermeister.
Der weitere Weg verläuft heute erstaunlich problemfrei, obwohl sich der Kéktúra zeitweise wieder als Querfeldeinpfad durch die Botanik schlängelt.
Schon kurz nach 15 Uhr erreiche ich das "Postás kulcsosház", eine Touristenhütte mitten im Wald, ohne Strom und ohne Fließendwasser. Die Übernachtung kostet unschlagbare 700 Forint. Es gibt zwei Schlafzimmer mit jeweils drei Doppelstockbetten, einen Aufenthaltsraum und eine Küche. Das Plumpsklo ist 50 m entfernt.

Kulcsos heißt soviel wie Schlüssel. Der Chef des Kulcsosház heißt János Tomasics und ist ein mindestens 60 Jahre alter Mann. Er begrüßt mich mit nackten Beinen und spricht weniger Worte deutsch als ich ungarisch. Auf seine Frage, ob ich etwas zu Essen haben möchte, nicke ich und bekomme ein Omelett mit Weißbrot, Tomaten, Zwiebeln und scharfer Paprika vorgesetzt. Stillschweigend erscheint auf dem Zettel, auf dem er den Übernachtungspreis von 700 Forint notiert hatte, ein weiterer Betrag von 300 Forint. Neben dem Teller liegt ein Anstecker mit einer Abbildung des Kulcsosház. Begeistert stecke ich ihn an mein Basecape. Auf dem Zettel erscheinen weitere 30 Forint.

Gegen „Szent Orbán“ zum Kulturschock

Samstag, 22.05.2010: Postás kulcsosház - Nemesvid (30 km, überwiegend sonnig)

Ähnlich wie am Vorabend wird das Verrechnen beim Frühstück gehandhabt, als ich für Tee und Brot nochmals 250 Forint angeschrieben bekomme. Leider habe ich nur noch 10.000-Forint-Scheine und János kann nicht wechseln. Also biete ich ihm stattdessen einen 5-€-Schein an, den er mit freudiger Zustimmung an sich nimmt. 
Im Aufenthaltsraum liegt ein Flyer, der für den heutigen Samstag zu einer organisierten Wanderung auf dem Kéktúra einlädt. Die Wanderung ist benannt nach "Szent Orbán" und verläuft genau in entgegengesetzter Richtung zu meiner. János kocht bereits einen Riesentopf mit Krauteintopf für die Hungrigen. Gegen 9 Uhr, etwa eine Stunde nach meinem Aufbruch vom Kulcsosház, begegnen mir die ersten Grüppchen. Insgesamt zähle ich 71 Teilnehmer, die mir auf mehrere Kilometer verteilt entgegen kommen.

In Zalakaros erwartet mich ein Kulturschock. Es beginnt mit einem hölzernen Aussichtsturm, an dessen Fuß sich eine exquisite Ausflugsgaststätte befindet. (Für mich ist es leider noch zu früh zum Essen.) Weiter geht es mit einer "Panorama utca", an der sich eine Villa neben der anderen befindet, die fast alle als Ferienwohnung zu mieten sind. Am Ende kommt das riesige Thermalbad mit Freiflächen, umgeben von zahllosen Hotels und Pensionen aller denkbaren Preislagen. Nichts wie weg hier! 
Im nächsten Ort bellen mich wieder Hunde an. Ich bin zurück in meinem Ungarn.

Der Höhepunkt des Tages ist dann die Schildkröte. Wer bekommt schon eine Schildkröte in freier Natur zu sehen? Ich hätte sie sicher gar nicht bemerkt, wenn sie nicht direkt vor mir die Flucht ergreifen würde. So beendet sie ihr Sonnenbad und verschwindet in dem kleinen Tümpel am Wegrand.
Übernachten will ich nach 22 Tageskilometern im Schloss Ormándkastély. Doch rings um das Schloss führt ein Zaun, und das Tor ist abgeschlossen. Auf mein Klingeln reagiert niemand. So wird aus einem kurzen Tag ein langer. lm 8 km weiter befindlichen Nemesvid ist die Pension überfüllt. Die Chefin ist eine Deutsche und empfiehlt eine Adresse genau am anderen Ortsende ("Links neben dem Reiterhof."). Dort wohnt eine alte Frau, die mich stattdessen direkt auf den Reiterhof schickt. Ein junger Mann begrüßt mich in perfektem Deutsch und lacht über meine ungarischen Sprachversuche. Seine Familie kam aus Deutschland und hat sich hier niedergelassen. Zimmer vermieten sie nicht, aber die ehemalige Bürgermeisterin im rechten (!) Nachbarhaus. Er dolmetscht für mich. Die Nachbarin will das Zimmer erst nicht zur Verfügung stellen, weil es kein warmes Wasser gibt. Es kostet mich etwas Mühe, sie davon zu überzeugen, wie unwichtig das für mich ist. Ringsum wäre auf mehrere Kilometer kein anderes Quartier zu finden. Und in der vorherigen Nacht hatte ich schließlich überhaupt kein Fließendwasser, da musste ich mich aus der Wasch-Schüssel reinigen. 
Das "Zimmer" ist dann ein komplette Ferienwohnung über die gesamte 2. Etage des Hauses - für 3000 Forint.

Ein "Aussteiger" aus Norddeutschland

Sonntag, 23.05.2010: Nemesvid - Újvárfalva (37 km, überwiegend sonnig)

Heute sollen es eigentlich nur 18 km werden. Doch in Mesztegnyo ist schon alles voll. Es ist eben Pfingstwochenende. Der nächste Ort kommt erst 19 km weiter. Das werde ich gerade noch bis zum Abend schaffen. Einen Kilometer vor dem Ziel ereilt mich ein Gewitterguss. Das Vadaszhaz (Jagdhaus), etwa anderthalb Kilometer vor Újvárfalva, ist auf meiner Wanderkarte als einzige Übernachtungs­möglichkeit weit und breit angegeben. Die Fensterläden stehen offen, über dem Eingang brennt eine Glühbirne. Am Hintergebäude steht ein Fahrrad. Und als ich näher komme, bellt ein Hund aus der Garage. Doch mein Klingeln bleibt erfolglos. Später erfahre ich, dass das Haus nicht mehr bewirtschaftet ist, verkauft wurde und lediglich von einem Wächter bewohnt wird.

Noch aber gehe ich davon aus, dass ich nur zu warten brauche, bis der Herr von Hund und Fahrrad auftaucht. Als auch nach 45 Minuten niemand kommt, entschließe ich mich, in den Ort zu laufen. Gleich am ersten Haus am Ortseingang stehen 5 Leute vor der Tür und unterhalten sich auf deutsch. Ich spreche sie an, ob es hier irgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Gleich der erste Antwortsatz lautet: "Na da kannst du doch zum Hardy gehen." Ein Telefonat später sitze ich schon im Auto und werde zum 5 km entfernten Nachbardorf gefahren. "Es ist aber nicht ganz so sauber", meinte Hardy noch am Telefon. Das ist es tatsächlich nicht. Aber dafür darf ich den Preis für die Übernachtung selbst bestimmen. Ich gebe 3000 Forint, denn das war so etwa der Standardpreis für die Ferienwohnungen gewesen.

Hardy, eigentlich Hartmut, ist 58 Jahre alt. Er ist ein "Aussteiger" aus Norddeutschland. Wir sitzen beim Rotwein und ich erfahre seine Lebensgeschichte.

Er hat das Haus vor 5 Jahren gekauft und ausgebaut. Er lebt allein, nur seine Ex-Freundin besucht ihn einmal im Jahr. Ungarisch hat er hier erst gelernt, indem er es den Einheimischen vom Mund "abschaute". Er hat einen reichhaltigen Gemüsegarten und kauft sich bei Bedarf ein ganzes Schwein. Einschließlich Schlachten würde das etwa 300 € kosten. Die einzelnen Produkte teilt er sich dann so ein, dass alles bis zum nächsten Schwein reicht. In Deutschland hat er früher mal in der Verwaltung gearbeitet. Er hat einen Abschluss als Verwaltungsfachwirt, wollte sich aber nicht verbeamten lassen. Später hat er mit verschiedenen Sachen gehandelt und auch mal in der Gastronomie gearbeitet. Heute arbeitet er nicht mehr.

Die Karte ist richtig. Die Gegend ist falsch!

Montag, 24.05.2010: Újvárfalva - Szenna (26 km, überwiegend sonnig)

Der Montag ist mein letzter echter Wandertag. Nach dem Abschied von Hardy fährt mich der Linienbus wieder die 5 km nach Újvárfalva zurück. Dort will ich mir zuerst noch einen Stempel besorgen. Doch die Kneipe hat am Vormittag geschlossen. Es gibt also keinen Stempel. Am Vorabend wäre ich da sicherlich noch erfolgreich gewesen. Aber es ist sicherlich nachvollziehbar, dass mir ein Nachtquartier wichtiger war als dieser Stempel.
Hinter Somogysárd geschieht es zum ersten Mal, dass der Weg in der Realität anders markiert ist als auf der Karte. In solch einem Fall zitiere ich als alter Digedags-Comic-Leser immer General Quasi (aus Heft Nr. 20): "Die Karte ist richtig. Die Gegend ist falsch!" Hier ist es aber zweifellos umgekehrt. Und nach 3 km verläuft beides zum Glück wieder einheitlich. 
Dann wird der Weg zum Pfad und verläuft neben dem Zaun einer Schonung durch hüfthohes Gras, Brennesselgestrüpp und Robinienbüsche. Ich bin froh, dass wenigstens alles trocken ist, komme aber trotzdem nur im Schneckentempo voran.
Schließlich ist auch das vorbei und ich nähere mich immer mehr Szenna, was für dieses Jahr mein Zielort werden soll. Von den vielen angegebenen Übernachtungsmöglichkeiten wähle ich die aus, für die im Web ein konkreter Preis gestanden hat (2500 Forint).
Dort sägt gerade ein Mann Holz mit der Kettensäge, so dass er mich nicht rufen hört. Als ich mich endlich bemerkbar machen kann und mein Anliegen auf ungarisch geschildert habe, dirigiert er mich auf eine Bank, serviert mir gesalzene Erdnüsse und Sodawasser und bittet mich um etwas Geduld. Er telefoniert seine Frau heran, die das Haus noch schnell von den vorherigen Nutzern aufräumt und die Betten bezieht. Der Preis ist dann zwar etwas höher (3700 Forint) als erwartet, aber dafür habe ich diesmal ein komplettes kleines Haus – und eine Dusche mit fünf verschiedenen Sprühköpfen über die gesamte Duschkabine verteilt.

Verwandtenbesuch als Ausklang

Dienstag, 25.05.2010: Szenna - Kaposvár - Pécs (sonnig)

Am Dienstagmorgen bringt mich der Bus nach Kaposvár und ich suche mir einen Friseur. Nach einer knappen Stunde Wartezeit wird mir intensiv die Kopfhaut massiert und der Dreck der letzten 27 Tage von meinem Kopf gewaschen.

Der nächste Bus kommt nach anderthalb Stunden Fahrtzeit in Pécs am Busbahnhof an. Ich finde ziemlich schnell das Stadtzentrum und die Touristeninformation. Doch der kostenlose Stadtplan, den man mir dort in die Hand drückt, zeigt nur den Innenstadtbereich, nicht aber die Straße, in der Monika wohnt. Es kränkt ein wenig meine Wanderer-Ehre, dass ich nicht zu Fuß zu ihrer Wohnung gelangen kann. Aber sie hatte ausdrücklich angeboten, mich von überall abzuholen. 20 Minuten nach meinem Anruf erscheint sie am Széchenyi tér. Ich hatte befürchtet, dass wir uns nicht erkennen könnten, doch auf den ersten Blick sehe ich sie, als sie auf mich zukommt.
Monika und ich haben einen gemeinsamen Ururgroßvater. Ihr Urgroßvater war also mein Urgroßonkel. Und ihr Großvater war demzufolge mein Urgroßcousin. Für mich steht sie mindestens auf der gleichen Stufe. Wir haben uns immer gut verstanden, auch ohne zu jedem Feiertag eine Grußkarte zu senden. Seit 1999 haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich küsse sie auf ungarische Art auf die rechte und linke Wange nahe des Mundes. 
Ihr Mann Tibor ist Architekt und hat das Wohnhaus selbst entworfen. Es liegt inmitten einer bunten Mischung von Einfamilienhäusern verschiedener Baustile am Berghang über der Stadt. Der Blick ist berauschend. 
Ich dusche und ziehe meine letzten sauberen Sachen an. Dann kommen Monikas Eltern zu Besuch, Teri und Stefan, die zufällig auch gerade in Pécs sind. Sie haben Monikas Kinder von der Schule und vom Kindergarten abgeholt. Sofort wird es laut in der vorher so stillen Wohnung. Benedek ist mit 8 Jahren der Älteste, die Zwillinge Gabor und Barnabasz sind 5 Jahre jünger.
Stefan und Teri wollen alles wissen über mich und unsere gemeinsamen Verwandten. Ich koste den selbst gemachten Wein aus Stefans Garten. Später kommt Tibor von der Arbeit, mit dem ich mich englisch verständigen kann.
Monika kocht für uns alle Hühnerfleisch mit Reis und Gemüse, eigentlich eher "Chinesisch". 

Quartiersuche per Handy

Mittwoch, 26.05.2010: Pécs - Budapest (sonnig)

Monika zeigt mir noch die schönsten Ecken von Pécs, bevor sie mich am Nachmittag zum Bahnhof bringt. Um 15:23 Uhr sitze ich im Zug nach Budapest.

Die Waggons des Intercity sind nicht klimatisiert, der Schweiß rinnt in Strömen.
In Budapest mit einer Stunde Verspätung angekommen, suche ich vergeblich mein Backpacker-Hostel in der Vaci utca, in dem ich vor zwei Jahren noch übernachtet hatte. Es existiert nicht mehr. Zum Glück habe ich ein Handy. Ich rufe Ute an, die im Internet sucht und eine SMS schickt.
Die Adresse finde ich leider auf meinem Stadtplan nicht, denn der hat kein Straßenverzeichnis. Zum Glück steht in der SMS auch die Telefonnummer. Also rufe ich an. Der Typ am anderen Ende erklärt mir in einer umständlichen Mischung aus Deutsch und Englisch, dass ich die Tram-Linie 49 nehmen soll, die über die Donau fährt. Ich solle an der vierten Haltestelle nach der Donau aussteigen.
Die Straßenbahnlinien sind im Stadtplan eingezeichnet, also suche ich die bewusste Straße an der vierten Haltestelle nach der Donau. Dort finde ich sie nicht, wohl aber an der fünften. Der Rest ist Routine. Ohne Ute hätte ich in den sauren Apfel beißen und für 52 € ein Zimmer im Ibis-Hotel nehmen müssen. Von dem eingesparten Geld werde ich mit ihr ausgehen, das ist hiermit versprochen.
Zunächst aber verspeise ich mein Abendbrot in Gesellschaft einer Kanadierin, zweier US-Amerikanerinnen, eines Australiers und eines Österreichers. Die Küche ist das kommunikative Zentrum des Hostels und die Gespräche dauern bis weit nach Mitternacht. Mir bleibt im Wesentlichen das Zuhören, denn ich verstehe nur etwa 50% der englischsprachigen Unterhaltung.

Im EC Hungaria

Donnerstag, 27.05.2010: Budapest - Zwickau (bewölkt)

Am Donnerstagmorgen bin ich kurz vor 7 Uhr der erste, der leise den Schlafraum verlässt und in der Küche seine Sachen zusammenpackt.
Pünktlich um 9:28 Uhr fährt der EC Hungaria ab Budapest-Keleti und ist nach reichlichen 9 Stunden Fahrt in Dresden. Um halb 9 Abends werde ich in Zwickau sein. 

... 2011 geht es weiter! 

Weitere Hinweise zur Tour:

Der Wanderweg verläuft gelegentlich "wild" durch die "Botanik" und ist schwer zu finden. Die Markierer geben sich zwar immer große Mühe, aber der Übermacht von bäumefällenden Einheimischen und wild wuchernder Natur   können sie nur wenig entgegensetzen ...
Unbedingt erforderlich ist das Ring-Buch über den Dél-dunántúli Kéktúra, das Karten im Maßstab 1:40000 sowie Wegbeschreibungen und Übernachtungsmöglichkeiten in ungarischer (!) Sprache   enthält:
  • A Rockenbauer Pál Dél-dunántúli Kéktúra. Írott-kőtől Szekszárdig; Gyermek-, Ifjúsági és Sportminisztérium, Cartographia Kft. Budapest 2002, 160 S.; ISBN     963-352-537-3 CM.
Als   Ergänzung und für Stempel-Sammler ist zusätzlich das Stempelheft zu empfehlen - mit Entfernungsangaben und Kartenskizzen (schwarz-weiß) im Maßstab   1:100000:
  • A Rockenbauer Pál Dél-dunántúli Kéktúra. Útvonalvázlata és     Igazolófüzete; Magyar Természetbarát Szövetség, Budapest 2005, 44 S. (auch     online unter http://www.turabazis.hu/iglap/mozg14.pdf).    
Wer an GPS-Tracks interessiert ist, wendet sich bitte an den Autor   (http://EB.Stadtigel.de).
 
Ein fairer Übernachtungspreis liegt bei 2500 bis 3500 Forint. Alles was darüber liegt, ist primär für deutsche und österreichische Touristen gedacht.

Am Preiswertesten kommt man unter, wenn man nach Turistaháza ("Turrischtahaaso") fragt, also   Touristenherbergen. Solange die nicht von Kindergruppen blockiert sind, kann man unkompliziert übernachten.

Man sollte auch nach dem Logo "Falusi Turizmus" suchen. Das sind meist riesige Ferienwohnungen zu niedrigen   Preisen.

Wenn es weit und breit keinerlei Herbergen, Pensionen oder Hotels geben sollte: Viele Gemeindeverwaltungen bieten "Turistaszállo" ("Turrischtasalllo" - Touristenzimmer) an. Dieses Wort hat sollte sich jeder Wanderer als   "Zauberwort" fest einprägen!

Verpflegen Sie sich selbst! Restaurants gibt es auf den Dörfern nur sehr wenige. Offene Läden gibt es fast überall.

Wer Hotels oder Pensionen nach westeuropäischem Niveau beansprucht, findet zwar auch Übernachtungsmöglichkeiten, sollte aber besser zum Übernachten mit   dem Bus in die nächste Stadt fahren.

Der Autor:  Bert Winkler, Jahrgang  1967, ist Diplom-Mathematiker und lebt in Wilkau-Haßlau. Er hat auch unter http://EB.Stadtigel.de eine Webseite über den Internationalen Bergwanderweg der Freundschaft  Eisenach-Budapest (EB) erstellt.

Verlauf des KekturaSmidt-Museum in SzombathelyDschungelpfad bei SzombathelyEinstieg in Schonung bei SzombathelyKathedrale in JákHotel Kastell in EgyházasrádócDreifacher Wegweiser in NagymizdóSchutzhütte am See Himfai-tó bei Halogy von außenVadkörte-Csarda in KondorfaHarangláb in KercaszomorMais-Scheune in VelemérStarker Verkehr an der Europastraße bei ZalalövöZeltplatz in KustánszegFerienhäuser am Stausee KustánszegÖlpumpe bei KislengyelHotel in RádiházaSchutzhütte am Vadászház hinter SzentpéterföldeTrockenschlucht hinter SzentpéterföldeMarterl - ungarisch für KruzifixJános Tomasics vor der Touristenherberge Póstás kulcsosházGedenktafel für Pál Rockenbauer an der Touristenherberge in ValkonyaJános Tomasics vor der Touristenherberge Póstás kulcsosházAussichtsturm in ZalakarosPferdefuhrwerk in Zalakomár-KomárvárosWanderweg auf den Schienen der Waldeisenbahn bei MesztegnyöDer Aussteiger von Norddeutschland: Hardy in NadalosSiegertrunk in PécsMoschee in PécsDDK RingbuchDDK Stempelheft
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