Königswege zwischen Drachenbäumen und Höllenschlünden

Die roten Früchte der Opuntien leuchten am Rand des schmalen Weges aus holprigen Basaltsteinen. Mandelbäume öffnen erste zartrosa Blüten. Und dann steht er vor dem La Palma-Touristen, sein erster Drachenbaum. Narben übersäen den sonst glatten, klobigen Stamm, der sich in fünf oder sechs Metern Höhe in eine buschige Krone mit riesigen, lanzenförmigen Blättern verzweigt. Aus einem Stumpf wachsen ein paar Meter weiter vielleicht zwanzig dieser glatten Stämme, vereinigen sich hoch über den Köpfen zu einer mächtigen Krone. Irgendwie ähnelt sie dem Kamm eines Drachens aus längst vergangenen Sagen und gibt dem nur auf den Kanaren wachsenden Baum seinen Namen.

Die Zeit scheint auf der Insel im Nordwesten der Kanaren ohnehin irgendwann zwischen der Kreidezeit der Dinosaurier und dem ausgehenden Mittelalter stehen geblieben zu sein. Unter den urtümlichen Drachenbäumen ducken sich rote Ziegeldächer, auf denen nur Solarzellen die Neuzeit verraten. Uralte Trockenmauern aus riesigen Bruchsteinen stützen kleine Terrassen, die Bauern irgendwann nach dem Verschwinden der Dinosaurier aufgeschüttet haben. Der holprige Weg entlang dieser winzigen Gärten voller Mandel- oder Orangenbäume verrät auch, dass der Bau der Terrassen spätestens Ende des 19. Jahrhunderts abgeschlossen war: Das damals erfundene Auto hat auf den kaum zwei Meter breiten Wegen einfach keine Chance. Nur ein Maultier bewältigt die engen Serpentinen, in denen sich der Camino Real zu der Brandung hinab zu winden scheint, die tief unten an die Felsenküste donnert. Die Wanderer des 21. Jahrhunderts laufen gern auf diesen alten Wegen unter Drachenbäumen, auf denen seit dem Jahr 2001 sogar Markierungen der Inselbehörden dafür sorgen, dass sich niemand mehr verirrt.

Seit Jahrhunderten verbinden diese Königswege – so heißt „Camino Real“ auf Deutsch - die wenigen Dörfer im dünn besiedelten Norden von La Palma miteinander. Jede Falte des Hanges ausnutzend kurvt der Camino Real hinunter in das dunkle Grün der subtropischen Vegetation eines Barranco. So nennen die Palmeros die Schluchten, die das ablaufende Wasser der häufigen Regen an der Nordküste von La Palma in die Flanken des gerade einmal zwei Millionen Jahre alten Vulkans gräbt. Während die anderen Kanareninseln die geographische Nähe zur Sahara mit extremer Niederschlagsarmut büßen, haben die trockenen, aus Nordost wehenden Passatwinde einiges Wasser aus dem Meer aufgenommen, bis sie westlichste Insel der Kanaren erreichen. Dort zwingen die hohen Berge die Luft zum Aufsteigen, sie kühlt ab, Wolken bilden sich, Regen fällt.

Vor allem im Nordosten La Palmas hängen die Wolken fast immer an den Hängen, die überall steil aus dem Meer aufsteigen. In den engen Schluchten wächst dort noch ein richtiger Dschungel, wie er einst weite Teile der Insel überzogen hat. Lorbeerwald nennen Botaniker diese Vegetation, die von vier verschiedenen Lorbeerbaum-Arten dominiert wird. Dazwischen drängen sich einzelne Erdbeerbäume und manchmal auch ein Gagelbaum. Übermannsgroße Farne hängen von den roten Tuff-Felsen, Efeu klimmt an den Lorbeerbäumen empor. Eigentlich passt ein solcher Lorbeerwald besser in das vor eineinhalb Millionen Jahren zu Ende gegangene Zeitalter des Tertiär als in die Gegenwart – vielleicht fühlt sich der Wanderer deshalb wie in einem Märchenwald, wenn er durch die drückende Luft des Biosphärenreservates Los Tilos läuft.

Gesäumt von Opuntien, Papageienblumen und meterhohen Weihnachtssternen windet sich der Camino Real nur wenige Kilometer weiter am Meer entlang. Allerdings fallen die bis zu 2400 Meter hohen Bergflanken so steil in den Atlantik, dass der Pfad sich in Höhen zwischen zweihundert und sechshundert Meter immer hoch über dem Meer bewegt. Jede Küstenwanderung wird so zur Bergtour.

Die Palmeros genannten Einwohner der Insel haben sich auf die Ansprüche der Wanderer eingestellt, in der Caldera gibt es sogar spezielle Taxis für Wanderer. Caldera heißt das riesige Innere eines zwei Millionen Jahre alten Vulkankegels, aus dem die Fluten der Regenfälle aus den Passatwolken das Gestein ausgeräumt haben. Heute fallen die Felswände fast senkrecht aus 2400 Metern Höhe in den achthundert Meter über dem Meer liegenden Kessel. Nur nach Westen öffnet sich die enge Angustias-Schlucht, durch die der einzige Fluss La Palmas zum Atlantik strömt. Auf einer Piste, die eher einem Bachbett als einem Fahrweg gleicht, tasten sich ängstliche Mietwagenfahrer vorsichtig in diese Schlucht hinunter. Seltsamerweise überstehen die meisten Autos die nur im ersten Gang bewältigbare Tortur problemlos.

In der Angustias-Schlucht warten dann geländegängige Taxis, um die Wanderer auf der anderen Seite des Flusses wieder in die Höhe zum Ausgangspunkt einer Sieben-Stunden-Wanderung fahren. Auf einer herrlichen Aussichtsplattform in elfhundert Metern Höhe endet die Piste. Steil fallen rötliche Wände von zackigen Gipfeln zum dunklen Grün der Kiefern am Grund der Caldera hinunter. Die Verwaltung des Caldera-Nationalparks hat einen bequemen Weg angelegt, der zwischen riesigen Kanarenkiefern in die Tiefe führt.

Dreißig Zentimeter lang sind die spitzen Nadeln dieser Bäume. Auf der dicken Schicht abgefallener Nadeln schwebt der Wanderer fast talwärts. Der Steig umrundet einige Barrancos, führt um einen langen Kamm herum. Selbst hier haben die Palmeros Trockenmauern und längst verwilderte Terrassen gebaut. Der Pfad windet sich zwischen schwarz-rissigen Kanarenkiefern immer weiter in die Tiefe, plötzlich kräht ein Hahn. Mitten in der Caldera liegt ein Hof, den man nur auf Schusters Rappen, mit dem Maultier oder dem Helikopter erreichen kann. Gleich dahinter schäumt das Wasser des Rio Taburiente über mächtige Felsblöcke. In einem weiten Schotterfeld aalen sich Bikini- und Badehosen-Träger in der Sonne, die selten genug in die meist Wolken-umhüllte Caldera scheint. Kleine Almwiesen unter fast lotrechten roten Felswänden, in deren Risse sich Kanarenkiefern hoch über dem Talboden krallen, verführen zum Faulenzen.

Zu lange aber sollte der Wanderer hier nicht rasten, noch liegt ein knapp vierstündiger Weg durch die Schlucht zurück zum Auto vor ihm. Verfehlen kann man den Weg nicht, deshalb gibt es hier im Gegensatz zu praktisch allen anderen Regionen La Palmas keine Markierung. Deutliche Trittspuren führen im Bachbett abwärts, immer wieder muss der Wanderer auf Steinen im Wasser balancierend den rauschenden Fluss überqueren. Nur gut, dass die Palmeros bei Dos Aguas das meiste Wasser durch Stollen in der Caldera-Wand zu ihren Feldern leiten. Da bleibt für den Bach selbst wenig Wasser übrig, in das der Wanderer hinein fallen könnte.

Wer in der Caldera war, möchte natürlich auch einmal auf dem Rand hoch oben wandern. Nichts einfacher als das, eine Straße führt bis zum höchsten Gipfel, von dort führt ein Pfad für Schwindelfreie ein ganzes Stück weit um die Caldera herum. Steil fallen die rotbraunen Wände in die Tiefe, auf lockerem Lavagrus droht Unvorsichtigen das Ausgleiten und der Sturz in den Abgrund. Obendrein ist der enge Weg bei gutem Wetter ähnlich bevölkert wie die Uferpromenade eines deutschen Ausflugsees an einem sonnigen Pfingstsonntag. Grund genug, diesen Weg zu meiden und das Auto acht Kilometer weiter und fünfhundert Höhenmeter tiefer im dichten Kiefernwald stehen zu lassen. Zwar zeigen Wegweiser und Markierungen steil in die Höhe, aber spätestens der Blick dreihundert Meter höher vom Rand der Caldera in die Schlucht entschädigt für die Mühen des keuchenden Hochstapfens.

Von diesem Pico de la Nieve genannten Gipfel am Kraterrand führt ein bequemer Weg um die Caldera herum, den auch nicht Schwindelfreie ohne größere Probleme bewältigen können. Und die Aussicht auf die roten Vulkanwände ist mindestens so beeindruckend wie von der Völkerwanderungsstrecke auf der anderen Caldera-Seite. Wenn dann noch Wolken im Krater wabern, gebänderter rotschwarzer Stein über diese Zuckerwatte in die helle Sonne der Subtropen empor sticht, klicken die Kameras der wenigen Wanderer hier oben wie im Stakkato. Der Blick zurück zeigt an solchen Tagen ein Wolkenmeer, aus dem weiter im Süden ein breiter Bergrücken wie der Buckel eines gestrandeten Wals ragt – die Cumbre Vieja, über die der vielleicht spektakulärste Wanderweg der Insel führt.

Dort verrät manchmal ein stechender Geruch nach Schwefel, wie jung dieser Bergrücken wirklich ist. Der schwarze Sand des Wanderweges endet plötzlich an einer Abbruchkante, hinter der Nebel aufsteigt. Nur ab und zu gibt der wabernde Dunst den Blick in die Tiefe frei: Schwarze, gelbe und rote Wände fallen an drei Seiten rund hundertundfünfzig Meter in die Tiefe, enden auf einem Oval mit vielleicht hundert Metern Durchmesser. Das kann nur ein junger Vulkankrater sein, taucht längst verflogenes Wissens aus dem Geo-Unterricht an der Schule wieder auf.

1971 ist auf La Palma das letzte Mal ein Vulkan ausgebrochen, ein riesiger Lavastrom wälzte sich zum Atlantik. Das war am Südende der Insel, weiter im Norden gab es 1949 einen verheerenden Ausbruch aus dem Krater Hoyo Negro, an dem der Weg über den schwarzen Lavasand so abrupt endet. Auch der Krater des Duraznero ein paar hundert Meter weiter spie damals Lava aus. Heute ist sie zu einem bizarren Feld aus schwarzen Lavablöcken erstarrt, zwischen denen gezackte Linien Risse nachzeichnen, die beim Erkalten des glutflüssigen Materials vor einem halben Jahrhundert erstanden. Eine Landschaft wie aus Dante’s Inferno umgibt den Wanderer. Kein Wunder, nennen Geophysiker diesen 25 Kilometer langen Gebirgszug im Süden La Palmas doch die aktivste Vulkanzone der Welt mit sieben Ausbrüchen in einem halben Jahrtausend. Mitten durch diese Zone führt der Pfad hinauf auf den Deseada-Gipfel mit seinen vom Schwefel gelb gefärbten Flanken und der herrlichen Rundumsicht bei klarem Wetter.

Vom 1949 Meter hohen Gipfel sieht man in alle vier Himmelsrichtungen das Meer. Im Südwesten schaut der 3700 Meter hohe Teide auf Teneriffa herüber, im Süden erkennt man La Gomera, im Südwesten zeigt sich schemenhaft El Hierro. Erst hier oben merkt man, wie klein dieses La Palma doch eigentlich ist. 45 Kilometer lang und an der breitesten Stelle 28 Kilometer breit. Und doch verbergen sich auf diesem Eiland so viele verschiedene Landschaften, die schon manchen Faulenzen-am-Strand-Urlauber zum begeisterten Wanderer bekehrt haben.

Informationen zu Wanderungen auf der grünsten der Kanaren-Inseln liefert „La Palma“ aus dem Michael Müller Verlag in Erlangen.

Karten organisiert zum Beispiel der auf solche Dinge spezialisierte Versandbuchhandel Schrieb (Schwieberdingerstr. 10/2, 71706 Markgröningen, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Alpine Kenntnisse benötigt niemand auf La Palma, nur schwindelfrei sollte man mancherorts sein. Und ein wenig Kondition sollte in der normalen Wanderausrüstung und –kleidung stecken, damit man nicht gleich nach der ersten Barranco schlapp macht.

Beste Wanderzeit bieten die Monate März bis Juni, in denen klare Sicht häufiger als zu anderen Jahreszeiten ist.

Billiger kommt die Wanderreise, wenn man pauschal bucht. Einen Mietwagen benötigt man auf jeden Fall, auch ihn erhält man pauschal billiger.

Die Unterkunft sollte nach Möglichkeit im Zentrum der Insel liegen, da die Anfahrten auf den kurvigen Straßen ziemlich lange dauern.

Drachenbäume gibt es nur auf den KanarenKönigswege verbinden die Häuser im Nordwesten La Palmas mit den NachbarnWandern auf frischer LavaJunge Lava leuchtet manchmal in verschiedenen RottönenLavaweg auf La PalmaKanarenkiefern sind Pioniere auf dem Vulkan
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